Der Regen konnte sich offensichtlich auch nicht entscheiden,
mal fiel er platt auf das glänzende Pflaster, in dem sich der Neon-
Schriftzug des „Krachnest“ und die Lichter der wenigen anderen
Läden spiegelten, dann ließ er sich lieber graupelartig vom Wind
quer auf die größtenteils schäbigen Autos treiben, die fast lückenlos
links und rechts der Oranienstrasse parkten. Daß Berlin im Winter
hart ist, hatte man ihm ja gesagt und er hatte es auch geglaubt.
Aber jetzt, wo’s Wirklichkeit war, war’s doch anders.
Anselm schlug den Kragen seines dunkelblauen Heimkehrer-
Armeemantels hoch. Irgendwie war’s ja auch cool. Diese ganze
Berliner-Insel-Düster-Atmo... eingemauerte Stadt...Kohleofengeruch
und ein Gefühl von so vielen Möglichkeiten.
Kein Wunder, dass Bowie hierher gezogen ist, dachte er.
Er war verabredet. Wieder mal ein Versuch, der vierte diese Woche.
Komisch, wie schwer es war, in dieser Stadt einen Drummer zu finden –
wo es doch tausende Bands gab, Bands aller Stilrichtungen, von denen
die meisten für ein paar Mark überall spielten, wo’s so was Ähnliches
wie eine Bühne gab. Wie da drüben im „Krachnest“, in dessen Keller
sie ihre Zentrale hatten. Proberaum war so ein uncooles Wort,
das klang so nach Fleiß statt nach Inspiration, Genialität und Aufruhr.
In diesem Moment hielt zwanzig Meter vor dem „Krachnest“ ein alter,
dunkelroter Buckelvolvo und parkte ziemlich schwungvoll ein.
Es dauerte einige Zeit bis die Tür aufging und ein langer, hagerer Typ
ausstieg. Er trug einen weiten Mantel mit verblichenem Blumenmuster,
blaue Wildlederhosen mit etlichen Löchern und alte Schnürstiefel,
die trotz seiner Größe zu groß aussahen. Also perfekt.
Aus der Manteltasche schauten ein Paar Schlagzeugstöcke heraus.
„Du bist also Anselm!“ - sagte der Hagere und ging direkt auf ihn zu.
Und dann war der Duft da.
Intensiv und weich federnd, würzig und vor allem warm.
Regelrecht wärmend. Ein Öfchen von Duft.
„Also, du bist der Drummer?“
„Genau! ich bin euer neuer Drummer...“ Äh, ja, ich bin Anselm...“
Als er die Tür aufschloss, tauchte ein Stückchen Erinnerung
in ihm auf wie ein Schatten aus lang verblichenen Tagen.
Und löste sich wieder auf.
Der Duft aber verstärkte sich im engen Treppenabgang noch.
Blumen kamen jetzt dazu, schwer und überreif, Feldkräuter,
herb, gerade rausgerupft, etwas bitter oder auch süßlich betäubend.
Es war verwirrend, er dachte an Kamillentee und einen alten Rosen-
strauß bei seiner Lieblingstante in ihrem Wiener Belvederchen.
Andererseits war da diese klare Kante.
Mysteriös, irgendwo zwischen irdisch und himmlisch verkeilt.
New Wave, nicht Punk.
Anselm schloss die Tür auf.
Kurz darauf saß der Hagere hinter dem Gretsch Drumkit.
Anselm entschied sich für die Telecaster und warf den AC30 an.
Er spielte das Riff aus „But a Dream“, leicht angezerrt,
zurückhaltend, es ging ja nicht um ihn.
Plötzlich stand der Hagere wieder auf und trat zu ihm.
„Bevor ich losleg’ – ein bisschen Elixir für dich...“
Er sprühte Anselm, der einfach weiterspielte, ein paar Mal
aus einem kleinen bernsteinfarbenem Fläschchen auf die Brust.
Dann setzte er sich wieder hinter das Gretsch und begann.
Trocken, kerzengerade, eigentlich nichts weiter als das übliche
Wum Ta Wum-Wum Ta. Aber so präzise und scharf,
mit einer so hinreißend mitswingenden Hi-Hat, die immer knapp
vor der Eins zischend die Basedrum aufpushte - aggressiver
und mitreißender als alles, was Drummer sonst drauf hatten.
Wie lange das so ging – schwer zu sagen.
Gerade als der Hagere ein paar raffinierte Basedrum-Snare-Varianten
einbaute, wurde Anselm der Duft vollständig bewußt,
er verschmolz mit dem Beat, das Riff umrankte ihn,
die Gitarrentöne wurden zu Blüten- und Kräuterschwaden.
Zum Blumen-Kräutergewitter kam nun das dazu, was gefehlt hatte.
Die Grundlage, auf der alles Sinn machte, der Schlüssel quasi.
Eine tiefe, satte, archaische Hippie-Aura, die mehr an Verweigerung
und Rebellion erinnerte. Oder nein, es war das Postulat, die Essenz
von Love and Piece, ohne wenn und aber. Es erinnerte ihn an
ein weites Panorama, vor dem die Zeitläufte verschwammen.
„Ich wußt’ ja, dass es ihm nicht langweilig wird,
hier in der Punschgesellschaft...“ sagte sein Onkel Nelson,
„aber glaub’ er mir, er hat nun erst einmal genug von diesem Elixir...“
Anselm schlug die Augen auf und sah gerade noch,
wie sein Onkel rasch und behende das Fläschlein in der Tasche
seines geblümten Morgenrocks verschwinden liess.
Dann dämmerte er zurück in die tiefe Weite seines Traums.
Was für ein grandioser Kommentar! Leider kommt der Duft bei mir weniger gut weg, ist er für mich doch atemberaubend in schlimmster Hinsicht. Ich verbinde den Duft immer mit einer gewissen Sorte verkniffen dreinblickender Damen, die AE auch noch gnadenlos überdosieren... Hamburg-Blankeneser Eisente in beige und mit Perlenschmuck oder mit weiten geraden Schnittmustern. Weißt Bescheid ;-)
Wahnsinn. Wahn und Sinn. Ich habe - Täubchen! - zwar längst nicht alles verstanden, ist außerhalb meiner Welt, aber der Rhythmus Deiner Sprache, ihre Vibrationen und Assoziationen sind grandios. Warum nur lese ich Dich erst jetzt?!
Oberbombiger Kommentar, mein lieber Siebi! Und Tele mit AC30 ist großes Herrengedeck - wenn der Duft SO rüberkommt, sollte man wohl in Deckung gehen... Alter Rocker ;)
What the... Du legst die Latte für geile Kommentare aber schon verdammt hoch. Mit dem Duft bin ich nie ganz eins geworden, dabei habe ich es mir so gewünscht. Er lag immer auf meiner Haut wie aufgepinselt und fremdelte mich an.
WOW....gerne gelesen ! Love and....Piece.....*fettgrins* ... ;o)) Ich dachte schon ich sei ein "Duftbanause" weil Aromatics Elixir mich an "Edel Hippies" denken lässt, nu bin ich erleichtert , dass ich da wohl nicht die Einzige zu sein scheine... DANKESCHÖN
Spannend und sehr unterhaltsam! Und spannend ist auch der Duft! Immer noch, seit 1971. Trage ihn selbst sehr gern, wir sind quasi ein Alter, und freue mich, wenn sich noch jemand begeistern kann!
Ich dreh mich um und träume weiter...