Seit Jahrzehnten versorgt ein gewisser Vincenzo Andronaco in mittlerweile diversen Filialen (oder besser Lagerhallen) zwischen Köln und Lübeck die italienische Gemeinde hierzulande – sowie alle anderen Sehnsüchtigen – in enormer Breite mit einschlägigen Kulinarien. Die Dependance in Hamburg-Bahrenfeld liegt nahe einer meiner abendlichen Routen nach Hause. Kein Problem also, da hinzufahren und mal schnell ‘ne Pulle „Chinotto“ zu beschaffen, eine Limonade, die ihre Bezeichnung nach der gleichnamigen Orangensorte trägt.
Etwas ganz anderes ist es allerdings, nach einem Familien-Spaziergang durch Mailand, kundig geführt von einem lieben Mit-Parfumo, gemeinsam noch ein Weilchen in einem kleinen Lokal zu sitzen und DORT eine Chinotto-Limonade zu trinken. Ein solcher Ach-die-Kinder-müssen-jetzt-nicht-ins-Bett-Abend in südlichen Gefilden gehört zu den erhebenderen elterlichen Erlebnissen.
Entsprechend emotionsbeladen hatte ich das Erscheinen des neuen Vertreters aus der Blu-Mediterraneo-Reihe verfolgt und einzig terminliche Fragen verzögerten das Besorgen eines Pröbchens.
Der Auftakt erfüllt alle Hoffnungen trefflich. Zwar kenne ich besagte Bitterorange nur aus dem Getränk, aber ich glaube sofort und willig an die Namens-Patin desselben: Köstlich bittere Orange von dunkelfruchtiger Opulenz, gestützt von einem Jasmin, der trotz Bemerkbarkeit sowohl seines strengen als auch seines sinnlichen Aspekts heute den Steigbügelhalter macht.
Leider vergeht die voluminöse Orange binnen einer Viertelstunde zu einem Bonbönchen. Ihre Helferin schaut sich zunächst verwundert um, bevor sie alsbald ebenfalls gen Hintergrund entschleicht. Es übernimmt eine erstaunlich würzige, herbe, geradezu ernsthafte Schicht: erbsig-grün, metallisch (Rosmarin!). Ein Anflug von Rasen- oder Hecken-Schnitt kommt mir in den Sinn, am späteren Vormittag herb-cremiges Grün an der Schwelle zum Frisiersalon. Letzteres wird für überraschend viele Stunden zu einer Art heimlicher Leitlinie, denn bis in den Nachmittag hinein begleitet mich eine Andeutung von zitrus-betupfter Seifigkeit, wie sie zuweilen mit Neroli in Verbindung stehen kann und die zudem Frau Jasmin nicht gänzlich fremd ist.
Das ist durchaus gediegen und ein eleganter Duft, in dieser verblüffend langen, stabilen Phase prima insbesondere für den Herrn im lässigen Sommer-Anzug vorstellbar. Bloß erwarte ich derlei nicht unter dem Titel ‚Chinotto di Liguria‘. Was dessen Einlösung betrifft, bietet der Duft ein bisschen zu wenig. Wie so manches Mal bei AdP ist die erste Viertelstunde zum Niederknien, ehe der Zauber allzu rasch verfliegt. Schade. Ein unschön gealtertes Pröbchen kann ich ausschließen. Immerhin ist das Werk noch recht neu und mein Tester stammte oregenol vom AdP-Stand im Alsterhaus.
Ob der Duft sich gleichermaßen per Spaziergang etwa durch Mailand aufpimpen ließe?
Es klingt trotzdem so, als würde sich das Ausprobieren lohnen.
Schon allein, um die "blaue Stunde" in Mailand etwas in Erinnerung zu bringen und wenn auch nur für Minuten zu zelebrieren.
Ich finde fast alle "Blu Mediterraneo"-Duefte von Acqua di Parma in der Kopfnote sehr gut gemacht. Leider kann aber keiner ueber mehrere Stunden die geweckten hohen Erwartungen erfuellen.
Hm! Ich denke, den will ich auch mal testen. Klingt insgesamt ganz gut. Auch wenn Du natürlich Recht hast, was die Namensgebung angeht. Andronaco kenne ich auch. Der „hiesige“ ist in der Halskestrasse. Eine zeitlang waren wir regelmäßig da. Im Bahrenfelder war uch einmal vor vielen Jahren.
"...die erste viertel Stunde zum niederknien", ja das geht mir nicht nur bei den AdP´s so, sondern leider bei den meisten Sommerdüften. Und wenn ich bis zu meinem letzten Atemzug suche.....
Schon allein, um die "blaue Stunde" in Mailand etwas in Erinnerung zu bringen und wenn auch nur für Minuten zu zelebrieren.