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#704 Wild Hunt/Forest von CB I Hate Perfume

#704 Wild Hunt/Forest 2007

Meggi
15.07.2018 - 15:01 Uhr
26
Top Rezension
7Duft 7Haltbarkeit 6Sillage 7Flakon

Nächtliche Jagd von Tartu nach Tallinn

‚Wild Hunt‘ und ‚Forest‘ – offenbar sind für den Duft gleich zwei Bezeichnungen geläufig. Was liegt nun (jedenfalls für einen Freund abseitiger Einleitungen) näher, als die Begriffe textlich zu verknüpfen und eine wilde Jagd durch einen Wald als Einstieg zu bemühen? Zumal sich auf der Hersteller-Seite, wo der Duft übrigens allein unter ‚Wild Hunt‘ spaziert, beim Klick auf „The Story“ ein leeres Feld öffnet…. Da springe ich natürlich gern in die Bresche!

Estland, im Oktober 1994: Nach einem Besuch in Tartu begaben sich drei deutsche Studenten in einem uralten, geborgten Schiguli (= Lada) auf den Rückweg nach Tallinn, am Steuer der Chronist. Schlappe 200 Kilometer – kein Problem, oder? Zwar war die Straße, obwohl Verbindung zwischen den beiden größten Städten des Landes, zuweilen eher eine Piste, aber den Hinweg hatten wir schließlich heil absolviert.

Allerdings im Hellen. Nun war es bereits dunkel und die tranfunzeligen Lämpchen des Gefährts erhellten den Weg, der über weite Strecken unbeleuchtet durch die Wälder führte, nur unzureichend. Keine Chance, dort Hindernisse wie größere Schlaglöcher oder Äste rechtzeitig zu erkennen, unsere Geschwindigkeit schmolz dann auf die eines Dauerläufers.

Irgendwann erschienen Lichter im Rückspiegel, ein Wagen schloss rasch auf und überholte uns in geradezu wahnwitzigem Tempo. Eine Sicherungslokomotive! Mit praktisch durchgetretenem Gaspedal bin ich hinterhergeheizt, bis wir besser illuminierte Regionen erreichten. Schweißtreibend.

Vom Wald hatten wir seinerzeit verständlicherweise wenig mitbekommen. Na und? Das eben war ja auch eine abseitige Einleitung.

Und damit endlich zum Duft. Es riecht tatsächlich wie ein verrottender Haufen Laub. Ich wende oben eine Lage davon, darunter hat sich eine weiße Schicht von Pilzen angesiedelt, deren Geruch mir, sacht emporgehoben von entweichender Zersetzungs-Wärme, ebenfalls in die Nase steigt.

Dieses Blattwerk hatte definitiv am Baum den Weg vom Grün zum Braun hinter sich gebracht. Nix „heat of a summer afternoon“, wie es beim Hersteller unter „The Scent“ heißt - die Passage überarbeite ich gerne direkt mit… Das hier ist ein Haufen herabgefallenen Laubes im fortschreitenden Herbst. Es ist noch nicht richtig kalt, bloß die Nächte sind frisch. Und heute früh, an einem Morgen, der Beginn eines trüben Herbsttags zu sein verspricht, kondensiert der Atem in der umgebenden Luft.

Fleißige Würmer, Insekten und Mikroben haben in den vergangenen Wochen beharrlich daran gearbeitet, die ausgedienten Blätter wieder in Ursprüngliches zu verwandeln, am Boden des Haufens verwischt schon die Grenze zwischen Blättern, Kompost, Humus und Erde.

Apropos Pilze: Gewisse Parallelen zu #215 CBMUSK aus demselben Hause drängen sich auf, der roch phasenweise ähnlich - als hätten sich Pilze auf einem gemütlich vor sich hin verwitternden Baumstamm eingerichtet.

Das war’s im Wesentlichen. Die breit gefächerte Palette von Angaben hin oder her, ich bleibe ganz überwiegend, stundenlang, bei einem Haufen modernder Blätter. Ein bisschen milder und ansatz-cremiger wird es später, die Nähe zu #215 nimmt im Laufe des Tages zu. Zumindest scheint es mir so, ich hatte keine Lust, das ärgerliche Geschwist vergleichenderweise erneut zu benutzen. Wichtigster Unterschied ist die Anmutung von feuchter Erde bzw. halt Kompost im vorliegenden Fall. Und auch die verabschiedet sich während des Nachmittags. Ein Fragment eines moschushaft-bepilzten Etwas bleibt, dem nach hinten raus zudem eine Spur süßlich-zuckriger Nadelholzigkeit innewohnt. Abends ist der Duft nahezu rückstandslos verschwunden.

Fazit: #704 Wild Hunt ist ziemlich lebensecht; keineswegs unappetitlich, allemal für ein Land-Ei wie mich. Lustig für Garten-Freunde. Nur kein Parfüm im engeren Sinne, sondern schlichtweg ein Geruch. Das eine Thema getroffen – und damit das andere verfehlt.

Ich bedanke mich bei Bartholomeo für die Probe.
22 Antworten
FirstFirst vor 7 Jahren
Schonwieder Pilze? Hmm, seltsame Häufung. Bist Du sicher, dass bei Dir in den Nasen-Nebenhöhlen alles o.k. ist? ;-)
AventurinAventurin vor 7 Jahren
Huch, den Kommentar habe ich glatt übersehen. Du und deine Abenteuer, einfach famos. Deine Waldtour könnte auch ein Erlebnis der Drei Fragezeichen sein. Hat was.
KellnerKellner vor 7 Jahren
Walddüfte mag ich gerne, z. B. "Behind the rain" oder "Im tiefen Wald" von divergent (Den ich heute zu Ehren Deines Kommentars trage). Aber nach Deinem Kommentar beschleicht mich das Gefühl, dass es auch ein "zuviel" gibt.
Wie immer: gerne gelesen!
Can777Can777 vor 7 Jahren
Ich mag ja solche atmosphärische Düfte,...wenn man alleine ist!
GerdiGerdi vor 7 Jahren
1
Ich fand den ja toll, aber Haltbarkeit und Ausstrahlung für nur eine Stunde reicht einfach nicht! Ich suhl mich dann lieber im echten Wald. Da hat man mehr davon!
PlutoPluto vor 7 Jahren
Wohl kein Parfum, stimmt, aber nichtsdestotrotz klingt deine Beschreibung spannend.
BeatriceABeatriceA vor 7 Jahren
Ich war auch mal dort, wir haben den Bus genommen - studentengerecht :)
PaloneraPalonera vor 7 Jahren
Christopher Brosius ist eigen - und er sagt ja explizit: "I hate Perfume!". Insofern scheint der Duft de facto weniger als herkömmliches Parfum gedacht zu sein als vielmehr authentische Abbildung eines Naturduftes - wie ich es übrigens im Dandelion sehr, sehr liebe. Ich merk' mir diesen hier also schon mal für den Sauerländer Herbstspaziergang, ;-).
ErgoproxyErgoproxy vor 7 Jahren
Bis auf einen Duft, konnte ich mit diesen Kreationen nicht wirklich was anfangen. Mir sind die zu sehr Konzept.
ErnstheiterErnstheiter vor 7 Jahren
Die verrotteten Blaetter unter den Duftnoten erinnern mich an den Stand von ETAT LIBRE D’ORANGE auf der diesjaehrigen Esxence. Da lief ein Werbespot auf dem Wuermer zu sehen waren, die sich in einem nach Kompost aussehenden Haufen suhlten. Das Ganze sollte den im Herbst herauskommenden Duft “I AM TRASH” Les fleurs du déchet bewerben.
ExUserExUser vor 7 Jahren
Sehr mutige Duftnoten, wie auch die Fahrt durch unbekannte Gefilde mit Funzelbeleuchtung. Ich persönlich bleibe da mal lieber feige.
MisterEMisterE vor 7 Jahren
Geruch in Flaschen? Gibt's da nix im nahegelegenen Drogeriemarkt? 500ml/1,89€ ???
YataganYatagan vor 7 Jahren
Ich möchte den gerne.
FittleworthFittleworth vor 7 Jahren
Der Duft ist sicher nichts für mich. Dein Kommentar jedoch, wie immer, erstklassig!
IngerInger vor 7 Jahren
Da hechel ich doch lieber durch den Garten ..
GelisGelis vor 7 Jahren
1
Und dafür 7 von 10 Punkten? Ist das Satire? Oder der Jugenderinnerung geschuldet? - Aber auf jeden Fall wieder einen Tapferkeits-Pokal!
SeeroseSeerose vor 7 Jahren
Zuckrig-süße Nadelholzigkeit? Das produzieren doch Blatt-/Nadelläuse aus den Nadeln (Waldhonigtau) und Bienen machen aus dem den Waldhonig. Wie authentisch.
GschpusiGschpusi vor 7 Jahren
Uuuuah..... never als Duft. Im Garten ja.... aber am Körper....*grusel*
TurandotTurandot vor 7 Jahren
So modrig fand ich den gar nicht. Allerdings riechst Du das herabgefallene Laub auch 6 Jahre nach mir. :))
DOCBEDOCBE vor 7 Jahren
Möglicherweise aber für Tierfilmer der Duft der Wahl.
TaurusTaurus vor 7 Jahren
Ich habe den Eindruck, ich bin nicht unbedingt Zielgruppe dieses Duftes ...
CravacheCravache vor 7 Jahren
Das erinnert mich an die Gerüche der Überlebenswoche beim Bund (zu essen gab es Insekten und Wurzeln).