Rivegauche

Rivegauche

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Rivegauche vor 1 Monat 30 19
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Haltbarkeit
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Duft
Überraschung
Als "Cuir Aromatique" beschrieb ihn mir die Hermès Mitarbeiterin im Pariser Stammhaus auf der 24, rue du Faubourg Saint-Honoré vor einigen Wochen nur kurz.

Ich habe den Duft nur einmal direkt dort im Geschäft auf der Haut testen können, bin damit den Tag lang durch Paris geschlendert...und habe zumindest auch den üppig besprühten Duftstreifen in meinem Sakko mehrere Tage aufbewahrt...soweit, die Haltbarkeit ist ganz hervorragend.

Der Duft ist es aber für mich, im Gegensatz zu dem von "Paddock | Hermès" begeisterten Blogger "Persolaise" auf Youtube (der einzige den ich sehr gerne mal sehe), nicht ganz.

Ich nehme animalisches Leder wahr, mit leider leicht oudigen (für mich synthetischen) Facetten unterlegt. Es erscheint mir wie eine kombinierte Melange traditioneller und moderner Ledernoten. Die Animalität spielt natürlich mit der Idee verschwitzter Reitpferde, auch die grundsätzliche Idee mit Möhren und Heu, einer Atmosphäre von Stall und Pferd.
Der Duftcharakter wandelt sich nicht stark.
Zur Ledernote addieren sich Noten von Heu und Möhrensamen, es ist etwas sperrig, trocken, fast rau und staubig, warm, würzig & holzig. Eine herb grüne und nahezu kratzige Facette fügt sich mit ein, etwas wie Veilchenblatt...was ich nicht besonders mag...aber gerne mal mit Leder kombiniert wird. Amber scheint dem Duft die rund warme Atmosphäre zu geben. Der Duft bleibt immer trocken und herb, wird nie süß, das ist gut.

"Paddock | Hermès" war mir persönlich aber insgesamt zu intensiv, starr, dicht und kompakt, mir fehlte ein Lufthauch.
Das geht mir auch mit Bel Ami so...irgendwie schwingt in "Paddock | Hermès" auch ein Hauch "Bel Ami (Eau de Toilette) | Hermès" mit...es ist ein Hermès.
Die suggerierenden fröhlichen Farben, Gelb, Orange, Rot & Beige passen nicht meinem Dufteindruck, den ich eher mit Braun, Olivgrün, Dunkelgrau und etwas Beige beschreiben würde.
Natürlich liegt bei einem Hermès Duft, der anlässlich des jährlich wiederkehrenden Hermès Reitsportevents "Saut Hermès" im Grand Palais, lanciert wurde, ein Lederduft nahe. Aber ich war nicht restlos überzeugt. Nach "Hermessence Violette Volynka | Hermès" (schön, aber nicht neues) und "Hermessence Oud Alezan | Hermès" (Leder, Oud, Rose...nöö) nun ein weiterer Lederduft von Hermès, der mir irgendwie bekannt vorkam, trotzdem etwas neues und einzigartiges darstellt, der mir mit seiner grün, herb und etwas sperrigen Art eigentlich hätte gefallen müssen, blieb eine richtige Begeisterung aus. Immerhin hätte ich ihn kaufen können, denn er ist/war streng limitiert. Ich war vier Tage in Paris, also war der Druck da: "Jetzt oder nie."

Nach den mir gegebenen Informationen ist/war "Paddock | Hermès" nur für insgesamt sechs Wochen exklusiv nur in drei Pariser Hermès Boutiquen direkt erhältlich...ab wann, bis wann, ich weiß es leider nicht.
Er erscheint im regulären Hermessence "Outfit" mit 100 ml für 285,00 EUR. Das Etikett ist zweifelsohne witzig & ideenreich, aber bei mir entstand der Eindruck, als hätte man das Design des Etiketts vergessen und sich erst in letzter Sekunde hierzu entschieden.

Hermès überrascht Menschen immer wieder mal mit limitierten und nicht wirklich publizierten Editionen wie z.B. "Eau de Ginza | Hermès", welches zur Eröffnung der grandiosen von Renzo Piano komplett aus Glasbausteinen entworfenen Hermès Boutique in Tokyo erschienen war.
Oder auch das ausschließlich für die Hermès Geschäfte an der Côte d'Azur in 2013 lancierte Voyage (nicht zu verwechseln mit dem regulären Voyage...), eine Variante von "Calèche (Eau de Toilette) | Hermès", bei der die Formel mit einer Ernte von Mimosen variiert wurde...der war gut!

Ich habe Paddock nicht gekauft, das "aber" überwog und mein Schrank ist auch zu voll.
19 Antworten
Rivegauche vor 1 Jahr 27 28
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Haltbarkeit
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Duft
Helle Nuss
Vetiver Gris gefiel mir vom ersten Moment an, als ich ihn letzten Juni bei der Esxence Messe im 36 Grad heißen Mailand testen konnte. Das offizielle Video der Marke Jacques Fath verrät u.a., dass die Kreativdirektorin der Marke Jacques Fath, Rania Naim, Jean-Christophe Hérault als Parfumeur zunächst ablehnte…nachdem er sich selbst bei ihr für eine Zusammenarbeit vorstellte. Als ein bei IFF Angestellter Parfumeur sei er nicht unabhängig, und sie bevorzugt die Arbeit mit unabhängigen Parfumeuren.
War er doch selbst von der Marke Jacques Fath, vor allem vom "Iris Gris | Jacques Fath" Relaunch "L'Iris de Fath | Jacques Fath" der Maelstrom Parfumeure Patrice Revillard und Yohan Cervi, stark beeindruckt gewesen die auch unlängst an einer erreichbareren Eau de Parfum Version gearbeitet haben, die bald erscheinen wird (30 ml EdP wohl 265,00 EUR).

Aber wieso Vetiver Gris, wieso grau? Wegen der Iris, dem Bezug zur Marke? Gris, Green...? Ja, klar, auch. Für mich aber vor allem deshalb, weil den ganzen Duft eine klare und transparente Zeitlosigkeit wie Klassizismus durchzieht.

Vetiver Gris ist clever durchdacht, werden hier einzelne Rohstoffe aus unterschiedlichen Ecken miteinander verwoben und verbunden.
Hat doch vor allem Java Vetiver eine stark nussige Facette, funktioniert hier der Trick die nussige Facette des Vetivers mit der kulinarisch süßlich gourmandigen Facette von Haselnüssen zu verbinden. Tatsächlich wird wohl Ethylmaltol dafür verantwortlich sein, die Süße erinnert mich schon eher an Karamell oder braunen Zucker. Das Spiel setzt sich fort mit der Kombination der holzig rauen Erdigkeit des Vetiver und der trocken elegant geraden und "grauen" Erdigkeit der Iriswurzel…um den Duft als pudrig oder cremig einzuordnen, ist beides nicht ausgeprägt genug. Die grüne Facette des Vetiver wird um den Akkord wie knackig grüner unreifer Haselnüsse erweitert und die klassische Eleganz des bitter grünes Galbanumharzes mag sich fast unbemerkt verbindend zwischen den Facetten des Vetivers einfügen. Vermutlich dank der klaren Destillation der Laboratoires Monique Remy (LMR) ist Vetiver Gris nahezu komplett rauchfrei.

Dieses Spiel aus holziger Erdigkeit mit süßlich gourmandigen Facetten findet sich aber überraschenderweise wieder in einem wunderbar transparent, klaren & optimistischem Kontext.
Neroliblüten mit ihrem floral weichen und leicht seifigen Charakter schaffen die Verbindung zum "Fath's Essentials - Green Water (2016) | Jacques Fath" der eigenen Marke, das offenbart auch den in dem Video beschriebenen Eau de Cologne Eindruck...und mit Eaux de Cologne kriegt man mich ja eh immer. Passend unterstützt von minzig grün floraler Rosengeranie, um die Klassik zu verstärken…oder eben beizubehalten. Der lebhaft saftige Charakter diverser Hesperiden, Bergamotten, Mandarinen…welcher Art auch immer sind von Anfang an mit dabei, um zu bleiben. Damit hätte ich die offiziell angegebene Pyramide insgesamt ganz gut abgehakt.

Was mir in dem Duft als Resultat so gefällt ist - wie bereits erwähnt - die durchgehend frisch transparente Klarheit, das urban gerade „grau,“ voller Licht und Helligkeit, nie beschwerend. Die Aura klassischer Neroli Eaux de Cologne bleibt bestehen. Die grün trocken holzige Erde des Trio Vetiver, Iris & Galbanum sitzt sicher in der Mitte, aber ohne Dominanz, eher wie abgeklärt lächelnd. Die gourmandige Facette ist trotz eindeutiger Zuckersüße frei von all den Klischees, die mich persönlich sofort dazu bewegen würde, den Duft sofort weit weg zu stellen. Das addiert hier eher jungen Witz. Ein paar moderne Aromachemikalien - wie auch immer sie heißen mögen - werden dem Duft unterstützend verhelfen, den notwendig zeitgemäßen Touch zu geben, ohne ihn in banale Belanglosigkeit abdriften zu lassen.

Vetiver Gris erinnert mich auch an zwei Frédéric Malle Düfte, obwohl diese ganz klar anders riechen. Die grünminzig weiche Frische von "Geranium pour Monsieur | Editions de Parfums Frédéric Malle" und die kühl grünen Hölzer von "Vétiver Extraordinaire | Editions de Parfums Frédéric Malle" …ich weiß, große Worte, passenderweise werden dort aber auch LMR Destillationen verwendet. Es mag die fast architektonisch geradlinige Ausführung der Düfte sein, die sie für mich verbindet. Eine Form der zeitlosen Klassik des Klassizismus.

Man kann den Duft als unisex bezeichnen, er dürfte aber aufgrund des Charakters vermutlich mehr Männer ansprechen. Haltbarkeit und Projektion sind gut. Aber eh ein Thema, dass hier auf Parfumo leidlich viel zu häufig diskutiert wird. Wie Jean-Claude Ellena sagte: „Es hat nichts mit Schönheit zu tun.“ Und schön ist Vetiver Gris in jedem Fall, und nicht nur ein schöner Begleiter für den kommenden Frühling.
28 Antworten
Rivegauche vor 2 Jahren 20 7
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Flakon
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Sillage
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Haltbarkeit
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Duft
Goldener Sommer
Néroli Intense ist wunderbar. Vor meinem Auge entsteht die schattige Atmosphäre von Leidenschaft bei Kerzenschein in einem Chambre Séparée. Der Blütencocktail von Neroli - und Orangenblüte ist kraftvoll indolisch körperlich und wirkt wie von Jasmin gestärkt durchzogen. Samtige Mochuscreme und holzige Patchoulierde spenden Schatten, Dunkelheit & eine Ahnung Rauch in dieser sommerlich flirrenden Atmosphäre. Wie goldenes Licht lässt Bienenwachs Néroli Intense luxurös, elegant, üppig & honigtrunken wirken...das unregelmäßige Schimmern von Blattgold.

Trotz all dieser Reichhaltigkeit durchzieht den Duft eine freudvolle "Dolce Vita" Heiterkeit. Kühle Zitrusnoten, der Saft von Mandarinen und Orangen und ein Hauch krautig grünes Petitgrain schenken die ausgleichende Leichtigkeit, wie eine lachende Anita Ekberg in Roms Trevi-Brunnen.

Streckenweise erinnert mich Néroli Intense mit seiner vor Schönheit strotzenden Grandezza an die Düfte der dreißiger und vierziger Jahre, ohne den Bezug zum Heute, zu Klarheit und Reduktion zu vergessen. Aber der Wille dieser Zeit nach der Sehnsucht zu unmissverständlicher Schöhnheit bleibt hier unverhohlen sichtbar. Wie Malles "Une Fleur de Cassie | Editions de Parfums Frédéric Malle" diese Zeit herbstlich in Moll zitiert, macht das auch "Néroli Intense | Parfums de Nicolaï" , singt aber sommerlich Dur.

Néroli Intense entstand im Herbst 2018 nur wenige Monate nach "Cap Néroli | Parfums de Nicolaï", dessen Charakter eher auf der Dolce Vita Leichtigkeit konzentriert ist mit all seinen grün krautigen Zitruslichtern, wenn aber auch dort das kraftvoll indolische Blütenmeer unbeschränkt leuchten darf. Müsste ich Cap Néroli mit Farben beschreiben, wären das weiß, hellgrün, gelb und ein verblasstes gold mit silberfarbenen Reflexen. Cap Néroli habe ich weggegeben. Ich erinnere mich nur, dass mir etwas nicht passte. Néroli Intense liegt mir mehr, es mag der blattgoldene Schatten sein.
7 Antworten
Rivegauche vor 2 Jahren 61 25
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Flakon
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Sillage
8
Haltbarkeit
7
Duft
Erwartungen
Es ist doch immer so: Wenn man die angegebenen Duftnoten liest, bekommt man meist etwas anderes als erwartet. Im Fall von Eau de Basilic Pourpre habe ich einen bittergrün krautigen Duft erwartet, dessen Charakter von Geranium, Patchouli und Gewürzen natürlich noch weiter getragen wird. Das meine Erwartungen an einen retroesken siebziger Jahre Duft natürlich nicht erfüllt werden war mir klar, deshalb fragte ich mich, wo in den offiziell angegebenen Inhaltsstoffen die benötigte zeitgemäße Kehrtwende zu entdecken sei.

Eau de Basilic Pourpre startet wunderbar saftig, kühl und zitrusgrün mit leicht bitterem basilikumgrün und der knackig kühlen Zitrusfrische von Bergamotten. Der Eindruck von Basilikum verschwindet leider zu schnell und eine ätherisch süßlich kühl grüne minzartige Frische bettet sich dauerhaft mit ein. Verantwortlich wird hier wahrscheinlich das Geranium sein, dessen rustikal krautig grüne Aura der Essenz selbst jedoch unter dem Charakter eines wie "marokkanisch gesüßten Minztees“ komplett verdeckt bleibt. Basilikum als namensgebenden und bestimmenden Duftcharakter vermisse ich hier jetzt schon, oder sollte purpurfarbenes Basilikum so anders riechen? Vor allem auf dem Papier bleibt der Duft kaugummiminzige Dufteindruck lange erhalten. Auf der Haut hingegen wird der Duft weicher und verschwimmt schnell in einer leichten Basis aus sanft weichem Moschus, der aber glücklicherweise weder zu cremig oder zu pudrig wird. Mit dem nicht angegebenen weißen Moschus entdecke ich aber den bisher vermissten aktuellen Zeitgeschmack an dem vor allem, glaube ich, Freunde von Eau de Rhubarbe Écarlate Gefallen finden werden. Patchouli mag etwas Erde beisteuern, bleibt aber von allen dunklen Facetten befreit. Gewürze nehme ich nicht wahr. Auf meiner Haut bricht der Duft zu schnell mit seiner wunderbaren grünen Klarheit in dem weißen Moschus zusammen.

Der gesamte Dufteindruck lässt sich als kühl grün und klar, sanft, weich und jung und mit leichter Süße beschreiben. Weit gefasst könnte man denken, dass "Eau de Rhubarbe Écarlate | Hermès" als Grundstruktur fungierte, um daraus etwas anderes, aber familiäres zu kreieren.

Was mir an dem Duft fehlt, ist eine kleine bittere Kante, die dem Duft Spannung gibt, er erscheint mir zu gefällig, leicht verständlich und zu wenig raffiniert. Ein längeres Durchhalten der klar grünen Knackigkeit würde vielleicht auch schon helfen. Unabhängig von meiner Vorliebe für herbe, bittere oder unsüße Düfte nehme ich aber auch eine Bitterkeit in Sommerdüften als angenehmer wahr als eine Süße, die mir bei 30° Außentemperatur einen Strich durch die Erfrischung machen würde.

Wenn ich einen Duft dem Namen „Basilikum“ gebe, erwarte ich zumindest irgendwo die Prise einer bitteren Ecke, einen Funken aromatische Erdballen Dreckigkeit, zudem Parfumeurin Christine Nagel als Ausgangsidee stimmungsvolle und zwanglose Familienfeierlichkeiten eines mediterranen Sommergartens heraufbeschwören wollte. Zweifelsohne ist der Duft zwanglos, verständlich, wird vielen gefallen und mit dem weißen Moschus begeben wir uns auch gleich wieder in die „saubere“ weiße Küche, aber dem Duft fehlt die Eleganz, den „chic français,“ den ich von Hermès erwarte, bzw. gerne weiter erwarten würde.

Christine Nagel ist natürlich nicht Jean-Claude Ellena. Rückblickend betrachtet gefallen mir seine Düfte immer mehr. Sie sind schlicht, einfach, leicht tragbar und werden der „understated“ aristokratischen Eleganz - der auf den Punkt gebrachten raffinierten Schlichtheit der Dinge der Marke Hermès - gerecht…und auch der etwas verklärten Marketingstrategie, einzelne Produkte im Überfluss und andere fast gar nicht zu fertigen, vermutlich um Begehrlichkeiten zu wecken.
Den Ellena Düften haftet etwas an (ja, ich weiß, er ist ja schon paar Jahre weg…), was man manchmal länger studieren muss um es zu verstehen, sind manchmal verkopft, das mag ich.
Rumgeeken im Parfumkosmos, um den Code des Duftes (oder irgendeines Hermès Artikels) und oder auch den Code für sich selbst zu knacken….so wie man auch die unverständliche Geldausgabe für einen sehr einfachen Hermès Artikel „verstehen“ muss…also zumindest geht das mir so.

Das liefert Christine Nagel nicht. Sie ist moderner, einfacher, jünger, klarer, direkter und näher dran „am Volk,“ am aktuellen Zeitgeschmack. Ihre Düfte finden im Zweifel schneller Gefallen, wahrscheinlich auch bei einer breiteren Masse und das ist natürlich berechtigt, denn schließlich will die Firma Geld verdienen. Mir persönlich liegt das wahrscheinlich einfach nicht so, das ist aber auch nicht schlimm, denn ihre Düfte riechen trotzdem gut. Man ist damit gut und anständig parfümiert. Vor allem das letzte "Terre d'Hermès Eau Givrée | Hermès" finde ich sehr gelungen, "Twilly d'Hermès Eau Ginger | Hermès" hingegen ist schon arg süß geworden. Da mein Schrank schon voll genug ist, brauche ich Eau de Basilic Pourpre im Moment nicht unbedingt. Aber fragt mich mal ein paar Jahren nochmal, vielleicht sehe ich die Arbeiten von Frau Nagel dann auch anders.
25 Antworten
Rivegauche vor 3 Jahren 21 8
9
Flakon
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Sillage
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Haltbarkeit
8.5
Duft
Nostalgische Neugier
Ich habe vor einiger Zeit die neu und wunderbar klar & zeitgemäß wirkende Website der Marke Jean d'Aigle durch Zufall entdeckt. Als Freund traditionell französischen Handwerks, großen Eau de Cologne Flaschen und dem nötigen Hauch Nostalgie habe ich spontan für ein kleines Geld einige Flaschen bestellt. Es wird zügig nach Deutschland für 22,00 EUR versendet, jede Flasche kostet derzeit 14,00 EUR für die 250 ml, sie wurden mit schwarzen Bakelitdeckeln und leicht veränderten Etiketten etwas modernisiert (Update in 2024: Jetzt 29,00 EUR, aber dafür auch mit Packung und aufschraubbarem Zerstäuber).

Der erste Duft der ursprünglich von dem Schweizer Jean Soutter gegründeten Unternehmen und nun in Aubagne bei Marseille ansässigen Firma war wohl Chypre von 1945. Bis heute werden seit Firmengründung die Düfte angeblich in den alten Fässern produziert.

Die nicht ganz ansprechende etwas ungeschickt rumpelig wirkende Kopfnote passt ganz gut zum lässig interpretierten Landleben Südfrankreichs...und zum Preis. Sie ist verhalten frisch, wenig zitrisch und diffus blumig, moosig & erdig.
Die kurze Duftentwicklung verläuft schnell weiter über einen herrlich altmodischen, cremig weichen und floral seifigen Charakter, der nur leicht grün ist. Buttriges Ylang, Rosenseife und grünes Maiglöckchen scheinen Ihre Aura zu verströmen. Patchouli, Moos & Vetiver geben bis in die Basis eine verhalten krautig holzige Würze und etwas typische Erdigkeit bei.

Im weiteren Verlauf sammelt sich Chypre schnell, wirkt abgeklärt und friedlich, versprüht charmant nostalgisches Sixties Flair und wirkt dabei aufgrund seiner Eau de Cologne Konzentration ruhig und körpernah, aber die Haltbarkeit ist gut. Es offenbart sich der bekannte Charakter alter Chypredüfte im Stil von Madame Rochas, etwas Miss Dior und dem alten Y von YSL..so als hätten diese dem Duft ihre Aura geliehen, um so in zurückhaltend weicher Eau de Cologne Interpretation fortzudauern. Das gefällt mir sehr.

Man darf keinen großen Wurf erwarten, aber das war wahrscheinlich auch nie der Anspruch der Marke mit ihrem Eaux de Cologne Sortiment gewesen. Wer aber handwerklich gefertigt wirkende Düfte, die nicht jeder hat und aus Spass an der Freude nur ein kleines Geld ausgeben will, könnte mit den Düften der Marke etwas französische Lebensart genießen.
8 Antworten
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