Ach, was für ein wunderbarer Duft, ein Fest für meine Nase und eine wehmütige Erinnerung an Zeiten, als Düfte noch das Ideal einer ebenso selbstbewußten wie selbstbestimmten, ernsthaften und erwachsenen Frau zeichneten und nicht das eines verzuckerten, ichbezogenen und ewig kindlich bleiben wollenden Mädchens.
Wie ganz viele Düfte aus dieser Periode entfaltet sich zunächst eine krautgrüne Note mit kleiner Kante, reserviert, nicht allzu frisch, ein Hauch zartbitterer Melancholie schwingt mit. Dazu das kühle Funkeln einer kristallklaren Hyazinthe und ein zarter Hauch Würze. Das ist schön und eigen und ein winziges bißchen nostalgisch auch, auf die zeitlose Art alterloser Klassiker.
Die Kopfnote erweist sich übrigens zunächst als unerwartet leise, ich habe, was ich sonst nicht machen würde, zweimal nachgesprüht, um sie überhaupt etwas detaillierter wahrnehmen zu können.
Übergang zur Herznote, ich notiere: „Klarglasblüten“, ohne erwähnenswerte Süße erblüht jetzt ein dichter, engmaschig gewebter Blütenteppich. Nicht unfreundlich, dennoch reserviert, aber er läßt ahnen, daß sich da noch etwas entwickeln könnte, denn er wird etwas weicher, die Andeutung eines Lächelns sozusagen. Gleichzeitig scheint er an Projektion zuzunehmen: Ich kann ihn jetzt auch an mir erfassen, ohne das Handgelenk direkt an die Nase führen zu müssen, wer hätte das gedacht?
Ganz langsam verändert der Duft sich weiter, nach vielleicht eineinhalb Stunden ist jetzt auch ein Hauch von Süße da, mit spitzesten Fingern dosiert, dazu eine zarte Cremigkeit: Der Duft lächelt jetzt wirklich und ich könnte schwören, daß er kleine Lachfältchen um die Augen hat.
Schon bis dahin hat mir der Duft sehr gut gefallen (so sehr übrigens, daß ich schon mal in die Bucht geschaut habe) aber dann passiert es, das Unerwartete, it’s magic: Megara beginnt zu gurren. Was für eine einhüllende, einnehmende Basisnote! Ein weicher, sinnlicher, zartsüßer Hautduft mit sanfter Honigwürze, samtigem Moschus (mit altgoldenem Schimmer) und einer betörenden Sandelholznote. Ich bin begeistert und möchte mich an dieser Stelle bei Sebastian für die mehr als großzügige Probe von ganzem Herzen bedanken.
Ich empfinde Megara als hervorragend ausbalanciert, subtil, schwebend, mit feinstem Maschenbild, kontrolliert, eher zurückgenommen und dennoch entspannt selbstbewußt. In jeder Phase. Diese entspannte Selbstverständlichkeit macht ihn überaus elegant und unangestrengt, er würde einfach immer passen: Bei einem geschäftlichen Einsatz ebenso wie im Theater und beim sonntäglichen Spaziergang. Und ganz besonders bei einem Date (hier aufs Timing achten).
Das Wort "Klarglasblüten" habe ich noch nie gelesen, gefällt mir. Überhaupt eine wirklich hervorragende Beschreibung eines Duftes, den ich leider nie kennenlernen durfte.
Was für ein wunderbarer Kommentar, vielen Dank! Ich kenne Megara nicht, aber die Lachfältchen haben mich berührt...Könnte es übrigens sein, dass Megara eine Verwandschaft zum alten Gucci III hat? Irgendwie klingt es danach...
Ich beglückwünsche Dich! Erstens das Du diesen wundervollen und seltenen Duft von Le Galion kennenlernen durftest. Und zweitens zu diesen überaus gelungenen,begeisternden,würdigenden und schönen Kommentar. Eine Freude zu lesen!
Eine sehr dichte und detaillierte Duftbeschreibung, die wohl keine Ecke und Kante, keine Facette des Parfüms auslässt. Toll geschrieben und ein Kommentar, den man gern ein zweites Mal liest!
Den habe ich - wie den Großteil meiner Vintagedüfte - auf dem Flohmarkt ergattert. Das war der letzte Duft, den Le Galion vor dem Verkauf der Firma in die USA - wo sie dann alsbald verschied - herausgebracht hat. Wir du bin ich von Megara auch sehr angetan. Die Parfumeurin ist wohl Dominique de Urresti, die Tochter von Paul Vacher, und war als Hommage an ihren Vater gedacht. Der hatte Le Galion in den Dreißigern übernommen und war als Parfumeur für (fast) alle Düfte der Marke verantwortlich.
Wieder Mal wunderbar und sehnsuchtsweckend kommentiert.
Sehr hilfreiche Timing Vorschläge obendrein: Duft vor 20 Jahren erwerben und ca. 2 Stunden vor Kollision mit dem Begehrensobjekt auftragen... so in etwa??
Ich bin extrem mitgenommen und plädiere dafür, dass demnächst bei großartigen Kommentaren immer ein „Achtung-Duft wurde eingestellt-Schild“ aufplöppt, damit die arme Friesin und ich nich umsonst schon nach den ersten Zeilen unser Sparschwein schlachten. Verzehr-Pokal!
Hach, das liest sich ja ganz wunderbar.... Der Blick in die Duftvergangenheit bringt immer großen Spaß. Einerseits weil die Gegenwart eher grau ist und andererseits weil damals nicht alles schweinchenrosa, angepasst und zuckrig süß geduftet hat. Megara ist mir nie begegnet, aber ich bin mir sicher, daß der Duft auch meinen Geschmack treffen würde.
Mit großer Freude und Dank gelesen
Sehr hilfreiche Timing Vorschläge obendrein: Duft vor 20 Jahren erwerben und ca. 2 Stunden vor Kollision mit dem Begehrensobjekt auftragen... so in etwa??
Trotzdem sehr schöner Kommentar