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1# Nota di Viaggio (Rites de Passage) von Meo Fusciuni

1# Nota di Viaggio (Rites de Passage) 2010

Meggi
10.03.2019 - 15:47 Uhr
32
Top Rezension
9Duft 8Haltbarkeit 6Sillage 7Flakon

Ein Engländer in Rom

„Ein Amerikaner in Paris“ ist eine Orchester-Komposition von George Gershwin, entstanden 1928 nach einem Paris-Aufenthalt (youtube.com/watch?v=zi0ENw-JlUI). Mir fiel der Titel des Stückes ein, weil mir nach dem Auftragen von 1# Nota di Viaggio der Gedanke kam, es mit einem Engländer in Rom zu tun zu haben. Einem ganz konkreten Engländer…

Ein bisschen was Frisches täuscht an, irgendwas Ätherisches, wie der Geruch eines Anis-Lollis vielleicht, Pfeffer reicht dafür nicht. Bevor ich Näheres herausfinden kann, walzt auf einem sich in Nullzeit ausrollenden Patchouli-Teppich ein Schwall Rosengeranie heran – mit einer Wucht, die ich nicht erwartet hatte und erst verarbeiten muss, ehe ich mich wieder der begleitenden Frische zuwenden kann. Ich denke diesbezüglich nun an Eukalyptus und das war auch die spontane (und eigenständige) Idee meiner Lieblingskollegin dazu. Pfeffer reicht dafür jedenfalls immer noch nicht. Außerdem dürften bissige Andeutungen von Eugenol, also etwas aus der Gewürznelken-Ecke, beteiligt sein. Stark.

Und für ein paar Minuten entführt mich dieses geranisch-eugenolische Geknarze zurück an die Columbia Road in London, wo ich mir im schnuckeligen Ladengeschäft von Angela Flanders ihren „Artillery No. 4 – Vetivert“ mitgenommen hatte. 1# erinnert mich vornean tatsächlich an den (allerdings einen Zacken bärbeißigeren) Londoner. Ein guter Duft, der es nicht verdient hat, auf Parfumo nur kärgliche zwei Besitzer zu haben.

Die verblüffende Ähnlichkeit schwindet sich indes rasch, als ein Schleier von Grün und von mildsüßer Frucht den Italiener abzufedern beginnt. Allenfalls ein Winzwinzwinz-Hauch von Käsefüßigkeit legt den Gedanken an die angegebene Bergamotte nahe; meines Erachtens passt sehr reife Mandarine besser. Egal, ist ohnehin bloß ein Anflug.

Bald helfen behutsame balsamische Noten, das Raue weiter zu bändigen. Eine ernsthafte Vanille mit karamelligem Einschlag, deren Schmelz auf mich außerordentlich italienisch wirkt. Ihre cremige Süße dämpft die schärfsten Kanten ab. Parallel dringt prägnantes Patchouli durch, erdig-säuerlich. Es wird in der Folgezeit zum vorherrschenden Aroma. Nicht als Widersacher; vielmehr bettet es das Kratzige und Würzige der Vorhut maßvoll in den eigenen Auftritt ein, um schließlich seinerseits der der neuen, dezent creme-gemilderten Linie zu folgen, ohne jedoch im Mindesten enteiert zu werden. Echte Souveränität zeigt sich hier im entspannten Miteinander. „So isses…“, flüstert augenzwinkernd die Vanille.

Und dann ist eine Weile Stillstand. Wenn la bella figura fertig ist, gilt es halt, das Erscheinungsbild zu wahren. Und selbiges ist von großer Eleganz: Kräftig-rauen Aspekten, denen sich unmittelbar auf der Haut nunmehr auch tiefdunkles, erdig-nussiges Vetiver(!) beigesellt hat, wird gerade eben die Spitze gebrochen von unserer Spur cremig-vanillig-karamelliger Süße sowie einem – ich bin mir dessen freilich nicht sicher – minimal-floralen Dreh.

Gegen Mittag werden die verbliebenen kratzigen Aromen zu einer Ahnung, die dennoch weiterhin gelegentlich unvermittelt die Nase umweht, während direkt auf der Haut eine balsamisch-vanillige Schicht deutlich überwiegt. Dunkel bleibt es, ernsthaft und erwachsen. Im Laufe des Nachmittags verblasst der Duft, ohne charakterlich an Profil einzubüßen. Erst auf seine alten Tage – sehr leise ist es geworden - setzt er der dezenten Creme schließlich einen relativen Vetiver-Schwerpunkt entgegen. Denkt da jemand aus der Ferne an London? Ich tu’s!

Vermutlich ließe bzw. lässt ein Londoner weitaus mehr Rom zu als ein Amerikaner Paris. Gershwins jazzig-schmissiges Stück entführt den unvoreingenommenen Hörer im Leben nicht nach Paris. Obwohl der Komponist den Reigen der Instrumente sogar um (angeblich original französische) Taxi-Tröten ergänzte, deren Aufgabe eine Art Hupkonzert ist, ist das Werk durch und durch amerikanisch geraten. Ich glaube, die können gar nicht anders. Der italienische Schmelz in 1# Nota di Viaggio „darf“ da wesentlich mehr, nämlich den Londoner Beitrag aus meiner persönlichen, kleinen Erinnerung komplett in Richtung Süden assimilieren.

Fazit: Mir gefällt der Duft sehr gut. Dass er zum Start eher markig als fein ist, tut der Eleganz erstaunlicherweise keinen Abbruch. Perfekt vor allem für dunklere Typen mit gepflegtem Drei-Tage-Bart. Ich muss mich da womöglich ein bisschen recken. Aber tolles Zeug. Nur die Orient-Geschichte drumherum sollten wir vergessen.

Ich bedanke mich bei Gerdi für die Probe.
19 Antworten
PlutoPluto vor 6 Jahren
Also ich schließ mich fast Palonera an, bin dunkel, aber ohne Bart. Darf ich auch? :o)
CaligariCaligari vor 6 Jahren
Danke für die würdige Würdigung. Habe vor ein paar Monaten ein Sharing dazu gemacht. War eine zähe Angelegenheit. Für mich unverständlich, da es ein sehr facettenreicher aber nicht hysterischer Duft ist.
PaloneraPalonera vor 6 Jahren
Hm. Ich bin nicht wirklich dunkel und habe auch keinen Drei-Tage-Bart. Darf ich trotzdem testen, ;-)?
MisterEMisterE vor 6 Jahren
Der könnte tatsächlich mal wieder etwas sein. Scheint viel drin zu sein, das ich mag
RobGordonRobGordon vor 6 Jahren
1
Ohne Käsefüßigkeit geht es wohl nicht gänzlich.;) Ich rieche in Schalen von Limetten immer Anflüge von Kokos. Für bissiges Eugenol greife ich gewöhnlich nicht gleich zum Rasierer. Dennoch endlich mal eine Serie, die nicht Papua-Neuguinea produziert wird. Klingt testenswürdig. Danke!
KylesaKylesa vor 6 Jahren
Tatsächlich habe ich hier eine Abfüllung! Die nun nach deinem tollen Kommentar endlich getestet werden möchte :-)
ErgoproxyErgoproxy vor 6 Jahren
Den fand ich super. ……...
ErnstheiterErnstheiter vor 6 Jahren
"Ein Franke in Mailand" - dieser Duft koennte mir auch gefallen.
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 6 Jahren
Ich frage mich gerade, wie die ernsthafte Vanille als Mensch ausgesehen hätte und ob ich den Duft auch als dunkler Typ mit Damenbart tragen könnte. Super Kommentar! Pokal für dich
TaurusTaurus vor 6 Jahren
Na, bei dem Duft passiert ja so einiges - also definitiv alles andere als langweilig :-)
KovexKovex vor 6 Jahren
Der Duft liest sich gut, der Kommentar dazu ganz hervorragend.
Can777Can777 vor 6 Jahren
Oh,ha! Du magst ihn!
GschpusiGschpusi vor 6 Jahren
Hm nä.... Geranien und Konsorten sind nicht meins.
GerdiGerdi vor 6 Jahren
Stimmt! Eukalyptus rieche ich auch. (Die Käsefüße lass mal stecken!)
Toll detailliertes Auseinanderfisseln des Duftes ist Dir da gelungen.
Das Parfum war im Supersommer 2018 bei über 30° oftmals meine Rettung!
GelisGelis vor 6 Jahren
Grapefruit und der groß geschriebene schwarze Pfeffer sind wohl verantwortlich für die Kratzigkeit, von der Du schreibst. Und die sagt mir, lass es.
YataganYatagan vor 6 Jahren
Ich fand den auch recht gut, aber nicht überragend.
DOCBEDOCBE vor 6 Jahren
1
Was du immer so ausgräbst ...
PureNeugierPureNeugier vor 6 Jahren
Du führst einen mit Deinen Duftbeschreibungen wirklich um die Welt, neulich Mailand, nun London und Rom...
Ich spar mir teuren Urlaub und Reise mit Deinen Kommentaren ;-)
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Du treibst aber auch immer Sachen auf :-) Schön und aufschlußreich beschrieben und der Duft könnte evtl. sogar was für mein Näschen sein.