War es wirklich eine gute Idee, sich diesen Jubiläumsduft von Patricia de Nicolaï (im weiteren Verlauf PdN genannt) blind zu bestellen?
Mit "Baïkal Leather Intense" feiert die große Parfümeurin diesen Monat ihr 30. Firmenjubiläum. Da ich seit Beginn des Jahrtausends zu ihren Bewunderern zähle und außerdem Lederdüfte liebe, darüber hinaus sogar schon mal am Baikalsee gewesen bin (kleine persönliche Sentimentalität am Rande) dachte ich mir, dass ich kein Risiko eingehen würde und bestellte mir 30 ml für 59 Euro ( plus 16 Euro Versand aus Paris - warum eigentlich so teuer?) nach Hause.
Seit Stunden begleitet mich nun der neue PdN-Duft, morgens aufgesprüht, mittags aufgefrischt, abends nochmal gesprüht, jetzt zu nachtschlafender Zeit weiterhin auf meiner Haut.
Meine Tochter und mein Partner sind natürlich auf "olfaktorischem Gebiet" (zu anderen Lebensbereichen schweige ich jetzt besser) sehr viel von mir gewohnt und äußern sich gerne zu meinen Parfums.
In diesem speziellen Fall konnte meine Tochter (17! Ja, ich bin schon stolz auf sie...) sogar Vergleiche zu einem PdN-Duft ziehen, den sie mal getragen, dann aber an mich zurück gegeben hat, weil er ihr zu stark war (PdNs "Patchouli Intense" ).
Ihre Reaktion auf den Neuen: "Intense stelle ich mir anders vor. Riecht nicht so nach PdN." "Ja, ganz okay, aber wo ist das Leder?"
Der Mann an meiner Seite nahm den neuen PdN wesentlich positiver zur Kenntnis. Gleich zur Begrüßung meinte er: "Hmm, du riechst aber heute besonders gut."
Immerhin! (Er könnte mir den Duft also abnehmen).
Denn ich selbst bin ziemlich enttäuscht.
Ach, was sage ich, ich bin geschockt.
Dieser Duft entspricht meinen Erwartungen überhaupt nicht.
Die Cracks hier unter Euch kennen natürlich die ganze Palette an Lederdüften... ich muss Euch nicht langweilen mit Vergleichen, angefangen mit Cuir de Russie über Bandit bis zu Juri Gutsatz oder Tom Ford bis zu Produkten von Rossmann.
Aber vielleicht hat sogar der Rammstein - Duft mehr Lederanklänge als dieses Produkt einer unabhängigen französischen Nischenmarke.
Und was ist eigentlich mit den Guerlain - Genen in PdNs Nase passiert? Davon will ich erst gar nicht sprechen.
Also, was hat sich Madame de Nicolaï dabei gedacht, einen so zahmen, angepassten Duft zu ihrem Jubiläum herauszubringen und diesen dann auch noch "Baïkal Leather Intense" zu nennen? Ja, es gibt eine PdN -Facebook - Seite in russischer Sprache, aber setzt die Firma wirklich so stark auf Kunden aus der Russischen Föderation? Oder auf alte Fans wie mich, die in der Hoffnung auf einen spannenden Lederduft zugreifen?
Zu Beginn hoffte ich ja wirklich noch, war sehr positiv gestimmt, denn die Kopfnote ist frisch, explodiert förmlich, macht Spaß.
Safran kann ich übrigens absolut nicht wahrnehmen, soll angeblich in der Kopfnote enthalten sein. Dafür viel Grünes, eine angenehme Frische.
Dann kommt... kein Leder.
Es folgen sanfte Töne, so als ob einer Sängerin nach einem Lauf vom hohen C herunter die Stimme versagt hätte.
Sie ist kein strahlender Sopran mehr, sondern haucht sich in der Mittellage irgendwie heiser und verhuscht einen ab. Man möchte ihr ein Mikro zuwerfen, aber nun merkt man, dass die Musik sich bereits auf einem angenehm daherplätschelnden "Muzac-Level" eingependelt hat, diesem musikalischen Grundrauschen eines durchschnittlichen Shoppingcenters.
Welche Blumen dafür jetzt verantwortlich gemacht werden müssen - mir ist das ziemlich egal, Euch hoffentlich auch. Angeblich Rose, Veilchen und Iris. Die üblichen Verdächtigen eben.
Nach einer Stunde folgt der komplette Absturz des Duftes in die Beliebigkeit eines generischen Männerdufts neuerer Machart. PdN benutzt offenbar kein Ambroxan, aber viel Moschus und Tonkabohne. Das ist ganz nett, aber wenn ich einen süßlichen Herrenduft in der Art suche, kann ich im Mainstream weit Besseres finden.
Am Baikalsee garantiert auch, ich erinnere mich an einen kleinen Ort, Listwjanka, dort gab es einen Laden, der einige typische Düfte führte, z. B. "Russian Forest". Für drei Euro zu bekommen. Oder man greift zu einer Kopie aus China, zum Beispiel zu "12 Million" oder "La Nuit d'Yves". Vom Ufer des Baikalsee aus kann man übrigens bei gutem Wetter die Mongolei sehen...
Der Baïkal steht weltweit exemplarisch für eine Vielzahl an endemischen Tieren und Pflanzen, deren Existenz bedroht ist.
PdN stand mal für eine innovative und geschmackvolle französische Parfumkunst... deren Existenz offensichtlich ebenfalls bedroht ist.
Da hat Madame de Nicolaï wahrhaftig selbst eine tolle Analogie geliefert mit ihrer Namensgebung.
Well, those were the days...
Ich rufe PdN ein wehmütiges "Adieu" zu und krame meine alte Pulle "Sacrebleu" heraus.
Ich kenne zwar den Duft nicht und verstehe natürlich, dass er offenbar nicht gefällt. Ist es aber nicht ein wenig arg weit hergeholt, aufgrund dessen gleich die "Existenz" eines doch gerade für seine Werte (und einige tolle Werke) bekannten Parfümhauses infrage zu stellen...? Dass man auf gewisse Märkte (sprachlich) zugeht, sehe ich nicht gerade als Verbrechen. Gemäß der Logik dürfte die PdN-Webseite ja auch keine englische Version enthalten...
.. ich habe die Existenz der Firma ganz sicher nicht in Frage gestellt, sondern Vermutungen darüber angestellt, wie sie sich weiter entwickeln wird...
Auch übe ich keinerlei Kritik an der Tatsache, dass es eine russischsprachige Webseite gibt, sondern nur daran, dass man sich ganz offensichtlich beim reichen russischen Klientel anbiedern möchte.
Nun, wir schreiben 2024. Der Krieg in der Ukraine hat alles verändert. Auch die Absatzmärkte für Parfum...
Ja, Frau Nicolai's Guerlain-Gene schaffen es immer wieder einen zu enttäuschen... hat fast schon Tradition. Aber die Hoffnung wankt erst, noch ist sie nicht gestrauchelt... ;-)
Man kann in die Dame nicht hineingucken und immerhin Deinen Liebsten gefällt er. Bringt aber nix, muss ja Dir gefallen. Da kann man nur hoffen, dass die Schnittmenge wieder größer wird.
Das tut mir leid zu lesen, denn du hattest dich auf diesen Duft so gefreut. Ich war schon auf diesen Kommentar von dir gespannt.
Tja... man kann sich auf kein Parfumhaus mehr verlassen. Das macht die eigene Sammlung ganz besonders wertvoll, wenn man so schöne Düfte wie "Sacrebleu" u. andere Schätze hat.
Und das, wenn man schon einmal einen Blindkauf wagt... so ärgerlich! Und überaus schade für eine an sich für gute Qualität bekannte Nischenmarke. Den Duft kenne ich nicht, diese Art von Enttäuschung jedoch allemal. Darum gibt es einen Empathiepokal, gefüllt mit „Sacrebleu“.
Hochinteressant die Hintergründe, traurig das Resümee. Du lieferst ja eine Vermutung: Immer mehr Marken schielen nach der neuen reichen Mittel- und Oberschicht in Russland. Einige Marken wurden dafür gegründet (Xerjoff vermutlich). Wenn denn wenigstens die Qualität stimmen würde, wäre das ja okay. Bei den ehemals grandiosen Nicolais stimmt das noch trauriger.
Na hat sich die gute Patricia einen schönen Blender ausgedacht. Money makes the world go round.... wahrscheinlich waren die Ost-Märkte eher im Fokus. Wie auch sei; Dein Kommi ist gelungen!
Wo Leder draufsteht, sollte eigentlich auch Leder drin sein. Da kann ich deine Enttäuschung gut nachvollziehen. Der Duft hätte mich aber sicherlich so oder so nicht gereizt. Schade daß auch renommierte Häuser immer häufiger beliebige Düfte auf den Markt bringen.
Sehr schön und differenziert geschrieben. Ich schätze das Parfumhaus auch sehr und finde es schade, dass der Duft so angepasst daher kommt. Neben den von Dir erwähnten Lederkreationen finde ich z. Z. Cuir Moderne von PK Perfumes sehr schön. Danke für diesen tollen Artikel.
Ich muss zugeben ich kenne ihn noch nicht einmal. Obwohl ich ja Lederdüfte sehr mag und tendenziell auch das Label. Aber manche Parfums begeistern mich auch nicht. Ich denke ich bleibe lieber bei New York. Der ist und bleibt mein persönlicher Favorit! Schöne,differenzierte Beschreibung!
Schade, dass Dir der Duft, den ich nicht kenne, so wenig gefällt. Ein Blindkauf, der sich als Enttäuschung herausstellt, ist sehr ärgerlich. Vor allem, wenn man viele gute Gründe hatte, anzunehmen, dass man mit diesem Wagnis schon nichts falsch machen kann.
Auch übe ich keinerlei Kritik an der Tatsache, dass es eine russischsprachige Webseite gibt, sondern nur daran, dass man sich ganz offensichtlich beim reichen russischen Klientel anbiedern möchte.
Nun, wir schreiben 2024. Der Krieg in der Ukraine hat alles verändert. Auch die Absatzmärkte für Parfum...
Tja... man kann sich auf kein Parfumhaus mehr verlassen. Das macht die eigene Sammlung ganz besonders wertvoll, wenn man so schöne Düfte wie "Sacrebleu" u. andere Schätze hat.