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Firsts Blog
vor 8 Jahren - 14.02.2017
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Was ist Wahrheit? Von der Unschärfe eigener Erinnerungen.

Gestern hatte ich ein Aha-Erlebnis, vielmehr erst Aha-, dann Oho- und dann Wieso-Erlebnis. Ich möchte Euch davon berichten, weil ich mir vorstellen kann, dass es einigen von Euch schon ähnlich gegangen ist:

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich MMMM... von Juliette has a Gun getestet. Dieser Duft erinnerte mich adhoc an ein Parfum, das ich früher mal hatte. Ich empfand diesen Duft als so ähnlich, dass ich mich kurz gefragt hatte, ob es der gleiche wäre. Da MMMM... aber sehr neu war, konnte das nicht sein und zudem nahm MMMM... einen anderen Duftverlauf als das Parfum in meiner Erinnerung.

Ich habe dann hier öffentlich bei Parfumo gerätselt, welcher Duft mein Referenzduft von früher gewesen sein könnte.

Ich erinnerte folgende Dinge:

- Flakon sehr klein, teils satiniert, farblos, durchsichtig und mit Relief

- Assoziation: Cacharel

- Assoziation: Farbe Lindgrün in der Umverpackung

Da ich bei meiner Suche nach einem solchen Flakon von Cacharel mit passender Umverpackung keinen Erfolg hatte, bat ich die Community um Ideen. Ich bekam auch viel Unterstützung und meinte zweimal, eventuell den Flakon gefunden zu haben, einmal war es ein kleiner Flakon vintage Vanderbilt und einmal Versace Blonde. Ich besorgte sie mir beide, aber als ich sie roch, stellte ich fest, dass sie es nicht waren. Auch alle anderen aufmerksamen Vorschläge führten mich nicht zum gesuchten Duft. So stellte ich das Rätsel zurück.

Gestern Abend holte ich mal wieder meine Sammlung ungetesteter Pröbchen heraus und fuhr zu meiner Freundin. Wie schon so manches Mal testeten wir begeistert drauflos. Mein zweiter Test war eine Probe Lou Lou Blue. Und - welch' Offenbarung: Da war er, mein Referenzduft! Ich roch an meinem Handgelenk und wusste plötzlich, dass es genau dieser Duft war, den ich kannte, und den ich gesucht hatte. Ich hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt, irgendwann per Zufall doch noch auf ihn zu stoßen. Aha!

Aber dann kam auch schon das Oho: Mir war, obwohl ich wusste, dass es der gesuchte Duft war, schon gleich klar, dass er mit dem MMMM... wirklich nur das extrem Pudrige und den Charakter dieses Puders gemein hat. Das ist wirklich in meiner Nase sehr ähnlich. Aber Lou Lou Blue duftet da deutlich nach Geißblatt wo MMMM... Tuberose und Jasmin hat. Na, gut, Sandel und Iris haben sie noch gemeinsam, aber ansonsten - meine Erinnerung war nur teilweise korrekt. Diese spezielle Art Puder, Iris, Sandel, etwas Fruchtiges in der Kopfnote, das stimmt grob, aber so hundertprozentig gleich wie in meiner Erinnerung sind Lou Lou Blue und MMMM... auch in der Anfangsphase nicht.

Zum Abgleich meiner anderen Erinnerungen:

- Der Flakon ist schlicht falsch zugeordnet. Ich hatte definitiv einen solchen satinierten, kleinen Flakon mit Relief, das ist klar. Aber da war nicht der erinnerte Duft drin (sondern vermutlich L'Air du Temps).

- Assoziation Cacharel: 100% richtig erinnert. Verrückterweise hatte ich an dieser Erinnerung im Vorfeld am meisten gezweifelt.

- Assoziation lindgrüne Umverpackung: Naja, da stimmt nur die grobe Richtung. Die Umverpackung ist so ein blasses, grünliches Blau oder Türkis, ähnlich der Farbe des Flakons.

Was sagt mir das jetzt über mein (Duft-)Gedächtnis? Inwieweit kann ich meinen Erinnerungen trauen? Welchen meiner Erinnerungen kann ich trauen?

Wie verwirrend! Es war ja insgesamt nichts ganz falsch erinnert, vollkommen falsch war nur die Zuordnung des Duftes zu dem satinierten Flakon.

Aber dennoch - wie finde ich heraus, ob eine Erinnerung die ich habe, so hundertprozentig stimmt wie Cacharel oder nur grob wie Lindgrün oder die Ähnlichkeit des Duftes?

Ich wusste es schon lange theoretisch aus der Psychologie und Kriminologie: Man muss Zeugen sofort befragen, schon wenige Stunden später sind die Erinnerungen durch unbewusste Annahmen, Interpretationen und Interaktionen mit Menschen verfälscht. Auch wenn ich mich damit tröste, dass es bei mir nicht nur wenige Stunden, sondern wohl an die 20 Jahre her ist, dass ich Lou Lou Blue besaß - nun habe ich dieses Phänomen eindrucksvoll am eigenen Leib erfahren.

Wo spiegelt mir mein Gedächtnis wohl noch überall nur unscharf die Wahrheit wider, ohne dass ich es merke?

In den meisten Fällen muss die Antwort wohl offen bleiben.

Aber Eines ist immerhin geklärt: MMMM... erinnerte mich an Lou Lou Blue. Und sie sind wirklich auf gewisse Art ähnlich.

Rätsel gelöst.

13 Antworten
ZoraZora vor 8 Jahren
Sehr interessanter Beitrag. Aber Du hast ihn doch noch gefunden, Glückwunsch. Unsere Wahrnehmungen und Erinnerungen spielen uns sehr oft einen Streich, nicht nur bei Düften:).
JumiJumi vor 8 Jahren
Aha - hast also den gesuchten Duft gefunden :) Estaunlich und interessant wie unsere Erinnerungen durch die Zeit manchmal verzerrt werden. Dabei haetten wir alle schwoeren koennen, dass es damals so und nicht anders war :D
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 8 Jahren
Hast du ihn endlich gefunden den gesuchten Duft :)) ... hab ich gern gelesen deinen Blog :)
TerraTerra vor 8 Jahren
Ein interessanter Blog - es ist mir auch schon häufig passiert, dass ich in meiner Erinnerung ziemlich viel durcheinander gebracht habe. Und die Frage bleibt: wie sehr können wir unserer Erinnerung trauen ;)?
RoninRonin vor 8 Jahren
Deinen Blog habe ich sehr gerne gelesen. Danke! Da die olfaktorische Wahrnehmung noch viel stärker emotional geprägt ist als die mit Ohr oder Auge, ist es nicht verwunderlich, wenn im Vergleich zu den erwähnten Zeugenaussagen Riecherinnerungen noch stärker von der Realität abweichen. Anders kann ich mir auch nicht die Vergötterung des eingestellten, harmlosen Davidoff-"Relax" erklären (oder die ewige Reformulierungslitanei). :-P
FirstFirst vor 8 Jahren
@Geschpusi: Welcher "andere Cacharelduft"? Es war ein und derselbe, nämlich Lou Lou Blue. Das war der, den ich meinte, der, an den mich MMMM...in Kopf- und Herznote erinnerte.
GschpusiGschpusi vor 8 Jahren
Schmunzel... manchmal geht es mir auch so.
Allerdings hätte ich niemals einen "Duft-Zusammenhang" zwischen Lou Lou Blue und dem anderen Cacharel-Duft vermutet. Die duften ja völlig unterschiedlich und MMMM ist eher fruchtig-oudig. :)
Jetzt hast mich allerdings stark ins Grübeln gebracht, ob auch meine Wahrnehmung bzw. Erinnerung wirklich immer stimmen. Man denkt immer, aaaaaaah das riecht oder schmeckt genau wie früher das oder das. Dann riecht oder schmeckt man es und schwupp...denkste Puppe!
Ineke89Ineke89 vor 8 Jahren
Schön geschrieben. :) Das habe ich auch schon gehört, mit der Vorgehensweise der Zeugenbefragung. Daher nehme ich, wenn ich einen Duft teste, gleich einen Bleistift und schreibe Name und Bewertungspunktzahl auf den Teststreifen. So kann ich immer wissen wie mein Ersteindruck war. Später lasse ich noch Duftverlauf in die abschließende Wertung mit einfließen. Manchen Düfte brauchen ja ein paar Minuten und sich zu offenbaren.
ShamisShamis vor 8 Jahren
Spannend zu lesen. Kommt ja auch manchmal vor, dass zwei sich über ein gemeinsames Erlebnis unterhalten und plötzlich über ein nebensächliches Detail streiten. Weil es einfach unvorstellbar ist, dass Erinnerungen "falsch" gespeichert werden.
LilienfeldLilienfeld vor 8 Jahren
Mir sagt da-> Du solltest unbedingt noch Eden versuchen:D
TIA1971TIA1971 vor 8 Jahren
Schön, dass Du dem "Geheimnis" auf die Spur gekommen bist...ich habe aber gerne mitgeraten ;-D
Ja Du hast recht, das mit den Erinnerungen z.B. bei Zeugenaussagen, kann ich sehr oft beruflich bedingt nachlesen...wie unterschiedlich die Wahrnehmungen zu ein und dem selben Vorfall sind, ist schon erstaunlich...
SinioerkelSinioerkel vor 8 Jahren
Schön, dass Du des Rätsels Lösung gefunden hast. Sonst gibt der Kopf oft keine Ruhe. Das Phänomen der Erinnerungen und den damit einhergehenden Trübungen ist wohl auch ein Grund, warum wir von vielen alten Düften, deren Produktion eingestellt wurde, nicht lassen können. Ein schöner Blogbericht rund um unser Lieblingsthema :-) Danke Dir !
ChanniChanni vor 8 Jahren
Das ist eine sehr eindrucksvolle Darstellung des Problems! Eine ähnliche Baustelle hat mich zu parfumo geführt (hab es noch nicht raus...). Noch gar nicht berührt hast Du die Wahrheitsverbiegung, die sich Menschen erlauben, um ihre Fehler zu bemänteln. Selbstkritisch zu bleiben ist vielleicht die einzige Waffe dagegen. Auf der anderen Seite ist unser Gehirn eben keine Festplatte - wer weiß wozu es gut ist!?

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