1989 war nicht gerade ein spannendes Jahr, eher ein mauer Abschied einer lauten und hedonistischen Dekade.
Als wäre man übersättigt mit verkaterter Stimmung von der schrillen Party leise ins Bett gekrochen.
Himbeerrötlich sollten diese exzentrischen Jahre ihr Fotoalbum schließen und unbeabsichtigt einen gewaltigen neuen Trend setzen.
Soll ich mal dem jungen Spund auf dem Bild am Hals schnuppern?
Zisch!
Lieber Alain Alchenberger, Deine kongeniale Nase sollte avantgardistisch die Richtung weisen.
Hut ab!
Deine Collage aus Fougère, Früchten und orientalischer Basis brachte die Wende im Wendejahr.
Und sie wird für viele erfolgreiche Nachfahren als Vorlage dienen.
Für Dein Können und Weitsicht Applaus von mir!
Peter Schmidt goss den perfekten wie minimalistischen Flakon in Form. An allen Seiten lockerte eine kleine Kerbe den Sockel auf gleich einer Nadel.
Passender hätte man das Thema plastisch nicht gestalten können: das Aufbrechen der starren Gerade.
Ungewöhnlich der Duftverlauf.
Hier agiert man nicht pyramidal, es sind Folien der verschiedenen Richtungen, welche überlappt werden.
Wie die Videokunst der damaligen Zeit.
Vom Fougère sind klar der Lavendel und die bei Jil Sander damals so beliebten Kräuter Estragon und Anis auszumachen.
Etwas Kiefer und moosiger Untergrund umwehen klassisch.
Doch nun färbt sich plötzlich alles rötlich.
Die zweite Folie beinhaltet Fruchtiges, allen voran Himbeeren.
Ein Spannungsakkord droht zu überspannen zwischen herb krautigem Grün und sanft süßsaurem Himbeerrot.
Hier ist er, der unvergleichliche Charakter des Duftes, keine Verwechslung möglich.
Tonka wird dem Ganzen den versöhnlichen Überstrich pinseln. Diese dritte Folie driftet gen Orient ab.
Warm und wohlig mit Sandelholz, leicht ambriert.
Ich möchte nicht leugnen, das der Gesamteindruck etwas dumpf wirkt, dennoch durchstechen die Kräuter diese unsichtbare Decke.
Wieder ein Hinweis auf die Unterbrechung des Sockels vom Flakon.
Etwas eigenartig ist die Komposition schon.
Der gesamten Dauer über versucht das Hirn den Spannungsakkord aufzubrechen.
Süß?
Aromatisch?
Und wieder zurück!
Man blickt sich im Diwan an…
Aus Hamburg machte eine Band indirekt passend zum Duft von sich reden.
The Jeremy Days.
Diese fünf Jungs verkörperten den damaligen Zeitgeist am subtilsten.
Perfekt frisiert, elegantes Understatement an edlen Stoffen, hochwertige Brillen.
Fertig ist die yuppieske Werbebranche der Hansestadt.
Eines ihrer Poplieder schaffte sogar den elften Platz in den Charts im Jahr 1989.
Brand New Toy.
Wenn man sich das Video anschaut, versteht man die Duftaura besser.
Dirk, der Sänger, wird von einer engelhaften, weiblichen Gestallt heimgesucht.
Dabei wird er gezielt vor einem roten Hintergrund, gleich dem der Verpackung, gefilmt.
Folgende Kontraste:
Jungs in Designerklamotten, das hanseatische Feingespür für dunkle Farbschattierungen.
Der weibliche Engel wie eine barocke verbotene Frucht weiß gülden drapiert, ihre Lippen himbeerrot.
Na, Spannungsakkord?
Witzig finde ich den Einfall, sexy Dirk in Unterwäsche zu zeigen. Diese ist, mit Verlaub, sehr „lieb“ geschneidert.
Auf zum Kuscheln!
Und der junge Spund auf dem Bild gönnte sich leider damals nur zwei Flakons des gefühlvollen Mannes und trug wahrscheinlich so zur leisen Einstellung dieses Kunstwerks bei.
Aber Erlebtes lässt sich zum Glück nicht einstellen.
1989 war auch mein persönliches Wendejahr. Noch bevor die Mauer fiel, verließ ich als fast noch Kind, das Land, das beim Zusammenbruch des Ostblock-Regiems, eine entscheidene Anführerrolle, spielte.
Die markanten Düfte der 90er, begleiteten mein Heranwachsen und wurden von mir gefeiert. Mein gesamtes Taschengeld ging dafür drauf 😅.
Vielen Dank für Deine wunderbare Rezension - ich habe sie mit Wonne gelesen und genossen!
Mit dem Duft wurde ich erwachsen und für mich war das Jahr ´89 durchaus spannend bzw. eher der Beginn einer spannenden Dekade. Unvergessen und jede Menge Bilder gerade in meinem Kopf. Danke!
"Erlebtes lässt sich zum Glück nicht einstellen."
Den Satz lasse ich mir von einem Grafikdesigner gestalten und hänge ihn mir über das Schränkchen mit meinen Düften!
Sehe deine Rezension leider jetzt erst. Feeling Man fand ich toll und habe sogar noch einen kleinen Rest. Stand aber irgendwie immer im Schatten von Joop Homme und später von Background.
Ausgezeichnete Würdigung mein Bester!!
Süß war er nicht, herb maskulin ebenfalls ein Nein!
Hier wurde tatsächlich ein neues Genre kreiert, ein komplett anderer Weg aufgezeigt.
Mein 89-Feeling war zwar noch nicht ganz Man(n) aber unbeschreiblich aufwühlend allemal. Hier um die Ecke fiel die Mauer.
Der unglaubliche "Geruch des Westens" wehte nun nicht mehr nur rüber, wenn der Wind günstig stand oder man das Westpaket öffnete. Ne, der war nun zum greifen nah. Mit 100DM Begrüßungsgeld gefühlt den halben Woolworth leergekauft.
Mir gefallen sogar noch mehr Sander. Nicht nur die Fab Four. ;-)
Den Duft kenne ich nicht. 1989 dafür umso besser. Und für mich war es ein tolles, aufregendes Jahr. Gerne würde ich es nochmal erleben dürfen, aber das gibt es nicht einmal im Souk.
Mir war er immer einen Tick zu süß, aber an sich ein toller Duft, der mit damaligen Konventionen gebrochen hat. Insofern passt auch der Titel gut. Hat sich von der ungewöhnlich süßen Anlage dann mit Background fortgesetzt. Aus der guten alten Sander-Zeit. Habe ein großes Herz für die Marke, wie du weißt.
Über Musiker im feinen Zwirn haben wir natürlich damals nur gelacht (ok, heute auch noch, haha) - ROCK war da noch ganz groß! Den Duft vergisst man niemals, ebenso wenig die aufregende Zeit des anbrechenden Jahrzehnts. Tolle Rezension, danke dafür!
Das ist wirklich ein schöne Reise zurück gewesen, auch wenn ich da noch viel zu jung war um so etwas zu realisieren. Aber Düfte wirken ja nicht gerade unbeträchtlich im Unterbewusstsein...
Ich halte das Jahr 1989 für eines der aufregendsten und turbulentesten des letzten Jahrhunderts! Hätte nicht gedacht, daß man das anders sehen kann! Ich bin aber auch ein Ostler! Der Duft klingt recht gut, ist ja sogar Tabak drin! Und Deine Beschreibung bringt ihn uns gekonnt näher!
Kompliment mein Lieber. Da hast Du diesen wundervollen Sander mit Deiner Hommage ein vortreffliches Denkmal gesetzt hier. Und zugeben,…ich vermisse ihn!
Von dem habe ich leider nur ein Dupe, das mir aber auch rätselhaft genug ist. Muss ich nach dieser deiner Beschreibung nochmal hervorkramen, vielleicht verstehe ich es dann :)
Also hier in Hamburg darf man meinetwegen auch heute noch sehr gerne nach Fougère duften, auch mit Beereneinschlag !
Cooler Trip in die Vergangenheit ! 😎🏆
Trotz deiner bildhaften Beschreibung vermag ich mir den Duft nicht wirklich vorzustellen. Denke ,den muss man gerochen haben. Ansonsten lustig, die Erinnerung an the Jeremy Days, die ich längst verdrängt hatte und ihrem etwas langweiligen Hit. Da wäre evtl .weniger Coolness und mehr Feeling gut gewesen, Man.
Die markanten Düfte der 90er, begleiteten mein Heranwachsen und wurden von mir gefeiert. Mein gesamtes Taschengeld ging dafür drauf 😅.
Vielen Dank für Deine wunderbare Rezension - ich habe sie mit Wonne gelesen und genossen!
Den Satz lasse ich mir von einem Grafikdesigner gestalten und hänge ihn mir über das Schränkchen mit meinen Düften!
Süß war er nicht, herb maskulin ebenfalls ein Nein!
Hier wurde tatsächlich ein neues Genre kreiert, ein komplett anderer Weg aufgezeigt.
Der unglaubliche "Geruch des Westens" wehte nun nicht mehr nur rüber, wenn der Wind günstig stand oder man das Westpaket öffnete. Ne, der war nun zum greifen nah. Mit 100DM Begrüßungsgeld gefühlt den halben Woolworth leergekauft.
Mir gefallen sogar noch mehr Sander. Nicht nur die Fab Four. ;-)
Das Weihnachtsgeld haste noch vergessen 😉
🏆
Danke für so eine, wie immer, tolle Unterhaltung, habe jede Zeile genossen.
Dennoch sehr gerne gelesen und mitgefühlt!
Cooler Trip in die Vergangenheit ! 😎🏆