Meggi
22.09.2016 - 13:39 Uhr
40
Top Rezension
8.5Duft 8Haltbarkeit 8Sillage 7Flakon

Kommissar Olfattke folgt der Duft-Spur

Letztes Kapitel – Wiedersehen und Abschied

Kommissar Olfattke stand allein in der Parfüm-Abteilung der Galeries Lafayette. Es war kurz nach zehn und er schaute über das Geländer zur Kuppel empor. Sein Blick glitt die Stockwerke hinab, bis die Augen unten im trichterartigen Endpunkt der gläsernen Konstruktion zur Ruhe kamen. Nichts. Abwarten.

Er war sich seiner Sache sicher. Der Guerlain-Duft als Fingerzeig. Philtre d’Amour als später Verweis auf glanzvolle Düfte einer vergangenen Epoche, geschaffen von einer Institution französischer Lebensart. Das war eine Anspielung aufs Berliner Lafayette als jüngerem Abbild des altehrwürdigen Stammhauses. Und wo sonst, wenn nicht hier am Guerlain-Stand, hätte Bliesheimer zum Finale laden sollen?

Er hob den Kopf. Von hinten hatte er eine Welle aus Geruch gespürt, wie sie nur eine stark parfümierte Person erzeugen konnte.

Olfattke runzelte die Stirn. Nun wurde es pathetisch; na ja, irgend sowas hatte er natürlich erwartet… „Anubis“ – er erkannte das Spannungsfeld zwischen bitterem Leder mit einem Anflug von Räucherschinken und der balsamisch-rauchigen Opoponax-Süße, die ihn an Interlude Man und Tauers 02 erinnerte. Das war die ungewöhnlich schnell erreichte Basis des Duftes, der den Namen des alt-ägyptischen Totengottes trug.

Zum Auftakt bot Anubis eine Ladung säuerlich-teerigen Leders, aufgehellt durch einen Hauch einer stechend frischen Note, vielleicht von Pfeffer. Jasmin war bemerkbar, gab eine Idee pelziger Floralität hinein. Der Weihrauch, dem Pfeffer so ähnlich, war weiß und neblig, doch nicht kühl. Wie eine samtene Decke legte er sich über das Geschehen. Ab und zu blitzte eine Andeutung von Rose, ließ sich bloß widerstrebend der Melange entlocken.

Aber binnen einer Viertelstunde war der Duft warm und rund und im Wesentlichen blanke Basis. Im Verlauf würde der Leder-Anteil weiter zurückweichenund nach fünf, sechs Stunden an seiner Statt eine Art bitteres Edel-Holz mit einer Spur teerigen Rauchs und einem kräftigen Klecks Harz-Vanille-Süße den langen Ausklang maßgeblich bestreiten.

So weit war es allerdings noch nicht.

„Hallo, Frau Bliesheimer“, sagte Olfattke und drehte sich langsam um.

Die Frau verbarg ihre Überraschung gut: „Woher wussten sie, dass ich es bin?“

„Sie waren es auch vor fünfzehn Jahren, oder?“

„Richtig. Georg kann meine Tränen nicht ertragen. Ich hatte ihn schon immer im Griff. Er ist für mich ins Gefängnis gegangen und das wird er wieder tun. Sie hätten es damals beim Totschlag belassen sollen. Ich dulde es nicht, dass mir ein Bulle dazwischenfunkt, wenn ich die Welt von einem Wüstling befreie. Seit fünfzehn Jahren warte ich auf die Rache dafür.“

„Drei unschuldige Menschen mussten sterben, weil Sie an mir Rache nehmen wollen?“

„Ich bedauere, dass diese Leute tot sind. Aber je unschuldiger, desto besser, schließlich sind Sie für ihren Tod verantwortlich! Von der wohltätigen Krankenschwester mit ihrem Orden hatte ich in der Zeitung gelesen. Perfekt. Der Junge war ein vorlauter Trottel, den ich mir ausgeguckt hatte, weil er sich bestimmt jede Süßigkeit schnellstmöglich in den Mund stopfen würde. Ich hatte ihm gesagt, ich würde ihn beobachten. Er dürfe den Bonbon erst essen, wenn er Ihnen den Brief gegeben habe und sich dann nochmal fünf Euro bei mir abholen. Er ist nicht mehr bei mir angekommen. Ein Idiot, den die Presse freundlicherweise angemessen beweint hat. Vorhersehbar.“

„Und die Sängerin?“

„Das war Zufall - ein passender. Ich bin Ihnen gefolgt, um den Guerlain vor der Nacht irgendwo in die Lüftungsschlitze Ihres Autos zu schütten. Das hätte ich zum Ende des Konzerts getan. Als aber die Hintertür der Kirche einen Spaltbreit offen stand, habe ich umdisponiert. Die Frau in dem Raum hatte wenig Zeit zum Schreien, mit dem Totschläger kann ich umgehen. Trotzdem seltsam, dass keiner was gehört hat.“

„Dirigentenzimmer sind schalldicht. Da singen sich Leute ein.“

„Sei’s drum. Jetzt habe ich Sie jedenfalls hier und Georg wird ein zweites Mal die Schuld auf sich nehmen.“

„Sie sind wahnsinnig. Das wird nicht funktionieren.“

„Was wird nicht funktionieren? Und woher wussten Sie überhaupt, dass ich es bin?“

„Sie haben zu früh angefangen.“

„Was soll das heißen?“

„Ihr Mann hätte den ersten Mord nicht derart schnell arrangieren können - einen halben Tag nach seiner Entlassung. Nur montags gegen sechzehn Uhr steht das Haus in der Sentastraße für eine knappe Minute unbeobachtet offen. Wenn Frau Wolff die Eingangstür und die kleinen Fenster daneben putzen will, hakt sie die Tür ein, bevor sie ihre Putzkiste aus dem Keller holt, damit sie die Sachen sofort rausstellen kann. Zu jeder anderen Zeit muss man klingeln. Deshalb schließt oben auch niemand seine Tür von innen richtig ab, die lassen sich alle mit einer Kreditkarte öffnen. In den paar Augenblicken am Montagnachmittag haben sie sich reingeschlichen. Sie müssen das Haus also mindestens zwei, drei Wochen lang überwacht haben, wahrscheinlich täglich in der einbrechenden Abenddämmerung, auf der Suche nach Regelmäßigkeiten.“

„Woher wissen Sie, dass ich nicht geklingelt habe?“

„Die Klingel der alten Krankenschwester hört man im ganzen Haus. Die Dame war fast taub. Frau Wolff hat uns versichert, dass es den ganzen Tag nicht geklingelt hat.“

Er spürte, wie Frau Bliesheimer kurz erstarrte, doch sogleich die Fassung zurückgewann: „Das spielt keine Rolle, Sie werden diese Erkenntnis mit niemandem mehr teilen können.“

Dem Kommissar war es ein Rätsel, was die Frau vorhatte. In ihrem engen Kostüm konnte sie unmöglich eine Waffe verborgen halten und eine Tasche trug sie nicht. Ohnehin waren die Kontrollen heute extra verschärft worden. Egal, er wusste nun genug.

„Womöglich habe ich meine Erkenntnisse bereits geteilt?“, meinte er gelassen, hob wie zufällig einen herumstehenden Test-Flakon empor, blickte auf die Aufschrift und stellte das Gefäß zurück.

„Unsinn. Sie arbeiten allein, das war schon immer so.“

„Vielleicht habe ich dazugelernt?“

Es war Olfattkes Blick, der alles verdarb. Wären seine Augen nicht reflexhaft über die Schulter der Gegnerin zu Schulze hinweggeschweift, der sich trotz seiner gewaltigen Statur auf das vereinbarte Signal hin völlig lautlos näherte, hätte der Kollege eine Chance gehabt.

So war er noch einige Meter entfernt, als Frau Bliesheimer in die Verkleidung eines Tresens griff und eine mit Klebeband dort befestigte Pistole hervorzog. Sie wandte sich um und schoss sofort. Zwei Projektile trafen Schulze in Brust und Bauch. Olfattke hechtete hinter ein hohes Regal, als die Frau wieder herumwirbelte und abdrückte. Holz splitterte, Glas zersprang. Dann ein Schuss aus einer anderen Waffe. Stille. Vorsichtig spähte der Kommissar um das Regal. Frau Bliesheimer war in die Knie gesackt. Schulze hatte noch die eigene Pistole ziehen und abfeuern können.

Olfattke stürzte in Richtung des Kollegen. Der hatte seine Waffe fallen lassen und war, die Hände an die Wunden gedrückt, vorwärts getaumelt, bis ihn das Geländer gestoppt hatte. Ehe Olfattke ihn erreichen konnte, verlor der massige Körper das Gleichgewicht. Wie in Zeitlupe kippte er vornüber, drehte sich, prallte von einer der schrägen, unteren Scheiben ab und schlug schließlich dumpf im Glastrichter auf.

Eingeklemmt, gepresst wie der Inhalt eines Einmach-Glases.

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Die übrigen Kapitel:
1. Hermès, Un Jardin sur le Nil
2. Serge Lutens, Datura Noir
3. Guerlain, Philtre d'Amour
4. Penhaligon‘s, Blenheim Bouquet
22 Antworten
Helena1411Helena1411 vor 6 Jahren
Was für ein finales Kapitel!!! Und was für eine Schreibkunst! Chapeau!!
HyazintheHyazinthe vor 9 Jahren
GE NI AL ! Chapeau! !
Mustang69Mustang69 vor 9 Jahren
Grandioses Finale, chapeau!!
GschpusiGschpusi vor 9 Jahren
Übrigens.... Fr. Wolff schwindelt ;-P
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 9 Jahren
Absolute Spitzenklasse ... Kompliment für so viel Kreativtität :)
YataganYatagan vor 9 Jahren
Der Vorhang fällt.....
MarWicMarWic vor 9 Jahren
Das war Spitzenklasse !
GerdiGerdi vor 9 Jahren
...Och, ich dachte, da würde jemand mit einem Bienenflakon erschlagen...
Danke für diese köstliche Krimi-Reihe!
PlutoPluto vor 9 Jahren
Oh, gratuliere :o) Bin gespannt, wie viele Leichen uns zum nächsten Jubi erwarten :o)
FirstFirst vor 9 Jahren
Wunderbar! "Pelziger Jasmin", ja das trifft es, so empfinde ich Jasmin auch in dem ein oder anderen Duft!
Bitte nicht bis 1000 warten bis Olfattkes Duftabenteuer weitergehen!
FeliniFelini vor 9 Jahren
Herzlichen Glückwunsch zum 500sten - bin schon gespannt, was Du Dir für die Nummer 1000 einfallen lässt. Bravo!
ZoraZora vor 9 Jahren
Einfach toll. Hoffe, Kommissar Olfattke geht jetzt nicht in den Ruhestand:).
ErgoproxyErgoproxy vor 9 Jahren
Anubis, ein Killerduft für eine Killerin. :))
DerailroadedDerailroaded vor 9 Jahren
Unglaublich! Auf Kommissar Olfattke hat die Parfumowelt gewartet!
PaloneraPalonera vor 9 Jahren
Genial gute Idee und fast noch genialere Umsetzung. Ich verneige mich.
JumiJumi vor 9 Jahren
Ich habs geahnt :) Bitte weitertesten und -schreiben!
MisterEMisterE vor 9 Jahren
Einmachglaspokal für den Künstler! Wann folgt Olfattke reloaded?
ErnstheiterErnstheiter vor 9 Jahren
Petition: Kommissar Olfattke soll weiterrecherchieren.
ErgreifendErgreifend vor 9 Jahren
Genial!!! Ich hatte ihn auch schon unter der Nase. Hat was
GelisGelis vor 9 Jahren
Frau Bliesheimer also. Da wäre sonst keiner drauf gekommen.
Anubis klingt so gar nicht nach meinem Beuteschema.
TaurusTaurus vor 9 Jahren
Ja, ja - der Glastrichter in der Berliner Galerie Lafayette lässt viel Interpretationsfreiraum was das so alles reinrutschen könnte ... ;-)
JensemannJensemann vor 9 Jahren
Genau die gleiche Bewertung wie ich! :-)