„Also riech‘ ma‘ den…“, sagt Richie und hält mir den Arm hin.
Ich also brav schnupper schnupper.
„Den kenn‘ ich doch… Tuscany.“
Die Pulle stand zugegeben fett neben ihm auf‘m Sideboard.
„Hammer, oder? Wie die das gemacht haben, die halbe Toskana
da rein zu kriegen. Ich riech‘ die roten Dachziegel, wie sie in der
Sonne schmurgeln… den Staub aus Sienna bei dem Pferderennen,
was ‘se da immer abziehen… Würde ‘n blöder Designerduft so
nie hinkriegen. Was sagste?“
„Ja, schon…so ne südlich-würzige Sonnen-Chose irgendwie…“
In dem Moment hör‘ ich erst ein kräftiges Schrubben, gefolgt von
ruppigem Bollern gegen den Türrahmen und ‘ne Lady von vielleicht
fünfzig steckt den Kopf ins Zimmer.
Rotkariertes Kopftuch, Jeanslatzhose, Kippe im Mund.
„Grad ma abaschen, Junge…“ und streift auch schon die Fluppe
an Richies geklautem Pernod-Ascher aus’m Trocadero ab.
“Wenn ich gleich durch bin, sag‘ ich euch mal was zu eurem
Parfum da…“, fügt sie noch zu. Und schon geht das Geschrubbe
im Nebenzimmer weiter.
„Auweia“, sagt Richie.
„Wieso? Wer is‘n das? Was macht die hier“?
„Mensch, musste doch kennen. Meine Tante. Macht nur bisschen
sauber. Und abends gibt’s dann ihren berühmten Kartoffelsalat…“
„Du alter Macho. Kannste das nich‘ selber? Brauchst‘ da ne Tante für?“
„Ich reparier‘ dafür Ihren Golf. An für sich is‘ die schwer o.k.
Hat übrigens locker hundert oder mehr Parfums daheim.
Jede Menge Männerdüfte drunter. Und hört sich gern reden.
Wart‘s ma‘ ab…“
Und recht hatte er. Nämlich kurz drauf steht sie im Türrahmen,
gestützt auf’n Schrubber, und legt so los:
„Also Jungens, ihr redet wieder mal ne Menge Kokolores…“
Eigentlich wollt‘ ich „Wieso ihr?“ sagen, hab‘ mich aber nicht so recht
getraut.
„Aber Tantchen, ich hab‘ doch nur…“, wirft Richie kleinlaut ein.
„Jetzt hört mal zu… Also – nach roten Ziegeln in der Sonne kann da
mal gar nix riechen. Auch nicht nach Palio. Oder Gäulen…“
„Aber es heißt doch…“
„Still! Der Name ist natürlich nur für die Phantasie. Stoff zum
Assoziieren. Weil unser Gehirn eine Art Trigger braucht, um den
Duft einzuordnen. Funktioniert gut. Ich hab‘ den übrigens selbst daheim.
In der alten Fassung, die ist noch kraftvoller, obwohl er ganz gut
reformuliert wurde. Ist eine toll gemachte und fast einzigartige
Melange aus Frische, Würze und trockener, nur angedeuteter Bittersüße. Rustikal und charmant in einem. Gepaart mit einer Spur Gemütlichkeit
in Form von Nelken-und Zimtwürze. In der Basis kommen weiches Moos,
ein feiner Lederhauch und zart angedeutete Süße dazu. Alles perfekt verblendet. Die Grundidee ist aber… hört ihr mir noch zu?“
„Klaro!“
„…alles ein bisschen exzentrischer einzusetzen – frische, zitrische Noten
mit Anis verfremden, den würzigen Part mit herzhaften Gewürzen wie
Kümmel und Estragon, aber auch mit kuscheligen wie Nelke und Zimt
erzeugen.Das Prinzip ist eigentlich einfach, nur eben raffiniert gemacht -
Frische und Würze.“
Richie sieht jetzt richtig nachdenklich aus.
„Also gibt das dann so was wie Frürze?“, prescht er mutig vor.
„Vielleicht doch besser Würsche, oder?“ wage ich vorsichtig
einzuwerfen.
Darauf wird aber gar nicht eingegangen.
„Und „Tuscany“ oder „Etruscan“ als Namen“, fährt sie unbeirrt fort,
„die geben nur dem Hirn den Rahmen für die nötige assoziative
Verknüpfung. Von wegen Toskana, Sonne, Süden, vielleicht sogar
Renaissance. Mit sowas wie „D12b“ tät‘ das nicht so recht hinhauen…“
„Aber was is’ denn mit ‘nem Namen wie Nr. 5? Da hat’s doch auch hin-
gehauen…“, wird Richie jetzt noch mutiger.
„Quatsch! Das heißt Chanel Nr.5. Das Wort „Chanel“ lädt den Duft
komplett auf, der Duft ist quasi Chanel. Und daraus könnt ihr Nischen-
jünger was lernen mit eurem Designer-Bashing...“
„Mit Verlaub, ich bin nicht wirklich ein solcher…“, wage ich einzuwerfen.
Werde aber einfach ignoriert.
„Sehr viele, wenn nicht die meisten wirklich großen Parfums sind aus
der Verknüpfung und Aufladung von einem Haute Couture-Haus, also
einem Designer-Image, mit einem Duft entstanden…“, doziert sie munter
weiter. „Von Alaia über Balmain, Chanel, Dior, Givenchy, Hèrmes,
Jil Sander, Lacroix bis Valentino oder Schiaparelli, um nur einige zu
nennen. Und übrigens ist natürlich auch so was wie Comme des Garcons,
das ihr „Nische“ nennt, ne klassische Designermarke. Rei Kawakubo
mit Ihrer Mischung aus Kunst, Haute Couture und Streetwear ist eine
Bilderbuch-Designerin.
„Aber Designer-Düfte haben doch auch Namen“, wirft Richie tapfer ein.
„Klar haben die oft noch Namenszusätze, aber die dienen nur als
Phantasie-Zusatzfutter. Bieten der Vorstellung noch bisschen mehr
Stoff an. Etwa wie beim zu Recht von euch so verehrten Balmain Ebène.
Oder den ganzen andern, ob „Paris“ oder „Poison“ oder „Boy“ und wie
sie alle heißen. Nur so kann man ja auch mehr Produkte entwickeln.
Aber das eigentliche Image, der Mythos, der Stoff zum Träumen,
der kommt vom Designernamen…“
„Und was is‘ mit Guerlain…?“, traut sich Richie zu fragen.
„Keine Bange, komm ich zu. Natürlich gibt’s auch noch die reinen
Dufthäuser. Guerlain, Caron, Lauder zum Beispiel. Die müssen
prinzipiell ihre Parfums anders aufladen, eben mit Namen. Wobei
natürlich bei einigen der Hausnamen selbst schon zum Image
geworden ist. Vor allem, wenn sie so wunderbare und wirklich
weltbewegende Parfums hinkriegen wie die drei genannten.“
„Leuchtet ein…“, sagt Richie leise und sieht dabei aus, als ob er schon
an den Kartoffelsalat denkt.
„…und eure geliebten Nischendüfte sind meist nix anderes als eben
sehr kleine Dufthäuser. Oder besser gesagt – welche mit ganz
schlechtem Vertrieb. Die gibt’s halt kaum irgendwo. Genau das heißt
Nische. Hat mit Qualität gar nix zu tun. Eher mit wenig Möglichkeiten.
Oft auch mit wenig Know How. „Mensch du riechst so klasse nach
schlechtem Vertrieb“ könnt‘ ma‘ da bei so manchem Vertreter sagen.
Weil viel mehr is‘ da nicht.“
„Aber Tante, übertreibst du nich‘ bisschen?“
„Klar, Junge, aber lass‘ mir doch auch mal meinen Spaß. Manche macht
eben einfach das Seltene an…“
„Es gibt aber so tolle Nischendüfte!“ Richie klingt jetzt fast empört.
Irgendwie schon leicht weinerlich.
„Weiß‘ ich doch, Junge. Sogar einige ganz außergewöhnlich gute.
Aber auch viel Pseudokram, der nur funktioniert, weil er so teuer
ist. Klingt paradox, ist aber so. Leider fallen da immer genug drauf rein.“
„Wir nicht!“
„Natürlich nicht. Nie. Aber vielleicht hab‘ ich euch jetzt wenigstens
das blöde Wort „Nische“ bisschen vergällt… Und jetzt kommt
ihr mit in die Küche und helft mir Kartoffelsalat machen. Da könnt
ihr auch noch was lernen!“
Und stapft entschlossen aus dem Zimmer.
„Sag’mal - wie kann die nur so mit uns reden“, flüster‘ ich Richie zu,
bevor wir ihr brav in die Küche folgen.
„Die kann das halt – ist doch nur ‘ne Kunstfigur, genau wie wir…“
„Haste natürlich auch wieder recht…“
Der Kartoffelsalat war übrigens wirklich sehr gut. Im Grunde rheinisch
in der Basis, mit Speck und Gürkchen, aber zusätzlich noch mit
Ananasstückchen und fein geraspeltem Greyerzer Käse.
Echt Nischenqualität!
Als bekennender Kartoffelsalatist bin ich hochgradig begeistert von diesem Kommentar! Und auch das Geheimnis der sieben Käse beginnt sich langsam zu lüften... ;) Etruscan erinnere ich sogar noch, der Stand in einer Reihe Minis mit diversen Aigner und Boss-Flakönern. Hachz......
Dass die selige Clementine als Vertreterin der Großputzduftindustrie sich zur Nische äußert ist schon ein klasse Kunstgriff ;)
Der Duft Tuscani selbst war mir dann doch durch Verwendung von Estragon UND Basilikum zu gemüsig :D. Karierter Pokal!
Wow!!! Deine Kommentare sind echt der Knaller :-))). Immer wieder sehr gern gelesen. Tuscany per Donna zählte mal zu meinen Favoriten. Damals....
Eins ist sicher, den nächsten Kartoffelsalat mache ich nach Nischenrezept : mit Ananas und Greyerzer Käse ;-).
Ein toller Kommentar und eine tolle Geschichte.
Aber der Hauptgrund, warum Sie eine Tasse verdienen, ist, dass Sie über ein Meisterwerk namens "Toskana per Uomo" schreiben und einen sehr raffinierten Geschmack haben müssen.
Etruscan ist eine Wohltat, von dem ich hier noch einen Mini hüte. Den aktuellen kenne ich nicht. Welchen nennt Tantchen denn ihr eigen?
Und was den Kartoffelsalat angeht - den laß ich wohl zugunsten von Pollita's sausen.
Wirklich klasse, was Du hier in diese Story packst. Irgendwie hatte ich ständig Clementine vor mir, während ich das las, aber ob die Kartoffelsalat machen konnte... Jedenfalls hat die Tante von R. wirklich Ahnung! ;)
Mein Lieber, da hast Du uns wieder einen vorgesetzt! Mein Parfumowort des Monats eindeutig: Frürze! Ich lach mich wech.... Gut daß die Tante Tacheles geredet hat. Die eigene Nase entscheidet und mir war´s immer schon Hupe, ob nischigste Nische oder Grabbeltisch. Hauptsache et duftet dufte. Aber Früchte in herzhaftem Essen lehne ich ab!
Herrlich kluge Tante! Und alles am optimal geeigneten Beispiel erklärt. Der Duft war groß und ist auch in der aktuellen Form noch richtig gut. Ganz besonders schöner Kommentar, der klugen Tante durch und durch würdig! (Nur dieses Kartoffelsalat-Aroma, das sich am Schluss mit Tuscany mischt, ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht...)
Um-hum. Auf den Trichter mit den Designern kommt man teils erst nach ein paar Jahren. Und dann steht da auf einmal ne Menge Chanel oder eben auch Estēe Lauder in der Sammlung.
Hinter jedem großen Richie steckt eine große Tante (und sieben Käse): das wussten schon die alten Etrusker. Es war, gerade für mich als Duft-Namens-Junkie, ein grandioses Sonntagsvergnügen, Tante Clementine zu lauschen. Zwischen dem Putzen meiner Badewanne mit Scheuermilch und meinem heute bevorstehenden Colonia-Kommentar 4.
Geil! Du hast alles gesagt, dem ist nichts hinzuzufügen. Wunderbarer Kommentar. Beim Kartoffelsalat bin ich allerdings raus, da ziehe ich die schwäbische Variante ganz klar vor. Auch Nische ;)
Genial!
🏆
Und en passant natürlich auch zu einem der großen Aramis-Klassiker.
Subtil, ironisch würziger, kluger Kommi!
Der Duft Tuscani selbst war mir dann doch durch Verwendung von Estragon UND Basilikum zu gemüsig :D. Karierter Pokal!
Eins ist sicher, den nächsten Kartoffelsalat mache ich nach Nischenrezept : mit Ananas und Greyerzer Käse ;-).
Aber der Hauptgrund, warum Sie eine Tasse verdienen, ist, dass Sie über ein Meisterwerk namens "Toskana per Uomo" schreiben und einen sehr raffinierten Geschmack haben müssen.
Und was den Kartoffelsalat angeht - den laß ich wohl zugunsten von Pollita's sausen.