Eigentlich hätte er ja Marshall-Amps spielen müssen. Oder auch Vox.
Jedenfalls englische. Aber er bevorzugte nun mal Fender, also die
weicheren 6L6-Röhren, diesen Schmelz, der seinen sparsamen Akkorden
die dreckige Farbe gaben, ohne die Harmonien ganz aufzulösen.
Wieviele Deluxe Reverbs oder Twin Reverbs oder andere Amps
der Marke er besaß, wusste er noch nicht mal. Vielleicht 150?
Live standen meist sechs hinter ihm, bisweilen auch mal acht.
Ronnie mochte auch mal über Ampeg Amps spielen, seine Sache,
aber er würde immer bei dieser einzigartigen Melange aus Kontrolle
und der perfekten Schippe Verzerrung bleiben.
Eine Melange, die er auch anderswo liebte.
Zum Beispiel bei seiner heimlichen Leidenschaft. Einer Leidenschaft,
die nicht wirklich zu seinem Image passte.
Aber was war Image schon in Wirklichkeit? Etwas zum Spielen.
Andrew Loog Oldham hatte ihnen das Image der Bad Boys verpasst,
weil der Platz der netten Jungs von nebenan schon besetzten war.
Durch die Fab Four.
Obwohl das Image zu Mick genauso gut gepasst hätte.
Vielleicht sogar besser.
Parfum war jedenfalls schon lange seine Passion.
Und obwohl er einige sehr mochte, gab es eines, das er geradezu
liebte. Wieder nichts englisches, sondern eines aus Frankreich.
Habit Rouge.
Im Grunde das perfekte Pendant zu seinem Sound.
Nicht mittig, nicht heavy – sondern erst mal klar, kristallin eher.
Wie seine Telecaster über leicht saturierte Röhren – also zitrisch, mit
einer bluesigen Bitternote aus Bergamotte und oranger, schnittiger
Schärfe.
Nicht brav-frisch, sondern frisch-aggressiv. Und schon deutlich
unterlegt von eine rebellischen Attitude (er liebte dieses Wort, ein
Fußtritt in Richtung seines Images), geprägt von Leder und erdiger,
gleichzeitig verruchter und boudoirhafter Patch-Dandy-Easyness.
Unberechenbarkeit ausstrahlend.
Und Romantik. Ein Rest Hippie-Coolness. Nein, kein Widerspruch.
Er hatte sich eine gute Dosis Hippie-Smartness bewahrt, von der
Sorte, die im Swinging London der 68er rebellisch war. Wie Punk.
Und dabei im Grunde gefährlicher, bewusstseinserweiternder.
Er trug Habit Rouge live, zu Interviews, auf seiner Ranch beim Reiten
und in seinem Haus bei London. Öfter noch als Fahrenheit, das er
eine Zeitlang in New Yorker Clubs bevorzugt hatte.
Niemand hatte sich je getraut, etwas dazu zu sagen, außer ein
knappes „you smell good“ vielleicht.
Obwohl er das Gefühl hatte, Mick könnte etwas von seiner
Passion ahnen. Mick stand auf Vetiver, immerhin auch von Guerlain,
auf Cuir des Russie von Chanel und bisweilen auch auf Floris.
Sie sprachen nur nie darüber. Leider.
Denn genau das vermisste Keith bisweilen. Über Parfum quatschen.
Denn kaum etwas eignete sich dafür besser. Er las in Foren, stöberte
und vertiefte sich in Diskussionen und Kommentare.
Er begann, seine eigenen Theorien aufzustellen. Eigentlich nur
Gedankenspielereien, aber für ihn eine perfekte Art von distraction.
In einer seiner Theorien spielte er mit dem Image von Parfums
und dem von Bands. Konnte man nicht den Beatles Chanels
Pour Monsieur zuordnen, seinen Stones –obwohl sein Lieblingsduft
dem widersprach -Eau Sauvage und Pink Floyd sein geliebtes
Habit Rouge?
Er fand solche Gedankenspaziergänge lustig.
Lustiger als Pressekonferenzen jedenfalls. Oder Business-Meetings
mit Mick.
Basenotes und Fragrantica fand er immer amüsanter, je öfter
er auf den Seiten unterwegs war.
Sollte er sich vielleicht anmelden, um selbst anonym etwas zu
schreiben?
Das Risiko, entlarvt zu werden, schien ihm nicht gerade niedrig.
Und dann traf er irgendwann auf Parfumo aus bloody Germany.
Er hatte Freunde in Deutschland, schon lange.
Deutsch lesen konnte er vieles – selbst schreiben allerdings wenig.
Aber es gab einen guten Freund in Hamburg, mit ihm und John
hatte er einiges erlebt, fern an von dem, was man von Rockstars
erwarten würde. Klar würde der ihm beim Übersetzen helfen.
Ein gutes Pseudonym hatte er auch schon.
Das Anmelden ging schnell.
Hier fühlte er sich absolut sicher.
Hier würde nie jemand darauf kommen, wer er war.
Ein sehr genialer Kommentar mit hinreissenden Assoziationen zur wechselseitigen Erhellung der Künste sowie zu Künstler- und Duft-Images.
Hatte ich vor meiner AktivPArfumoZeit als Unangemeldeter - wie andere Texte aus Deinen Denk- Riech und Schreib-Röhren schon super gefunden.
Kanns aber erst jetzt - besser spät als nie - feedbacken!
PS: Als Zugaben-Wunsch evt. einige Reflexionen zu Neil Youngs Feedback-Gewittern auf DeadMan und anderswo? :))
Genialer Einfall, mit Patch-Dandy-Easyness auf den Punkt gebracht...ich bewundere die ungewöhnlichen Worte und Bilder, die Du findest und wie Du es schaffst, Duft und Musik gleichzeitig zu beschreiben.
Am besten gefällt mir die bluesige Bitternote...
Super Kommentar! Da bekomm ich direkt Lust meine Les Paul an den Marshall zu hängen, Lederjacke anziehen und in Ermangelung an Habit Rouge leg ich Antaeus auf ;)
Hammer Idee die Symbiose aus Parfüm und Rock, daher Pokal für dich
Sehr sehr schön jeschriehm, wie ümma!! Wenn man bedenkt, dass die Engländer ja eigentlich den Fender Bassman kopieren wollten...tolle Betriebsunfälle, finde ich :)
Die Analogie haut super hin. 6L6 = HR, EL34 = Vetiver, und Kemper entspricht Invictus :)))
Grandios geschrieben, wie immer :-).
Den Duft mag ich sehr und ich kenne den Wunsch, darüber sprechen zu wollen. Gut das wir hier sind.
Beim letzten Satz sei Dir allerdings nicht so sicher ;-).
Monster-Kommentar! Großartig! Da hast du sicher lange dran gefeilt. Hat mich sofort in seinen Bann gezogen, auch wenn diese ganze Welt mir sehr fremd ist und ich daher vieles nicht wirklich verstanden habe. Aber das muss man auch nicht.
Ich mag das Wort Gedankenspaziergang =D Für deinen Kommentar verleihe ich das Prädikat literarisch wertvoll und hinterlasse einen Pokal bevor ich gehe :)
Aha, erwischt! Ich wusste es ja schon immer ;) Genialer Kommi aus einer genialen Perspektive. Bei Jagger wusste ich, dass er Guerlains Vetiver trägt, dass Richards den trägt, nicht. Der hat Geschmack. Synästhesie-Pokal! ;)
Großartig geschrieben mein Lieber! Wie gut daß es diese Seite gibt und man wunderbare Düfte schnuppern sowie wunderbare Kommentare dazu genießen darf. Tolle Herangehensweise an einen tollen Duft. Gruß aus Hamburg :-)
Hatte ich vor meiner AktivPArfumoZeit als Unangemeldeter - wie andere Texte aus Deinen Denk- Riech und Schreib-Röhren schon super gefunden.
Kanns aber erst jetzt - besser spät als nie - feedbacken!
PS: Als Zugaben-Wunsch evt. einige Reflexionen zu Neil Youngs Feedback-Gewittern auf DeadMan und anderswo? :))
Am besten gefällt mir die bluesige Bitternote...
Hammer Idee die Symbiose aus Parfüm und Rock, daher Pokal für dich
Die Analogie haut super hin. 6L6 = HR, EL34 = Vetiver, und Kemper entspricht Invictus :)))
Den Duft mag ich sehr und ich kenne den Wunsch, darüber sprechen zu wollen. Gut das wir hier sind.
Beim letzten Satz sei Dir allerdings nicht so sicher ;-).
Bei mir steht ein alter VOX AC 30, dabei sollte ich einen Fender Delux Reverb spielen :)) Der kommt aber noch ;)