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Juchten (Parfüm) von Bernoth

Juchten (Parfüm) 1930

Meggi
18.12.2016 - 15:03 Uhr
26
Top Rezension
6.5Duft 7Haltbarkeit 4Sillage 7Flakon

Dernière

Der Lärm brach jäh ab und wurde zu einem dumpfen Rauschen, als sie die schwere Tür hinter sich schloss. Rudolf stand vor dem beleuchteten Spiegel und wischte sich Schweiß und Schminke vom Gesicht. Die Fliege hatte er aufgezogen, ihre Enden baumelten vom geöffneten Hemdkragen herab.

Eine Dreiviertelstunde lang hatte das Publikum Vorhang um Vorhang eingefordert. Sie wusste, was ihm dieser Auftritt - diese ganze Spielzeit - bedeutet hatten. Beharrlich hatte er darauf hingearbeitet. Elf Jahre, davon fünf an einem kleinen Haus in der Provinz, hatte er sich von den Nebenrollen her nach und nach emporgedient. Bis zum „Alfredo“ in Verdis „La Traviata“ an der Staatsoper Unter den Linden. Dass er nur die B-Besetzung gewesen war, tat seinem großen persönlichen Erfolg keinen Abbruch. Nicht weniger groß musste für ihn indes die Bitterkeit des heutigen Abends sein. Ein Dernière im doppelten Sinne, denn weitere Auftritte würden hier nicht folgen.

Als er sich endlich umdrehte, trat sie auf ihn zu und sie küssten sich. Sie mochte seinen Duft sehr. Juchten hatte er sich 1930 von seiner ersten Berliner Gage gekauft, das Parfüm war just im Schaufenster von L.A. Schmitt erschienen. Er hätte sich Extravaganteres leisten können; der Wechsel an die Staatsoper hatte die kümmerlichen Zeiten beendet, in denen vor allem ihr Gehalt als Sekretärin sie über die Runden gebracht hatte. Auch als die Gagen allmählich höher geworden waren und er sich mit teuren französischen Wässerchen hätte besprühen können, hatte er weiterhin Juchten benutzt. Er war nie abgehoben, sich stets treu geblieben. Einer der Gründe, warum sie ihn liebte.

Der säuerlich-frische und herb-adstringierende, gleichwohl zurückhaltende Auftakt von Bergamotte und Zitrone, geerdet von einer Idee Moos, war selbstverständlich längst verflogen. Für die angeblichen Zutaten Tabak und Cognac brauchte sie ein bisschen Phantasie, damit sich zumindest eine Ahnung erhaschen ließ.

Inzwischen war allerdings einzig noch das hautnahe, beruhigende Gemisch von Leder und Moos bestimmend, gepaart mit einem beinahe seifigen Rest von Frische, mit dem der Duft viele dezente Stunden verbrachte. Gut so, ein stärkerer Duft wäre für die übrigen Darsteller eine Zumutung gewesen.

Ihre Lippen lösten sich und sie sahen einander an. Wehmut lag in seinem Blick. Drüben würde er wieder kleinere Brötchen backen müssen, schließlich sang dort ein Giovanni Martinelli. Doch immerhin war es die „Met“ geworden. Ein ehemaliger Kollege, der vorzügliche Heldenbariton Friedrich Schorr, hatte geholfen. Er war bereits 1931 emigriert, und obwohl sie in Berlin deshalb bloß in wenigen Aufführungen zusammen auf der Bühne gestanden hatten, hatte jener feine Mann ihn als Partner für Nebenrollen schätzen gelernt und beim Met-Intendanten Edward Johnson ein Wort für ihn einlegen mögen. Sonst hätte Rudolf einen Platz am berühmtesten Haus Amerikas kaum ergattern können.

Sie merkte seinem Blick an, dass er noch einmal dem abebbenden Beifall nachlauschte. Diesem einen, letzten Triumph in seiner ersten großen Verdi-Partie, bevor sie gemeinsam das Land verlassen würden. Eben hatten sich die Buh-Rufe und Schmähungen einiger braun-behemdeter Gestalten im donnernden Applaus verloren. Nur würde das nicht so bleiben, seit im Herbst vergangenen Jahres Gesetze erlassen worden waren, die ihrer beider Verbindung verboten. Bislang hatte ihn seine relative Prominenz geschützt, aber früher oder später würde er ins Visier genommen werden. Im Zweifelsfall würde irgendein Konkurrent dafür schon sorgen.

Er allein hatte eine Entscheidung zu treffen gehabt. Als derjenige, der nicht selbst im Zentrum des Hasses stand. Die Wahl zwischen der Karriere oder der Liebe zu einer Frau. Er hatte gewählt und seinen Vertrag nicht in die nächste Spielzeit zu verlängern gesucht. Intendant Heinz Tietjen hatte gespöttelt, ob er wohl erwartete, laufend für einzelne Aufführungen engagiert zu werden – ganz wie ein Weltstar. Sollte der doch denken, was er wollte. Natürlich hatte Rudolf ihn nicht eingeweiht. Tietjen zu trauen, wäre töricht. Der würde außerdem ohnehin nichts lieber tun, als eine freie Position mit einem linientreuen Günstling zu besetzen. Nein, besser ein diskreter Aufbruch, der wie ein harmloser Urlaub begann.

Und nun war alles bereit. Er nahm ihre Hände in seine und sagte: „Lass uns gehen. New York wartet.“
18 Antworten
CravacheCravache vor 9 Jahren
Standing ovations für Deinen Kommi!
VerbenaVerbena vor 9 Jahren
Großartig und berührend.
JumiJumi vor 9 Jahren
Ein Kommentar, der unter die Haut geht... Ich hoffe, dass dir die inspirierenden Düfte nie, nie ausgehen! Danke!
IngerInger vor 9 Jahren
Wunderschön!!!!!!!!!!!!!!
MisterEMisterE vor 9 Jahren
T o l l !
Wieder einmal ein großartiger Kommentar von Dir!
Mustang69Mustang69 vor 9 Jahren
Ein toller Kommentar, ich bin sehr berührt.
PlutoPluto vor 9 Jahren
Ich finde den Duft gar nicht schlecht, nur die Haltbarkeit ist zu bemängeln. Herr Pluto trägt ihn gerne. Ob New York auf mich wartet?
PaloneraPalonera vor 9 Jahren
Es gibt nichts zu sagen, nur eines zu tun: Ich verneige mich.
GelisGelis vor 9 Jahren
Hach! Und wie geht's weiter? Kurzgeschichten sind die Creme der Literatur. Aber sie sind zu kurz! Der Duft? Nicht meins.
MarWicMarWic vor 9 Jahren
Besser geht es nicht......Gänsehaut !
FirstFirst vor 9 Jahren
...und sofort wünschte ich mir, Du würdest daraus einen Roman schreiben...sehr schön zu lesen!
MokkaMokka vor 9 Jahren
... jetzt muss ich erst mal wieder zurück in den Alltag. Ganz wunderbar, Meggi!
Can777Can777 vor 9 Jahren
Das war mal wieder der Hit!
Sehr schön zu lesen.
GerdiGerdi vor 9 Jahren
Die 'alten' Düfte sind für mich immer eine Art Dokument der Zeitgeschichte. Unsere Phantasie darf auch diese schreckliche Ära nicht ausklammern!
Danke für den berührenden Kommentar!
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 9 Jahren
Hab ich gern gelesen :)
EtamherEtamher vor 9 Jahren
so schön, und auch so traurig...vielen dank !
YataganYatagan vor 9 Jahren
Ausgefeilter, schöner Kommentar!
MeggiMeggi vor 9 Jahren
Ich bedanke mich bei Taurus1967 für die Probe.