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Grenadille d'Afrique von Aedes de Venustas

Grenadille d'Afrique 2016

Siebenkäs
27.09.2017 - 07:44 Uhr
29
Top Rezension
9Duft 8Haltbarkeit 7Sillage 8Flakon

Mboga

Sie hinterliessen eine Menge seltsamer kleiner Fußspuren,
kreuz und quer verteilt über den pudrig-feinen Zedernholzstaub,
der bis an den Waldrand reichte. Wie ein aleatorisches Kunstwerk.
Er musste an Jackson Pollock denken.
Es war eine ungewöhnlich große Grenadille-Sippe, vielleicht an die
fünfzig, sechzig Jungtiere und ein halbes Dutzend ausgewachsene
Exemplare, die schon stolz ihre struppige Morillas-Mähne zeigten.
Der typische Geruch nach frisch kandierten, zart süß-säuerlichen
Früchten hing noch in der Luft. Der leichte Wind, der aus der
Nungu Nungu-Ebene empor wehte, konnte ihn kaum auflösen.

Wie war er nur hierher gekommen?
Und wieso kannte er hier jeden Weg und Steg?
Warum nur fühlte er sich so sicher?
Er öffnete seine Safari-Jacke und warf einen Blick auf das Label,
das an die grüne Futterseide geheftet war.
"Fortnum&Mason - made for Mr. Siebenkäs" stand da.
Wer mochte das sein?

Weiter ging er, immer weiter, tief hinein in den Wald.
Zedern, alte und junge, Wacholderbüsche. Bäume, bewohnt
von seltsamen Vögeln. Aus der tiefen Kühle hallten ihre Rufe
und verklangen wieder in ihr.
Holzduft drang in seine Nase.
Grün, frisch, aber auch sonnentrocken, waldbrandverdächtig.
Dann - Stille.
Ganz leise von unten klang das zarte Bölfern der Grenadilles
zu ihm empor.
Er stand mit einem Mal vor einer ungeheuer tiefen Schlucht.
Eine schwankende Hängebrücke führte kühn über sie hinweg,
gebaut aus geflochtenen Vetiverwurzeln, an den Seiten mit noch
grünen Weidengerten verstärkt, aus denen hier und da violette
Veilchenblüten herausleuchteten.
War das sein Weg?
Es gab keinen Grund darüber nachzudenken.
Denn jetzt bildete sich, aus dem Brückengeflecht hervorquellend,
eine kleine, violettgrüne Wolke und verformte sich zu einem
schwebenden Sesselchen.
Ohne zu zögern nahm er darauf Platz.
Wie ein olfaktorischer Transponder schwebte sie der Brücke folgend
mit ihm über die Schlucht.
Klein wie Spielzeug-Granadilles wirkte die Herde von hier aus,
er roch sie immer noch aus der Tiefe.
Zusammen mit dem sonderbar abgerundeten, verfremdeten
Vetiverdunst und verhuscht zartbitteren, grünen Holznoten
erinnerte ihn die Wolke an seinen Onkel, der im Schlaraffenland
ein Hotel Garni betrieb.

Als er auf der anderen Seite wieder auf festem Boden stand,
wusste er sofort, dass er nicht allein war.
Er spürte es.
Vor ihm tauchte ein Krieger auf. Wie aus dem Nichts.
Also normal.
Stolz und unnahbar.
Sie sahen sich an.
"Kitu gani naharibu roho yako?", fragte er.
"Bin ich gar nicht!"
Der Massai lächelte jetzt.
"Aber Sie sehen doch traurig aus...", sagte er ruhig.
"Das täuscht."
Keiner von beiden wunderte sich über irgendetwas.
Es lag ein Duft um sie herum, der alle Widersprüche einfach
aufzulösen schien. Beides umfasste er - Bitternis und Süße.
Es war Frühling und Herbst zugleich.

Der Massai zog eine kleine Leica aus seiner Jagdtasche.
"Keine Angst, ich nehme Ihnen nicht Ihre Seele", sagte er,
"der Akku ist alle."
Beide mussten lachen.
Ohne es zu merken, waren sie beim Sprechen weitergegangen
und standen jetzt vor einer Lehmhütte.
"Aus in der Sonne getrocknetem Gnu-Dung, unter anderem",
sagte der Massai und klopfte gegen die Hütte. "Hält super,
für unsere Touristen!"
Das Dach bestand aus einem Geflecht von Vetiverwurzeln,
Zistrosezweigen und Lehm. Deutlich konnte man den weichen Hauch
von Labdanum in der Luft wahrnehmen. Er verband sich mit
allem anderen, ohne die Regie zu übernehmen.
"Chui iko na jaa mingi. Yeye taingia kukula leo ausiku bile ya shaka!"
rief der Massai und klopfte heftiger an die Hütte. "Ich will ihn
ein bisschen ärgern!"
"Wen denn?"
Meinen Untermieter. Ein Italiener. Ich habe gerufen, der Leopard
hätte Hunger und käme ihn eventuell holen..."
"Schon verstanden. Sie mögen keine Italiener?"
"Doch sehr sogar. Wir machen diese Art von Mboga gern miteinander -
Spaß. Er liebt das ebenso. Seine Name ist übrigens Turin.
Aber verzeihen Sie - ich habe mich selbst ja noch gar nicht
vorgestellt - ich heiße Hölderlin. Fritz für Sie.
"Sehr erfreut. Wie ich heiße, kann ich Ihnen im Moment leider
nicht sagen."
"Nicht weiter verwunderlich. Sie haben heute zum ersten Mal
Grenadilles gesehen?"
"Das mag stimmen."
Jetzt lag mit einem Mal eine feine Vanille-Ahnung in der Luft.
"Luca hat die Dunstabzugshaube eingeschaltet", sagte Hölderlin.
"Er macht mal wieder seine Vanille-Traumcreme."
"Das ist aber mal wirklich traumhafte Vanille..."

"Sag mal, bist du eingeschlafen? Wolltest du nicht
den Salat machen?"

Hää? Wo... bin ich?
Sorry... voll beim Testen eingeschlafen... gibt's das?
Halt - hier muss doch irgendwo... ah, da ist es, ein Glück...
das Fläschchen mit dem traumhaften Wässerchen, das mir der
geschätzte Yatagan großzügigerweise hat zukommen lassen...

Entschuldigt bitte, ich geh' jetzt mal rüber in die Küche...
20 Antworten
StulleStulle vor 5 Jahren
Dochdoch, der trägt sich ausgezeichnet! Eine sehr spannende Kreation, die ich auf jeden Fall noch genauer betrachten werde.
JosefkaJosefka vor 6 Jahren
Tolle Geschichte zu einem tollen Duft!
BloodxclatBloodxclat vor 6 Jahren
Sehr gut geschrieben, habe mich köstlich amüsiert. Danke!
StulleStulle vor 6 Jahren
Träumend unter zartem Bölfern durch die Savanne schweben, herrlich!
Im Instrumentenbau wird Grenadill ja schon lange verwendet, gehört habe ich es leider noch nicht.
TorfdoenTorfdoen vor 6 Jahren
Da hast Du ja auch einen schönen Afrikatraum gehabt. Das scheint ein Sehnsuchtsort zu sein. 'Geschichten inspiriert von Düften, die von Afrika inspiriert wurden'. War Hölderlin auch mal auf dem Kontinent? Genial zusammengeklaubt. Ein großes Gemüse!
AugustoAugusto vor 6 Jahren
Toller Kommentar, das.
FittleworthFittleworth vor 7 Jahren
Hervorragend geschrieben!
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 8 Jahren
Super Geschichte. Sehr unterhaltsam. Pokal für dich
JackoJacko vor 8 Jahren
Ein Traum - im doppelten Sinne. Pokal und Merkliste! Pollock hab ich ja schon ;)
ParmaParma vor 8 Jahren
Toll geschrieben, wunderbar einfallsreich, phantastisch und humorvoll! Ich hatte viel Spaß beim Lesen, musste ein paar Dinge nachschlagen und hab was gelernt :) Perfekt!
AzaharAzahar vor 8 Jahren
Oh, da bin ich gerne mitgereist und hab mich beim Dufterträumen noch köstlich amüsiert!
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 8 Jahren
Bravo ... hab ich gern gelesen :)
YataganYatagan vor 8 Jahren
Grandios! :D
VerbenaVerbena vor 8 Jahren
Das. War. Klasse.! Was für ein Genuss! Ich liebe solche Geschichten. Danke. :))
GerdiGerdi vor 8 Jahren
Welch anrührende und wundervolle Geschichte, die nicht nur einen herrlichen Abenteurfilm abspielen liess, sondern auch eine olfaktorisch Impression vermittelte, die den Duft sofort auf die Merkliste brachte!
Danke! Kompliment!
JumiJumi vor 8 Jahren
Klasse! Wäre er nicht bereits auf der Liste, käme er spätestens jetzt drauf :)
DOCBEDOCBE vor 8 Jahren
Schön ... abgefahren :-)
GirlainGirlain vor 8 Jahren
Großartig, danke für diesen Spaß! Zwischenzeitlich fühlte ich mich an Walter Mörs erinnert ;-)
KylesaKylesa vor 8 Jahren
Klasse Geschichte :-) und der Duft wird sich gemerkt!
M3000M3000 vor 8 Jahren
Eine traumhafte Geschichte, danke! Den muss ich mal wieder hervorkramen....