28.07.2023 - 02:51 Uhr

Intersport
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37
Eden-Olympia
“Layers of dust and humidity formed strata in the soft air, through which the hotels of the Croisette trembled like uneasy spectres, a dream about to collapse into itself”*
Neben dem Pressetext erschien bei der Veröffentlichung von Riviera Verbena das Bild einer Landkarte, ein Ausschnitt der die französische Riviera von Osten nach Westen zeigt. In der Landkarte waren einige 'key player' von Riviera Verbena örtlich gekennzeichnet. Zitrone, Calone, Jasmin, Minze, Verbena und Thymian sind Stationen dieser 'Promenade Parfumée'. Eine gute Idee fand ich, sind viele Landschafts-Parfums geografisch entweder eher zu spezifisch oder wieder zu vague (ein IT Strand vs. eine ganze Stadt).
Super-Cannes (2000) gehört zum Spätwerk des britischen Autors J. G. Ballard. Das Buch spielt grossteils in 'Eden-Olympia' einem fiktiven, überhalb der Stadt Cannes angesiedelten High-Tech Business Park. Die akkuraten Zukunftsprognosen die Ballard seit den frühen 60'er Jahren zunehmend in sub-urbanen Geografien ansiedelt hat (gated communities, städtische non-spaces wie Baulücken, Hochhauskomplexe, Einkaufszentren oder Ferienanlagen) rund um Abgründe post-kapitalistischer Sozialgefüge sind oft Bühnen perfider Triebe, bizarrer, psychotherapeutisch verordneter Gewalt und Leben in quasi moral-freien Zonen eines neuen Europas.
Im Vorwort zu Super-Cannes nennt Ballard einige der existierenden Referenzen zu Eden-Olympia: der Industriepark Sophia Antipolis, oberhalb von Cannes, die Marina Baie des Anges zwischen Antibes und Nizza, oder die Pierre Cardin Foundation in Miramar. Rick Poynor's Essay 'Tracking the Locations of J.G. Ballard’s Super-Cannes' sei hier als hilfreiche Quelle empfohlen: https://tinyurl.com/36sjwj67
Eine Riviera, mehr eine Antwort auf ein Silicon Valley zwischen Pharmaindustrie und multinationalen Konzernen, als die 'alte Riviera' wie etwa aus Hitchcock's 'Über den Dächern von Nizza' (1955). Stainless steel, verspiegeltes Glas, manikürte Gärten, pedikürte Natur, Grünflächen mit Sprinkleranlagen, security guards, klimatisierte Interiors, frisch gechlorte Schwimmbäder, inszenierte Gewalt für die wohlhabenden, aber gelangweilten CEO's der Firmen die Eden-Olympia nutzen - das waren vielleicht nicht die Koordinaten die Patrizia de Nicolaï als Stationen ihrer 'Promenade Parfumée' vorsah - oder etwa doch? Mmd de Nicolaï hat es meiner Ansicht nach oft mal faustdick hinter den Ohren, ihre zuvorkommende, stets elegante und dabei sympathisch klassische, un-modische Art verleitet zu derartigen Spekulationen. Auch sind ihre Düfte gerne mehr als deren direkte Titel vermuten lassen. Ihr außergewöhnliches Vetyver (2004) das, trotz seines unschuldig anmutenden Namen, auch eine deutliche Ansage in Richtung der Guerlain'schen Verwandtschaft und patriarchaler Komplexe ist - ein wilder Duft, alles ausser einem puristischen, konventionellen Vetyver, oder ihr raffiniert symphonisches Patchouli Intense (2009): de Nicolaï's Düfte sind gerne komplexer, ausgetüftelter und mehrdeutiger, so auch Riviera Verbena.
Die namensgebenden Verbena, die hier am ehesten an ein Zitrone/Verbena Sorbet erinnert, ist hier lediglich einer von vielen Bestandteilen, so wie es einer von mehreren Einträgen in der de Nicolaï'schen Landkarte ist. Riviera Verbena ist ein volles Spektrum von Zitrus Schattierungen und Nuancen, ein Bouquet alter und neuer Sorten, Menton inklusive, Schalen, Saft, Blätter, eventuell auch ein paar Blüten: schon lange habe ich keinen dermassen vollmundigen Zitrus Akkord mehr erlebt, was wohl Patrizia de Nicolai's langjähriger Erfahrung geschuldet ist - hier ist nichts ist zu süss, zu bitter, oder fruchtig. Säure ist präsent (Cassis?), wirkt dabei aber nie künstlich, kurz, alles beeindruckend ausgewogene Proportionen. Die mir gerne mal zu liebliche Verbena komplementiert das ganze subtil, Zitronengras und Thymianspitzen schimmern durch, und, fast schon ungewöhnlich für de Nicolaï: Grapefruit, eine Note die die Parfumeurin häufig einsetzte (Eau Mixte, Eau de Sport, Eau de Yuzu …) kommt hier nicht vor. Untermauert wird alles von wiederum dezenten Dosen noch säuerlicher Rosenknospen, einem Hauch Minze sowie einer frisch-grünen Vetyver Note, die ich am ehesten neben der aus Sel du Vetiver (2006) setzten würde.
Diese Kombination in der Form durchaus noch in das Postkartenidyll der 'alten Riviera' passen, wäre da nicht noch die andere, dunkle Seite von Riviera Verbena die den Duft für mich perfekt komplementiert und wiedermal zeigt was für eine clevere Autorin Patrizia de Nicolaï sein kann.
“An almost drugged air floated across the lake, a rogue cloud that had drifted down the hillside, carrying the scent of office-freshener from a factory in Grasse.”*
Dass de Nicolaï 2022 keine Hemmungen hat Calone ohne weiteres als Bestandteil zu nennen, beweisst nochmals ihre Chuzpe, wissend, dass in der richtigen Dosierung, in erfahrenen aber immer noch experimentierfreudigen Händen, auch jeder noch so beladene Riechstoff den passenden Ton treffen kann: Alle Calone SkeptikerInnen wie Aficionados seien gewarnt: die faszinierend-nervigen gurkig-melonigen Aspekte die das Molekül schon mal im Schlepptau hat suche ich hier vergeblich, auch vermute ich dass weitere, modernere Riechstoffe im Spiel sind die dem Duft eine metallisch-schimmernde Aura verleihen, fast kalt und technizistisch, aber mehr Ahnung von einer frischen Meeresbrise gemischt mit einem Hauch Mistral, oder einer funktionell-industriellen Reiniger Note als plakative Umsetzung.
Diese Grenzwertigkeit ist letztendlich auch das außergewöhnliche an diesem Duft mit harmlos klingenden Namen: Riviera Verbena spielt durchgehend mit einer Natürlichkeit die gerne mit der Destination Riviera, mit ihrer so üppigen, von alpinen Ausläufern wie subtropischen Einflüssen geprägten Botanik, assoziiert wird. Dabei stets mit einer klaren Kante, die es als Produkt einer anderen, zeitgemäßeren, moderneren Riviera und ihren etwaigen Facetten wie in Ballard's Super-Cannes inszeniert.
Als ich Riviera Verbena zum ersten Mal gerochen habe musste ich schnell an François Demachy's tolles Eau Sauvage Cologne (2015) denken - das abgesehen von der Verwendung von Hedion - so ganz und gar nichts mit Dior's Meilenstein Eau von 1966 zu tun hat - und dennoch, wegen seiner präzisen, offen mit Synthetik flirtender Zitrik, einer meiner liebsten Demanchy's unter dessen Dior Anstellung bleibt: nur im längeren Vergleich zeigt sich nochmals Riviera Verbena's spektrale Tiefe und komplexere Struktur. Wie dem auch sei, gute Zitrusdüfte bilden immer mehr ein rare Spezies. Wie kann einem derart etablierten Genre Neues zugefügt werden? Trotz kommerzieller Beschränkungen hat Demanchy das auch selbst bei Platzhirschen wie Dior recht gut gemacht, Patricia de Nicolai mit Riviera Verbena aber noch weit raffinierter, kompromissloser und mehr Tiefgang. Vielleicht einer der schönsten Zitrusdüfte der letzten Jahre. Très moderne, très cool, et très Super-Cannes!
* J. G. Ballard, Super-Cannes, 2000
Neben dem Pressetext erschien bei der Veröffentlichung von Riviera Verbena das Bild einer Landkarte, ein Ausschnitt der die französische Riviera von Osten nach Westen zeigt. In der Landkarte waren einige 'key player' von Riviera Verbena örtlich gekennzeichnet. Zitrone, Calone, Jasmin, Minze, Verbena und Thymian sind Stationen dieser 'Promenade Parfumée'. Eine gute Idee fand ich, sind viele Landschafts-Parfums geografisch entweder eher zu spezifisch oder wieder zu vague (ein IT Strand vs. eine ganze Stadt).
Super-Cannes (2000) gehört zum Spätwerk des britischen Autors J. G. Ballard. Das Buch spielt grossteils in 'Eden-Olympia' einem fiktiven, überhalb der Stadt Cannes angesiedelten High-Tech Business Park. Die akkuraten Zukunftsprognosen die Ballard seit den frühen 60'er Jahren zunehmend in sub-urbanen Geografien ansiedelt hat (gated communities, städtische non-spaces wie Baulücken, Hochhauskomplexe, Einkaufszentren oder Ferienanlagen) rund um Abgründe post-kapitalistischer Sozialgefüge sind oft Bühnen perfider Triebe, bizarrer, psychotherapeutisch verordneter Gewalt und Leben in quasi moral-freien Zonen eines neuen Europas.
Im Vorwort zu Super-Cannes nennt Ballard einige der existierenden Referenzen zu Eden-Olympia: der Industriepark Sophia Antipolis, oberhalb von Cannes, die Marina Baie des Anges zwischen Antibes und Nizza, oder die Pierre Cardin Foundation in Miramar. Rick Poynor's Essay 'Tracking the Locations of J.G. Ballard’s Super-Cannes' sei hier als hilfreiche Quelle empfohlen: https://tinyurl.com/36sjwj67
Eine Riviera, mehr eine Antwort auf ein Silicon Valley zwischen Pharmaindustrie und multinationalen Konzernen, als die 'alte Riviera' wie etwa aus Hitchcock's 'Über den Dächern von Nizza' (1955). Stainless steel, verspiegeltes Glas, manikürte Gärten, pedikürte Natur, Grünflächen mit Sprinkleranlagen, security guards, klimatisierte Interiors, frisch gechlorte Schwimmbäder, inszenierte Gewalt für die wohlhabenden, aber gelangweilten CEO's der Firmen die Eden-Olympia nutzen - das waren vielleicht nicht die Koordinaten die Patrizia de Nicolaï als Stationen ihrer 'Promenade Parfumée' vorsah - oder etwa doch? Mmd de Nicolaï hat es meiner Ansicht nach oft mal faustdick hinter den Ohren, ihre zuvorkommende, stets elegante und dabei sympathisch klassische, un-modische Art verleitet zu derartigen Spekulationen. Auch sind ihre Düfte gerne mehr als deren direkte Titel vermuten lassen. Ihr außergewöhnliches Vetyver (2004) das, trotz seines unschuldig anmutenden Namen, auch eine deutliche Ansage in Richtung der Guerlain'schen Verwandtschaft und patriarchaler Komplexe ist - ein wilder Duft, alles ausser einem puristischen, konventionellen Vetyver, oder ihr raffiniert symphonisches Patchouli Intense (2009): de Nicolaï's Düfte sind gerne komplexer, ausgetüftelter und mehrdeutiger, so auch Riviera Verbena.
Die namensgebenden Verbena, die hier am ehesten an ein Zitrone/Verbena Sorbet erinnert, ist hier lediglich einer von vielen Bestandteilen, so wie es einer von mehreren Einträgen in der de Nicolaï'schen Landkarte ist. Riviera Verbena ist ein volles Spektrum von Zitrus Schattierungen und Nuancen, ein Bouquet alter und neuer Sorten, Menton inklusive, Schalen, Saft, Blätter, eventuell auch ein paar Blüten: schon lange habe ich keinen dermassen vollmundigen Zitrus Akkord mehr erlebt, was wohl Patrizia de Nicolai's langjähriger Erfahrung geschuldet ist - hier ist nichts ist zu süss, zu bitter, oder fruchtig. Säure ist präsent (Cassis?), wirkt dabei aber nie künstlich, kurz, alles beeindruckend ausgewogene Proportionen. Die mir gerne mal zu liebliche Verbena komplementiert das ganze subtil, Zitronengras und Thymianspitzen schimmern durch, und, fast schon ungewöhnlich für de Nicolaï: Grapefruit, eine Note die die Parfumeurin häufig einsetzte (Eau Mixte, Eau de Sport, Eau de Yuzu …) kommt hier nicht vor. Untermauert wird alles von wiederum dezenten Dosen noch säuerlicher Rosenknospen, einem Hauch Minze sowie einer frisch-grünen Vetyver Note, die ich am ehesten neben der aus Sel du Vetiver (2006) setzten würde.
Diese Kombination in der Form durchaus noch in das Postkartenidyll der 'alten Riviera' passen, wäre da nicht noch die andere, dunkle Seite von Riviera Verbena die den Duft für mich perfekt komplementiert und wiedermal zeigt was für eine clevere Autorin Patrizia de Nicolaï sein kann.
“An almost drugged air floated across the lake, a rogue cloud that had drifted down the hillside, carrying the scent of office-freshener from a factory in Grasse.”*
Dass de Nicolaï 2022 keine Hemmungen hat Calone ohne weiteres als Bestandteil zu nennen, beweisst nochmals ihre Chuzpe, wissend, dass in der richtigen Dosierung, in erfahrenen aber immer noch experimentierfreudigen Händen, auch jeder noch so beladene Riechstoff den passenden Ton treffen kann: Alle Calone SkeptikerInnen wie Aficionados seien gewarnt: die faszinierend-nervigen gurkig-melonigen Aspekte die das Molekül schon mal im Schlepptau hat suche ich hier vergeblich, auch vermute ich dass weitere, modernere Riechstoffe im Spiel sind die dem Duft eine metallisch-schimmernde Aura verleihen, fast kalt und technizistisch, aber mehr Ahnung von einer frischen Meeresbrise gemischt mit einem Hauch Mistral, oder einer funktionell-industriellen Reiniger Note als plakative Umsetzung.
Diese Grenzwertigkeit ist letztendlich auch das außergewöhnliche an diesem Duft mit harmlos klingenden Namen: Riviera Verbena spielt durchgehend mit einer Natürlichkeit die gerne mit der Destination Riviera, mit ihrer so üppigen, von alpinen Ausläufern wie subtropischen Einflüssen geprägten Botanik, assoziiert wird. Dabei stets mit einer klaren Kante, die es als Produkt einer anderen, zeitgemäßeren, moderneren Riviera und ihren etwaigen Facetten wie in Ballard's Super-Cannes inszeniert.
Als ich Riviera Verbena zum ersten Mal gerochen habe musste ich schnell an François Demachy's tolles Eau Sauvage Cologne (2015) denken - das abgesehen von der Verwendung von Hedion - so ganz und gar nichts mit Dior's Meilenstein Eau von 1966 zu tun hat - und dennoch, wegen seiner präzisen, offen mit Synthetik flirtender Zitrik, einer meiner liebsten Demanchy's unter dessen Dior Anstellung bleibt: nur im längeren Vergleich zeigt sich nochmals Riviera Verbena's spektrale Tiefe und komplexere Struktur. Wie dem auch sei, gute Zitrusdüfte bilden immer mehr ein rare Spezies. Wie kann einem derart etablierten Genre Neues zugefügt werden? Trotz kommerzieller Beschränkungen hat Demanchy das auch selbst bei Platzhirschen wie Dior recht gut gemacht, Patricia de Nicolai mit Riviera Verbena aber noch weit raffinierter, kompromissloser und mehr Tiefgang. Vielleicht einer der schönsten Zitrusdüfte der letzten Jahre. Très moderne, très cool, et très Super-Cannes!
* J. G. Ballard, Super-Cannes, 2000
Aktualisiert am 28.07.2023 - 04:35 Uhr
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Kopfnote
Zitrone
Zitronen-Petitgrain
Zitronengras
Krauseminze
Gras
Schwarze Johannisbeere
Thymian
Herznote
Eisenkraut
ägyptischer Jasmin Absolue
Calone
Rose
Basisnote
Vetiver
weißer Moschus
Patchouli







Axiomatic
SchatzSucher
Yatagan
Ergoproxy
Turandot
































