Drakkar Intense von Guy Laroche

Drakkar Intense 2022

Axiomatic
23.12.2022 - 14:03 Uhr
46
Top Rezension
7.5Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 9Flakon 8Preis

Ich glaube, wir sind nun allein!

Anfangs war ich gespannt und verrückt nach diesem Neuzugang. Hoffnung machte sich breit, dass zumindest der Lizenz-Name noch eine Weile für markante Düfte stehen könnte.
Doch je mehr und ausführlicher über Drakkar Intense berichtet und debattiert wurde, desto gedämpfter wurden meine Erwartungen.

Yatagan verdanke ich nichtsdestotrotz den Anstoß, mir den Duft zu bestellen, wofür ich mich an dieser Stelle bedanke.

Ich möchte des Verständnisses wegen einen kurzen Überblick über die so erfolgreiche Drakkar-Reihe mit dem markanten Drachenboot der Wikinger als Flakon geben.
Der ursprüngliche Duft wurde 1972 lanciert und verkaufte sich relativ gut in den 1970ern. Es ist ein warm grünes Fougère mit balsamischen Kiefern-Noten, ein etwas bläulich wirkenden Wacholder und einer kuscheligen Eichenmoos-Basis.
Klingt nicht gerade umwerfend packend, dennoch punktete Drakkar mit einer gewissen Tauglichkeit für viele.
So ist auch die Werbung zu verstehen. Gezeigt wird ein Mann in seinen Vierzigern, bebrillt, etwas vollere Frisur und relativ unscheinbar gekleidet - Hemd, Krawatte, V-Schnitt Pullover, Mantel.
Eine Stimme fragt, wonach ein Drakkar Träger sucht. Ist es der Erfolg, die Männlichkeit, das Verführen? Nein, er sucht nichts, er möchte sich einfach wohl fühlen!
Dabei dürfen wir ihm an verschiede Orte in Paris folgen, bis er seine Tochter am Bahnhof abholt. Ein lieber Papi, den es in jenem Jahrzehnt oft gab.
Der Flakon wird auch prägend für die Reihe stehen. Durchsichtiges Glas in ovaler Form mit einer schweren Metallkappe, der Schriftzug noch etwas graphisch verspielter.

Zehn Jahre später, 1982, sollte dann der erfolgreichste Zugang der Reihe erscheinen, Drakkar Noir von Pierre Wargnye.
Pechschwarzer, matter Flakon, weißer strenger Schriftzug. Interessant ist hier auch die Verpackung. Verströmte der Namensgeber 1972 noch mit einem typischen Kachelmuster mit den Anfangsbuchstaben einen Wandtapeten-Charme, änderte sich das radikal Anfang der 1980er.
Matt-schwarze Kartonage mit Noppen-Relief, lediglich unterbrochen vom glänzenden Namensschild und einer roten schrägen Linie.
Ein Akkord aus Hesperiden, Lavendel, Minze und etwas Rosmarin schafft einen Paradigmen-Wechsel. Samt Wermut, Engelwurz und balsamischen Noten wird er alle nachfolgenden „Duschgel-Kreationen“ beeinflussen. An Noir wird man sich gut und gerne erinnern.
Beworben wurde er sportlich. In typischer 1980er Schnitttechnik wird ein makelloser, viriler Sportler in einer kontrastreichen schwarz weiß Umgebung gezeigt, hier und da ein roter Streifen, kalt-prägnante Synthesizer geben den Ton an. Am Ende, welch eine Überraschung, finden schwarzer Smoking und rotes Abendkleid zueinander, zwei perfekte Yuppies wie aus dem Hochglanz-Magazin.

1999 der erste Misserfolg.
Drakkar Dynamik kommt in einem hellgrauen Flakon, passend zum Duft.
Ein wenig Apfel und etwas Pfeffriges geben Frische, gefolgt von sicherer Zeder, Amber und Benzoe. Fruchtig frisch, holzig grün. Das wär’s.
Ach ja, der Duft wurde mit dem James Bond Streifen „The World Is Not Enough“ beworben, was ironischerweise perfekt passte. Gähn…

Weiter geht’s 2014.
Drakkar Essence in blau, ein netter, sauberer Lavendel-Aquatiker wird bewußt für den amerikanischen Markt konzipiert. Die Käuferschicht dürfte selten über 29 Jahre alt sein.
Michel Girard, Schöpfer von "1 Million (Eau de Toilette) | Paco Rabanne" , konnte nicht sarkastischer Noir als Duschgel-Totem neu interpretiert haben.
Einzige nennenswerte Werbung: American Football Spieler halb nackt in der Umkleide. Oh wow…

Und nun steht der Neue vor mir, fünfzig Jahre nach dem Debüt des Urduftes und in einer warm orangenen Aufmachung.
Der Flakon ist wie gehabt, der Sprühkopf kommt ohne Blende aus.
Nicolas Beaulieu, Schöpfer von Legend Red offeriert eine hochprozentige Interpretation des Noir.

Zisch!

Warm, zitrisch, synthetisch weht es mir entgegen.
Der versprochen Absinth-Note kann ich beipflichten. Das Wermutkraut von Noir wird in hochprozentigem Likör eingefangen.
Überhaupt zitiert man hier Noir in Zeitraffer, sein kompletter Duftverlauf leuchtet binnen Minuten auf. Dieser Effekt wiederholt sich im Drydown, immer wieder lugt etwas von 1982 hervor.
Aber Herr Beaulieus Stein der Weißen ist ein Akkord aus Lavendel, Muskatellersalbei und Wacholder. Wie bei Legend Red übersteuert er mit Synthetik (Ambroxan, Geraniol oder Dihydromyrcenol) den Lavendel ins Metallische, so dass der Eindruck der Hesperiden bei der Eröffnung weit bis zur Mitte des Duftverlaufs anhält. Als Kontrapunkt setzt er Tonka, respektive Vanille, ein.
Je weiter man von der Sprühstelle schnüffelt, desto angenehmer der markante Akkord. Zu nah dran erschlägt das Metall.
Das Erstaunliche ist die warme Absinth-Note. Sie wabert im Hintergrund, plötzlich macht sie sich wieder bemerkbar und begleitet ein wenig, um wieder still zu werden. Als würde man ab und an am Glas nippen.
Im letzten Drittel zeigt der Duft seine familiären Noir-Wurzeln.
Ich bin froh, dass hier keine künstlichen Hölzer an Cashmeran wie bei Legend Red stützen, sie vermasselten den Montblanc Duft völlig.
Und doch endet das Spektakel synthetisch grün frisch.

Warum ich den Duft entgegen meiner Abneigung brachialer Synthetik hoch bewertet habe, liegt daran, dass hier Noir zitiert und mit Absinth gut umgegangen wird. Gerade das Hochprozentige wird dank der Synthetik nicht zum Fahnen-Duft. Ich bekomme den Eindruck eines Cocktails, so eine Art Whisky Sour oder ähnliches.
Und Hand aufs Herz, ich hänge an der Reihe mit schönen Erinnerungen.

An dieser Stelle möchte ich die Rezension etwas auflockern und ihren Titel erläutern.

Viele werden sicherlich das Lied „I think we are alone now“ in der ein oder anderen Version kennen.
Sollte ich die Drakkar-Reihe nun mit diesem Song schmücken, käme folgender Familien-Stammbaum heraus. Mit den Jahreszahlen der verschiedenen Versionen des Musikstücks spiele ich ein wenig, es kommt auf die Grundstimmung an.

Drakkar wäre der Duft der 1967er Urversion von Tommy James and the Shondells. Analoge Instrumente, knisternde, leicht laszive Stimmung. Jeder weiß worum es geht, aber keiner traut sich, es zu sagen. Aber bald ist man ja alleine…

Champions League Drakkar Noir bekäme eindeutig die 1987er Version von Tiffany umgehängt. Geschliffene Synthesizer de luxe und die geballte Stimmung des Mittleren Westens lassen es krachen. Moonwashed Jeans bevölkern tanzend eine Shopping Mall.

Mauerblümchen Drakkar Dynamik wird von den Girls Aloud und ihrem girlie Smasher von 2006 mehr oder weniger gekürt. Schönes Kunstprodukt schnelllebigen Schicksals.

Für Drakkar Essence fand ich leider keine aufgenommene Version, aber hier trickse ich ein wenig.
Die Jury, zusammengetrommel aus Justin Timberlake, Justin Bieber, Justin Hartley und Justin Trudeau, darf bei Guy Laroche Perfumes sucht den Superstar - GLPSS - noch den passenden Performer auswählen. Singen sollte er ein wenig, aber wichtiger wären Steroid-trainierte Six Packs. Ach ja, die knappe Badehose ist eine obligatorische Requisite.

Und zu guter Letzt für Drakkar Intense punktet Billie Joe Armstrong, ehemaliges Green Day Mitglied, mit seiner 2020er Version, welche er zusammen mit seinen Söhnen aufgenommen hat. Gekonnt zitiert er seine vormalige Musikleistung und bleibt dennoch väterlich nett. Der Kreis schließt sich.

Und so kann ich wohl oder übel dieses metallische Fougère an vertrauter indie E-Gitarre der braven Art genießen und in Absinth-Laune schwelgen.
26 Antworten
Flakon11eFlakon11e vor 2 Jahren
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🤣🤣🤣🤣 herrlich recherchiert und abgemixt 🥁🎸🎺
DuftburscheDuftbursche vor 3 Jahren
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Eine ausführliche, gut geschriebener "Walk" durch (um) die DRAKKAR Düfte.
Du schreibst richtig über das mir zumindest BESTE der Reihe, das Schwarze DRAKKAR aus 1982 (die Ur-Version davon) - was einen "Run" auf diesen Duft auslöste damals in den Achtzigern und lange Zeit danach.
Doch was ist von dieser Version uns geblieben? Ein Abklatsch, was man uns da heute verkaufen (andrehen will) dieses einst tollen DRAKKAR Duftes - 😡
das sollte, mit Verlaub, auch dazu geschrieben werden.
Diese kaputt reformulierte Version ist nichts mehr im Vergleich zur Ur-Version 82 - daher erwerbe ich das heutige DRAKKAR NOIR auch nicht mehr!
KreisquadratKreisquadrat vor 3 Jahren
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Wundervoll die Stimmung um den Duft herum eingefangen. Ich habe die Exkursion zu den Anfängen, Werbungen und zu den Flankern sehr genossen.
KreisquadratKreisquadrat vor 3 Jahren
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PS: Heute habe ich mir eine 30ml Version des Drakkar Noir gegönnt.
DN1982DN1982 vor 3 Jahren
Boah, könnt ihr endlich mal aufhören mit dieser abgefuckten Musik zum Duft? Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun? Oder riecht ihr mit den Ohren?
JensemannJensemann vor 3 Jahren
2
Netter Kommentar, danke dafür! :-) Finde diese Version auch gelungen, irgendwie so ein Wohlfühlduft. Guten Rutsch wünsche ich! :-)
Silvana262Silvana262 vor 3 Jahren
1
Das man den Drakkar wieder nochmal überarbeitet, Hätte ich nicht gedacht.
Grandiose Rezension.....
MarieposaMarieposa vor 3 Jahren
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Grandiose Rezension mit allem, was dazugehört! Plus Ohrwurm, der mich noch eine Weile begleiten wird.
FrauKirscheFrauKirsche vor 3 Jahren
1
Was für eine ausführliche und interessante Beschreibung! Hab ich sehr gerne gelesen. Sollte jetzt ein Testkandidat werden :-)
ExUserExUser vor 3 Jahren
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Jetzt habe ich einen Ohrwurm … und zwar die Version von Tiffany ;)
Medianus76Medianus76 vor 3 Jahren
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Deine Rezension ist ein Füllhorn an detailreichen Informationen zu der gesamten Reihe...Hut ab!
Amadea70Amadea70 vor 3 Jahren
2
Sehr informativ! Synthetik muss nicht immer schlecht sein - kommt mir bestimmt irgendwann unter die Nase. Boulevard of Broken Dreams hör ich grad und sing es inbrünstig mit - das kennt wohl jeder ;)
SiebenkäsSiebenkäs vor 3 Jahren
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Deine Musikbezüge sind immer ganz großartig und wie du hier die ganze Drakkar-Familie liebevoll und brillant beschreibst ist ebenfalls großes Kino. Natürlich muss ich jetzt den Neuling auch mal probieren, du hast wirklich Lust drauf gemacht. Ich stell einen Indie-Absinth-Pokal für dich ab ab und ruf' dir mit typischer Eighties-Telephone-Voice zu: "Fröhliche Weihnachten!"
EstefaniaEstefania vor 3 Jahren
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Was Du alles weißt…….Deine Drakkar Zeitreise hab ich sehr gerne gelesen…Drakkar Noir der Duft meines Vaters…seine Umarmung roch immer danach..
ein frohes Fest 🎄 für Dich mein Lieber und..auf die Klassiker 🥂
IntersportIntersport vor 3 Jahren
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Ganz formidable Drakkar Grand Tour von Dir, die Absinth Note macht mich jetzt noch dazu neugierig. Mein favorisierter Ableger des Original Falkons ist dennoch Horizon von ‘93 in der blauen zerklüfteten Flasche.
GandixGandix vor 3 Jahren
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Er möchte sich einfach wohl fühlen mit vollerem Haar... Scheinbar ist das in der neuen Version wieder gelungen... 😇
JonasP1JonasP1 vor 3 Jahren
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Sehr schöner und informativer Rundumblick zu den Guy Laroche Düften!
Die Synthetik würde mich hier vermutlich auch stören, dennoch finde ich es schön, dass im Jahre 2022 ein eher klassischer Duft lanciert wird.
AshtonAshton vor 3 Jahren
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Der Kommentar ist der absolute Wahnsinn... Ganz liebe Grüße und frohe Weihnachten
PollitaPollita vor 3 Jahren
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Oha, die Version des Green-Day-Sängers ist mir tatsächlich unbekannt. Muss ich mal googeln. Und den Duft sollte ich mir auch mal vornehmen.
ExUserExUser vor 3 Jahren
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Liest sich echt interessant, den werd ich wohl mal testen müssen !
KäseKäse vor 3 Jahren
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Was sucht der Mann... Philosophische Frage :)
SchatzSucherSchatzSucher vor 3 Jahren
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Daß Du mir die Trällermaus Tiffany wieder ins Ohr gelegt hast.... Ok, Deine Beschreibung inkl. duftgeschichtlichem Abriss über die verschiedenen Stationen bei Laroche liest sich spitze.
Den Duft merke ich mir mal.
ErgoproxyErgoproxy vor 3 Jahren
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Ich kenne nur Drakkar Noir, den ich lieber an anderen roch.
YataganYatagan vor 3 Jahren
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Super Kommentar! Danke fürs Zitieren. Freue mich!
Naimie54Naimie54 vor 3 Jahren
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Super Kommentar! Macht neugierig.
FloydFloyd vor 3 Jahren
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Klasse retrospektiver Rundumschlag!