Beschäftigt man sich mit der wunderbaren Welt der Nischendüfte, stolpert man früher oder später unweigerlich über die Marke État Libre d’Orange. Dem Parfumhaus gelingt es seit Jahren, die Duftwelt mit eigenständigen Kreationen zu überraschen, die oft völlig anders sind als alles, was man zuvor gerochen hat. Viele der Düfte erzählen durch die Kombination außergewöhnlicher Noten regelrechte Geschichten.
So verbindet sich bei
Fat Electrician eine angenehme Vanillenote mit einem chemisch-verkohlten Geruch – als würde man einem Handwerker über die Schulter schauen, der mit einem Donut in der einen und einer durchgebrannten Sicherung in der anderen Hand die eigene Wohnung instand setzt.
Hermann à mes Côtés me Paraissait une Ombre lässt einen durch einen modrigen Wald spazieren, während eine dunkle Vorahnung in der Luft liegt.
Und bei
La Fin du Monde wird man olfaktorischer Zeuge des Weltuntergangs: Nie zuvor – und auch danach nicht – hat man diese Kombination aus Popcorn und Schießpulver gerochen.
All das ist hochgradig assoziativ und zeugt von erstklassigem Dufthandwerk. Sich durch das Portfolio der Marke zu riechen, gleicht einem Gang durch eine Kunstgalerie: Man ist beeindruckt von den Werken und erlebt immer wieder große Emotionen.
Der Preis für diese olfaktorischen Kunstwerke ist jedoch oft ihre eingeschränkte Tragbarkeit. Schließlich möchte man nicht ständig nach Kabelbrand (
Fat Electrician), Moderwald (
Hermann à mes Côtés me Paraissait une Ombre) oder Schießpulver (
La Fin du Monde) riechen – von den größeren Extravaganzen der Marke wie
Sécrétions Magnifiques mal ganz zu schweigen.
Und so, wie man nach einem ausgedehnten, gleichermaßen inspirierenden wie anstrengenden Besuch der Kunstgalerie froh ist, bei einem Tee im Museumscafé zur Ruhe zu kommen und über das Gesehene zu reflektieren, freut man sich nach dem Testen verschiedener anspruchsvoller Düfte aus dem Hause État Libre d’Orange auch, endlich
Above the Waves aufzusprühen. Hier bekommt man keinen Duft mit Ecken und Kanten, sondern einen wunderbar runden Teeduft: Vom Kardamom in der Kopfnote über die teelastige Herznote bis hin zur kuscheligen Tonkabohne in der Basis entfaltet sich eine durchweg angenehme, harmonische Dufterfahrung. Ein echter Crowdpleaser aus einem Hause, das gerne polarisiert.
Der Tee steht dabei klar im Mittelpunkt und erinnert an existierende Düfte wie den
Wūlóng Chá Extrait de Parfum. Im direkten Vergleich erscheint mir der
Above the Waves jedoch deutlich runder und angenehmer. Hier wird das Rad zwar nicht neu erfunden, aber diesen Anspruch hatte das Haus anscheinend ausnahmsweise mal nicht. Stattdessen wurde ein großartiger Duft kreiert, über den man sich zu jeder Zeit freuen kann. Ganz so, als wolle man zwischen all der großen Kunst einmal innehalten und ein kleines Wunder zutage bringen.
Bisher scheint der
Above the Waves noch etwas unter dem Radar zu fliegen, aber ich hoffe, dass ihn mit der Zeit noch mehr Menschen für sich entdecken - er hätte es verdient.