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Firsts Blog
vor 6 Jahren - 02.11.2019
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Hintergrundrauschen und Reihenfolgeeffekt

Wir wissen aus Forschungsarbeiten zur Wahrnehmung, dass unsere Sinne uns unter Umständen leicht täuschen können. So gibt es die hinlänglich bekannten optischen Täuschungen, die einen z. B. glauben machen, eine gerade Linie sei gebogen oder zwei gleich lange Linien seien unterschiedlich lang. Dabei ist nur der Hintergrund anders. Dies hängt von der Art und Weise ab, wie unsere Sinne und unser Gehirn funktionieren. Hier ein Beispiel: Die violetten Kegel in der Mitte sind gleich groß.

Wir kennen aus der Psychologie auch weitere Effekte, z.B. den Primacy-Recency-Effekt. In unserer, wie auch immer gearteten, Beurteilung einer Sache, ist es von Bedeutung, an welcher Stelle einer Reihe von Ereignissen oder Dingen sich die Sache befindet, die wir charakterisieren sollen.

Es ist z.B. nicht egal, ob meine Band beim Eurovision Song Contest als erstes, letztes oder in der Mitte auftritt. Sowohl am Anfang aufzutreten als auch am Ende, erhöht die Chancen, erinnert zu werden. Die in der Mitte werden leichter vergessen. Und nur was erinnert wird, hat Chancen, gewählt zu werden.

Hier spielen noch mehr Faktoren mit: Es ist auch nicht egal, ob wir direkt vor oder nach einem Superstar auftreten oder ob die Darbietungen direkt vor und/oder nach uns zu den schwächsten der Veranstaltung zählen. Und auch das ist wiederum komplexer als es auf den ersten Blick scheint: Erst einmal denken wir, wenn vor uns eine schwache Gruppe spielt, können wir uns positiv abheben und in der Regel ist das dann auch so, aber unter Umständen zieht uns die vorige Gruppe sogar mit in das schlechte Licht. Solche Phänomene hängen von vielen verschiedenen und je nach Situation individuellen Faktoren ab.

Und natürlich gibt es solche Effekte auch, wenn wir Parfum testen.

Ich durfte das neulich in außergewöhnlich frappierender Weise selbst erfahren:

Ich hatte mich im Tauschspiel auf einen Flakon "Or Pur" gemeldet.

Kaum erhalten, testete ich den Duft und notierte spontan wortwörtlich: "Anfangs fürchterlich stickig. Mein erster Eindruck: Calone. Aber ich glaube, es ist nur dieser komisch-stickige Kokos, der nicht nach Kokos riecht. Jedenfalls gnadenlos künstlich. Nachher in eine Plastiknote übergehend." Außerdem hatte er diese bestimmte Süße, die auf meiner Haut bitterscharf wird.

Ich verwarf ihn also sofort und stellte ihn bei Gelegenheit wieder ins Tauschspiel. Irgendwann wurde er genommen und als ich ihn verpackte dachte ich: Ich nehme nochmal einen Sprüher, um mich zu erinnern, was mit dem war.

Und dann - geschah das, wovon ich hier vorher schon oft gelesen hatte: Er begeisterte mich adhoc und ich fragte mich, wie ich denn bloß dazu komme, diesen genialen Duft wegzugeben. Aber zu spät: Ich schickte ihn los.

Meine Notizen nach dem zweiten Test: "In der Projektion hat er Ähnlichkeit mit meinem wunderbaren "Stricnina" von V Canto! Ein zweites Mal würde ich ihn nicht weggeben." Nun roch er also für mich plötzlich fruchtig-weich und würzig. Ja, das stechend Bittere der Süße war noch da, aber es war so sehr im Hintergrund, dass ich es vernachlässigen konnte.

Was tat ich also? Ich suchte im Netz, ob ich ihn nochmal bekommen konnte, denn er ist bereits eingestellt.

Vor etwa 10 Tagen kam mein zweiter Or Pur, neu, noch verschweißt, an. Begeistert sprühte ich und - welche Enttäuschung! Ich hatte den gleichen negativen Eindruck wie beim ersten Mal.

Wie konnte das sein?

Zuerst dachte ich, dass der Duft einfach die Temperaturschwankungen und das Geschüttel vom Transport nicht abkann. Das mag auch ein Faktor sein, aber ich glaube das Wesentliche sind hier intensive Reihenfolgeeffekte und Umgebungs- sowie Adaptationsphänomene.

Mein erster Test fand in einer Phase statt, in der ich vorher oft und mit Begeisterung "Stricnina" getragen hatte. Beim Testen von Or Pur verschwanden die Noten, die Stricnina ähnelten im Hintergrundrauschen und ich nahm nur das wahr, was die beiden unterscheidet, nämlich alles, was nicht dieser spezielle gemeinsame Fruchtakkord war, und das Scharfe von der Süße.

Mein zweiter Test fiel in eine Phase, in der ich oft begeistert "Hippie Rose" trug, einen sehr unsüßen Duft mit vornehmlich Rose, Patchouli und Weihrauch, was bei mir eine Assoziation von Leder hervorrief. Keine dieser Noten findet sich in Or Pur. Auf dem Hintergrund von Hippie Rose konnte ich die fruchtigen Anteile, also die Ähnlichkeit mit Stricnina, plötzlich herausriechen. Sie sprangen in meiner Wahrnehmung sogar sehr in den Vordergrund. Auch erschien mir der Duft süßer als beim ersten Test und die Süße war weniger scharf. Der scharfe Faktor trat offensichtlich in den Hintergrund, weil allein "süß" sich schon extrem von meinem Hippie-Rose-Hintergrund abhob.

Und beim dritten Test? Der dritte Test fiel in eine Phase, in der ich tagsüber oft "Black Tulip" getragen hatte und zur Nacht oft "Pluie de Perles".

Pluie de Perles überscheidet sich mit Or Pur nur durch seine Süße, die aber nicht den bitter-stechenden Unterton hat. Also erschien mir Or Pur auf diesem Hintergrund erneut besonders unangenehm bissig. Die Pflaume von Black Tulip wiederum, ließ mich offensichtlich den wunderbaren Fruchtakkord in Or Pur nicht mehr wahrnehmen.

Im Moment trage ich viel "White Patchouli" von Tom Ford. Plötzlich beginnt mit Or Pur wieder zu gefallen.....

Ein schönes Wochenende wünscht Euch

First

(Bilder: gemeinfrei)

16 Antworten
SousukeSousuke vor 5 Jahren
Ja. Fantastischer Blog Eintrag. Ähnliche und andere Effekte habe ich in dem Zusammenhang auch schon häufig beobachtet. Spannend ist auch die Frage, ob man der Gewöhnung entgegenwirken kann, in dem man die eigentliche Funktion des Gehirns dahinter (nämlich irrelevante Informationen auszublenden) austrickst. Zum Beispiel, in dem ich mich regelmäßig auf bestimmte Noten bewusst konzentriere und meinem Hirn beibringe, dass die immer relevant sind. Macht das Sinn?!
ExpressoExpresso vor 6 Jahren
Scandal JPG: die Wahrnehmungen unterscheiden sich doch erheblich, einige meinten, sie riechen außer Honig nichts, ich rieche eindeutig! warmes Bienenwachs, die Psyche spielt eine Rolle. Ich sehnte mich gerade nach Ruhe. Im Trubel danach nervte mich Scandal. Du beschreibst verschiedene Stimulationen, in denen "Rezeptoren" an und abgeschaltet werden. da ich auch so ein Parfum habe, gute! Herangehensweise. wenn ein Duft mal toll, mal nicht ist, ist es gut das Warum herauszufinden, spitze! Danke!
CitaCita vor 6 Jahren
Top Artikel! Super erklärt, verdienter Pokal.
Es kommt unbedingt darauf an, welche Duftmoleküle schon an deinen Riechzellen hängen. Diese subtrahieren sich beim Riechen eines anderen Duftes aus diesem heraus, und schon nimmst du den anderen ganz anders wahr.
MeggiMeggi vor 6 Jahren
Super analysiert. Ich kann diese Herangehensweise gut nachvollziehen, solche Gedanken mache ich mir auch gerne.
FirstFirst vor 6 Jahren
@Turbobean: Nee, nee - ich hab' die nicht noch in der Nase, viel schlimmer, ich hab' sie noch im Gehirn! Allerdings: Über Kleidung, Jacken, Tücher, Mäntel können sie darüberhinaus auch noch in der Nase sein :-)
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Kann ich sehr gut nachvollziehen. Auch bei mir unterscheidet sich die Duftwahrnehmung in Abhängigkeit von anderen gerochenen Parfums. Und ich teste da sogar noch extremer: Nicht nacheinander, sondern nebeneinander. Z.B. den einen Rosenduft auf dem linken, den anderen auf dem rechten Handgelenk. Mir hilft dieses Herangehen.
TurbobeanTurbobean vor 6 Jahren
Du testest Düfte, während Du noch andere Düfte in der Nase hast? Liebe Kollegin First, von dieser Herangehensweise möchte ich dringend abraten. Aber da bist Du ja nun selber drauf gekommen.
Fresh21Fresh21 vor 6 Jahren
Solche Effekte kenne ich auch, wenn auch nicht in dieser Intensität. Ein interessanter Aspekt der Duftwahrnehmung, sehr gerne gelesen :)
NajomNajom vor 6 Jahren
So ähnlich ging es mir mit Narciso pure musc.
Ich habe auch schon öfters Parfums getestet, die ich beim ersten mal richtig schlimm fand und in die ich mich beim zweiten oder dritten Testen verliebt habe (Hypnotic Poison & Shalimar - verbrannte Gummireifen, Florabotanica - vergorene Blätter, Poison Girl - schreckliche Fruchtplörre, Samsara - Omaduft, narciso for her - einfach zu viel, mln guerlain bloom of rose - Plastik ). Manche Düfte sind mir an manchen Tagen aber auch einfach zu viel.
PollitaPollita vor 6 Jahren
Das kenn ich so glücklicherweise noch nicht. Aber man weiß ja nie, bei dem ganzen Geschnüffel.
SciaScia vor 6 Jahren
Du kannst ja mal testen, mit welcher Duftreihenfolge Du Dir gezielt Parfums schönriechen kannst. Z.B. "heute trage ich mal Pulp, da adaptiere ich meine Nase an vergorenen Obstsalat, dann rieche ich morgen in Rush die etwas störende Fruchtnote nicht so stark..." :D
FirstFirst vor 6 Jahren
@Scia: Ja genau, das stimmt. Man darf offensichtlich sogar auf seine eigenen Tests manchmal nichts geben :-) @Helena1411: Ich fürchte, letztendlich wissen wir sogar gar nichts wirklich sicher. ;-) @Precious: Klar, Stimmungen beeinflussen uns natürlich auch. So extreme Unterschiede in meiner Wahrnehmung des gleichen Duftes kann ich mir jedoch nicht nur damit erklären. Und ja, einige Tage ohne Düfte und dann neu testen wäre sehr sinnvoll. Aber ob ich das schaffe? Das wäre schon ein Opfer...;-)
PreciousPrecious vor 6 Jahren
Vielleicht solltest du mal einige Tage ohne Düfte verbringen, um "Or Pur"weitestgehend "objektiv" beurteilen zu können.
PreciousPrecious vor 6 Jahren
Du gehst da so analytisch dran, liebe First, um dir das genau zu erklären, aber ich denke, auch unsere unterschiedlichen Stimmungen beeinflussen unsere Duftwahrnehmung sehr. Auch was wir zuvor gegessen oder getrunken haben. Riechen ist einfach eine sehr sensible, störanfällige Angelegenheit. Drum empfiehlt sich das mehrfache Testen, bevor man sich für oder gegen einen Duft entscheidet.
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Da sage ich als Philosophin: Alles nur in unserer Wahrnehmung. Das einzige, was wir sicher wissen, ist - frei nach Descartes - unser denkendes Ich. Oder..?!
SciaScia vor 6 Jahren
Interessant. Und wieder eine Bestätigung, dass man auch auf die besten Parfumkommentare absolut nix geben darf....wer weiß, mit was der Schreiber seine Nase tags zuvor gelinkt hat.. :D :D

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