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Top Rezension
Und plötzlich hat er einen wieder!
Keine Ahnung, ob ihm der Titel „Kritiker-Papst“ gefallen hat. Aber in seiner herrlich altmodisch gestalteten Sendereihe „Kaisers Klassik-Kunde“ zeigte der im vergangenen Jahr verstorbene Joachim Kaiser, sagen wir, zumindest Anzeichen vom Habitus eines Menschen, der mit sich selbst nicht ganz unzufrieden sowie sich seines Ranges bewusst ist.
Nicht völlig zu Unrecht. Wer kann schon noch aus einem derart breiten Fundus an Bildung schöpfen, darunter jene scheinbar lustvoll zweckfreie, die bei heutigen Bildungs-Politikern (aus gutem Grund) heimliches Unbehagen auslöst. Aus üppigem Reservoir bediente sich der Altmeister und würzte daraus, gern anekdotisch, seine kenntnisreichen Ausführungen. Das Sahnehäubchen für mich ist der köstliche ostpreußische Dialekt, der mich an den Sprech meiner dritten Oma erinnert, die aus dem Dorf „Opelischken Post Kraupischken“ stammte. Auf Youtube finden sich diverse Folgen der Sendereihe – ein Schatz für alle nicht bloß oberflächlich an Musik Interessierten.
Auf die Frage „Warum gilt Wilhelm Furtwängler als größter Dirigent aller Zeiten?“ (youtube.com/watch?v=TTLm8EsC2KU) antwortete Kaiser zunächst mit der Feststellung, dass für ihn Wilhelm Furtwängler nicht nur der größte Dirigent, sondern vielleicht sogar der größte Musik-Interpret sei, der je gelebt habe. Er schildert: „Wenn ich alte Furtwängler-Aufnahmen…höre, denke ich am Anfang: Gott, na sooo viel besser als die anderen ist es eigentlich auch nicht, im Gegenteil… Und plötzlich hat er einen wieder!“
Ähnlich, obwohl nicht so extrem, erging es mir mit ‚Divine Attraction‘. Eine harzig-säuerliche Eröffnung, die das Nadelige touchiert, begleitet bald von weißem Tipp-Ex-(Elemi?)-Rauch; es folgt eine Erwärmung, die dann in der Kombination von hellharzigen und kokelig-warmen Aspekten eine ferne Assoziation zum (insgesamt freilich schlichteren) ‚Bois d'Encens‘ von Armani weckt.
Sooo herausragend ist das ja nun nicht. Alles schon gerochen und gewiss nicht schlechter. Im Gegenteil, der Beitrag von Iso scheint mir allzu deutlich ausgefallen.
Doch plötzlich hat er einen. Denn der Duft lebt just von dieser sozusagen „chemischen“ Aufhellung, die ihm ungeachtet der partiellen Wärme eine fahle Aura erkalteten Brandes, erkalteten Kamins verleiht. Und was zum Grübeln gibt es obendrein: Eine Art Leder unklarer Herkunft; schulranzenhaft, wenngleich weniger derb als die offensiv teerige Richtung.
Allmählich wird es zum Mittag hin milder und süßer. Später bilde ich mir eine dunkle, mutmaßlich künstliche Holz-Note ein, welche das Gekokele umfasst. Rieche ich nicht außerdem Pfeffer, der mit der Nähe zum Weihrauch spielt? Und ist das Holz tatsächlich dunkel oder nicht eher hell? Und was ist mit dem Vetiver - war es womöglich bereits vorne für den vermeintlich chemisch aufgehellten Eindruck zuständig? Nach etwa sechs, sieben Stunden enthüllt das Süßgras nämlich vollends sein säuerliches Frisch-Vermögen und streift das Gummihafte dabei nicht bloß, weist vielmehr beinahe ins Verschmurgelte. Das steht allerdings in apartem Kontrast zu einer warmen, fast würzigen Grundierung aus Holz und meinem Rätsel-Leder. Die sachte Süße rundet angenehm ab und der Duft wirkt trotz des unleugbar Bitteren darin nicht mehr distanziert. Stattdessen finde ich ‚Divine Attraction‘ jetzt sehr elegant und absolut anzug-tauglich. Dieser letzte Teil ist die schönste Phase am Duft.
Und das mag den Ausschlag geben: Aus dem Kühlen ins Warme, aus dem Anspruchsvolleren ins Einnehmende – diesen Weg beschreiten viele Düfte, nur vermutlich nicht immer ganz freiwillig, oftmals eher von üblichen Basis-Darstellern erzwungen. Ein solches Gefühl habe ich hier nicht.
Ich bedanke mich bei Woodpecker für die Probe.
Nicht völlig zu Unrecht. Wer kann schon noch aus einem derart breiten Fundus an Bildung schöpfen, darunter jene scheinbar lustvoll zweckfreie, die bei heutigen Bildungs-Politikern (aus gutem Grund) heimliches Unbehagen auslöst. Aus üppigem Reservoir bediente sich der Altmeister und würzte daraus, gern anekdotisch, seine kenntnisreichen Ausführungen. Das Sahnehäubchen für mich ist der köstliche ostpreußische Dialekt, der mich an den Sprech meiner dritten Oma erinnert, die aus dem Dorf „Opelischken Post Kraupischken“ stammte. Auf Youtube finden sich diverse Folgen der Sendereihe – ein Schatz für alle nicht bloß oberflächlich an Musik Interessierten.
Auf die Frage „Warum gilt Wilhelm Furtwängler als größter Dirigent aller Zeiten?“ (youtube.com/watch?v=TTLm8EsC2KU) antwortete Kaiser zunächst mit der Feststellung, dass für ihn Wilhelm Furtwängler nicht nur der größte Dirigent, sondern vielleicht sogar der größte Musik-Interpret sei, der je gelebt habe. Er schildert: „Wenn ich alte Furtwängler-Aufnahmen…höre, denke ich am Anfang: Gott, na sooo viel besser als die anderen ist es eigentlich auch nicht, im Gegenteil… Und plötzlich hat er einen wieder!“
Ähnlich, obwohl nicht so extrem, erging es mir mit ‚Divine Attraction‘. Eine harzig-säuerliche Eröffnung, die das Nadelige touchiert, begleitet bald von weißem Tipp-Ex-(Elemi?)-Rauch; es folgt eine Erwärmung, die dann in der Kombination von hellharzigen und kokelig-warmen Aspekten eine ferne Assoziation zum (insgesamt freilich schlichteren) ‚Bois d'Encens‘ von Armani weckt.
Sooo herausragend ist das ja nun nicht. Alles schon gerochen und gewiss nicht schlechter. Im Gegenteil, der Beitrag von Iso scheint mir allzu deutlich ausgefallen.
Doch plötzlich hat er einen. Denn der Duft lebt just von dieser sozusagen „chemischen“ Aufhellung, die ihm ungeachtet der partiellen Wärme eine fahle Aura erkalteten Brandes, erkalteten Kamins verleiht. Und was zum Grübeln gibt es obendrein: Eine Art Leder unklarer Herkunft; schulranzenhaft, wenngleich weniger derb als die offensiv teerige Richtung.
Allmählich wird es zum Mittag hin milder und süßer. Später bilde ich mir eine dunkle, mutmaßlich künstliche Holz-Note ein, welche das Gekokele umfasst. Rieche ich nicht außerdem Pfeffer, der mit der Nähe zum Weihrauch spielt? Und ist das Holz tatsächlich dunkel oder nicht eher hell? Und was ist mit dem Vetiver - war es womöglich bereits vorne für den vermeintlich chemisch aufgehellten Eindruck zuständig? Nach etwa sechs, sieben Stunden enthüllt das Süßgras nämlich vollends sein säuerliches Frisch-Vermögen und streift das Gummihafte dabei nicht bloß, weist vielmehr beinahe ins Verschmurgelte. Das steht allerdings in apartem Kontrast zu einer warmen, fast würzigen Grundierung aus Holz und meinem Rätsel-Leder. Die sachte Süße rundet angenehm ab und der Duft wirkt trotz des unleugbar Bitteren darin nicht mehr distanziert. Stattdessen finde ich ‚Divine Attraction‘ jetzt sehr elegant und absolut anzug-tauglich. Dieser letzte Teil ist die schönste Phase am Duft.
Und das mag den Ausschlag geben: Aus dem Kühlen ins Warme, aus dem Anspruchsvolleren ins Einnehmende – diesen Weg beschreiten viele Düfte, nur vermutlich nicht immer ganz freiwillig, oftmals eher von üblichen Basis-Darstellern erzwungen. Ein solches Gefühl habe ich hier nicht.
Ich bedanke mich bei Woodpecker für die Probe.
18 Antworten


Schon jetzt danke für die Probe; das wird sicher wieder eine interessante Erfahrung.