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Rivegauche

Rivegauche

Rezensionen
1 - 5 von 42
Frühkindliche Prägung
Als Dreijähriger war ich das erste Mal auf Mallorca, 1972. Es gibt von meinem Dad und mir eines für diese Zeit typischen Erinnerungsfotos von Flughafenfotografen auf der Gangway beim Ausstieg in Palma de Mallorca. Mein Vater trug im Alter von 29 Jahren im Hochsommer Anzug mit Krawatte, der Stil der Zeit.

Über die Jahrzehnte verbrachte meine ganze - damals relativ große - Familie viele Urlaube auf der Insel, Mallorca (Spanien grundsätzlich) war angesagt, leicht zu erreichen und nicht so teuer. Es gipfelte im Besitz eines Hauses im Nordosten der Insel für mehr als 30 Jahre. Im Januar 2023 wurde es verkauft…ich war dabei, schade, aber ich kann die Entscheidung meiner Tante verstehen. Einzelne Erinnerungsstücke konnte ich glücklicherweise mitnehmen. Da hatte ich mir dann auch wieder eine neue 200 ml Flasche Agua Brava „in Memory“ gekauft.

Souvenirs aus Urlauben sind häufig wunderbare Erinnerungen. Parfum hat in meiner Familie immer eine Rolle gespielt. Keine großen Mengen, aber jeder besaß etwas, es wechselte über die Dekaden, über Hattric, Janine D. zu Dior & YSL und was man sonst in dieser Zeit noch so hatte.
Daher kenne ich das in Spanien weit verbreitete Aqua Brava schon seit meiner Kindheit, jeder hatte ihn irgendwie mal, ein Familienallzweckverwender (um Loriot zu zitieren), ich habe unzählige Flaschen vom Duschgel geleert…das Eau de Cologne liebte ich immer, aber nicht zwingend für mich selbst…selbst meine Großmutter nutzte gerne das Deodorant.

In der fast 40-jährigen Ära der spanischen Franco-Diktatur (1939 - 1975) entstand in der in Barcelona ansässigen und in 1914 gegründeten Firma Puig dann in 1940 Agua Lavanda....das Nachbarland Portugal hatte ja schon sein Lavanda. Der Erfolg dieses einfachen Lavendelwassers manifestierte im Grunde den Ruf der Marke, auch Frank Sinatra soll eifriger Verwender gewesen sein....der heutige Luxusnischenmarkt existierte nicht, das Verwenden "preiswerter" Parfums war "normal." Hier, ein einfacher Duft für das Volk, der - wie alles Puig - in Drogerien, Supermärkten und anderen Geschäften für Alltagsbedarf verkauft wurde.

Nur zwei Jahre nach Eau Sauvage Eau de Toilette (frz. für wildes Wasser) erschien dann 1968 Agua Brava (1968) Eau de Cologne (spanisch für wildes Wasser).
Auch hier ein einfaches preiswertes Parfum für den Mann dieser Zeit, in allen einfachen Geschäften und auch guten Parfümerien leicht erhältlich, der den Duftstil dieser Zeit auf rustikal spanische Art gut darstellte, leicht zu mögen und für ein stilistisch erweiteres Cologne gut haltbar. „Undekorativ“ wie Intersport perfekt schrieb. Zitrusfrisch mit etwas Mentholkälte, mediterran kräutergrün & holzig rau.

Den vielen Informationen, die man der neuen (für mich wunderschönen) Colonias Absolutas Website nun entnehmen kann, sagt Jean-Claude Ellena, dass er eben Agua Brava schon immer seit seinen Jugendtagen kennen würde. Er, an der Côte d’Azur aufgewachsen, ist Spanien nicht weit.
Er sagt, er hätte dieses neue Agua Brava nun aromatischer und parfümierter gemacht… das alte wird, denke ich, unverändert weiterverkauft. So wie Agua Brava ein Abbild seiner Zeit war hat Ellena nun diese neue Version tatsächlich viel moderner gestaltet.

Denn was mich als allererstes gestört hatte, war eine unbestimmt metallisch kalt synthetische Note, die ich häufiger in modernen Herrenparfums für die junge Generation gerochen habe. Jetzt, wo ich vor einigen Wochen einen Restflakon ergattern konnte, verschwindet dieses mehr und mehr beim Tragen, jedoch nie komplett. Es findet seinen Platz für den notwendigen Zeitgeist gut eingebunden in den offiziell angegebenen Noten der Pyramide. Es wirkt fast wie ein mineralisches Rauschen, um die mediterrane Landschaft als die „parfümige“ Facette im Heute darzustellen. Letztendlich kann ich mich gut damit arrangieren, eigentlich genieße ich die Moderne hier inzwischen sogar.
Als grünes bodenständiges Kraut das angegebene Bohnenkraut…okay, Lavendel als optimistisch rustikale Blume, Minze addiert mehr kalt grün belebende Frische, ein paar versteckte Zitrusnoten tragen die Klarheit und Salbei sorgt für etwas leidenschaftliche Aromatik. Moos & Hölzer in der Basis sind erdig und grün, werden aber nie zu warm, laut und dominant.
Ein Abbild der alten Inhaltsstoffe neu interpretiert ergeben etwas Neues, aber gleichzeitig auch vertrautes. Einfach, klar und charmant, leicht zu tragen und leicht zu mögen. Damit erfüllt die neue Version die gleichen Voraussetzungen wie die alte. Vielleicht nicht zwingend für einen kalten deutschen Winter geeignet, erfüllt die gute Haltbarkeit und die eher diskrete Projektion fast alle Jahreszeiten.

Die pflanzlich grüne Rustikalität erinnert mich entfernt an eine leichtere Version von French Lover…ja, ich lehne ich mich jetzt vermutlich weit aus dem Fenster. Wird nicht eigentlich auch French Lover Jean-Claude Ellena zugeordnet, der seinerzeit als Hausparfumeur bei Hermès die „intensive Version“ von Angéliques sous la Pluie nicht offiziell signieren durfte und deshalb Pierre Bourdon auf dem Etikett auftauchte?

Es ist absolut berechtigt, darüber enttäuscht zu sein, dass diese neue Version im großzügigen 200 ml Format für - im Verhältnis zur alten Version - sehr viel Geld verkauft wird. Vielleicht wird später mal eine 100 ml Größe nachgeschoben?!
Die Marke Puig ist mit seinem inzwischen großen Portfolio verschiedener Luxusmarken 2024 an die Börse gegangen und ich kann zum 100-jährigen Firmenjubiläum den Wunsch des immer noch im Familienbesitz befindlichen Unternehmens verstehen, sich hier selbst zu feiern. Zwar werden Manuel Puig und Jean-Claude Ellena als alte Hasen genau wissen, wie der Markt funktioniert, aber gleichzeitig sind sie alt und versiert genug, um ihre echten eigenen Wünsche für sich durchzusetzen, soll heißen: Ich nehme es ihnen ab.

Die Liebe steckt im Detail. Der leicht überarbeitete Flakon des 1962‘er Originals von André Ricard im Stil klassischer Weinflaschen (der deutsche Bocksbeutel als Beispiel…) hat weiterhin einen Holzdeckel, der trotz perfektem „Klack“ beim Schließen von innen nicht mit Plastik gefüttert wurde, sondern in Holz perfekt gefertigt wurde. Der ehemalige Riemen aus Stroh wurde durch ein einfaches Leder ersetzt, was man vielleicht auch für Plastik halten könnte. Die dickwandigen und großen Pappschachteln in terrakottarotem Papier sind im Luxusnischensegment heute leider notwendig, ich persönlich brauche es nicht so, aber es sieht trotzdem wunderbar aus. Die beigefügte Broschüre finde ich ausgesprochen charmant.

Kurzum: Ich bin einfach begeistert. Mit dem neuen Agua Brava kann ich mit Erinnerungen an meine Kindheit & Jugend jetzt selbst alt werden.
21 Antworten
Mit Guerlain durch das Jahrhundert?
Während Monsieur der Marke vor einem Jahr sehr schnell das Interesse auf sich zog, scheint der Start von Vesprée etwas zu stocken. Ich habe mir diese Woche in Paris sofort eine Flasche mitnehmen müssen.

Das französische Wort Vesprée (ursprünglich okzitanisch/katalanisch vespre) bedeutet im Deutschen Abend, Abendzeit oder spezifischer ein abendliches Ereignis/Treffen. Es ist eng verwandt mit dem lateinischen vesper (Abend) und bezeichnet die Zeitspanne, wenn der Tag zur Nacht übergeht...das sagt zumindest die KI von Google über das Wort Vesprée.

Ich weiß nicht, ob überhaupt und welche Inspiration hinter der Idee des Duftes steckte, aber ich fühlte mich sofort an "gute alte" Guerlain Zeiten erinnert...wie ein Ritt durch ein Jahrhundert der Marke.

Der Start offenbart kurz etwas cologneartige Zitrusfrische, leicht und unbeschwert. Da ist auch etwas Lavendelkrautaromatik für Biss. Modernes Kardamom puscht notwendigen Zeitgeist mit einem grün würzigen Hauch, es könnte auch etwas die genannte Rosengeranie, der Sellerie oder gar der Vetiver sein? Der Eindruck ist zu komplex.

Vesprée wird dann aber sehr sehr schnell bestimmend warm und balsamisch, um den Begriff klassischer Orientdüfte zu ehren.
Die sichtbare Animalik (mit dem Lavendelzweig?) erinnert mich an Jicky. Die sägespäneartig holzigen Aspekte von Zeder trocknen das moderne und weiche Sandelholz. Offenbart Patchouli hier elegant nicht genannt etwas Erde und Dunkelheit? Diese bis lange in die Basis führende Facette erinnert mich an Héritage.
Die nun seit einigen Jahren unablässig notwendige Tonkabohne addiert einen würzig, süffig & süßen Twist und mag von Perubalsam etwas sinnlich, balsamisch & ambrierte Unterstützung erhalten. So wie Tonkabohne in den neueren Guerlaindüften immer wieder moderne Gourmandaspekte zeigt, breitet sich auch der nebelig sämige und fast rauchige Puder von Benzoeharz aus...ich muss unweigerlich an Bois d'Arménie denken. Hier ist Benjoin Bohème von Diptyque vielleicht auch nicht weit. Die vernünftig eingesetzte Vanille erinnert hier glücklicherweise eher an die Schote selbst und lässt süßes Vanillin außen vor...auch hier ein Novum von Guerlain mit der Idee von Mouchoir de Monsieur und der schattigen Atmosphäre aristokratischer Schlafzimmer vergangener Zeiten.
Zwischen all dem nebelig, balsamisch & warmen Facetten wird Iris (mit Möhrensamen?) den elegant erdig floralen Staub addieren...wie Federn vergangener Tage aus Strauß oder Marabu. Rose wird vermutlich etwas die dandyhafte Floralität unterstützen.

Damit hätte ich die offizielle Duftpyramide ganz gut abgearbeitet.
Ach ja, Haltbarkeitsfanatiker werden nicht enttäuscht.

Es ist nicht der erste Duft der Parfumeurin Marie Schnirer für die Marke Bienaimé. Sie war Teil des Maelstrom Parfumeur Teams um Yohan Cervi & Patrice Revillard, er von Monsieur. Das Trio hat sich nun offenbar getrennt und jeder geht nun seine eigenen Wege.

Wer mich kennt, weiß, dass ich grundsätzlich kein Freund kuschelig warmpudriger & ambrierter Düfte bin. Wenn es aber so ausgewogen und klassisch elegant gestaltet wird, bin ich hingerissen. Vesprée offenbart keine sichtbar moderne Synthetik, es fehlt hier glücklicherweise eine massive Süße oder eine dick klebrige Hülse, die mich unweigerlich in die Flucht schlagen würde.
Zwischen all den Impressionen von fast Proust'scher Lyrik und Chpoin'scher Symphonie (ja, ich trage hier vielleicht etwas dick auf…) von balsamisch ambriertem Puder mit fast gourmandartigen Facetten ist es der eher "männlich holzige Ernst" mit einer gewissen Leichtfüßigkeit, der Vesprée bis zum Schluss durchzieht und mich angetan zurücklässt...trotzdem sollten ihn Damen nicht unbeachtet lassen.

Als "abendlicher" Duft denke ich bei Vesprée aber nicht an Anlässe in mit Lüstern beleuchteten Ballsälen und steifem Frack, sondern eher an ausgelassene Bohèmeparties zum Charleston, intim schattige Ecken in mit dunklem Samt ausgeschlagene Bars oder auch stilvoll behagliche Abende zu Hause vor dem Kamin in samtenem Hausmantel...okay, okay, Jogginghose geht dann vermutlich auch mal.

Mit Vesprée ist der für mich unglaublich charmanten Marke Bienaimé ein guter Twist gelungen, einen klassisch symphonischen Duft im Stil der Zwanziger und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts mit modernen Materialien und Zeitgeist ins Jetzt zu transferieren. Er addiert sich perfekt in das Portfolio der retroinspirierten Parfums der Marke, und lässt dabei aber hier das Wort "Vintage" außen vor.
18 Antworten
Glücklicherweise Gegenlicht
Ein neuer Malle nach dem Weggang von Frédéric Malle? Natürlich war ich wahnsinnig gespannt.

Die drei genannten Noten der Duftpyramide sind gut erkennbar, auch wenn man heute weiß, dass die offiziellen Duftpyramiden der Marken immer nur einen Anhaltspunkt geben sollen, was der Kunde riechen soll. Ein kurzer Blick auf die deklarationspflichtigen Inhaltsstoffe auf der Rückseite jeder Parfumpackung offenbaren das Fehlen in der von der Marke veröffentlichten Pyramide. Ist schon interessant, dass es tatsächlich eine Software geben soll, die alle Marken verwenden, um den Kunden anhand einer imaginären Duftpyramide den Duft schmackhaft zu machen.

Die Strohblume, Immortelle ist gut erkennbar mit ihren sonnenwarm, trockenen, krautig harzigen und würzigen Facetten, die natürlich auch die bekannten curryartigen Facetten (glücklicherweise) offerieren. Die kaffeeartigen Aspekte sind nicht wirklich präsent. Die obligatorisch sengende Hitze der mediterranen Macchie ist nicht weit. Ist da etwas Geranium dazwischen? Insgesamt wirkt die Immortelle Note hier spröder, fast sachlich und "moderner." Ich hatte leider gerade vor einer Woche meinen 100 ml Flakon Muskethanol von Æther im Schlafzimmer zerschellen lassen, daher habe den Duft noch gut im Kopf, etwas erinnert mich daran.

Die Rosenfacette ist bekannt mit ihrem fast likörartigem und nassem Charakter. Floral, natürlich & nur wenig seifig...und (glücklicherweise) nicht süß. Fast wirkt es durch die kurze Dominanz so, als wäre Contre-Jour (das französische Wort für Gegenlicht) eine Erweiterung des Malle'schen Sortiments an Rosendüften. Ich muss auch kurz an Rosa Carnivora von Dries van Noten denken, Contre-Jour ist (glücklicherweise) nicht sauber. Auf dem Papier wirkt die Rose dominanter als auf meiner Haut, glücklicherweise. Die Rose schmeichelt der Immortelle und macht sie weicher.

Der Dritte im Bunde, das genannte Sandelholz ist (glücklicherweise) nicht dick, cremig, milchig & süß. Es wirkt tradierter, es akzentuiert die Immortelle mit balsamischer Wärme und ergänzt das Holz. Man muss natürlich unweigerlich Annick Goutals legendäres Sables denken, hier fehlt die Sämigkeit, das fast Süße, die "kuschelnde Orientalistik," das Dicke. Contre-Jour bleibt staubig trockener in der harzigen Atmosphäre.

Die drei genannten Noten sind gut verwoben, alles ist fein miteinander verblendet, es ist weder ein Immortelle - noch ein Rosensoliflor. Contre-Jour offenbart keine Süße (wenn ich da an Givenchy's Immortelle Tribal denke). Er offenbart keine sellerieartig grünen Facetten wie Sables oder auch das alte L'Être Aimé von Divine, keine dick sämige Labdanum geschwängerte Luft wie Tucson von Astier de Villatte, auch Weihrauch fehlt. Interessant war die Bemerkung der Verkäuferin, dass männliche Kunden mit einer Vorliebe von Monsieur. aus eigenem Hause vermutlich Gefallen an Contre-Jour haben könnten, da für sie die Charaktere beider Düfte etwas gemeinsam hätten. Auch ist es als französisches Parfum "parfümig" und elegant genug, um nicht als naturidentisches Landschaftsparfum durchzugehen.

Contre-Jour bleibt der Marke treu, das freut mich natürlich als langjährigen Fan der Marke. Ein etwas sperriger Duft, der sich vermutlich eher an ein erwachsenes Publikum richtet.
Da er aus 2026 ist, hält er natürlich hervorragend. Ich kann mir ein Tragen in allen Jahreszeiten vorstellen, zumindest derzeit...bei Sommerhitze kommt Immortelle ja erst richtig zur Geltung, als die Pflanze der Macchie. Übrigens kann ich das Tragen von Goutals Sables bei 33 Grad Celsius nur empfehlen, erst dann versteht man es!
Gibt es inzwischen eigentlich einen synthetischen Ersatz für echte Immortelle Essenzen oder kann man den Duft von Immortelle anders mit synthetischen Ingredienzen nachbilden?

Witzigerweise hatte ich mich schon gefragt, wie ein neuer Malle Duft riechen könnte. Immortelle fehlte noch im Malle'schen Portfolio und liegt offenbar derzeit etwas im Trend, da hatte ich das als mögliche Idee in Gedanken...ich sollte Hellseher werden (nicht glücklicherweise).
19 Antworten
Überraschung
Als "Cuir Aromatique" beschrieb ihn mir die Hermès Mitarbeiterin im Pariser Stammhaus auf der 24, rue du Faubourg Saint-Honoré vor einigen Wochen nur kurz.

Ich habe den Duft nur einmal direkt dort im Geschäft auf der Haut testen können, bin damit den Tag lang durch Paris geschlendert...und habe zumindest auch den üppig besprühten Duftstreifen in meinem Sakko mehrere Tage aufbewahrt...soweit, die Haltbarkeit ist ganz hervorragend.

Der Duft ist es aber für mich, im Gegensatz zu dem von Paddock begeisterten Blogger "Persolaise" auf Youtube (der einzige den ich sehr gerne mal sehe), nicht ganz.

Ich nehme animalisches Leder wahr, mit leider leicht oudigen (für mich synthetischen) Facetten unterlegt. Es erscheint mir wie eine kombinierte Melange traditioneller und moderner Ledernoten. Die Animalität spielt natürlich mit der Idee verschwitzter Reitpferde, auch die grundsätzliche Idee mit Möhren und Heu, einer Atmosphäre von Stall und Pferd.
Der Duftcharakter wandelt sich nicht stark.
Zur Ledernote addieren sich Noten von Heu und Karotten bzw. Möhrensamen, es ist etwas sperrig, trocken, fast rau und staubig, warm, würzig & holzig. Eine herb grüne und nahezu kratzige Facette fügt sich mit ein, etwas wie Veilchenblatt...was ich nicht besonders mag...aber gerne mal mit Leder kombiniert wird. Amber scheint dem Duft die rund warme Atmosphäre zu geben. Der Duft bleibt immer trocken und herb, wird nie süß, das ist gut.

Paddock war mir persönlich aber insgesamt zu intensiv, starr, dicht und kompakt, mir fehlte ein Lufthauch.
Das geht mir auch mit Bel Ami so...irgendwie schwingt in Paddock auch ein Hauch Bel Ami Eau de Toilette mit...es ist ein Hermès.
Die suggerierenden fröhlichen Farben, Gelb, Orange, Rot & Beige passen nicht meinem Dufteindruck, den ich eher mit Braun, Olivgrün, Dunkelgrau und etwas Beige beschreiben würde.
Natürlich liegt bei einem Hermès Duft, der anlässlich des jährlich wiederkehrenden Hermès Reitsportevents "Saut Hermès" im Grand Palais, lanciert wurde, ein Lederduft nahe. Aber ich war nicht restlos überzeugt. Nach Violette Volynka (schön, aber nicht neues) und Oud Alezan (Leder, Oud, Rose...nöö) nun ein weiterer Lederduft von Hermès, der mir irgendwie bekannt vorkam, trotzdem etwas neues und einzigartiges darstellt, der mir mit seiner grün, herb und etwas sperrigen (vermutlich doch eher synthetischen...) Art eigentlich hätte gefallen müssen, blieb eine richtige Begeisterung aus. Immerhin hätte ich ihn kaufen können, denn er ist/war streng limitiert. Ich war vier Tage in Paris, also war der Druck da: "Jetzt oder nie."

Nach den mir gegebenen Informationen ist/war Paddock nur für insgesamt sechs Wochen exklusiv nur in drei Pariser Hermès Boutiquen direkt erhältlich...ab wann, bis wann, ich weiß es leider nicht.
Er erscheint im regulären Hermessence "Outfit" mit 100 ml für 285,00 EUR. Das Etikett ist zweifelsohne witzig & ideenreich, aber bei mir entstand der Eindruck, als hätte man das Design des Etiketts vergessen und sich erst in letzter Sekunde hierzu entschieden.

Hermès überrascht Menschen immer wieder mal mit limitierten und nicht wirklich publizierten Editionen wie z.B. Eau de Ginza, welches zur Eröffnung der grandiosen von Renzo Piano komplett aus Glasbausteinen entworfenen Hermès Boutique in Tokyo erschienen war.
Oder auch das ausschließlich für die Hermès Geschäfte an der Côte d'Azur in 2013 lancierte Voyage (nicht zu verwechseln mit dem regulären Voyage...), eine Variante von Calèche Eau de Toilette, bei der die Formel mit einer Ernte von Mimosen variiert wurde...der war gut!

Ich habe Paddock nicht gekauft, das "aber" überwog und mein Schrank ist auch zu voll.

UPDATE 2025:

Ich habe ihn jetzt gekauft. Er wird erneut nun in der Edition "Saut Hermès 2025" wohl wieder nur für einen kurzen Zeitraum von einigen Wochen in wenigen Pariser Hermès Boutiquen mit identischer Duftformel und verändertem Etikett und nun 335,00 EUR für 100 ml verkauft.

Dieser Jahr war mein Dufteindruck leicht verändert, Paddock erscheint mir für mich klarer erkennbar. Die kantige Veilchenblattnote und auch der "oudige" Eindruck sind weg, nur kurz in der Kopfnote blitzt es auf.
Er erscheint mir weicher, pudriger & moschuartiger mit einer jetzt größeren Betonung auf das Wildleder...vermutlich ist es das Molekül Suederal. Er bleibt angenehm elegant animalisch, grün & herbal, die Assoziation von Heu ist auch da, fast honiggelb und wachsig...wie von Sonne verwöhnt, und das Amber schenkt nur leicht rundende Wärme. Wenn ich mich aus dem Fenster lehnen würde, würde ich Paddock nun als "maskuline Version" von Cuir d' Ange betiteln.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich letztes Jahr 2024 in Paris bei Regen im Café Paddock immer wieder gerochen habe...und auch abends und auch am nächsten Tag hatte ich noch meine Duftkarte. Es beweist dennoch, dass man Düfte immer mehrfach testen sollte.
Ich hatte tatsächlich die Tage einen sehr kurzen Chat auf Instagram direkt mit Christine Nagel und sie bestätigte mir, dass die Formel zum Vorjahr identisch sei...das war toll.
Jetzt weiß ich auch wieso. Es ist vermutlich der selbe "Batch" wie die Version von 2024, denn laut Checkfresh wurde mein Flakon der Edition 2025 - vor einigen Tagen in Paris gekauft - bereits im Sommer 2023 produziert. Paddock 2025 hält nicht länger als meine Erinnerung vom letzten Jahr, aber er scheint eindeutig gereift.
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Helle Nuss
Vetiver Gris gefiel mir vom ersten Moment an, als ich ihn letzten Juni bei der Esxence Messe im 36 Grad heißen Mailand testen konnte. Das offizielle Video der Marke Jacques Fath verrät u.a., dass die Kreativdirektorin der Marke Jacques Fath, Rania Naim, Jean-Christophe Hérault als Parfumeur zunächst ablehnte…nachdem er sich selbst bei ihr für eine Zusammenarbeit vorstellte. Als ein bei IFF Angestellter Parfumeur sei er nicht unabhängig, und sie bevorzugt die Arbeit mit unabhängigen Parfumeuren.
War er doch selbst von der Marke Jacques Fath, vor allem vom Iris Gris Relaunch L'Iris de Fath Extrait de Parfum der Maelstrom Parfumeure Patrice Revillard und Yohan Cervi, stark beeindruckt gewesen die auch unlängst an einer erreichbareren Eau de Parfum Version L'Iris de Fath Eau de Parfum gearbeitet haben, die bald erscheinen wird (30 ml EdP wohl 265,00 EUR).

Aber wieso Vetiver Gris, wieso grau? Wegen der Iris, dem Bezug zur Marke? Gris, Green...? Ja, klar, auch. Für mich aber vor allem deshalb, weil den ganzen Duft eine klare und transparente Zeitlosigkeit wie Klassizismus durchzieht.

Vetiver Gris ist clever durchdacht, werden hier einzelne Rohstoffe aus unterschiedlichen Ecken miteinander verwoben und verbunden.
Hat doch vor allem Java Vetiver eine stark nussige Facette, funktioniert hier der Trick die nussige Facette des Vetivers mit der kulinarisch süßlich gourmandigen Facette von Haselnüssen zu verbinden. Tatsächlich wird wohl Ethylmaltol dafür verantwortlich sein, die Süße erinnert mich schon eher an Karamell oder braunen Zucker. Das Spiel setzt sich fort mit der Kombination der holzig rauen Erdigkeit des Vetiver und der trocken elegant geraden und "grauen" Erdigkeit der Iriswurzel…um den Duft als pudrig oder cremig einzuordnen, ist beides nicht ausgeprägt genug. Die grüne Facette des Vetiver wird um den Akkord wie knackig grüner unreifer Haselnüsse erweitert und die klassische Eleganz des bitter grünes Galbanumharzes mag sich fast unbemerkt verbindend zwischen den Facetten des Vetivers einfügen. Vermutlich dank der klaren Destillation der Laboratoires Monique Remy (LMR) ist Vetiver Gris nahezu komplett rauchfrei.

Dieses Spiel aus holziger Erdigkeit mit süßlich gourmandigen Facetten findet sich aber überraschenderweise wieder in einem wunderbar transparent, klaren & optimistischem Kontext.
Neroliblüten mit ihrem floral weichen und leicht seifigen Charakter schaffen die Verbindung zum Green Water (2016) der eigenen Marke, das offenbart auch den in dem Video beschriebenen Eau de Cologne Eindruck...und mit Eaux de Cologne kriegt man mich ja eh immer. Passend unterstützt von minzig grün floraler Rosengeranie, um die Klassik zu verstärken…oder eben beizubehalten. Der lebhaft saftige Charakter diverser Hesperiden, Bergamotten, Mandarinen…welcher Art auch immer sind von Anfang an mit dabei, um zu bleiben. Damit hätte ich die offiziell angegebene Pyramide insgesamt ganz gut abgehakt.

Was mir in dem Duft als Resultat so gefällt ist - wie bereits erwähnt - die durchgehend frisch transparente Klarheit, das urban gerade „grau,“ voller Licht und Helligkeit, nie beschwerend. Die Aura klassischer Neroli Eaux de Cologne bleibt bestehen. Die grün trocken holzige Erde des Trio Vetiver, Iris & Galbanum sitzt sicher in der Mitte, aber ohne Dominanz, eher wie abgeklärt lächelnd. Die gourmandige Facette ist trotz eindeutiger Zuckersüße frei von all den Klischees, die mich persönlich sofort dazu bewegen würde, den Duft sofort weit weg zu stellen. Das addiert hier eher jungen Witz. Ein paar moderne Aromachemikalien - wie auch immer sie heißen mögen - werden dem Duft unterstützend verhelfen, den notwendig zeitgemäßen Touch zu geben, ohne ihn in banale Belanglosigkeit abdriften zu lassen.

Vetiver Gris erinnert mich auch an zwei Frédéric Malle Düfte, obwohl diese ganz klar anders riechen. Die grünminzig weiche Frische von Geranium pour Monsieur und die kühl grünen Hölzer von Vétiver Extraordinaire …ich weiß, große Worte, passenderweise werden dort aber auch LMR Destillationen verwendet. Es mag die fast architektonisch geradlinige Ausführung der Düfte sein, die sie für mich verbindet. Eine Form der zeitlosen Klassik des Klassizismus.

Man kann den Duft als unisex bezeichnen, er dürfte aber aufgrund des Charakters vermutlich mehr Männer ansprechen. Haltbarkeit und Projektion sind gut. Aber eh ein Thema, dass hier auf Parfumo leidlich viel zu häufig diskutiert wird. Wie Jean-Claude Ellena sagte: „Es hat nichts mit Schönheit zu tun.“ Und schön ist Vetiver Gris in jedem Fall, und nicht nur ein schöner Begleiter für den kommenden Frühling.
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