Ich oute mich als Liebhaberin nostalgischer Kurorte. Genieße die sympathisch altmodisch, aber gepflegte Atmosphäre, lasse mich in Zeiten versetzen, die längst vorbei sind und gönne den alten Damen, ihre vor vielen Jahrzehnten bekommenen Pelze dann doch im Winter mal wieder im Kurpark spazieren zu führen. Wo sollten sie damit sonst auch hin... ?
Ob Marienbad, Bad Pyrmont, Baden-Baden oder sogar das kleine, ein wenig verschämte Bad Wörishofen hier gleich um die Ecke. Ein wenig verstaubt ist die Eleganz solcher Orte schon und der Glanz vergangener rauschender Feste ist inzwischen nur noch Erinnerung. Wie haben wir jungen Mädchen es genossen, von unserem Chef nach einer Jahreskonferenz ins Kasino von Baden-Baden eingeladen zu werden und mit ein paar Jetons als Spielgeld durften wir unser Glück herausfordern. Einarmige Banditen gab es damals noch nicht und fasziniert beobachteten wir die Fingerfertigkeit der Croupiers und bewunderten, wie sie das Geschehen an den Tischen jederzeit im Blick hatten. Voller Erstaunen nahmen wir zur Kenntnis, dass die Einwohner von Baden-Baden keinen Zutritt zu dem Glückstempel hatten, damit sie sich nicht ruinieren. So gehörte zu dem nostalgischen Charme damals auch ein wenig der Odem des Geheimnisvollen, vielleicht sogar Verbotenem, nicht zuletzt Dank des ein oder anderen Kurschattens.
Ich bin erstaunt, wie gut Prada mit "Marienbad" die Atmosphäre solcher Orte und vor allem dieser Zeit eingefangen hat. Unendlich weich, pudrig und schmeichelnd legt sich der Duft auf die Haut und verwöhnt die Trägerin mit Harmonie, Seidigkeit, zurückhaltender Eleganz und einer Noblesse, die zu den Bildern passt, die ich vor Augen habe, wenn ich das Parfum wahrnehme.
So deftig die Pyramide wirkt, so umhüllend und golden wirken die Ingredienzien nachdem Daniela Andrier sie zu einem kostbaren Parfum verwoben hat. Das Leder so weich wie edler Stoff, der Weihrauch zieht nur einen matten Schleier über das Ganze, Amber umhüllt mit Wärme und Zärtlichkeit und die Vanille hält sich hier vornehm zurück. Wie plakativ werden diese Noten oft verwendet, hier aber zeigt sich, wie man z.B. mit Oud und Amber umgeht, ohne dass einem der vordere Orient die Luft zum Atmen nimmt. Einfach nur wunderbar. Marienbad muss sich hinter berühmteren Düften z.B, von Guerlain nicht verstecken.
Ein Tropfen Wehmut fällt in den Becher für mich allerdings, wenn ich mir den Flakon ansehe. Ja, er ist modern, schnörkellos, klar, auch schön - aber so ein wenig hätte er sich dann doch der Romantik alter Kurorte anpassen können, auch wenn die Blütezeit der Badetempel in Zeiten von Krankenkassen, Reha, Zuzahlungen, und Budgetkürzungen dann doch der Vergangenheit angehört. Aber man wird ja doch mal träumen dürfen. Schade, dass die Düfte aus dieser Zeit nicht auch dem Denkmalschutz unterliegen wie die Trinkhallen und Villen der Kurorte. "Marienbad" holt zumindest ein wenig des Zaubers davon in die Gegenwart.
Dankeschön für Deine wunderbare Rezension 🏆
Eine gewisse nostalgische Vorliebe für historische Düfte und für das Flair der verblassten mondänen Orte sollte frau schon mitbringen.. ich mag den Duft im Winter sehr.
Ich bin grade sehr begeistert von deiner schönen Rezension :-)
Sie gibt mir eine Vorstellung davon, wie dieser Duft sein könnte, und weckt das Verlangen in mir, ihn einmal zu testen. Danke dafür!
.... soooooo verstaubt ist Baden-Baden auf keinen Fall....die haben die "Kurve gekriegt" und aus der ehemaligen Sommerhauptstadt einen modern-traditionellen Ort gemacht, mit guter Infrastruktur, toller Gastronomie, internationalen Veranstaltungen etc - Turandot, schauen Sie wieder einmal vorbei!
Wie gut kann ich Dir auf dieser Reise folgen: dem Reiz Baden Badens bin ich vieler Jahre erlegen, auch wenn mich die Faulheit manches Jahr davon abhielt, vom Villenviertel in die Stadt zu spazieren.
"Letztes Jahr in Marienbad" fällt mir natürlich sofort ein: der Roman, der Goethes Begegnung mit seiner letzten Liebe beschreibt, der 17-jährigen Ulrike.
Wie schön, wenn diese Momente in Duft gefasst werden.
Sehr schöner Kommentar, den ich wieder mit Genuss gelesen habe. Der Kurort-Charme vergangener Tage ist toll beschrieben und nun ist ein Prada auf meiner Merkliste!
Ja Amber+Oud will gekonnt kreiert sein, sonst wird es widerlich, so sehr ich auch Oud-Fan bin. Amber Oud von Patricia de Nicolai kann das. Jedoch AO von Nicolai duftet nicht nach Parfümleder, was ich überhaupt nicht an mir ertrage, testen und an anderen mag ich das sehr gerne. Liest sich aber mindestens so fein. Und Du hast in allem Recht.
Perfekt und mir absolut aus dem Herzen geschrieben! Dieser Duft ist im allerbesten Sinne sehr speziell und ich empfinde ihn als sehr elegant. Ich muss gestehen, dass mir Deine Gedanken zu den diversen Bad Irgendwas nicht gekommen sind, aber auch damit hast Du wohl absolut Recht.
Nun ja, als jemand, der seine Jugend in den 70ern in Bad Kissingen verbringen musste, fällt mir ein romantisch-verklärter Blick auf Kurbäder mit großen Traditionen naturgemäß etwas schwerer und ich habe wenige Tage mehr abgefeiert, als die meines Abiturs, war da doch die Erlösung nahe.
Egal, Deine wundervolle Duftbeschreibung hat mich gefesselt. Nach dem werde ich suchen, um selbst zu schnuppern. Anfixpokal.
Eine gewisse nostalgische Vorliebe für historische Düfte und für das Flair der verblassten mondänen Orte sollte frau schon mitbringen.. ich mag den Duft im Winter sehr.
Sie gibt mir eine Vorstellung davon, wie dieser Duft sein könnte, und weckt das Verlangen in mir, ihn einmal zu testen. Danke dafür!
"Letztes Jahr in Marienbad" fällt mir natürlich sofort ein: der Roman, der Goethes Begegnung mit seiner letzten Liebe beschreibt, der 17-jährigen Ulrike.
Wie schön, wenn diese Momente in Duft gefasst werden.
Egal, Deine wundervolle Duftbeschreibung hat mich gefesselt. Nach dem werde ich suchen, um selbst zu schnuppern. Anfixpokal.