Zunächst möchte ich für die wenig kreative Überschrift entschuldigen, wobei ein direkter Vergleich mit
Lost Cherry Eau de Parfum natürlich nicht sehr weit hergeholt ist, wird der
Vicebomb schliesslich auf YouTube und Co. als der „bessere Lost Cherry“ angepriesen.
In der nachfolgenden Rezension soll es jedoch nicht um einen 1:1-Vergleich zwischen den beiden Düften gehen, sondern um eine Hommage an dieses Meisterwerk von Duft. Dennoch komme ich nicht umhin, gerade beim Fazit auch den
Lost Cherry Eau de Parfum miteinzubeziehen.
AUFTAKT
Der
Vicebomb startet kirschig, cremig, süss — und erinnert mich, wie auch bereits meine Vorredner:innen, ein wenig an Rahmeis mit Amarena, oder, in meinem Fall, an diesen klassischen Vanille-Quark mit Kirschkompott, welchen man abgepackt kaufen konnte und vor dem Geniessen lediglich gut umrühren musste. Die in Sirup eingelegte Amarenakirsche ist im Opening extrem präsent, wird jedoch von diesen cremigen und vanilligen Noten gebührend begleitet. Die Vanillecreme, die ich lediglich im Auftakt deutlich herausrieche, ist üppig, reichhaltig und hochkalorisch. Sie ist, wie die eingelegte Kirsche, stark wahrnehmbar, jedoch bekämpfen sich diese beiden Komponenten nicht, sondern komplementieren einander und verschmelzen zu einer herrlichen Melange.
Salzkaramell (wo ist hier bitte das Salz?) oder rote Früchte rieche ich persönlich nur sehr, sehr, sehr zurückhaltend und mit ganz viel Fantasie heraus — was dem Meisterwerk jedoch keinen Abbruch tut, sondern diesen ganz klar im Bereich „Kirschduft“ positioniert. Und wenn ich schon, ganz weit entfernt, irgendwelche „roten Früchte“ herausrieche, sind diese stark überreif und grosszügig kandiert.
HERZNOTE
Einige Zeit nach dem Auftakt — und wir reden hier tatsächlich von 1.5 - 2 Stunden — entwickelt sich der
Vicebomb vom süss-cremigen Duft weiter und wird hier für mich noch kirschiger und dank einer likörartigen Note auch deutlich kantiger und dunkler. Ab diesem Moment wird der Duft auch für mich als Mann tragbar und äusserst Attraktiv. Und wäre es nicht für diese gigantische Herznote, so wäre dieser Blindbuy vermutlich in die Sammlung meiner Frau gewandert.
Die Herznote des
Vicebomb erinnert mich auf eine gewisse Art sehr stark an den Auftakt
Lost Cherry Eau de Parfum — allerdings ohne Bittermandel, sondern in Form einer tiefschwarzen, überreifen Kirsche, die nicht mehr im Zuckersirup, sondern im Kirschlikör eingelegt ist.
Weit, ganz weit entfernt lässt sich möglicherweise eine Rose „erahnen“, wofür es allerdings sehr viel Fantasie braucht. Ich rieche in erster Linie wirklich vor allem nur die dunkle Kirsche, den Likör und im späteren Verlauf der Herznote auch verstärkt etwas Kirschbrand heraus.
Vom cremig-süss-vanilligen Rahmquark ist bestenfalls noch ein kleines Häubchen vorhanden, wodurch der Duft in eine dunkle, tiefe und sehr markante Richtung „abdriftet“, aber auf die positivste Art.
Die Herznote hält sich auf meiner Haut gute 5 bis 6 Stunden, was mir persönlich sehr zusagt. Auf die Haltbarkeit und die verschiedenen Noten möchte ich am Ende noch einmal präziser eingehen.
BASIS
Nachdem wir bereits gute 7 bis 8 Stunden zusammen verbracht haben, geschieht eine weitere Wandlung, die ich wirklich umwerfend finde: Aus der oben beschriebenen Herznote weichen allmählich die dunklen, likörlastigen Noten und gehen in eine deutlich hellere, völlig konträre Richtung:
Nun ist es am Ende die Kirsche, die sich bestenfalls noch im Ansatz erahnen lässt — sie hat das Zepter an den Zucker übergeben. Und damit meine ich schneeweissen Kristallzucker, den man frisch im Bioladen gekauft hat und die Verpackung nun öffnet. Er riecht staubtrocken, tief-süss und leicht erdig.
Holzige Noten kommen im Hintergrund hinzu, stehlen dem Zucker aber nicht die Show. Der Zucker ist für mich in diesem Duft die wunderschönste Umsetzung, welche der Note „Zucker“ passieren kann: Es wird weniger auf den Zuckergeschmack auf der Zunge, sondern mehr auf den Geruch von frischem Zucker aus der Papierpackung eingegangen, man meint, die einzelnen Kristalle vor dem geistigen Auge wahrnehmen und riechen zu können.
Das Holz spielt eine sehr untergeordnete, aber nicht unbedeutende Rolle: Es ist edel, viele Jahrzehnte getrocknet, riecht nur subtil im Hintergrund und bringt herbe, tiefe Noten mit in die Basisnoten herein.
Tonka nehme ich kaum wahr, die Kirsche ist noch minimal im Hintergrund präsent, die Vanillecreme längst aufgegessen.
Diese Basis hält sich auf der Haut bis zum nächsten Waschgang, ist jedoch am nächsten Morgen lediglich noch ein schöner Skinscent, den man nur wahrnehmen kann, wenn man dem Gegenüber sehr nahe ist.
HALTBARKEIT
Wie oben erwähnt, hält sich der Duft mit seiner wunderschönen Basisnote bis zum nächsten Duschgang auf der Haut.
Die wahre Magie passiert bei mir auf der KLEIDUNG — hier nehme ich nämlich selbst am nächsten Tag noch (also über 24 Stunden nach dem Auftragen) die Herznote wahr: Tief schwarze Kirschen, eingelegt in alkoholreichem Kirschlikör. Kaum Süsse, kaum Cremigkeit, keinen Zucker. Bestenfalls ein paar staubtrockene Hölzer, aber auch das nur ganz weit im Hintergrund.
SILLAGE
Der Duft ist insbesondere am Anfang äusserst stark präsent, nimmt aber nie den ganzen Raum ein, sondern hält sich im Bereich von 1 bis maximal 2 Armlängen auf. Ich trug den Duft gestern und empfand die Sillage als sehr angenehm und nicht belästigend. Meine Frau bestätigte dies. In der Herznote ist der Duft zwar immer noch präsent, aber nur noch auf maximal einer Armlänge deutlich wahrnehmbar. In der Basis, also dann, wenn der Zucker seine Wirkung entfaltet, zieht sich der Duft immer weiter zurück und ist am nächsten Morgen „nur“ noch ein Skin-Scent.
Und wie schon eingangs erwähnt, komme ich als vermeintlicher „Tom-Ford-Jünger“ natürlich nicht umhin, im FAZIT einen Vergleich zu
Lost Cherry Eau de Parfum zu ziehen — und hier den Pokal mit einem riesigen Vorsprung an
Vicebomb zu verleihen.
Vicebomb ist in meinen Augen der klare Gewinner in einem nie geschehenen Rennen. Der Duft ist eigenständig genug, um nicht als Kopie oder Dupe durchzugehen, und dennoch hat der Duft für mich gerade im Herzen einen gewissen Charakter von
Lost Cherry Eau de Parfum — einfach in „Besser“.
Gerade was die Performance und Haltbarkeit angeht, müssen wir an dieser Stelle gar nicht mehr weiter diskutieren, für mich ist aber auch die Duftentwicklung genau das, was ich als Meisterwerk definieren würde: Jenseits von jeder Geradlinigkeit, perfekt aufeinander abgestimmt, überhaupt nicht aufdringlich und die Noten untereinander sich perfekt ergänzend.
Einige Stimmen sagten, der Duft gehe in eine feminine Richtung — das kann und würde ich so nicht bestätigen. Ja, er ist gerade am Anfang cremig-vanillig-süss und hell, wird im Herzen jedoch tief dunkel und in der Basis zuckrig-erdig-trocken. Für mich der Inbegriff von „Unisex“.
Wem es jedoch zu „feminin“ riecht, hier noch ein Tipp zum LAYERN: Als Grundlage den
Tuscan Leather Eau de Parfum (2 Sprüher) und darüber den
Vicebomb (1 - 2 Sprüher) — thank me later. :)