Datura noir Serge Lutens 2001 Eau de Parfum
37
Top Rezension
Kommissar Olfattke folgt der Duft-Spur
Zweites Kapitel - Bitter und langsam
Die Aufgaben waren am Morgen rasch verteilt. Mehrere Kollegen würden weitere Nachbarn befragen, während Schulze und Olfattke dem Ägypten- oder Nil-Hinweis nachgehen wollten. Das Museum würde sich natürlich Schulze vornehmen, wenn er sich dort nun schon auskannte. Olfattke hatte beschlossen, die tropische Krokodilhalle des Aquariums zu besuchen – den einzigen Ort in ganz Berlin, der ihm geruchlich zum schilfig-dicht-drückenden Mittelteil des Duftes zu passen schien, der so großzügig am Tatort versprüht worden war.
Gemächlich schlenderte er die hölzerne Brücke auf und ab, die über eine Art Flussufer-Landschaft hinwegführte und atmete tief die tropenhafte Luft ein. Er erinnerte sich, als Kind seinen Eltern einen Riesen-Schrecken eingejagt zu haben, weil er fröhlich auf dem Geländer herumgeklettert war. Ein zarter Sechsjähriger hätte die Echsen unten gewiss aus ihrer trägen Ruhe geweckt…
„Hallo? Sind Sie Herr Olfattke?“ Eine Stimme riss den Kommissar aus seinen Grübeleien. Vor ihm stand ein dicklicher Junge von vielleicht zehn Jahren und streckte ihm mit den Worten „Das hier hat mir jemand für Sie gegeben!“ einen Umschlag entgegen. Seine andere Hand hielt einen Geldschein und einen großen Bonbon fest umklammert. Kaum hatte Olfattke perplex zugegriffen, rannte der Junge davon.
Langsam öffnete der Kommissar den Umschlag, der bloß zugesteckt war. Ein Geruch stieg ihm in die Nase. Bedächtig hob er das Papier empor und schnupperte. Er kannte diesen Duft. Hätte er gleich nach dem Aufsprühen daran gerochen, wäre noch ein Hauch von Bittermandel zu riechen gewesen, doch jetzt war es fruchtig geworden, ähnlich wie Apfel. Dazu eine florale Vanillenote, die ihre Heliotrop-Abkunft zeigte und sich mit Tuberose balgte. Ein bisschen Aprikose, womöglich eine Idee Zimt und von Ferne eine Ahnung von etwas, das in ein paar Stunden floral-cremiger, vanilliger Moschus mit einer Spur Kokosnuss werden würde.
Trotzdem ein im Grunde recht stabiler, linearer Duft von Serge Lutens: Datura Noir. Als er den erstmals getestet hatte, hatte er schmunzeln müssen. Apfel – Stechapfel. Er wusste nicht, ob Stechapfel überhaupt nach Apfel roch, aber dieses von oben bis unten giftige Gewächs mit dem Geruch eines beliebten Obstes zu versehen, hätte auf schwarzen Humor wahlweise der Natur oder des Herrn Lutens schließen lassen. Wie auch immer, Lutens hatte dem Ganzen jedenfalls durch das Voranstellen einer Bittermandel-Note die Krone aufgesetzt. Als hätte er mit seiner irgendwie streng-stechend-künstlichen Kreation eine Schneewittchen-Gift-Attitüde erzeugen wollen.
Im Umschlag befand sich eine cremefarbene Karte. Als Olfattke sie aufklappte, waren nur wenige, gedruckte Worte zu lesen: „Du bist langsam geworden. Vergiss nicht, dass ich kein Herz habe!“
Stets aufs Neue schnupperte er am Papier und las die Worte „Du bist langsam geworden…“ Langsam im Kopf? Und was hieß der zweite Satz? War es nicht klar, dass der Mörder einer greisen Krankenschwester kein Herz hatte? Denn wer sonst hätte hinter dieser Botschaft stecken sollen?
Doch allmählich nahm ein anderer Gedanke Gestalt an, dämmerte langsam und so entsetzlich, dass darüber einige Sekunden der Betäubung vergingen. Der Bonbon! Der Junge! Olfattke rannte die Brücke entlang, stieß sich links und rechts den Weg frei. Als er die Ausstellungs-Räume betrat, wiesen ihm Schreie die Richtung und bald hatte er deren Ausgangspunkt erreicht.
Dort lag das Kind auf dem Rücken am Boden, hatte sich an den Hals gegriffen und rang um Atem. Während Olfattke sich durch die Umstehenden drängte, fiel der Arm des Jungen herab. Mit einem Röcheln erzitterte der kleine Körper ein letztes Mal und lag dann still. Als Olfattke sich über das verzerrte Gesicht beugte, stieg ihm ein Geruch nach Bittermandel in die Nase. Das Bonbonpapier lag leer und zerknüllt in der nun geöffneten linken Hand.
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Die übrigen Kapitel:
1. Hermès, Un Jardin sur le Nil
3. Guerlain, Philtre d'Amour
4. Penhaligon‘s, Blenheim Bouquet
5. Papillon Artisan Perfumes, Anubis
Die Aufgaben waren am Morgen rasch verteilt. Mehrere Kollegen würden weitere Nachbarn befragen, während Schulze und Olfattke dem Ägypten- oder Nil-Hinweis nachgehen wollten. Das Museum würde sich natürlich Schulze vornehmen, wenn er sich dort nun schon auskannte. Olfattke hatte beschlossen, die tropische Krokodilhalle des Aquariums zu besuchen – den einzigen Ort in ganz Berlin, der ihm geruchlich zum schilfig-dicht-drückenden Mittelteil des Duftes zu passen schien, der so großzügig am Tatort versprüht worden war.
Gemächlich schlenderte er die hölzerne Brücke auf und ab, die über eine Art Flussufer-Landschaft hinwegführte und atmete tief die tropenhafte Luft ein. Er erinnerte sich, als Kind seinen Eltern einen Riesen-Schrecken eingejagt zu haben, weil er fröhlich auf dem Geländer herumgeklettert war. Ein zarter Sechsjähriger hätte die Echsen unten gewiss aus ihrer trägen Ruhe geweckt…
„Hallo? Sind Sie Herr Olfattke?“ Eine Stimme riss den Kommissar aus seinen Grübeleien. Vor ihm stand ein dicklicher Junge von vielleicht zehn Jahren und streckte ihm mit den Worten „Das hier hat mir jemand für Sie gegeben!“ einen Umschlag entgegen. Seine andere Hand hielt einen Geldschein und einen großen Bonbon fest umklammert. Kaum hatte Olfattke perplex zugegriffen, rannte der Junge davon.
Langsam öffnete der Kommissar den Umschlag, der bloß zugesteckt war. Ein Geruch stieg ihm in die Nase. Bedächtig hob er das Papier empor und schnupperte. Er kannte diesen Duft. Hätte er gleich nach dem Aufsprühen daran gerochen, wäre noch ein Hauch von Bittermandel zu riechen gewesen, doch jetzt war es fruchtig geworden, ähnlich wie Apfel. Dazu eine florale Vanillenote, die ihre Heliotrop-Abkunft zeigte und sich mit Tuberose balgte. Ein bisschen Aprikose, womöglich eine Idee Zimt und von Ferne eine Ahnung von etwas, das in ein paar Stunden floral-cremiger, vanilliger Moschus mit einer Spur Kokosnuss werden würde.
Trotzdem ein im Grunde recht stabiler, linearer Duft von Serge Lutens: Datura Noir. Als er den erstmals getestet hatte, hatte er schmunzeln müssen. Apfel – Stechapfel. Er wusste nicht, ob Stechapfel überhaupt nach Apfel roch, aber dieses von oben bis unten giftige Gewächs mit dem Geruch eines beliebten Obstes zu versehen, hätte auf schwarzen Humor wahlweise der Natur oder des Herrn Lutens schließen lassen. Wie auch immer, Lutens hatte dem Ganzen jedenfalls durch das Voranstellen einer Bittermandel-Note die Krone aufgesetzt. Als hätte er mit seiner irgendwie streng-stechend-künstlichen Kreation eine Schneewittchen-Gift-Attitüde erzeugen wollen.
Im Umschlag befand sich eine cremefarbene Karte. Als Olfattke sie aufklappte, waren nur wenige, gedruckte Worte zu lesen: „Du bist langsam geworden. Vergiss nicht, dass ich kein Herz habe!“
Stets aufs Neue schnupperte er am Papier und las die Worte „Du bist langsam geworden…“ Langsam im Kopf? Und was hieß der zweite Satz? War es nicht klar, dass der Mörder einer greisen Krankenschwester kein Herz hatte? Denn wer sonst hätte hinter dieser Botschaft stecken sollen?
Doch allmählich nahm ein anderer Gedanke Gestalt an, dämmerte langsam und so entsetzlich, dass darüber einige Sekunden der Betäubung vergingen. Der Bonbon! Der Junge! Olfattke rannte die Brücke entlang, stieß sich links und rechts den Weg frei. Als er die Ausstellungs-Räume betrat, wiesen ihm Schreie die Richtung und bald hatte er deren Ausgangspunkt erreicht.
Dort lag das Kind auf dem Rücken am Boden, hatte sich an den Hals gegriffen und rang um Atem. Während Olfattke sich durch die Umstehenden drängte, fiel der Arm des Jungen herab. Mit einem Röcheln erzitterte der kleine Körper ein letztes Mal und lag dann still. Als Olfattke sich über das verzerrte Gesicht beugte, stieg ihm ein Geruch nach Bittermandel in die Nase. Das Bonbonpapier lag leer und zerknüllt in der nun geöffneten linken Hand.
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Die übrigen Kapitel:
1. Hermès, Un Jardin sur le Nil
3. Guerlain, Philtre d'Amour
4. Penhaligon‘s, Blenheim Bouquet
5. Papillon Artisan Perfumes, Anubis
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Sich balgendes Heliotrop - nein, danke.
DN steht schon auf meiner Merkliste
So bekommt 'Noir' eine ganz neue Bedeutung...
Dieser Lutens ist übrigens schon intensiv....