09.01.2025 - 08:37 Uhr

Marieposa
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Marieposa
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43
Am Wendekreis des Steinbocks
„Und jetzt verschwinde und lass dich hier so schnell nicht mehr blicken, du schäbige Klippenratte!“, polterte der Steinbock schnaubend, als er mit preschenden Hufen aus vollem Galopp abbremste und unmittelbar vor dem Eingang seiner Höhle zum Stehen kam.
Ich rollte mit den Augen. Das kleine braune Nagetier war längst hinter die Felsen gewuselt. Außerdem wusste ich genau, dass es nur wenig Sinn hatte, etwas zu sagen, wenn er in dieser Laune war.
„Da muss sich ja keiner wundern, wenn die Mangos faulig werden! Und du brauchst hier gar nicht so zu tun, als hättest du nichts bemerkt. Da liegen schon wieder diese Kötel vor der Haustür, außerdem hat jemand in den Mulch gepieselt.“
Hätte ich nicht geahnt, was als Nächstes kommen würde, hätte mir das irre Leuchten in seinen gelben Augen beinahe Angst einjagen können. Doch so unterdrücke ich ein spöttisches Lächeln und sagte so ernst wie möglich: „Ist schon gut. Ich sehe gleich nach, ob die Mangos angeknabbert sind“, machte aber keine Anstalten aufzustehen, sondern lehnte den Kopf seelenruhig an den Berg aus Tuberosen.
Der Steinbock erhob sich auf die Hinterhufe, griff nach einem Besen, der am Höhleneingang lehnte, und begann, mit manischer Besessenheit zu fegen, während ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie sich ein plüschiges Gesichtchen mit Knopfaugen und schwarz glänzender Schnauze hinter den in der prallen Sonne zu einem Turm aufgeschichteten Mangos hervorschob.
Vielleicht wurde der Schliefer langsam, aber sicher wirklich ein bisschen unverschämt.
Ich seufzte und fügte eine Handvoll angewelkte Tuberosenblüten zu einem Strauß zusammen. Dann machte ich ein paar verwegene Schritte auf den Steinbock zu, nahm ihm den Besen aus der Hand und presste zwei Finger mit sanftem Druck auf diese Stelle zwischen seinen Augen. Seine Nüstern begannen sanft zu zittern und er reckte die ledrigen Lippen nach den Tuberosen, die ich ein wenig mit dem Besenstiel gequetscht hatte.
„Weißt du, wenn sich die Nacht über den Urwald senkt und die Flughunde in den Frangipanibäumen singen, wird all das hier keine so große Rolle mehr spielen.“
Meine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und der Steinbock knuffte mich leicht, als er versuchte, seinen Kopf mit den mahlenden Kiefern in meine Armbeuge zu schmiegen. Ich dagegen tastete unvermittelt nach meinem Ohr, um zu überprüfen, ob die rote Champakablüte darüber noch an Ort und Stelle saß.
„Wenn du willst, darfst du Henry zu mir sagen“, nuschelte der Steinbock verlegen. Und ich seufzte ein zweites Mal.
Du bist echt schräg, Henry, dachte ich, aber ich mag dich.
**
Dr. Ellen Covey ist Neurobiologin und hat eine Professur am psychologischen Institut der University of Washington inne, außerdem hat sie sich der professionellen Zucht von Orchideen verschrieben und stellt in Handarbeit unter dem Motto „extraordinary perfumes for extraordinary people“ Düfte aus größtenteils natürlichen Rohstoffen her, was meiner Meinung nach bei aller Vielseitigkeit ihres Spektrums eigentlich nichts anderes ist, als die logisch konsequente Verbindung ihrer Interessensgebiete.
Außergewöhnlich sind Ellen Covey Düfte, die ich bisher kennenlernen durfte, übrigens durch die Bank – und Tropic of Capricorn bildet da als Fruity-Floral der besonderen Art keine Ausnahme: Eine schwüle Mischung aus Tuberose, Frangipani und Champaka setzt neue Standards für die Bezeichnung „indolisch“, während überreife Mango und Hyraceum recht unverklärt für tropische Akzente sorgen.
Meine Liebe zu matschiger Mango und versteinerten Klippschlieferköteln ist normalerweise etwas unterentwickelt, aber zusammen mit der Wucht der Blüten entfaltet sich hier eine völlig surreale, aber schier unwiderstehliche Mischung, der ich mich nicht entziehen kann und will. Im Verlauf wird der Duft milder, aber nicht unbedingt zahmer. Osmanthus steuert ledrige Facetten bei und sorgt dafür, dass sich die animalischen Noten über den Verlauf potenzieren, bevor der Duft in einer köstlichen Sandel-Benzoe-Basis ausklingt.
Tropic of Capricorn ist kein Leisetreter und polarisiert heftig, weshalb sich sparsame Dosierung empfiehlt. Die Haltbarkeit ist nicht nur für einen Naturduft überdurchschnittlich.
Ich rollte mit den Augen. Das kleine braune Nagetier war längst hinter die Felsen gewuselt. Außerdem wusste ich genau, dass es nur wenig Sinn hatte, etwas zu sagen, wenn er in dieser Laune war.
„Da muss sich ja keiner wundern, wenn die Mangos faulig werden! Und du brauchst hier gar nicht so zu tun, als hättest du nichts bemerkt. Da liegen schon wieder diese Kötel vor der Haustür, außerdem hat jemand in den Mulch gepieselt.“
Hätte ich nicht geahnt, was als Nächstes kommen würde, hätte mir das irre Leuchten in seinen gelben Augen beinahe Angst einjagen können. Doch so unterdrücke ich ein spöttisches Lächeln und sagte so ernst wie möglich: „Ist schon gut. Ich sehe gleich nach, ob die Mangos angeknabbert sind“, machte aber keine Anstalten aufzustehen, sondern lehnte den Kopf seelenruhig an den Berg aus Tuberosen.
Der Steinbock erhob sich auf die Hinterhufe, griff nach einem Besen, der am Höhleneingang lehnte, und begann, mit manischer Besessenheit zu fegen, während ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie sich ein plüschiges Gesichtchen mit Knopfaugen und schwarz glänzender Schnauze hinter den in der prallen Sonne zu einem Turm aufgeschichteten Mangos hervorschob.
Vielleicht wurde der Schliefer langsam, aber sicher wirklich ein bisschen unverschämt.
Ich seufzte und fügte eine Handvoll angewelkte Tuberosenblüten zu einem Strauß zusammen. Dann machte ich ein paar verwegene Schritte auf den Steinbock zu, nahm ihm den Besen aus der Hand und presste zwei Finger mit sanftem Druck auf diese Stelle zwischen seinen Augen. Seine Nüstern begannen sanft zu zittern und er reckte die ledrigen Lippen nach den Tuberosen, die ich ein wenig mit dem Besenstiel gequetscht hatte.
„Weißt du, wenn sich die Nacht über den Urwald senkt und die Flughunde in den Frangipanibäumen singen, wird all das hier keine so große Rolle mehr spielen.“
Meine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und der Steinbock knuffte mich leicht, als er versuchte, seinen Kopf mit den mahlenden Kiefern in meine Armbeuge zu schmiegen. Ich dagegen tastete unvermittelt nach meinem Ohr, um zu überprüfen, ob die rote Champakablüte darüber noch an Ort und Stelle saß.
„Wenn du willst, darfst du Henry zu mir sagen“, nuschelte der Steinbock verlegen. Und ich seufzte ein zweites Mal.
Du bist echt schräg, Henry, dachte ich, aber ich mag dich.
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Dr. Ellen Covey ist Neurobiologin und hat eine Professur am psychologischen Institut der University of Washington inne, außerdem hat sie sich der professionellen Zucht von Orchideen verschrieben und stellt in Handarbeit unter dem Motto „extraordinary perfumes for extraordinary people“ Düfte aus größtenteils natürlichen Rohstoffen her, was meiner Meinung nach bei aller Vielseitigkeit ihres Spektrums eigentlich nichts anderes ist, als die logisch konsequente Verbindung ihrer Interessensgebiete.
Außergewöhnlich sind Ellen Covey Düfte, die ich bisher kennenlernen durfte, übrigens durch die Bank – und Tropic of Capricorn bildet da als Fruity-Floral der besonderen Art keine Ausnahme: Eine schwüle Mischung aus Tuberose, Frangipani und Champaka setzt neue Standards für die Bezeichnung „indolisch“, während überreife Mango und Hyraceum recht unverklärt für tropische Akzente sorgen.
Meine Liebe zu matschiger Mango und versteinerten Klippschlieferköteln ist normalerweise etwas unterentwickelt, aber zusammen mit der Wucht der Blüten entfaltet sich hier eine völlig surreale, aber schier unwiderstehliche Mischung, der ich mich nicht entziehen kann und will. Im Verlauf wird der Duft milder, aber nicht unbedingt zahmer. Osmanthus steuert ledrige Facetten bei und sorgt dafür, dass sich die animalischen Noten über den Verlauf potenzieren, bevor der Duft in einer köstlichen Sandel-Benzoe-Basis ausklingt.
Tropic of Capricorn ist kein Leisetreter und polarisiert heftig, weshalb sich sparsame Dosierung empfiehlt. Die Haltbarkeit ist nicht nur für einen Naturduft überdurchschnittlich.
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