Düfte in Filmen und Serien N°16
Wer sich für Stanley Kubrick interessiert, wird sicherlich in all seinen Filmen eine gewisse verheimlichte und kodierte Rahmenerzählung anhand subtiler Hinweise bemerkt haben.
Sein letzter Film, Eyes Wide Shut aus dem Jahr 1999, sollte für Aufregung, Polarisierung und Unverständnis sorgen, ja sogar eine Welle von Verschwörungsvermutungen auslösen.
Nicht zuletzt deswegen, da der Filmmeister nur Tage nach der Studioaufführung seines verstörendes Werkes verstarb.
Der für den weltweiten Markt freigegebene Film wurde um mehr als zwanzig Minuten gekürzt, die rausgeschnittenen Szenen verschwanden bis heute spurlos.
Ich habe mir durch Zufall wieder dieses Vexierspiel angeschaut, nachdem ich minutiös nach Dufthinweisen im Netz recherchiert hatte.
Oh Wunder, im ersten Augenschein driftet der Film recht edel mondän ins Perverse über, doch exklusive Flakons werden nicht gezeigt.
Tatsächlich?
Nun, lediglich eine kleine Flasche von
Patchouli ist im Bad des Ehepaares Harford auszumachen, obwohl sie einen äußerst teuren Geschmack ausleben dürften in ihrem luxuriösen Appartement in Manhattan.
Doch ich greife zu weit vor.
Kubricks Versuche, den Skandalroman Traumnovelle von Arthur Schnitzler zu verfilmen, sollten über dreißig Jahre dauern, bis die endgültige Entscheidung fiel, jene Erzählung aus der k.u.k Opulenz Wiens ins 1990er New York zu verfrachten.
Es geht um eine scheinbar heile Welt eines gut situierten Ehepaars.
Bill Harford (Tom Cruise) ist ein erfolgreicher Arzt und betreibt eine recht exklusive Praxis für die Reichen der Stadt.
Sein Familienleben ist Bilderbuch gleich: eine reizende Ehefrau, Alice (Nicole Kidman), ein bezauberndes Töchterlein, edel eingerichtete und weiträumige Wohnung im teuren Manhattan, freundschaftliche Beziehungen zu einflußreichen Magnaten.
Und dennoch wird er subtil und leise ins Okkulte eingeladen.
Eine sonderbare Weihnachtsfeier wird den Anfang einer unheimlichen Reise für ihn bedeuten, er wird in einen goldenen Kreis der Erleuchteten eingeführt
Plötzlich bekommen all die schönen Lichter eine makabre Bedeutung, einflußreiche Menschen zeigen sich nur hinter elaborierten Masken.
Seine moralischen Koordinaten werden Sturm laufen, er wird mittels Demütigung, Hohn, Perversion und Gewaltandrohung initiiert.
War die anfängliche Weihnachtsfeier die blendende Fassade für die Schlafenden, wird eine düster ritualisierte Zeremonie in einem unheimlichen Herrenhaus die okkulte Seite der Erwachten zeigen.
Doch sollte all dieses große Schauspiel längst ein Teil von Bills Leben sein, er merkt es nur nicht.
Alice erzieht ihre Tochter gewinnmaximierend. Das Liebesleben des Ehepaares ist nur im Rausche von Cannabis erträglich. Beide Eheleute sind sich bereits in Gedanken untreu.
Auch in ihrer kleinen Welt wird ein Maskenball gefeiert.
Und hier kommt meine Recherche ins Spiel.
Während der gesamten Handlung legt Kubrick äußerst klug nuancierte Hinweise in Form von Zeitungsausschnitten aus.
In einer Szene verbringt Alice das Frühstück in der Küche mit ihrer Tochter und liest dabei Zeitung.
Anstelle von Butter wird Margarine der US-Marke I Can’t Believe It’s Not Butter! aufs Brot geschmiert.
Etwas also, das den Anschein erweckt echt zu sein und es nicht ist.
Und da endlich die erhofften Düfte!
In einer scheinbaren, weil nicht näher definierten Werbeanzeige werden drei Flakons gezeigt.
Und ein verdunkelter, nicht näher zu bestimmender Flakon.
Gut, Tiffany als New Yorker Hofjuwelier scheint schlüssig.
Doch das könnten genauso gut auch andere Marken sein.
Nein, hier ist der Name wichtig: Trueste. Der/die Ehrlichste, am ehrlichsten, komischerweise mit einem verfremdeten e am Ende.
Und das Markenemblem schlechthin: der uhrentragende Atlas.
Klar, der Duft ist damenhaft, blumig, elegant und erweitert das Repertoire des Hauses um einen weiteren Schmeichler.
Aber das ist nur die eine Seite der Maske.
Der andere dunkle Flakon steht für Vieles.
Wie könnte der Inhalt duften?
Im weihnachtlichen Glitzer Tiffany, im okkulten Abgrund ebendieser andere Duft?
Alice raucht gerne einen Joint, eine Cannabis-Note wäre wohl angebracht.
Auch trägt sie gerne Patchouli. Vielleicht eine modrig morbide Aura?
Während des Films fällt der Satz „sie hatte eine Rose im Mund“.
Etwa eine metallische Ausrichtung jener mysteriösen Blüte, ins Blutige gehend?
Und nicht zuletzt eine verwegene Eiweißnote.
Fertig wäre meine Vorstellung des okkulten Duftes.
Aber Kubrick überlässt es jedem, sich eine Vorstellung davon zu machen.
Ich habe bewußt eines der Kernthemen des Films nicht näher beleuchtet, die Schändung und Ausbeutung von Minderjährigen.
Ein jeder wird sofort die heutigen Bezüge erkennen.
Und vielleicht sollte man ganz besonders die letzte Szene des Films analysieren.
Kälter und schlafender kann das Grauen hier nicht übersehen werden.
Während die Tochter der Harfords einen gruseligen Pfad einschlagen wird, fällt der letzte Satz der mit weit geschlossenen Augen Alice wie eine mechanische Eismaschine.


Tiffany
Trueste
Axiomatic
Seinen letzten Film "Eyes wide shut" hab ich niemals komplett angesehen.
Dufter Blog. 😊
Dies hatte ich bisher möglichst tief verfolgt, aber gar nicht auf der Ebene von Gerüchen oder Parfums, sondern (hier eher wahrscheinlich langweilig wirkend), in der Tiefe der im Film gezeigten Schachstellungen und insbesondere der HAL Partie aus 2001, deren Grundlage zu einem unbedeutenden deutschen Schachspieler, der in dieser (auch in der Schachszene rezitierten) Partie überraschend genial richtig handelte...
Die für mich, dieses Jahr wiederendeckte Assoziation zu Düften, ist in der Betracht von Kubrick eine Erweiterung meines Respekts für Kubrick und Dir @Axiomatic sei dafür Dank,
Du hast mich als Follower...
Eyes Wide Shut ist recht verstörend...
Falls du die verschollenen 20 min irgendwo findest, bitte ich um Nachricht ohne zeitlichen Verzug❗️😉
Wer diesen Film mehr ergründen möchte, sollte die Handlungsübersicht der Vorlage "Traumnovelle" von Schnitzler auf Wikipedia lesen. Diese Novelle ist vergleichsweise einfacher strukturiert, auch wenn sie ebenfalls ein komplexes Vexierspiel über unerfüllte weibliche Erotik mit männlicher Reaktion darauf und zeitgenössischer Gesellschaftskritik im Sinne Freudscher Psychoanalyse ist. Für einen amerikanischen Film ist Eyes Wide Shut ungemein tiefgründig, was ich jetzt nicht negativ meine, sondern er schildert eigentlich die Ästhetik des zentraleuropäischen Symbolismus im ersten Jahrzehnt des 20 . Jahrhunderts, der vor allem in Paris und Wien morbide Blüten trieb - versetzt diese nervöse Problematik aber fast ein Jahrhundert weiter in den Big Apple. Was sagt uns das ? Dass sie 1999 dort angekommen ist ? Könnte sein. Patchouli war ebenfalls 1.H. 20 Jh der kokett verworfene Mode-Duft in Wien, in den 60ern und 70ern in Deutschland und 1999 in Ny?
https://youtu.be/be_36fuXatI?t=3412
So siehts aus, wenn ein Schwiegervater eingreift ;-)
Tom Cruise ist nicht unbedingt mein Lieblingsschauspieler, aber hier war er billiant.
Deine Analyse ist super und sehr interessant!
schöne Düfte sind's ja ☺️
Ob ich es nochmal mit einem der genannten Düften versuchen soll?