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№ 09 - Orange Star von Tauer Perfumes

№ 09 - Orange Star 2010

Meggi
09.07.2017 - 13:03 Uhr
30
Top Rezension
8Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Also bitte, Herr Sarasate!

Sarasate. Nur dieses eine Wort stand – so heißt es – auf den Visitenkarten des Geigers Pablo de Sarasate. Und das lag gewiss nicht daran, dass ihm sein Tauf-Name „Martín Melitón Pablo de Sarasate y Navascués“ zu umständlich gewesen wäre. Er konnte sich als in Europa und Amerika gefeierter Virtuose derartige Allüren schlichtweg leisten. Jenen grausigen Damen der Hautevolée, die ihn „mit Ihrer Violine“ zum Diner zu laden pflegten, erwiderte er angeblich in triefendem Charme, er käme ja eigentlich mit Vergnügen, doch „meine Violine speist nicht“.

Seinen Rang hatte er sich hart erarbeitet. Nach einem früh - mit 15 Jahren! – am Pariser Konservatorium abgelegten Examen verging geraume Zeit, bevor der große Ruhm kam. Und offenbar fiel es ihm dann schwer, nicht Mittelpunkt zu sein. Er weigerte sich etwa rundweg, das Violinkonzert von Johannes Brahms zu spielen: Er wollte nicht mit der Geige danebenstehen, während „die Oboe dem Publikum die einzige Melodie des ganzen Stückes vorspielt“. Anstoß seines Ärgers war der Anfang des zweiten Satzes, hier zu hören in einer Aufnahme mit David Oistrach (youtube.com/watch?v=KkfgFuCUe8w – das Adagio beginnt ab 22:36 min. und die Solo-Geige darf erst ab 24:58 ran!).

Nun von Sarasate Star zu Orange Star.

Also bitte, Herr Sarasate! Stellen Sie sich nicht so an! Immerhin kriegt die Geige im zweiten Satz noch reichlich schöne Töne zu kratzen. Was soll denn die namensgebende Orange in unserem heutigen Tauer-Duft sagen?

Ein verhuschter bonbonhafter Zitrusfrucht-Start, der eben den Auftrittsapplaus entgegennimmt, rasch was Frisch-Grünes (Zitronengras passt prima) hinterher und innerhalb von Sekunden eine säuerlich-weißrauchige Schicht – Weihrauch; Elemi vielleicht. Ich denke, die zuweilen geschilderten Scheuermilch-Vergleiche rühren daher. Ich rieche Kirchen-Weihrauch, wie ich ihn unlängst oben auf dem Mailänder Dom wahrgenommen habe, emporgewabert durch Öffnungen in der Decke des gewaltigen Kirchenschiffes. Der hatte einen ähnlichen, säuerlich-hell-angegrünten Charakter. Eine Weißblüher-Anmutung gibt ein Stückchen Seife hinein und fertig ist das Reinigungsmittel. Trotzdem ist klarzustellen, dass ich die Assoziationen zu Scheuerpulver zwar grundsätzlich verständlich, aber boshaft finde.

Also: Seife, Grün, Fruchtbonbon, weiß-grün-säuerlicher Weihrauch. Orange? War da was?

Binnen einer Stunde entwickelt das Grün gar grasige Ambitionen, ein Gedanke an frisches, grünes Laub ließe sich gleichermaßen bemühen. Nach wie vor ist das Orangige kaum mehr als ein Schleier, der darüber schwebt und bloß begleiten darf. Es handelt sich praktisch allein um Weißgeblühe, hell und duftig. Selbst mittags finde ich den Duft unverändert ziemlich grün, dazu weiterhin unser ordentlicher Einschlag aus der Sakral-Zutaten-Ecke.

Am Nachmittag dringt ein Hauch von Brausepulver-Pritzeln durch (Citral?), bonbonhaft-weißblüherig umrahmt. Gemeine Zungen könnten darin eine Variation des Themas Scheuerpulver vermuten, doch lassen wir das. Das Grüne hat sich zurückgezogen. Die weißen Blüten benehmen sich jetzt eindeutiger und liefern auch ein honighaft-metallisches Aroma, das mich zum Beispiel an APOM erinnert.

Später wird es tatsächlich noch schön luftig-frisch, wiederum nur eine Spur Orange, daneben direkt auf der Haut bisschen was Bitteres. Na, wurde mal Zeit für das Tauer-Gummi. Sehr zivil kommt es heute daher, in der Projektion sicherlich kaum bemerkbar. Am zweiten Testtag nehme ich freilich, entsprechend gewahrschaut, besagtes Tauer-Gummi in Ansätzen schon am Vormittag wahr.

Abends geht die verblassende Weißblüher-Aura in eine cremige Basis über. Eine Spur Moschus mag beteiligt sein. Die Sagen-wir-Ambra wirkt erstaunlich sauber-animalisch. Das klingt jetzt nach Widerspruch, beim Riechen wird es indes wunderbar sinnfällig.

Und damit sind wir im Kern angelangt. Wer nun der Meinung ist, das höre sich alles abenteuerlich zusammengewürfelt an, hat völlig recht. Ein Eindruck zudem, der sich beim bewussten Hinriechen an allen Ecken intellektuell bestätigen lässt. Wer hingegen „Orange Star“ einfach wirken und auf sich wirken lässt, wird ihn womöglich verblüffend einleuchtend und stimmig finden. Dann strahlt er plötzlich eine Art innerer Ruhe aus, wie ich sie zuletzt bei Akowa verspürt habe (kein Zwilling!!!).

Und obwohl ich nicht ausschließen kann, dass ich das lediglich wegen kleiner, punktueller Überschneidungen mit dem großen Wurf aus dem Hause Micallef so empfinde: „Orange Star“ ist ein gelungener Duft.

Ich bedanke mich bei Gerdi für die Probe.
20 Antworten
SisyphosSisyphos vor 8 Jahren
2
Ein Megaduft, schrill und doch stoisch.
VerbenaVerbena vor 8 Jahren
Du Glücklicher! Bei mir leider zwei Sätze anstrengendste Putzchemie-Sinfonie. Das Finale am Morgen danach - zugegeben - eine zuverlässig schöne Tauer-Basis, doch der Weg dahin ist mir persönlich zu mühevoll. Schöner Kommentar allerdings.
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 8 Jahren
na bei dem bin ich mir jetzt nicht so sicher ob ich den testen mag :) wobei die Tauersche Kreationen schon immer spannend sind :)
JumiJumi vor 8 Jahren
Ein Test ist schon längst fällig! Trotz des Scheuermittels :)
GschpusiGschpusi vor 8 Jahren
Lach, ich liebe Deine Kommis
CravacheCravache vor 8 Jahren
1
Ich mag ja den olfaktorischen Weihrauch-Grobmotoriker und Miteidgenossen Tauer Andy. Bei Orange Star habe ich den Zugang noch nicht so richtig gefunden. Dein Kommi animiert aber zu einem erneuten Vor-Ort-Test.
PaloneraPalonera vor 8 Jahren
Wir warten noch aufeinander, dieser Tauer und ich. Und Du schreibst etwas sehr Wichtiges: Das dezidierte Auseinanderpflücken eines Duftes macht nicht immer Sinn und tut nicht immer gut - nicht der Nase, nicht dem Duft. Ein bißchen weniger Kopf ist manchmal so viel mehr...
Can777Can777 vor 8 Jahren
Einer der wenigen die ich noch nicht getestet habe. Obwohl er mich immer gereizt hat. Kommt noch!
ErnstheiterErnstheiter vor 8 Jahren
Ich weiss der Herr Tauer macht gute Duefte, unerklaerlicherweise erschliessen sie sich mit nicht. Er kann mich einfach nicht verlocken.
KleopatraKleopatra vor 8 Jahren
Hauptakteurin: Meine Todfeindin Orangenblüte. Und dann auch noch Rauch! :)
SerloSerlo vor 8 Jahren
Mir war es, in der Tat, eine Spur zu viel des Weihrauchs. Die Cremigkeit des L'Eau aus gleichem Haus gefällt mir besser. Auf jeden Fall ist er einen Test wert, schon alleine wegen des etwas anderen Orangenthemas. Danke für den Kommentar!
AzaharAzahar vor 8 Jahren
Scheuerpulver. Scheuerpulver. Scheuerpulver. Mit dem Metall bearbeitet wird. So. ...Aber er hat was, sehr schön auseinanderklamüsert.
MisterEMisterE vor 8 Jahren
Den habe ich schon länger auf dem Plan. Denke der kommt allgemein hier schlechter weg, als er ist....
3rdear3rdear vor 8 Jahren
Beim L'Attesa fantasierst du einen "Reinigungstrupp am Schrubben", aber ausgerechnet bei dem hier findest du eine derartige Assoziation "boshaft"?! Also bitte, Herr Meggi! ;)
IngerInger vor 8 Jahren
Kenn ich noch nicht, doch klingt`s mir ganz nach Merkliste!
YataganYatagan vor 8 Jahren
1
Ich fand den, wie die meisten Tauer, etwas pudrig, aber insgesamt hat er mich auch gefallen.
SeeroseSeerose vor 8 Jahren
Mit dem kann ich nichts anfangen. Ist irgendwie schon so, wie Du es beschreibst, aber ich mag ihn nicht.
GelisGelis vor 8 Jahren
Ja, mancher Duft riecht am besten, wenn man ihn nicht auseinander zu klamüsern versucht. Merkliste
ErgoproxyErgoproxy vor 8 Jahren
Den kenne ich noch nicht.
TaurusTaurus vor 8 Jahren
Ein Orangen-Duft mit ordentlich Power? Den muss ich mir wohl mal genauer anhören ... äh ansehen ... äh anschnuppern ;-)