Les Nombres d'Or - Cuir Maison Mona di Orio 2010
33
Top Rezension
Kleines, großes Glück
Bereits als Kind hat mich die Frage bewegt, was dahinterstecken mag, wenn es in einer Todes-Anzeige heißt: „Nach einem langen, erfüllten Leben….“ Kindliches Rätselraten mag seither erwachsenen Vorstellungen gewichen sein. Dennoch bleibt „erfüllt“ gewiss eine der denkbar persönlichsten Wahrnehmungen. Ebenso, welches Maß an und welche Art von Glück dazu gehört.
Wie bedeutsam vermeintliche Kleinigkeiten werden können, ist mir selbst so richtig erst im Familienleben aufgefallen. Zum Beispiel eines Abends, in jedem meiner Arme lag ein Kind und wir duselten zu dritt langsam ein, während mir allmählich die Arme einschliefen. Trotzdem: Nicht bewegen, den Moment nicht stören. Großes Glück im Kleinen. Jahre her und ich weiß es wie gestern.
Ich komme darauf, weil Cuir ein Duft wie ein Leben ist, das der oder dem es Lebenden nichts geschenkt hat, sich jedwede Annehmlichkeiten mühsam abringen ließ, welche darob umso kostbarer wurden; Kleinigkeiten womöglich, fernab der Pseudo-Bedürfnis-Erfüllung innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft, die lediglich kurzzeitig das Angeödet-Sein überdecken mag.
Ich kann nicht behaupten, vom Auftakt sonderlich überrascht gewesen zu sein. Wer Vanille in seinem entsprechend benannten Duft in die Nähe einer Räucherkate rückt, tut das mit Leder zweifellos erst recht. Ich sprühe auf und werde mit wacholder-gewürztem Rauch beballert. Da brennt buchstäblich der Baum, ein Schinken-Baum. Gleichwohl ist Cuir an dieser Stelle nicht derart an den Rand des Untragbaren geräuchert wie Sombre Negra von Yosh.
Beim Wacholder handelt es sich weniger um den Strauch als um das Gewürz. Wacholderspeck kommt mir in den Sinn, habe ich als Kind gerne gegessen. Dies hier ist allerdings kräftiger, beißender, beinahe wie Qualm in den Augen. Nach dem Leder muss ich darunter (zunächst) suchen. Doch ist es einmal entdeckt, frage ich mich, warum ich die säuerlich-kernige Note nicht sofort vornean in der Nase hatte. Über Stunden hinweg balanciert der Duft gekonnt zwischen derbstem Leder und stärkstem Rauch. Ungeachtet seines Brand-Charakters bietet er kaum Wärme. Selten habe ich einen Duft als dermaßen erwachsen und ernsthaft empfunden.
Rauchiger, finsterer Birkenteer beherrscht den Nachmittag. Insgesamt wird der Duft zwar ein bisschen milder, ohne freilich nennenswert an Düsternis einzubüßen. Opoponax wurde als verantwortlich vermutet, gut möglich. Ich habe mir im Alsterhaus mal aus Versehen das Raumspray ‚Opoponax‘ von Diptyque auf die Haut gesprüht, das würde schon passen. Wiederum könnte zudem Wacholder im Spiel sein, irgendein ätherisches Öl finde ich plausibel. Ab der siebenten Stunde rieche ich eine Extra-Portion verkokeltes Holz. Und weiter geht’s. Einfach nichts an Cuir ist schön. Nichts Schmeichelndes, nichts Freundliches ist darin. Langes, hartes Leben. Doch nicht verbittert.
Puh. Erstmal hinsetzen. Vielen Dank an Vollbart für die Probe!
Wie bedeutsam vermeintliche Kleinigkeiten werden können, ist mir selbst so richtig erst im Familienleben aufgefallen. Zum Beispiel eines Abends, in jedem meiner Arme lag ein Kind und wir duselten zu dritt langsam ein, während mir allmählich die Arme einschliefen. Trotzdem: Nicht bewegen, den Moment nicht stören. Großes Glück im Kleinen. Jahre her und ich weiß es wie gestern.
Ich komme darauf, weil Cuir ein Duft wie ein Leben ist, das der oder dem es Lebenden nichts geschenkt hat, sich jedwede Annehmlichkeiten mühsam abringen ließ, welche darob umso kostbarer wurden; Kleinigkeiten womöglich, fernab der Pseudo-Bedürfnis-Erfüllung innerhalb einer Wohlstandsgesellschaft, die lediglich kurzzeitig das Angeödet-Sein überdecken mag.
Ich kann nicht behaupten, vom Auftakt sonderlich überrascht gewesen zu sein. Wer Vanille in seinem entsprechend benannten Duft in die Nähe einer Räucherkate rückt, tut das mit Leder zweifellos erst recht. Ich sprühe auf und werde mit wacholder-gewürztem Rauch beballert. Da brennt buchstäblich der Baum, ein Schinken-Baum. Gleichwohl ist Cuir an dieser Stelle nicht derart an den Rand des Untragbaren geräuchert wie Sombre Negra von Yosh.
Beim Wacholder handelt es sich weniger um den Strauch als um das Gewürz. Wacholderspeck kommt mir in den Sinn, habe ich als Kind gerne gegessen. Dies hier ist allerdings kräftiger, beißender, beinahe wie Qualm in den Augen. Nach dem Leder muss ich darunter (zunächst) suchen. Doch ist es einmal entdeckt, frage ich mich, warum ich die säuerlich-kernige Note nicht sofort vornean in der Nase hatte. Über Stunden hinweg balanciert der Duft gekonnt zwischen derbstem Leder und stärkstem Rauch. Ungeachtet seines Brand-Charakters bietet er kaum Wärme. Selten habe ich einen Duft als dermaßen erwachsen und ernsthaft empfunden.
Rauchiger, finsterer Birkenteer beherrscht den Nachmittag. Insgesamt wird der Duft zwar ein bisschen milder, ohne freilich nennenswert an Düsternis einzubüßen. Opoponax wurde als verantwortlich vermutet, gut möglich. Ich habe mir im Alsterhaus mal aus Versehen das Raumspray ‚Opoponax‘ von Diptyque auf die Haut gesprüht, das würde schon passen. Wiederum könnte zudem Wacholder im Spiel sein, irgendein ätherisches Öl finde ich plausibel. Ab der siebenten Stunde rieche ich eine Extra-Portion verkokeltes Holz. Und weiter geht’s. Einfach nichts an Cuir ist schön. Nichts Schmeichelndes, nichts Freundliches ist darin. Langes, hartes Leben. Doch nicht verbittert.
Puh. Erstmal hinsetzen. Vielen Dank an Vollbart für die Probe!
Aktualisiert am 06.12.2016 - 09:29 Uhr
22 Antworten
Verbena vor 7 Jahren
Wunderbarer Kommentar, den ich just jetzt anlässlich meines eigenen Dufttests lese. Ich bin begeistert und berührt.
Kovex vor 8 Jahren
klasse beschrieben. Empfinde ich ganz ähnlich wie Du. Da gibt´s schlimmere Schinken-Düfte :)
Unterholz vor 10 Jahren
Harter Stoff, indeed! Aber bei kältestem Winterhudelwetter durchaus auch mit wärmenden Eigenschaften. Pokal für die persönliche und kritische Beurteilung!
Dobbs vor 10 Jahren
Ich glaube, den muss ich nicht unbedingt testen. Schinken ist mir auf Schwarzbrot lieber ;o)
Palonera vor 10 Jahren
Oh, schon wieder Schinken... Der kommt Dir in Düften oft unter die Nase, nicht wahr?! In jedem Fall habe ich "Cuir" nun höchst eindrucksvoll im Kopf - und Dich mit zwei Kindern im Arm auch, :-).
Pluto vor 10 Jahren
Hm, ich glaub, ich beim Kokeln der Tannenadeln....
Gerdi vor 10 Jahren
Och,- schade! Alle Zutaten mag ich so gerne, aber wenn die Mixtur nicht stimmt wird's wohl nix! Und Kokeln soll doch auch Spaß machen, oder?
Zauber600 vor 10 Jahren
1
Ach so: Idyllischer Kommi .. für einen brachialen Duft .. Harmoniepokälsche ;-))
Zauber600 vor 10 Jahren
Na dann trag ich doch lieber Sombre Negra,den finde ich nach einigen Malen tragen ganz zahm .. eher scharze RäucherSeife als Geräucherter Schinken aber der hier der Cuir macht mir Angst :(
0815abc vor 10 Jahren
Früher fand ich ihn wunderbar,heute für mich untragbar. So ändert sich die Wahrnehmung.
Terra vor 10 Jahren
Im Vergleich zu einem Bois d Ascese ist der noch brav, finde ich. Für mich nicht "böser" als ein Vintage Bel Ami und ein schöner, herb-rauchiger Lederduft. Dein Kommentar baut eine tolle Stimmung auf. Manchmal braucht man was für`s harte, lange Leben
Mandelmaus vor 10 Jahren
Danke für testen und berichten, ein Schinkenbaum, Sachen gibts :D Ich brauch den wohl auch nicht testen...
Kleopatra vor 10 Jahren
Dankeschön. Dann brauch ich den auf keinen Fall testen... *Scheibe-Schwarzbrot-reich*
MarWic vor 10 Jahren
Ganz feiner Kommi zu einem für mich echten Männerduft !
MoniE vor 10 Jahren
Klasse Kommentar! Hatte den Cuir auch schon unter der Nase - für mich untragbar, aber fasziniert war ich schon. Ich fand ihn anziehend und abschreckend zugleich. Unbedingt einen Test wert!!!
Sarungal vor 10 Jahren
Interessant - aber die minimalste Schinken-Assoziation schmeißt mich aus dem Rennen. Macht aber nix - gibt ja eh zu viele Düfte, die theoretisch getestet werden sollten. Pokal
Ormeli vor 10 Jahren
Oh ja, diese „bitte nicht bewegen-Momente“ kenne ich – aber das war es stets wert :-)
Yalla vor 10 Jahren
Ein ganz besonderer Gourmand eben ... ;^)
DOCBE vor 10 Jahren
Klingt nach 'in your face' ... brauche ich nicht wirklich. Aber darüber lesen ist ok :-)
Ergreifend vor 10 Jahren
Toller , treffender Kommi!
NightFighter vor 10 Jahren
Das ist also wohl eher nicht meine Schiene. Vortrefflicher Kommentar. Danke !
Ergoproxy vor 10 Jahren
Ich fand den nicht übel, aber für mich kein Tragekandidat.

