Unkommentierte Düfte No. 84
Ich hätte niemals gedacht, dass ich einen Kommentar zu einem Olympic Orchids Artisan-Duft schreiben würde, was wieder einmal zeigt, dass man nie nie sagen soll, auch wenn das mindestens seit einem gewissen Bond-Film (es gibt da auch noch einen Romanhelden neben dieser Duftmarke) eine Binsenweißheit ist.
Olympic Orchids Artisan hat derart viele untragbare Düfte fabriziert, dass es fast schon an Kunst grenzt. Ich bin wirklich nicht zimperlich in Bezug auf "Untragbares" (vgl. meine Kommentare zu diversen abseitigen Düften), aber bisher traf man bei OOA, sagen wir es einfach ganz schlicht und im Sinne eines Euphemismus, nicht meinen Geschmack.
Dieser Holzfäller dagegen trifft mich mit seiner Axt mitten auf die Stirn. Das sitzt! Ich bin nicht nur von diesem außerordentlich tollen Mix aus Holztönen begeistert, die dich mitten in ein finnisches Sägewerk versetzen, sondern auch über diese außerordentlich authentische harzige Note und damit ist nicht dieses Mastix-Harz, diese Labdanum-Note gemeint, sondern eben jenes Harz, das sich in ganz stinknormalen mitteleuropäischen Baumstämmen befindet und das heraus kommt, wenn man sie entzwei sägt. Wer schon mal in seinem Garten einen Baum fällen musste, - und ich fälle eigentlich grundsätzlich keine Bäume, es sei denn der Sturm legt sie um, bei uns wuchert alles, - der weiß, was ich meine: diese kleinen Tröpfchen, die auf der Schnittseite des Holzes funkeln, können einen unglaublich intensiven Duft verströmen, insbesondere, wenn es sich um Nadelhölzer handelt.
Der Duftakzent, der oben mit karamellisierenden Noten beschrieben wird (Karamell, verbrannter Zucker) ist bei Woodcut nicht als Gourmand-Note bedeutsam, sondern transportiert hier auch nur den Geruch von Verbranntem, der Holz eben eigen ist, den man nur mit diesem Rohstoff verbindet, beim Lagerfeuer, in meinem Kamin, wenn Holz vor sich hin kokelt. So verstehe ich dieses Verbrannte-Zucker-Ding eher im Sinne von "dienlich" denn als eigene Note. Außerdem sorgt es natürlich dafür, dass der Duft nicht nur rauchig-herb-bitter daher kommt, sondern sich der wuchtige Holzgeruch in eine gefällige, letztlich harmonische Gesamtidee einfügt.
Dabei bleibt Woodcut immer der sperrigen Idee des rauchigen Holzes verbunden, wie man es früher wohl bei der Herstellung von Fässern, die ja geflammt wurden, kannte. Mein Urgroßvater war Küfer. Ist mir das alles deshalb so sympathisch?
Der Titel wurde übrigens einem Roman von Thomas Bernhard entlehnt. Natürlich ist Holzfällen zunächst mal einfach nur eine schlichte Tätigkeit, und zwar eine, mit der man keine negativen oder positiven Konnotationen verbinden muss. Der Roman Holzfällen aber transportiert einen Bewusstseinsstrom, der eine so außerordentlich negative Grundstimmung präsentiert, eine so große Abscheu vor dem Beobachteten (eine Abendgesellschaft, die der zunehmend betrunken werdende Ich-Erzähler voller Ekel kommentiert), dass der Gesamteindruck ins Komische kippt, ganz typisch übrigens für die Erzählweise Thomas Bernhards. Tatsächlich ist auch dieser Duft so überzogen in seiner harten, herben, harzigen Holzigkeit, dass sie trotz aller Wucht, trotz des Axthiebes, der dich mitten auf die Stirn trifft, schon wieder schön ist. Wirklich ist das sogar Schönheit im engeren Sinn.
Abschließend bleibt zu sagen, dass mich der Duft, wäre ich dieses Jahr wie in einigen Jahren zuvor live in Wacken dabei, dorthin hätte begleiten können. Der Duft ist hervorragend geeignet für Metal: hart, sperrig, spaltender Stahl. Im Grunde bin ich angesichts des Wetters ganz dankbar, dass ich dieses Jahr nicht dort bin. Ich werde langsam zu alt für Sintfluten im Zelt. Für diesen Duft, der so plakativ wie klassischer Heavy Metal ist, bin ich m.E. nicht zu alt. Er könnte auf die Wunschliste rutschen und mich nächstes Jahr nach Wacken begleiten.