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Pour Homme (1978) (Eau de Toilette) von Van Cleef & Arpels

Pour Homme 1978 Eau de Toilette

Version von 1978
Siebenkäs
09.05.2020 - 06:08 Uhr
33
Top Rezension
9.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 8Flakon

Rio Negro

Im Verdrängen war er ganz gut.
Musste er auch sein. Bei fast allen großen Projekten,
die nach seinen Plänen realisiert worden waren,
hatte es Widerstand gegeben. Ob es Politiker waren,
Umweltschützer oder Unternehmer – irgendjemand
störte sich immer daran, dass er etwas baute,
das mit Veränderung verbunden war.
Veränderung im Sinne von Verbesserung, davon war er
fast immer überzeugt.
Er schaute in den Spiegel. Irgendwie sind die Bäder in
5-Sternehotels doch alle gleich, dachte er. Zumindest
in Brasilien.
Es war neun Uhr. Noch eine Stunde bis zur Pressekonferenz.
Vor ihm auf dem Marmorsims stand der Pour Homme-
Flakon. Witzig, dass ihm gestern Abend ausgerechnet
einer der Umweltaktivisten den Van Cleef & Arpels-Duft
geschenkt hatte. Er kannte ihn noch aus den 80ern,
hatte ihn aber irgendwie vergessen.
Sie waren in einem sehr guten Restaurant Essen gewesen.
Er hatte sich gewundert, wie locker und undogmatisch die
Vertreter vom N.I. waren. N.I. stand für Naturaleza Intacto.
Sie hatten ihm ruhig die Konsequenzen erklärt, die das
Projekt haben würde. Und er hatte ruhig zugehört.
Wie immer.
Meistens waren es Brücken, die er gebaut hatte,
oft sehr schwierige, aufwändige und mit Gefahren
verbundene Projekte. Hängebrücken, Doppelstock-
brücken, Bogenbrücken. Über den Kongo, den Nil,
den Brahmaputra, den Pilcomayo.
Brücken, die nur er bauen konnte. Das hatte nichts mit
Überheblichkeit zu tun. Es war nur eine Tatsache.
Aber dieses Projekt, zu dem er heute morgen seine
Erklärung auf der Pressekonferenz abzugeben hatte,
war ein bisschen anders. Ein gigantischer Staudamm
am Rio Negro. Ein Projekt, dass enorme Mengen an
sauberer Energie liefern würde. Aber auch ein großes
Stück Natur zerstören. Und vielen Menschen ihren
Lebensunterhalt nehmen könnte. Na ja, das mächtigste
und reichste Energieunternehmen Brasiliens würde schon
für sie sorgen.
Jetzt nahm der den schwarzen Flakon in die Hand und
gab sich ein paar kräftige Sprühstöße.
Ja, da war sie, die wunderbare Kopfnote, so wie er sie in
Erinnerung hatte. Mehr oder weniger jedenfalls.
Eine trockene Zitronennote, etwas abgehärtet durch
Wacholder und cool gemacht durch unbeirrbare
Lavendelfrische.
Er zog sich an. Weißes Hemd, Armani-Anzug. Keine
Krawatte. Er beschloss, später zu frühstücken. Nüchtern
war er am eloquentesten, schon immer.
Jetzt kam die unverwechselbare Gewürz-Symphonie, etwas
angenehme Bitterkeit durch raue Muskat und Salbei-Wärme,
ja, rau und warm zugleich, gute Eigenschaften für Macher,
dachte er. Er fläzte sich auf das Sofa seiner Suite und zappte
durch die TV-Kanäle. Schön entspannt bleiben.
Noch 30 Minuten bis zum Termin. Na ja, der Konferenzraum
des Hotels dürfte schon voll sein, die Bosse vom Strom-
konzern wollten der versammelten Presse noch einiges
über ihre neues Ökostrom-Programm für Großstädte
erzählen. Er wäre erst um 10.00 Uhr dran.
Und er würde keine Minute früher aufkreuzen. Eigentlich
würde er sie lieber ein bisschen warten lassen. Rockstars
machten das auch so.
Und jetzt begann der schönste Teil des Duftes. Es kam
im Grunde immer mehr zusammen – zu den Gewürzen
schlichen sich dunkle Blumentöne, selbstbewusst und
irgendwie unbeirrbar, Nelke, etwas strenge Rose.
Und dazu schattige Patchouli-Töne, trockene, fast staubige
Holznoten, ernst und irgendwie mutig. Begleitet von
einer gewisse sauberen, beige-farbenen, ruhigen
Seifigkeit, die zugleich unschuldig und erfahren wirkte.
Mit allen Wassern gewaschen.
Wie hatte er diese Parfum nur vergessen können.
Er ging ans Fenster und sah hinaus. Unten, sieben Stock-
werke tiefer, schoben sich die Autos durch die Straße.
Sein Blick wanderte höher, über die Dächer hinaus in
Richtung der Stadtgrenze, wo irgendwo die ungezähmte
Natur begann.
Noch 10 Minuten bis zur Konferenz.
Jetzt waren alle Elemente in einer gemeinsamen, einzig-
artigen Weichheit zusammengeflossen, balsamisch,
unerschrocken, sehr ruhig und gefasst.

Er trat an das Mikrofon.
Tak,tak, klopfte er mit dem Finger daran.
Die Saalanlage übertrug es deutlich.
Es war eine Angewohnheit, er machte das beinahe
instinktiv.
Fünfzig oder sechzig Gesichter schauten gespannt zu ihm.
Er ließ sie noch ein bisschen zappeln.
Er genoss diesen Moment immer.
Dann besann er sich auf seine Rede. Wie war noch mal
der Einstieg? Der Duft von Pour Homme kam als kleine
Wolke in seine Nase und sagte: Improvisiere mal wieder,
wie du es früher gemacht hast...
„Guten Morgen meine Damen und Herren“, sagte er und
suchte trotz des Gegenlichts einzelne Augenpaare. „Es wird
keinen Staudamm geben. Jedenfalls nicht mit mir.“

22 Antworten
UnchanedUnchaned vor 4 Jahren
Deine Texte sind immer wundervoll und der Duft hier auch!
FoxearFoxear vor 4 Jahren
Der Duft ist extraordinär.. Einer der ganz großen. Schöne Story hast du darum gewoben - Umwelt-Pokal!
JackoJacko vor 4 Jahren
Wow. Erzählkunst, die an Dichtheit kaum zu überbieten ist. Den Duft muss ich kennenlernen, er soll ähnlich dem Taylor Sandalwood sein..das wäre das was ich suche. Großer Kommentar, danke!
VerbenaVerbena vor 5 Jahren
Ich weiß schon, warum ich Deine Schreibe niemals mal eben so nebenbei überfliegen kann, sondern für ganz bestimmte Momente aufhebe... jedes Wort ein Genuss...
AolaniAolani vor 5 Jahren
Ich weiß nicht, wie Du das machst - Deine Worte fließen von einem zum anderen, so ruhig und getragen...und Du schaffst es, dicht zu erzählen...und spannend!
FloydFloyd vor 5 Jahren
1
Sehr schöne Rahmenhandlung, atmosphärisch dicht beschrieben. Schön!
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 5 Jahren
2
Tak, tak, klopfe ich und sage - einfach grandios! Pokal
PonyHütchenPonyHütchen vor 5 Jahren
Wie immer ein ganz fantastischer Kommentar!!
ToppineToppine vor 5 Jahren
Du scheinst sehr liebenswerte Protagonisten in deiner Umgebung zu haben (Tante, Choupette, Brückenbauer etc.). Glücklicher!
Kommentar ist fulminant, macht mich sprachlos (und dann noch Happy-End).
Helena1411Helena1411 vor 5 Jahren
Deine Kommentare sind kleine mit der Duftbeschreibung kunstvoll verwobene Geschichten, die immer wieder zu fesseln vermögen.
0815abc0815abc vor 5 Jahren
1
Ich mag Brückenbauer.Würzpokal.
ExUserExUser vor 5 Jahren
Ich freue mich immer sehr, wenn jemand einen meiner Lieblingsdüfte kommentiert.
Sehr gute Bewertung!
Rubikon66Rubikon66 vor 5 Jahren
1
Freut mich sehr, wenn einer meiner Lieblinge mal wieder ans Licht gebracht wird! Pokal.
Camey5000Camey5000 vor 5 Jahren
ja, ein genialer Kommentar mit genial viel Seife. Zum Ausrutschen.
SonnenwendeSonnenwende vor 5 Jahren
Ein genialer Kommentar und wieder einmal gefällt mir ganz besonders der Schluß. Auch hier wurde eine wesentliche Entscheidung getroffen (s. Vetiver - Creed ), die mir ausgesprochen sympathisch ist.
MonsieurTestMonsieurTest vor 5 Jahren
Schöne Geschichte über einen starken Auftritt - und solch kraftvollen Auftritt hat der alte schwarze Männerduft doch auch.
Und für Beide gilt wohl: Ein Finale, zu schön, um wahr zu sein.
Melisse2Melisse2 vor 5 Jahren
Gute Phantasiegeschichte verwoben mit der Duftbeschreibung.
SchatzSucherSchatzSucher vor 5 Jahren
1
Was für eine Erzählung... Ich hatte die Beteiligten förmlich vor Augen. Großartig! An den Duft kann ich mich nicht erinnern. Aber zu der Zeit wurden einige herausragende Düfte geschaffen, denen manche modernen Wässerchen nicht das Wasser reichen können. Und den Appell, den ich herauszulesen vermochte, kann ich ebenfalls unterschreiben.
FvSpeeFvSpee vor 5 Jahren
Die Geschichte wird leider ein Traum bleiben, aber der Duft ist wahrhaftig so schön! Amazonas-statt-Amazon-Pokal.
YataganYatagan vor 5 Jahren
Sagenhafte Story und darin eingegossen eine sehr starke Duftbeschreibung! Der Duft ist ein Titan! Hat mich nie wieder losgelassen, seit ich ihn das erste mal in den frühen 80ern getestet habe.
PollitaPollita vor 5 Jahren
Ich liebe diese Kommentare von Dir, wunderschön! Diesen Duft kenne ich leider noch nicht, klingt aber sehr fein.
ParmaParma vor 5 Jahren
1
Wie immer ein wunderbares Kleinod. Fein und genau. Genauso wie die sehr gelungene Duftbeschreibung.