Während meines Studiums verbrachte ich ein halbes Jahr im Norden von Wales. Mitgenommen hatte ich nur diesen einen Duft, mit dem Ziel, ihn aufzubrauchen. Er war nie mein Liebling in meiner damals wie heute eher überschaubaren Sammlung. In der ersten Reihe standen immer andere, die ich zu dieser Zeit lieber trug. Meine Mutter bestellte ihn mir damals bei Le Club des Créateurs de Beauté. Die Probe sprach mich an. Ein feiner Orientale, der entfernt mit meinem damals geliebten Casmir von Chopard verwandt ist. Gefiel mir. Also bekam auch ich bei der Bestellung einen 30-ml-Flakon.
Wenn ich mir heute die Duftpyramide so anschaue, ist mir klar, warum er nie mein Allerliebster war. Der Ingwer. Mit dieser Knolle habe ich mich nie so recht verstehen wollen. Obwohl er sehr gesund ist und ich Ausdauersportlerin bin, komme ich mit seiner Würze und Schärfe einfach nicht zurecht. Mir schmeckt er weder im Tee noch als Gewürz. Pur essen geht gar nicht. Aber in diesem Duft war er durch Kaffee, Karamell, die Maracuja und die Vanille gut eingebettet, sodass er mir zumindest mal nicht auf die Nerven ging.
Ich sag mal wer den Casmir mag, hätte den Insomny auch mögen können. Sie schwingen beide irgendwo zwischen einem hellen Orientalen und einem Gourmand. Die Kaffee-Karamell-Kombi war beim Insomny soo schön umgesetzt. Da können viele Düfte von heute, die mit diesem Schema spielen (z.B. I Love New York for All und Konsorten), überhaupt nicht mithalten. Die kommen meist nur allzu pappig-süß daher, was hier nicht der Fall war. Der Duft ist sehr feminin und geheimnisvoll. Und er gefällt den Männern, wie ich damals als Austauschstudentin, bereits in festen Händen von meinem Herrn Pollito, feststellen musste. Da gabs den einen oder anderen Mitbewohner und Kommilitonen, der mir gerne näher kam und unbedingt wissen wollte, was ich für einen tollen Duft trage. Manch einer kam mir auch so oft so nah, dass es geklatscht hat. Jaja, das Hühnchen konnte auch mal zupicken, wenn ihr etwas nicht gepasst hat ;)
Hätte ich ihn heute noch, würde ich vermutlich an die Burgen in Nordwales denken und an Mount Snowdon. Was habe ich nicht alles erlebt in dieser Zeit und mit diesem Duft. Eine kleine Geschichte will ich euch nicht vorenthalten: In unserem Wohnheim war es schweinekalt. Es war Januar und die Heizkörper sprangen immer nur 2-3x am Tag kurz an. Ich war schon immer eine Frostbeule und konnte das kaum aushalten. Ähnlich ging es Mitbewohnern von mir, die aus Griechenland oder Spanien stammten und es daher sogar noch wärmer mochten und gewohnt waren. Also halfen wir uns mit Heizlüftern, die aufgrund des exorbitanten Stromverbrauchs natürlich nicht zugelassen waren. Immer wieder gab es Room Inspections, bei denen sämtliche Gegenstände konfisziert wurden, die nicht erlaubt waren (ja, auch Fernseher). Wir schafften es aber immer, alles rechtzeitig zu verstecken.
Nein, ich brauche diesen Duft heute nicht mehr, denn auch diese Zeit ist vorbei und ich behalte sie und den Duft gerne in Erinnerung. Trotz seines kleinen Ingwer-Störfaktors war er ein wunderschöner Duft, seiner Zeit voraus und würde heute so einiges in diesem Sektor in die Tasche stecken. Auch wenn ich ihn stets als eher feminin empfand, steht er sicher auch dem einen oder anderen Mann ganz gut. I Like Insomny!
Mir ist immer warm, ich sollte also nach Wales ziehen. Wahrscheinlich hört das "immer warm" aber irgendwann auf. Die Pyramide sieht jedenfalls so aus, als würde mir diese Schlaflosgkeit gefallen müssen.
.. schöne Erzählung und Duftinformation ! Ich trinke Ingwertee , wenn mir mal schlecht ist .. aber ansonsten hab ich´s nicht so damit.
Ich war während des Studiums auch oft bei den Briten - unter anderem in Wales :))
Schöner, gern gelesener Kommentar zu einem mir unbekannten Duft. So gründlich waren die Inspektionen wohl nicht, dass man einen ganzen Heizlüfter verstecken konnte.
Espresso mit diskretem Ingweraroma kann aber sehr köstlich sein. Vielleicht sollte ich den mal probieren.... - die Geschichte erinnert mich an eine 100% illegale, aber sehr formschöne und genial ausgedachte Herdstellen-Heizungs-Kombi aus einem porösen Baustein, zwei Riesenschrauben und einer Menge Spiraldraht, die ich 1995 im arschkalten Winter einem rumänischen Studentenwohnheim bewundern konnte, wo ich ein oder zwei Nächte verbrachte!
Stimmt, gourmandige Düfte waren in den 90ern noch nicht so verbreitet, die Zeit sollte erst später kommen. Eine feine Beschreibung zu einem mir unbekannten Duft. Aber irgendwann darf man auch Lebwohl sagen. Aber Erinnerungen bleiben. Und gut daß Du dich zur Wehr gesetzt hast!
Sehr schöne Duftgeschichte mit einer Prise Abenteuer und diesem speziellen Erinnerungsfaktor gewürzt. So bekommen (gute) Düfte oft beim Wiederentdecken eine enorme Tiefe. Danke für‘s Teilen mit uns!
Ich war während des Studiums auch oft bei den Briten - unter anderem in Wales :))