Sie war die erste Parfumista, der ich in diesem Leben begegnet bin.
1987 war es, ich war gerade 19 geworden und sie nicht viel älter. Ich liebte Loulou, Senso, Estée Lauders "Private Collection" und noch ein paar Vergessene; sie trug Shalimar, Samsara, Youth Dew und alles, was laut war und krachte – betrat man ihre WG im Studentenwohnheim, konnte man schon vor der Tür mit Sicherheit sagen, ob sie anwesend war oder nicht. Ihre Duftschleier waren endlos, auf dem ganzen Campus gab es niemanden, der sie hätte überriechen können. Übersehen ging schon eher, auch wenn sie mit ihren einsfünfzig ausschließlich Absätze nicht unter acht Zentimetern trug und sich darauf schneller fortbewegte als ich mich in Turnschuhen – Italienerin halt, in Mailand geboren und in Venedig groß geworden. Sie hätte als Ornella Mutis kleine Schwester durchgehen können – doch wer immer so dumm oder dreist war, auf diese Ähnlichkeit hinzuweisen, wurde mit tödlicher Mißachtung gestraft. Eine zweite Oriana Fallaci wollte sie sein, die zwar nicht so schön war wie die andere O., aber dafür in ihrem intellektuellen Universum der am allerhellsten leuchtende Stern. Und es bestand überhaupt kein Zweifel daran, daß sie eines Tages ebenso hell strahlen würde.
Doch noch befanden wir uns in jener Zeit, in der ein abgebrochener Fingernagel oder eine Laufmasche zur Katastrophe mutieren konnten, in der ein kritisches Wort des Lieblingsprofessors oder der ein wenig zu lange Blick, den der Mann an ihrer Seite der kurvigen Blondine aus der Nachbar-WG schenkte, die Welt in ihren Grundfesten erschüttern konnten. In solchen Augenblicken konnte auch die beste Freundin nicht helfen, machten Pasta dick statt glücklich und ein Blumenstrauß vom falschen Verehrer alles nur noch schlimmer. Dann half nur noch jener merkwürdig metallische, fast schon stechende und überaus futuristisch anmutende Duft im schwarz-blau-silbern geringten Flacon, der ausschließlich an Tagen wie diesen zum Einsatz kam. Kühl an der Grenze zur Kälte, abweisend und zugleich seltsam anziehend hüllte er sie in eine Aura kompromißloser Autonomie, unberührbar und unverletzlich, ließ sie um mindestens zehn Zentimeter wachsen und hob ihr Kinn, bis sie stolz und ein wenig von oben herab auf all die Kleinigkeiten und Unwichtigkeiten des Lebens und des Liebens herabschaute, einen Hauch Ironie in den Augenwinkeln und Scarlett O'Haras berühmtes "Morgen ist auch noch ein Tag!" auf den Lippen. Hätte Yves Saint Laurent geahnt, daß er mit "Rive Gauche" ein Psychotherapeutikum zum Aufsprühen lanciert hatte, hätte er die Originalversion vermutlich patentieren lassen und jeder Verhunzung (sprich: Reformulierung) vorgebeugt. So aber...
Viele, sehr viele Jahre später zog auch bei mir ein Metallbehälter vom linken Ufer ein. Blind gekauft als Reminiszenz an jene Frau, deren Weg ich einige Jahre lang als Freundin und Vertraute begleiten durfte, bevor wir uns an einer Gabelung trennten. Abgeschwächt sind meine Erinnerungen, abgeschwächt ist auch der Duft in seiner heutigen Präsenz. Noch immer dominiert kühles Metall den Auftakt, schafft Distanz und vermittelt nahezu androgyne Eleganz, doch schon bald wird "Rive Gauche" durch hellpudrige Blütenlastigkeit gefälliger, sanfter, domestizierter fast. Nicht alltäglich und nicht für jeden Tag, heute wie damals nicht jedermanns Liebling und niemals verwechselbar – doch über sich selbst hinaus wachsen lassen wird "Rive Gauche" heute wohl niemanden mehr.
Habe ihn einst probiert, und ich weiß...ich war fas-zi-niert...doch ich hab gepennt, und ihn mir nicht gegönnt....Das bereue ich bis heut, hab mich aber trotzdem über Deinen Kommentar gefreut ;o)
ebenso pokal von mir :) hast mich in eine zeit versetzt, was habe ich diesen duft geliebt...und mich so als "dame" gefühlt mit meinen 15 jahren, herrlich :)
Das Vintage war wirklich ein Therapeutikum :-) Aber ich mag auch das Neue (und es gehört zu den wenigen, die ich sogar täglich tragen kann).... tolle Stimmung in deinem Kommi! :-)
Wow! Ihr zwei wart bestimmt ein cooles Gespann! :D Wäre ich ein Junge gewesen, hätte ich ein bisschen faszinierte Angst vor Euch gehabt. ich hatte auch so eine Freundin, ihr Duft war "Angel", obwohl sie eher ein Teufel war... Tolle Geschichte!
seltsam aber wahr:D