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Phũl-Nãnã (Eau de Parfum) von Grossmith

Phũl-Nãnã 1891 Eau de Parfum

Yatagan
06.09.2013 - 13:57 Uhr
47
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 8Flakon

Frühlingserwachen - eine mentalitätsgeschichtliche Duftanalyse

Als ich die Jahreszahl der Entstehung dieses Duftes las (ungeachtet der Tatsache, dass auch dieser Duft natürlich reformuliert, überarbeitet und angepasst wurde), traf es mich wie ein Blitz: 1891 ist das Jahr der Entstehung von Frank Wedekinds berühmter, berüchtigter „Kinder-Tragödie“ Frühlingserwachen, die seinerzeit für ungeheuren Aufruhr sorgte und die mir immer als ein wichtiger Wendepunkt in der Literatur der Moderne erschien: Junge Menschen zerbrechen am Moralkodex der Zeit, an schulischen Zwängen und sexueller Unaufgeklärtheit. Ihr Leben schließlich endet in Tod und Verzweiflung. Das Werk selbst überwindet den Naturalismus, weist auf den literarischen Expressionismus voraus und trägt symbolistisch-romantisierende Züge.

Was hat das alles mit einem Duft zu tun, der zufällig im gleichen Jahr komponiert wurde? Ich glaube diesbezüglich nicht an Zufälle. So sehr die bildende Kunst, die Musik, Philosophie und Weltanschauungen einer bestimmten Epoche miteinander verbunden sind, so sehr darf man auch hinter jeder Duftkomposition die Mentalität ihrer Zeit vermuten, die Moden und Vorlieben einer Generation. Das galt für die herben oder moschuslastigen Düfte der 70er, für die zuweilen hochkomplexen Düfte der 80er, die Frische- und Sportwelle der 90er und die Oudmoden der jüngsten Zeit. So steht hinter einer Mode eben auch der Zeitgeist, eine Mentalität, die durch Diskurse in Politik, Wirtschaft, Kunst und Philosophie geprägt wird.

Legt man diese These zugrunde, dann dürfte der Einfluss von Weltanschauungen auch für Düfte gelten. So waren die Parfums und Colognes der 70er nicht zufällig moschuslastig, sondern wollten die sexuelle Freizügigkeit dieser Generation in erotisch aufgeladenen Düften abbilden. So waren die Düfte der 80er nicht zufällig aufwändig und verschwenderisch komponiert, sondern waren ein Abbild einer Zeit, die das Primat des wirtschaftlichen Erfolgs feierte wie keine zuvor. So waren die Düfte der 90er nicht umsonst klar, frisch und streng, waren diese Jahre doch eine Zeit, in der eine neue Sachlichkeit in Politik, Stil und Wesen der Mode Einzug hielt und zu der opulente oder erotisch aufgeladene Düfte nicht mehr gepasst hätte. Was die aktuelle Oud-Mode zu besagen hat, das stelle ich hiermit zur Diskussion.

Gehen wir davon aus, dass Phul-Nana nicht vollkommen reformuliert wurde, sondern dem Hersteller zufolge alten Rezepten nachkomponiert wurde, dem Heute angepasst, aber mit dem Blick zurück in die Vergangenheit, ins Jahr 1891, dann handelte es sich bei Phul-Nana - neben vielen englischen Colognes - um einen der ältesten Düfte auf dem Markt; ich persönlich würde sein Herstellungsjahr eher in die Gegenwart verlegt wissen wollen, kann mich aber mit dem Gedanken anfreunden, dass der Duft noch den Charakter des vorletzten Jahrhunderts trägt: des Jahres 1891.

Was aber geschah im Jahre 1891? Ein Blick in die Geschichtsbücher ist nicht immer aufschlussreich: Sie können viel über politische Entwicklungen in der Kaiserzeit, in der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 erschließen, vermögen aber wenig über die Befindlichkeit der Menschen dieser Zeit, wenig auch über die Moden, Vorlieben, Denk- und Verhaltensmuster dieser Jahre zu berichten. Ein Blick in alte Zeitungen mag aufschlussreicher sein, gerade wenn sie seinerzeit schon Werbung enthielten, denn diese sagt eben mehr über die Wünsche von Menschen aus als alle sachlichen Darstellungen, Nachrichten oder Berichte.

Richtig spannend wird es aber dann bei der Betrachtung von Literatur. Viele Historiker sind sich einig: Mentalitätsgeschichte wird erfahrbar über Alltagskultur, über das, was die Menschen in ihren persönlichen Gesprächen, Sorgen und Nöten bewegte - und solche Ideen wiederum werden vielleicht nirgends so gut für die Nachwelt konserviert wie in der Literatur, die ja ein Spiegel ihrer Zeit ist, die aktuelle Strömungen pointiert zur Sprache bringt und oftmals gerade das aufgreift, was die Menschen zu bewegen BEGINNT: das Neue.

Immer vorausgesetzt, dies alles stimmt, weiter vorausgesetzt, der Leser möchte mir folgen, dann ließe sich aus der Literatur der Zeit folgendes ableiten:

Einerseits war 1891 noch die Zeit des Naturalismus, der exakten Darstellung äußerlicher und innerseelischer Vorgänge, der harten Darstellung sozialer Nöte, - wie im Brennglas vergrößert: z.T. schockierende Schilderungen von Armut, Alkoholismus, sozialem Determinismus. Gerhard Hauptmanns „Die Weber“ erschien 1892, war sozial und politisch revolutionär und neu. Und dennoch erschienen parallel die Werke einer Generation von Schriftstellern, die eine Gegenbewegung etablierten, die Sprachrohr einer anderer Generation waren, die wieder stärker symbolistische, romantische Tendenzen zur Sprache brachten. Wedekinds „Frühlingserwachen“ ist voller mystischer Anspielungen, sexueller Ein- und Zweideutigkeiten, Wut auf die bürgerliche Enge der Zeit, eine Anklage gegen die Moralvorstellungen des Bürgertums vor der Jahrhundertwende, das seine Opfer forderte, im vorliegenden Fall sogar bei Kindern bzw. Jugendlichen.

Ein Duft, der diese Weltanschauung, die im Aufkeimen begriffen war, abbilden wollte, musste eine erotische, eine wuchtige, eine befreiende Komponente haben. Nach einer frischen, hellen Eröffnung zeigt sich bei Phul-Nana unter der Oberfläche das Dunkel, die Erotik, die Wucht: Patchouli wird bald spürbar, trägt bis zum Schluss, Tuberose, „the siren of the parfume world“, sorgt für sexuelle Aufladung, ähnlich die anderen Blütendüfte, die durch den dunklen Patchouli notdürftig gezügelt erscheinen. Das wirkt wie das enge Kleid um einen schönen Körper, wie eine exquisite Verhüllung der Tuberose mit all ihren erotischen Implikationen. Gleichzeitig hat auch der Pachouli seine exotisch-erotischen Konnotationen, das ist fast wie olfaktorische Dialektik: das eine duftende Argument hebt das andere auf und führt es zu einer höheren Ebene.

Die Basis ist wuchtig-schwülstig gestaltet, mit allem, was für den großen Auftritt nötig ist. Nicht dass man unter der Tuberose und dem Patchouli noch all die schweren Töne von Benzoe, Vanille, Tonkabohne und Sandelholz wahrnehmen könnte. Sie sorgen aber für eine Basis, die wie ein Marmorsockel die leicht verhüllte Schönheit der Tuberosen-Patchouli-Komposition ausstellt und stabilisiert: wuchtig und schön zugleich.

Der Duft ist ohne Frage ein großer Wurf. Ob man dafür tatsächlich so viel Geld ausgeben möchte, wie der Hersteller fordert, muss jeder für sich selbst beantworten. Ich belasse es bei einer Abfüllung.

Fest steht für mich dabei allerdings, dass der Duft in perfekter Manier die in der Luft liegende Stimmung der damaligen Zeit widerspiegelt: Das beginnende Aufbegehren gegen die moralischen Zwänge des zu Ende gehenden Jahrhunderts, die die Menschen zu Gefangenen ihrer eigenen Sexualität, zu Gefangenen gesellschaftlicher Normen machte und dabei zu furchtbarem Leid führen konnte. Dies öffentlich zu machen, dagegen anzuschreiben, es im besten Fall zu verhindern, war die Intention von Schriftstellern wie Wedekind. Gelungen ist es ihm wie vielen zu früh Geborenen nicht sofort, sondern erst in seiner Nachwirkung, die allerdings kaum zu überschätzen ist. Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaften haben erst Jahre später das nachvollzogen oder rezipiert, was einige wenige wache Geister schon 1891 wussten.

Phul-Nana bildet all dies in einem Duft ab. Das mag man überspitzt formuliert, falsch interpretiert oder überzogen nennen. Dazu stehe ich gerne.

Dieter Kafitz gewidmet
26 Antworten
LeSentierLeSentier vor 1 Jahr
1
Ein grandioser und facettenreicher, sowie immer noch brandaktueller Kommentar! Oud ist immer noch ein großes Thema und der gesellschaftliche Zusammenhang ist mir auch noch nicht erschlossen. Einen Aspekt möchte ich noch hinzufügen, im Zusammenhang mit den Umbrüchen der damaligen Zeit. Heute wie damals ist allein schon durch die Preisgestaltung der Duft für eine Zielgruppe bestimmt. Seinerzeit vermutlich noch mehr wie heute!? Die Frage die sich mir stellt ist: welche Weltanschauung hatte die Oberschicht von 1891? War diese auch im Aufbruch oder der Vergangenheit verpflichtet?
YataganYatagan vor 1 Jahr
Danke dir für deine weiterführenden Fragen! Ich werde darüber nachdenken!
SeeroseSeerose vor 11 Jahren
Endlich getestet und? Du hast Recht mit Deiner Sozialanalyse, exakter Duftbeschreibung aber: Mit diesem Duft von Grossmith kann ich gar nicht. Ich mag ihn, was für ein Duft! Aber er ist wie alle Grossmith bei mir: Wolle, die auf der Haut kratzt!
DuftJunkieDuftJunkie vor 11 Jahren
Excellent.
YallaYalla vor 11 Jahren
Zwei ältere Perlen, Kommentar und Duft, den einen eben gekauft, den anderen mehr als wohlwollend gelesen, aaaber: der Duft hat mehr Gerüst als die Triebe der Wedekinder! Der sündige Höllenpfuhl ist es eben nur phonetisch, erst muss die Korsage runter.
CouchlockCouchlock vor 12 Jahren
Wiedermal ein Genuß zuz lesen!!!
HasiHasi vor 12 Jahren
Was die Frage zur Oud-Mode betrifft, lasse ich ‎Søren Kierkegaard antworten: "Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden." Auf die Lösung bin ich schon gespannt. Ich hoffe, ich kann sie von Dir lesen. So als Edit ;) 1a Kommentar!
AlfazemaAlfazema vor 12 Jahren
Deine Leidenschaft ist sooooo... spürbar. Deine Begeisterung ansteckend.
Zum Thema hast Du historisches, Literatur und Duftwelt so wundervoll verwoben. Grandios!
MandelmausMandelmaus vor 12 Jahren
Wahnsinn, da hast du so viel wissenswertes mit reingepackt und nebenbei ganz gekonnt den Duft einfließen lassen! :-D Grandios, chapeau! Vase für dich.
PaloneraPalonera vor 12 Jahren
Groß-art-ig. Eine einzige Frage bleibt offen (für jene, die nicht googeln): Wer war/ist Dieter Kafitz? Für Dich?
Jpg153Jpg153 vor 12 Jahren
Wie immer interessant zu lesen! Literatenpokal!
CallasCallas vor 12 Jahren
Das ist selbst für mich alles sehr nachvollziehbar und sehr gut von Dir beschrieben. Den Duft habe ich in D'dorf mal aufgesprüht, hatte aber Hasu-No-Hana favorisiert, und nicht mehr gut in Erinnerung.
DebesvoisDebesvois vor 12 Jahren
Auch wenn ich den Duft nicht kenne, erkenne ich ausgezeichnete Kommentare und sage einfach nur Danke dafür.
GaukeleyaGaukeleya vor 12 Jahren
Ich *liebe* Kulturgeschichtliches. Höchst inspirierend. Danke dafür!
YataganYatagan vor 12 Jahren
Danke, ihr Lieben. Besonderen Dank auch hier noch mal an Zionist für den tollen Dufttausch!
LabormausLabormaus vor 12 Jahren
ein wundervoller informativer Kommentar! Danke :-)
ZoraZora vor 12 Jahren
Einfach nur perfekt. Langsam komm ich mir bei Dir wie ein Papagei vor, kann mich nur immer wiederholen:)). Duft macht mich richtig neugierig.
ErgoproxyErgoproxy vor 12 Jahren
Bist Du endlich im High End Bereich angekommen.;)))
MarronMarron vor 12 Jahren
Ich wiederhole mich gerne: Parfumo bildet, speziell das Lesen Deiner wundervollen Kommentare. Vielen Dank für diesen herausragenden Beitrag und Hut ab für die aufwendige Recherche!
DuftbettyDuftbetty vor 12 Jahren
Ich hab (zu einem besonderen Anlass freilich) es gewagt, soviel Geld auszugeben, wie der Hersteller verlangt. Ich habe es keine Sekunde bereut. Einfach klasse. Wie Dein Kommentar. Danke sehr.
ParfumAholicParfumAholic vor 12 Jahren
Wieso hat es kein Lehrer während meiner Schulzeit geschafft, solche verständlichen und interessanten Bögen zu schlagen / Brücken zu bauen?! Wie immer ein großartiger Kommi! Vielen Dank, setzen, 1, Pokal mitnehmen nicht vergessen ;-))
MrWhiteMrWhite vor 12 Jahren
Da "Frühlingserwachen" zufällig eines meiner Lieblingswerke zur Schulzeit war (suche das kleine Heftchen morgen auf dem Speicher!), ein Nostalgie-Pokal für Dich...
ZionistZionist vor 12 Jahren
Dieser Dein Kommentar ist ohne Frage ein ganz grosser Wurf und schafft das Kunststück diesem wirklich grossartigen Duft gerecht zu werden.
DobbsDobbs vor 12 Jahren
Wie du die Brücke von Zeitgeschichte und zeitgenössischer Literatur zum Duft baust ... Hut ab!
ChypienneChypienne vor 12 Jahren
Ich könnte immer weiter lesen - spannend, nachvollziehbar, wie du Parfüm ins Kulturgut der Welt einbindest.
Wie immer ausgezeichnet, danke , Yatagan.
0815abc0815abc vor 12 Jahren
Großartig!Heut bekommst Du einen Allerliebstenpokal von mir!würd Dir mehr geben,darfdasabernich.