Hier sollte ich Gertrude Stein und ihren Rosen-Aphorismus ruhen lassen, denn diese Schöpfung erzählt eine andere Geschichte.
Eine Rose sicherlich, wenn auch eine zeitgenössische Auffassung derselben und nicht als geschlossen anzusehen.
Vielleicht ergibt ein Gleichnis ein etwas einfacheres Verständnis.
Dazu bemühe ich die Berliner Fasanenstraße.
Wäre besagte Meile eine geschlossene Stadterfahrung, so würde man sagen können: ja siehe da, die Fasanenstraße ist ein Sinnbild für das gehobene Bürgertum der Hauptstadt. Das ist die gute Stube Berlins, kann kommen, was wolle. Punkt.
Stimmt es?
Nun, der Wandel der Zeit setzte der einstigen Prachtmeile arg zu. Zeugnisse respektvollen Umgangs fielen der Barberei zum Opfer, andere überdauerten. Mitunter mischte sich auch das schnöde Wirtschaften mit entsprechender Architektur unter die Bauruinen nach dem Krieg, ganz zu schweigen von der monotonen Gestaltung akademischer Lehrstätten im nördlichen Verlauf.
Jetzt wird einem klar, dass hier kein Aphorismus mehr die gute Stube als solche beschreiben kann.
Eine Rose ist eine Rose ist keine Rose.
Zisch!
Hier bahnt sich eine schöne Petitgrain-Note den Weg in die Nase. Sie fällt merklich herber aus als gewohnte Kölnisch Wasser Referenzen. Vielleicht wurde hier der Gehalt an Zweigen des Bitterorange erhöht. Nicht stechend, sehr zart und liebkosend.
Wie ein sanftes Lächeln.
Die Begrüßung wird wärmer, sinnlicher.
Osmanthus in dunklem Ockerton vereinigt sich mit, so meine ich zu riechen, schwarzem Kardamom. Jene Sorte also, die herber und leicht körperlich gefärbt ist.
Es ist dieser erwartungsvolle Blick, die verführerischen Augen, das Verlangen. Bleib doch stehen!
Ein kurzer Augenblick, dann verflüchtigen sich Osmanthus und Kardamom.
Man hält inne und möchte die Rose ansprechen.
Doch diese Rose möchte respektvoll begehrt werden, sie zeugt von gehobener Liebeskunst.
Ohne Hast und Eile schlendert sie elegant weiter. Mit gewisser Kühle dreht sie sich verstohlen um. Ihre dunkelrote Pracht wird einem langsam bewußt.
Komme mir nicht zu nah! Warte, laß mir Zeit!
So ein betörendes Umwerben gehörte, wie oft literarisch eingefangen, zum festen Bestandteil des vornehmen Westens der Hauptstadt. Ein Lächeln, ein Blick, ja ein stilvolles Zurückweisen konnten das Flanieren am Kurfürstendamm und der Fasanenstraße zu einem spannenden Erlebnis gestalten.
Doch der Duft bleibt nicht in der Zeit stehen. Er zitiert zwar Gewesenes in alter Pracht, entwickelt sich aber zeitgenössisch weiter.
Auf einer holzigen Basis samt gut verbauter Synthetik fußt er.
Hier wird klar, dass die Rose nicht mehr die enge Korsage, das sittsame Kleid und das schwarze Halsband mit Kamee-Brosche benötigt. Auch keine befreite Taille, den Bubikopf und gerade Linien. Und sicherlich auch keinen Dreiteiler und Monokel samt Panama-Hut.
Diese Rose kann heute alles tragen, der Kleidungsstil ist zweitrangig. Sie sollte aber gemocht werden, das ist ihre grundsätzliche Bedingung.
Vetiver und Myrrhe machen einem klar, dass hier andere Möglichkeiten des Werbens Einzug hielten. Etwas nüchterner, im Vergleich rauer. Das Kodierte wird langsam überflüssig, man weiß um die Absicht Bescheid und Zeit soll nicht groß verschwendet werden.
Dieses machen auch die Holz-Synthetik und das Ambroxan deutlich.
Flanieren? Wozu? Heute verlässt man sich auf die Algorithmen im Netz. Kurzes Verabreden, klare Vorstellung, keine zu großen Illusionen.
Und dennoch weht ein Hauch Wehmut und Verletzlichkeit dieser Rose mit.
Sie weiß um die überdauerten Schätze vergangener Zeiten. Nicht mehr als Einheit, so doch vereinzelt erfahrbar auf der Fasanenstraße.
Das Theater, das Literaturcafé, die prächtigen Bauten im südlichen Verlauf.
Etwas läßt sie sich nicht nehmen und zeigt es stolz: Einer Rose begegnet man mit Respekt!
Und so kokettiert sie verschmitzt die Fasanenstraße entlang.
Sehr gerne gelesen!
(Ursprünglich wegen eines Interviews mit Lutz Herrmann neugierig geworden.)
Scheint eine interessante Variation des Themas "Rose" zu sein.
Deine schöne Beschreibung war Anlass, den Duft gestern zu testen. Die Rose klar, nicht verspielt im Zusammenspiel mit Vetiver macht ihn zu einem Duft, der sich abhebt von gängigen Mustern. Den Fasanenstrassenvergleich kann ich gut nachvollziehen. Von dieser leicht unterkühlten Schönheit war ich sofort eingenommen und schon steht er in meiner Sammlung, gekauft ein paar Straßen weiter im Berliner Westen … Danke dafür :-)
Sehr schön analysiert und vergleichend beschrieben.
So ne Rezensionen könnt man ja im Literaturhaus vortragen
(zum Beispiel in dem schicken in der Fasanenstrasse... wobei der Duft wohl auch aufs Sommerfest in den Garten am Literarischen Colloquium am Wannsee sehr gut passen dürfte...).
Grundsätzlich tue ich mir mit Rosendüften schwer, aber deine Worte sind so elegant, die Beschreibung so stilvoll, dass es sich wohl schon wieder fast lohnen würde dieser Rose mal zu begegnen...evtl in der Fasanenstraße, so denn ich mal nach Berlin komme...
Schlendere als Berliner eher selten in Charlottenburg-Wilmersdorf herum. Musste grad gut schmunzeln. Rose kann ich grad nicht mehr riechen, bin ich (momentan) durch. Mit der Berliner Manufaktur hatte ich bislang wenig zu schaffen. Den 20|20 fand ick gloob janz jut.
Rosendüfte sind do vielfältig, dass ich mir trotz Deiner präzisen Beschreibung einen eigenen Eindruck werde verschaffen müssen. Die Neugierde ist jedenfalls geweckt.
In Berlin kenn ick mir ja nich aus, aber ich glaube das einfach mal. Bei dem Duft bleibe ich aber mal bei eine Rose ist eine Rose ist eine Rose und halte Abstand...
Danke für diesen wundervollen Kommentar, hier handelt es sich offenbar nicht um einen Rosenduft "von der Stange", sondern ein Gesamtkunstwerk.
Ich liebe Rosendüfte und werde ihn bei Gelegenheit testen und bin jetzt schon gespannt, ob ich mit dieser Schönheit warm werde......!
Sehr feinfühlige Duftbeschreibung -und den Bezug, den du zwischen Duft (und auch letztlich der Marke) zur Fasanenstraße bzw. dem alten Berliner Westen, herstellst, find‘ ich
klasse, um nicht zu sagen knorke. Rosenduft hat ja tatsächlich oft auch so etwas bitter-vergängliches an sich. Berliner Bärenpokal mit frischen Rosen für dich!
Wer so behandelt wird wie hier die Rose, der muss einfach gut duften! Wirklich toll beschrieben von Dir! So kokett wie die Rose, so charmant die Rezension!
Wundervoller Kommentar. Ich mag Rosen ja sehr gerne. Doch hier war ich geschockt über eine Synthieholz-Note, die mir den Duft leider direkt verleidet. Schade...
Schöner Kommentar mit einer sehr schönen Hommage an eine spannende und vielschichtige Stadt bzw. einen ebensolchen Stadtteil derselben.
Und der Duft erscheint mir auch sehr schön.
Ich lese Deine Rezensionen einfach wahnsinnig gerne und lass mich charmant fabuliert durch Stile, Jahrzehnte und Epochen kutschieren. Ja, es gibt sie ... diese besonderen Rosen ...
Um es mit Gertrude Stein zu sagen: Ein "There" wird es für mich an diesem Rosigen Ort nicht geben, auch wenn ich eine Schrift mit dem Wort dort platziere ;-) Grandiose Rezension wieder!
Anhand Deiner Beschreibung kann ich mir den Duft einigermaßen vorstellen, und da ich es anscheinend mit Rosen habe, werd ich den wohl Mal testen müssen 🙂. Danke & Humpen !
Ganz wundervoll hast Du diesen Duft wieder beschrieben. Leider tue ich mir mit Rosen oft schwer. Das klappt nur selten. Und bei Ambroxan sag ich dann endgültig tschüss. Trotzdem hänge ich an Deinen feinen Zeilen.
(Ursprünglich wegen eines Interviews mit Lutz Herrmann neugierig geworden.)
Scheint eine interessante Variation des Themas "Rose" zu sein.
So ne Rezensionen könnt man ja im Literaturhaus vortragen
(zum Beispiel in dem schicken in der Fasanenstrasse... wobei der Duft wohl auch aufs Sommerfest in den Garten am Literarischen Colloquium am Wannsee sehr gut passen dürfte...).
Ich liebe Rosendüfte und werde ihn bei Gelegenheit testen und bin jetzt schon gespannt, ob ich mit dieser Schönheit warm werde......!
klasse, um nicht zu sagen knorke. Rosenduft hat ja tatsächlich oft auch so etwas bitter-vergängliches an sich. Berliner Bärenpokal mit frischen Rosen für dich!
Und der Duft erscheint mir auch sehr schön.