Login

Mon Guerlain (Eau de Parfum) von Guerlain

Mon Guerlain 2017 Eau de Parfum

Ronin
14.02.2018 - 06:46 Uhr
Top Rezension
8Duft 7Haltbarkeit 7Sillage 7Flakon

"Tragen würde ich das Zeug auch nicht. Aber der Akkord ist genial!" (O-Ton Mark Buxton, könnte auch auf "Mon Guerlain" gemünzt sein) (Meine Highlights 2017 1/3)

Unter den drei Düften, die mich 2017 am meisten beeindruckt haben, ist auch "Mon Guerlain". Überraschenderweise. Ich mag keine Gourmands. Desweiteren sagt mir meine Erfahrung: Vorsicht bei rosa eingefärbten Parfums und - egal ob rosa eingefärbt oder nicht - bei solchen von Thierry Wasser, an guten Tagen akribischer Restaurator von Parfummeilensteinen, an schlechten der Richard Clayderman unter den Parfumeuren. Aber "Mon Guerlain" - obwohl ein rosa Gourmand von Thierry Wasser - ist richtig gut gemacht und gefällt sogar mir. Also, nicht an mir, aber an der schönsten Nase von allen.

Sehr gelungen finde ich, wie klar die Idee hinter dem Duft erkennbar ist, die sauber, ohne Kompromisse und Fehler, umgesetzt wurde. Hier wurde ein Gourmandduft kreiert, der eben nicht einfach nur eine generische Mischung bereits erfolgreich am Markt lancierter Düfte ist. Sondern es sollte erkennbar ein Guerlain sein: die typische Guerlain-Vanille, leicht rauchig und weich. Ein schöner Lavendel im Auftakt. Möglicherweise hat sich Thierry Wasser die "Jicky"-Formel angeschaut und - sehr modern - alles gestrichen, was nicht benötigt wurde. Übrig blieb der Dreiklang Lavendel, Jasmin und Vanille. Der Rest ist Beiwerk: eine Spur Bergamotte kitzelt die Frische des Lavendels hervor. Coumarin rundet die Vanille ab.
Spannend finde ich die Jasminnote: die hat nun so gar nichts mit der fleischigen, indolischen in "Jicky" gemein, sondern erinnert frappierend an den hyperrealistischen Jasmin in "Le Jardin de Monsieur Li". Mit hyperrealistisch (wir können gerne diskutieren, ob 'impressionistisch' auch passend sein könnte) meine ich, dass hier nicht nur der Duft des Jasmins, sondern die Atmosphäre eingefangen wird: blühende Jasminbüsche in strahlendem Sonnenschein. Das Strahlende, Leuchtende wurde von Jean-Claude Ellena bei "Le Jardin de Monsieur Li" unter anderem durch eine hohe Hedion-Zugabe erreicht. Gleichzeitig wurde das Üppige und Animalische zurück genommen. Bei "Mon Guerlain" ist in der Pyramide Paradisone angegeben, eine besonders hohe und potente Hedion-Qualität. Und so wird auch hier der Jasminakkord aufgelockert und zum Strahlen gebracht. Das ist meines Erachtens sehr wichtig für dieses Parfum, ansonsten wäre es bereits zu breit und dumpf für das, was jetzt noch passiert: der gesamte Duft wird mit einer dicken Schicht Ethylmaltol-Puderzucker bestreut. Ist ja schließlich ein Gourmand. Ohne das Strahlende des Jasmins wäre nach der Puderzuckeraktion "Mon Guerlain" viel zu klebrig und dicht. Ohne Luft. So ist der Duft allerdings bei aller Süße trotzdem in sich stimmig, ausgewogen und macht nicht müde beim Riechen.

Nichtsdestotrotz stellt sich die Frage, ob es sich Thierry Wasser mit diesem Zuckerzusatz nicht etwas einfach gemacht hat, um eine beliebige Beliebtheit zu erreichen. Nicht umsonst wird Jean-Claude Ellena zitiert mit “It’s easy to add sugar!”. Hier könnte Monsieur Wasser aber zurecht einwenden, dass die Kritik an Ethylmaltol darauf beruhe, dass damit vermeintlich nur Düfte erschafft werden könnten, denen die Spannung fehle, auch bei häufigem Tragen interessant zu bleiben. Das gilt für "Mon Guerlain" trotz dessen großzügiger Verwendung nicht: dank dem Kontrast der klar abgegrenzten Noten und der Balance aus Strahlkraft und (heftiger) Süße bleibt dieses Parfum spannend, wie die schönste Nase von allen - wahrlich kein Gourmandfan - auch nach Monaten des Testens bezeugen kann. Desweiteren richtet es sich nun einmal primär an die Generation Cupcake, für die "Angel" schon immer da war, irgendwie normal und keineswegs eine kariöse Attacke der Nasenschleimhaut.

Ein Aspekt gefällt mir an "Mon Guerlain" besonders, der doppelte Spagat zwischen Mode, Moderne und Tradition: ein Duft,
der den aktuellen Quietschsüßgourmandtrend mustergültig bedient,
der - mit seiner Reduktion auf das Wesentliche und Herausarbeiten von Kontrasten - eine sehr moderne Formensprache wählt und
auch einen Bezug zu den klassischen Guerlains herstellt.

Das tut der ganzen Marke gut, denn entweder waren Wassers Guerlaindüfte bisher modisch oder passten zu den Klassikern des Hauses, nie beides. Modern waren sie eigentlich nie. Weiter so, Monsieur Wasser!
Aktualisiert am 09.03.2018 - 14:08 Uhr
23 Antworten
SciaScia vor 6 Jahren
Ohhh man, schreibst Du tolle Kommentare! :)
RoninRonin vor 8 Jahren
*kreisch* Sabsi, halt! Der Duft zitiert "Jicky" oder nimmt halt einfach Bezug zur Guerlaintradition, ist aber ein quietschsüßer Gourmand und maximal weit entfernt von Zibet! Konzeptionell stark, handwerklich sauber, aber in rosa Zuckerwatte. Sorry, wenn ich mit meinem Beziehungsgeflecht-Spinnen Erwartungen wecke, die nie und nimmer erfüllt werden können!
SabsiSabsi vor 8 Jahren
Toller Kommentar! Rosa und quietschsüß schreckt mich. Doch die beschriebene Nähe zu Jicky mit Verschlankung lockt mich. Doppelter Spagat und Puderzucker hat wohl nichts mit Tanzmariechen zu tun?
Merkliste. Uff. Danke.
RoninRonin vor 8 Jahren
Hallo, danke für die ganzen Antworten! Bezüglich der unterschiedlichen Wahrnehmung des Lavendels: in der Projektion ist er präsenter als in direkter Hautnähe (und ist sehr sillagestark); weiterhin ist es ein - sehr blütiger und nicht so krautiger Lavendel. Damit eher wie in "Esquel", "Lavambra", "Memoir Man" und nicht wie z.B. in den Klassikern von Guerlain oder Caron.
IziaIzia vor 8 Jahren
Modern und das Beste von Guerlain ist aber die La-petite-robe-noire-Reihe. Die rettet die Marke in der heutigen Zeit. Da hat Monsieur Wasser ausnahmsweise eine gute Duftidee gehabt. Bei allen Flankern. Der Rest, und da zählt Mon Guerlain auch dazu, ist leider typisch altbacken, verstaubt und unmodern. Bei einem solchen Parfümeur sehr schade, denn er kann es auch besser, wenn er will ;-)
RivegaucheRivegauche vor 8 Jahren
1
Das Ganze "Paket" ist perfekt geschnürt worden, bin auch positiv überrascht. Ganz toller Kommentar.
OhdeberlinOhdeberlin vor 8 Jahren
Gerne gelesen, danke
DerailroadedDerailroaded vor 8 Jahren
Das ist tatsächlich die Sache mit dem doppelten Spagat, die ich an dem Duft reizvoll finde!
LilauLilau vor 8 Jahren
Du hast es perfekt auf den Punkt gebracht! Toller Kommentar von dir, den
ich sehr gern gelesen hab.....
MeggiMeggi vor 8 Jahren
Ich bleibe trotz des feinen Textes ebenfalls zurückhaltend.
0815abc0815abc vor 8 Jahren
Ein schöner Kommentar.Ich finde Mon Guerlain an Tagen mit vielen schönen Gedanken ,ganz und gar wunderbar.
LovisLovis vor 8 Jahren
Schöner Kommi, ich fand ihn allerdings recht langweilig-platt-süß.
ErgoproxyErgoproxy vor 8 Jahren
Ich fand den solide im positiven Sinn.
RosaviolaRosaviola vor 8 Jahren
Ein schöner Kommentar, der die positiven Seiten des Duftes beschreibt und doch Kritik am Duft zulässt. Schön ist er, doch an die alten Klassiker wird wohl kein neuer Guerlain mehr rann kommen. "Dünne" Duftpyramiden sind zur Zeit leider in.
YataganYatagan vor 8 Jahren
Der Verweis auf Jicky ist sehr interessant, gelungen und vielleicht zielführend, aber was mich gerade in diesem Kontext stört, ist die geringe Präsenz des Lavendel. Hätte man diesen stärker betont, wäre die Parallele zu Mouchoir de Monsieur und Jicky offensichtlicher und überdies wäre der Duft eleganter, zeitloser, wie ich meine. So bleibt die trendige Gourmandnote im Kopf. Auch mir gefällt allerdings der Duft gar nicht schlecht (7.0).
GelisGelis vor 8 Jahren
Kann Ttfortwo zustimmen, was sachliche und begeisterte Würdigung von ‚Mon Guerlain’ deinerseits angeht. Sehr gern gelesen. Ich finde MG sehr schön. Der Lavendel ist genial eingefangen (vor allem nicht metallisch), den Jasmin könnte ich nicht besser beschreiben ebenso wie die schmeichende Vanille und den darüber gestäubten „Puderzucker“, der niemanden ünerzuckert.
TurandotTurandot vor 8 Jahren
Dein Kommentar hat mich ins Grübeln gebracht. Aber nein - ich kann mit den Düften von T.Wasser trotzdem nicht. Ich suche immer Vertrautes und bin meistens enttäuscht. Bleibt mir nur ein lieber Gruß an die schönste Nase von allen.
BlauemausBlauemaus vor 8 Jahren
Ich finde ihn einfach nur pappsüss. Die Bergamotte ist hier zu säuerlich und vom Lavendel rieche ich auch nicht viel. Für mich der schlechteste Guerlain.
BlaumilchBlaumilch vor 8 Jahren
Das ist ja gemein: An schlechten Tagen der Richard Clayderman unter den Parfumeuren! Habe allerdings sehr gelacht!
TtfortwoTtfortwo vor 8 Jahren
Das ist eine ebenso sachliche wie doch begeisterte Würdigung eines Duftes, den ich auch nach einigen Versuchen immer noch nicht mag und über den ich vermutlich nur hergezogen wäre, hätte ich einen Kommentar zu schreiben gehabt. Das gilt auch für Deine Einordnung der Arbeit TWs für G (Richard Clayderman? - Ich hätte eine Schublade tiefer gegriffen und gleich das Gespenst André Rieu rausgepfriemelt *lach!*. Wobei: Das hat TW nun wirklich nicht verdient.) .
PlutoPluto vor 8 Jahren
Hm, nun merke ich ihn mir doch mal :o) Wenn er dir gefällt..... Mittlerweile mag ich auch einige gourmandige Düfte, vor denen ich vor Parfumo einen großen Bogen geschlagen hätte...
CocineraCocinera vor 8 Jahren
Sehr schöne Beschreibung des Duftes. Kann ich absolut nachvollziehen!
Ramona60Ramona60 vor 8 Jahren
Hat mir Freude bereitet Deine Sätze zu lesen.