Divine Attraction von Initio

Divine Attraction 2015

Meggi
08.04.2018 - 15:30 Uhr
26
Top Rezension
9Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Und plötzlich hat er einen wieder!

Keine Ahnung, ob ihm der Titel „Kritiker-Papst“ gefallen hat. Aber in seiner herrlich altmodisch gestalteten Sendereihe „Kaisers Klassik-Kunde“ zeigte der im vergangenen Jahr verstorbene Joachim Kaiser, sagen wir, zumindest Anzeichen vom Habitus eines Menschen, der mit sich selbst nicht ganz unzufrieden sowie sich seines Ranges bewusst ist.

Nicht völlig zu Unrecht. Wer kann schon noch aus einem derart breiten Fundus an Bildung schöpfen, darunter jene scheinbar lustvoll zweckfreie, die bei heutigen Bildungs-Politikern (aus gutem Grund) heimliches Unbehagen auslöst. Aus üppigem Reservoir bediente sich der Altmeister und würzte daraus, gern anekdotisch, seine kenntnisreichen Ausführungen. Das Sahnehäubchen für mich ist der köstliche ostpreußische Dialekt, der mich an den Sprech meiner dritten Oma erinnert, die aus dem Dorf „Opelischken Post Kraupischken“ stammte. Auf Youtube finden sich diverse Folgen der Sendereihe – ein Schatz für alle nicht bloß oberflächlich an Musik Interessierten.

Auf die Frage „Warum gilt Wilhelm Furtwängler als größter Dirigent aller Zeiten?“ (youtube.com/watch?v=TTLm8EsC2KU) antwortete Kaiser zunächst mit der Feststellung, dass für ihn Wilhelm Furtwängler nicht nur der größte Dirigent, sondern vielleicht sogar der größte Musik-Interpret sei, der je gelebt habe. Er schildert: „Wenn ich alte Furtwängler-Aufnahmen…höre, denke ich am Anfang: Gott, na sooo viel besser als die anderen ist es eigentlich auch nicht, im Gegenteil… Und plötzlich hat er einen wieder!“

Ähnlich, obwohl nicht so extrem, erging es mir mit ‚Divine Attraction‘. Eine harzig-säuerliche Eröffnung, die das Nadelige touchiert, begleitet bald von weißem Tipp-Ex-(Elemi?)-Rauch; es folgt eine Erwärmung, die dann in der Kombination von hellharzigen und kokelig-warmen Aspekten eine ferne Assoziation zum (insgesamt freilich schlichteren) ‚Bois d'Encens‘ von Armani weckt.

Sooo herausragend ist das ja nun nicht. Alles schon gerochen und gewiss nicht schlechter. Im Gegenteil, der Beitrag von Iso scheint mir allzu deutlich ausgefallen.

Doch plötzlich hat er einen. Denn der Duft lebt just von dieser sozusagen „chemischen“ Aufhellung, die ihm ungeachtet der partiellen Wärme eine fahle Aura erkalteten Brandes, erkalteten Kamins verleiht. Und was zum Grübeln gibt es obendrein: Eine Art Leder unklarer Herkunft; schulranzenhaft, wenngleich weniger derb als die offensiv teerige Richtung.

Allmählich wird es zum Mittag hin milder und süßer. Später bilde ich mir eine dunkle, mutmaßlich künstliche Holz-Note ein, welche das Gekokele umfasst. Rieche ich nicht außerdem Pfeffer, der mit der Nähe zum Weihrauch spielt? Und ist das Holz tatsächlich dunkel oder nicht eher hell? Und was ist mit dem Vetiver - war es womöglich bereits vorne für den vermeintlich chemisch aufgehellten Eindruck zuständig? Nach etwa sechs, sieben Stunden enthüllt das Süßgras nämlich vollends sein säuerliches Frisch-Vermögen und streift das Gummihafte dabei nicht bloß, weist vielmehr beinahe ins Verschmurgelte. Das steht allerdings in apartem Kontrast zu einer warmen, fast würzigen Grundierung aus Holz und meinem Rätsel-Leder. Die sachte Süße rundet angenehm ab und der Duft wirkt trotz des unleugbar Bitteren darin nicht mehr distanziert. Stattdessen finde ich ‚Divine Attraction‘ jetzt sehr elegant und absolut anzug-tauglich. Dieser letzte Teil ist die schönste Phase am Duft.

Und das mag den Ausschlag geben: Aus dem Kühlen ins Warme, aus dem Anspruchsvolleren ins Einnehmende – diesen Weg beschreiten viele Düfte, nur vermutlich nicht immer ganz freiwillig, oftmals eher von üblichen Basis-Darstellern erzwungen. Ein solches Gefühl habe ich hier nicht.

Ich bedanke mich bei Woodpecker für die Probe.
18 Antworten
SerenissimaSerenissima vor 8 Jahren
Nicht nur, dass Du mich einmal wieder an den unvergessenen Joachim Kaiser erinnert hast, ich freue mich jetzt schon aufs Testen dieses wohl recht interessanten Duftes.
Schon jetzt danke für die Probe; das wird sicher wieder eine interessante Erfahrung.
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 8 Jahren
Ich find die Initios ja ganz spannend ... glaub aber der ist mir bisschen zu herb?
FirstFirst vor 8 Jahren
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Mir geht es da ähnlich wie Angua, bei diesem Kommentar nun nicht ganz so extrem wie bei vielen anderen, aber letztlich hat sie meinen Eindruck auf den Punkt gebracht. Ich lese Deine Kommentare ja dennoch - oder gerade deshalb (?) - immer gern.
MisterEMisterE vor 8 Jahren
Was hast Du Dir denn da wieder angelacht...?!
ErgoproxyErgoproxy vor 8 Jahren
Mein Mann liebt den. Mir ist Magnetic Blend etwas lieber.
PlutoPluto vor 8 Jahren
Und zack, hat der Meggi mich mit seinem Kommi :o)
PaloneraPalonera vor 8 Jahren
Jetzt habe ich wirklich eine Menge kennengelernt - Kaiser, Furtwängler und dann noch gleich den Duft. Hat Frau Meggi ihren Segen gegeben?
TtfortwoTtfortwo vor 8 Jahren
Ach herrjeh, der olle Kaiser, ich war nicht immer mit allem einverstanden, was er so rausgehauen hat, aber der Kerl war echt ne Institution!
JumiJumi vor 8 Jahren
Klingt sehr nach Meggi :) Die 9.0 ist daher kein Wunder.
RobGordonRobGordon vor 8 Jahren
Ich fühl mich vom Göttlichen nicht besonders angezogen.Da hat es auch der Duft schwer. ;)
Can777Can777 vor 8 Jahren
Ich fand in ganz passabel,wenn auch nicht meiner.
AventurinAventurin vor 8 Jahren
Sehr fein geschrieben.
SeeroseSeerose vor 8 Jahren
Aha, Du hast bei diesem Duft - nicht nur bei diesem - zuerst gefremdelt. Manche Düfte nehmen einen überraschenden Verlauf oder die eigene Wahrnehmung kriegt einen doch noch rum.
MarWicMarWic vor 8 Jahren
Genau dein Beuteschema....
TaurusTaurus vor 8 Jahren
Ich kenne die Dritten der Oma ... aber eine dritte Oma? ;-)
YataganYatagan vor 8 Jahren
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Ja, den fand ich ganz gut, aber er hat mich nicht fasziniert.
ExUserExUser vor 8 Jahren
Ich habe mich gewundert, dass Joachim Kaiser erst im letzten Jahr verstorben ist. Furtwängler hat mich nie gekriegt. Und ich befürchte, der Duft auch nicht.
KovexKovex vor 8 Jahren
Der hat mich auch gepackt. Ich hatte auch eine gewisse Synthetik-Assoziation, die mir hier ausgesprochen gut gefallen hat.