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Colonia Classica von Wally

Colonia Classica

FvSpee
14.02.2021 - 16:55 Uhr
41
Top Rezension
8Duft 2Haltbarkeit 4Sillage 7Flakon 9Preis

Neukölln 22: Frottage

Es wird ja gerne behauptet, im Mittelalter hätten sich die Leute nicht gewaschen. Ich denke mal, wenn wir Heutigen per Zeitmaschine auf einen Marktplatz im Köln des Jahres 1300 geschleudert würden, bräuchten wir schon eine Weile, bis unser olfaktorisches System sich so weit adaptiert hätte, dass wir vom Dauerkotzen runterkämen. Und die Idee, dass man Unterwäsche häufiger als einmal wöchentlich wechseln kann, dürfte auch nicht wesentlich älter als 100 Jahre sein.

Trotzdem stimmt das mit dem Mangel an körperlicher Sauberkeit nicht so ganz. Im Hochmittelalter badeten die Menschen jedenfalls in den mitteleuropäischen Städten sogar viel und gerne, ähnlich wie in der römischen Antike, und zwar in öffentlichen Badehäusern. Einige davon waren "Badehäuser", in der Mehrzahl wurde wirklich gebadet. Aber auch in der seriösen Kategorie wurde auch gequatscht, Wein getrunken und Würfel gespielt.

Die Kirche sah das alles nicht ganz so gern, was aber nicht weiter hinderlich war. Bis etwa zur Großen Pest von 1348-1350, durch die sich die Bevölkerung Europas fast halbierte. Man kriegte das zwar damals nicht so im Einzelnen auf die Reihe von wegen Bakterien und Flöhen, aber so ein vages Gefühl dafür, dass so eine Seuche sich wohl fühlt, wenn die Leute eng aufeinander rumhängen, bestand schon. Heute werden die Schwimmbäder nur vorübergehend geschlossen, damals (also: seit dann) galt Baden generell als gesundheitsschädlich. Kriegt man die Pest von.

Aber trotzdem stanken die Leute ja nicht einfach vor sich hin wie die Iltisse. Sie rubbelten sich ab. Sich. Oder einander. Frottage. Mit angefeuchteten Tüchern zum Beispiel. Und das ging wirklich verdammt lange so. In dem gerade erschienenen Buch der Edition Nez Culture über Colognes (ich hab es vor einer Woche im Blog rezensiert) steht, dass noch in den 1960-er Jahren in Frankreich nur jede dritte Wohnung, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, ein Badezimmer hatte. Wenn es überhaupt fließendes Wasser in der Wohnung gab, dann in der Küche. Man badete üblicherweise einmal die Woche oder einmal im Monat auswärts, und an den anderen Tagen: Katzenwäsche zwischen Töpfen und Pfannen.

Oder Frottage. Und zwar oft mit Tüchern, die nicht mit Wasser, sondern mit Eau de Cologne angefeuchtet waren. Die Frage, ob es zu den Kindheitserinnerungen gehörte, von den Eltern mit 'Bien-Etre' oder mit 'Mont-St-Michel' abgerubbelt worden zu sein (beides Colognes, die es auch heute noch gibt) war der Vorläufer von Coke-oder-Pepsi, Nutella-oder-Nudossi und Apple-oder-Windows.

Das Wissen um diese Umstände lässt es auch verständlicher erscheinen, warum in vielen Ländern Colognes noch heute in Literflaschen oder gar Fünfliterkanistern verkauft werden und woher der Begriff 'Wasch-Eau-de-Cologne' kommt.

Wally Colonia Classica ist ein italienischer Traditionsduft, etwa 100 Jahre alt, der ausschließlich in Literflaschen verkauft wird, und zwar für wenig Geld. In der Reihe 'Colonialwaren' habe ich bei den beiden Schwesterdüften 'Pelle di Spagna' und "Colonia Fougère' zur Marke schon alles, was ich berichten kann, mit den Lesern geteilt und beschränke mich daher auf ein paar Worte zum Duft selbst:

Colonia Classica ist ein im allerbesten Sinne unaufdringliches Kölnischwasser, bei dem man sich förmlich vorstellen kann, wie es auf die oben geschilderte Art angewendet wurde. Es hat nichts Parfümiges, sondern riecht einfach nur geradeaus frisch. Aufdringlich seifig oder penetrant sauber ist es aber auch nicht.

Wenn ich vor kurzem an dieser Stelle das türkische Duru als ein Plain Vanilla Cologne beschrieben habe, war es ein Tenor-Plain-Vanilla. Dieses hier ist ein Bariton-Plain-Vanilla-Cologne: geradeheraus, unauffällig, aber eine Etage tiefer. Konkret: Der - mit unter einer Stunde Haltbarkeit ziemlich flüchtige - Duft ist zwischen zitronigen und orangigen Noten gemittelt, aber von beiden Seiten die eher dunkleren Noten und mit einem leichten Orangenüberhang. Das stimmt mit der Duftpyramide überein, wo Bitterorange und zwei Arten Süßorangen plus Mandarine genannt werden, auf der anderen Seite zweimal Zitrone und Bergamotte.

Die Bergamotte scheint mir gering dosiert, Neroli fehlt ganz, damit ist der Duft weit vom geliebten und gehassten 4711-Sound entfernt: Einfach ein schönes, sauberes, etwas dunkles Orangen-Zitronen-Wässerchen.

Dabei aber nicht allzu klar oder hell-kristallin (das wäre auch nicht die Wally-DNA, soweit habe ich die Marke jetzt schon verstanden): Damit es nicht langweilig wird, kommt insbesondere im Abgang noch ein krautiger und, hm, ambrischer (aber mehr im Sinne von "bernsteinfarben" und "schattig" als dass es wirklich nach Amber oder Ambra röche) Widerpart dazu, für den ich die Vertikale Speik-Lavendel/Rosmarin/Granatapfel verantwortlich machen möchte.

Fazit: Ein wunderbares schlichtes, dunkelzitrisches und leicht krautiges Alltagscologne (auch heute, wo die Dusche erfunden ist und die Frottage ihre Unschuld verloren hat) und: super classica!
27 Antworten
MarieposaMarieposa vor 4 Jahren
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Vielen Dank für diesen wohlgesetzten und informativen Kommentar.
Als Luxusweib, das ich nun mal bin, lasse ich mir jetzt ein Bad ein und kippe eine Tasse Agua Lavanda ins Wasser, weil ich den skizzierten Duft nicht habe.
MCPSMCPS vor 4 Jahren
1
Übrigens, hast du dich auch schon gefragt, wie Wein vor 1000 oder 2000 Jahren wohl geschmeckt hat?
MCPSMCPS vor 4 Jahren
Danke für den historischen Exkurs in übelriechende Gefilde… In „Shogun“ heisst es übrigens, dass im Westen damals die Leute nur zweimal gebadet wurden. Einmal nach der Geburt, und einmal nach dem Tod. Da waren die Japaner dann doch etwas reinlicher.
PatpowPatpow vor 4 Jahren
Vielen Dank! Hier habe ich wieder einiges gelernt, vor allem den mir bislang unbekannten Begriff des „Wasch-Eau-de-Colognes“, der mir persönlich sehr zusagt. Ja, ja... es war nicht alles schlecht :).
GelisGelis vor 4 Jahren
Klingt interessant. Wenn mein 4711 mal alle ist, werde ich Deine Neukölln Kommntare noch mal zu Rate ziehen. Und danke auch, für den geschichtlichen Ausflug.
Can777Can777 vor 4 Jahren
Auch wenn der Duft mal wieder nichts für mich ist. Ich bin immer wieder fasziniert was Du an Wissen darüber immer wieder raus holst. Da bist Du der Profi. Respekt!
SiebenkäsSiebenkäs vor 4 Jahren
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Dank meiner rheinischen Gene las ich in deiner Überschrift erst mal „Frohtage“... aber das macht gar nix - froh macht dieser Kommentar auch so, unterhaltsam interessant und locker wie er daherkommt. Bernsteinfarbener Pokal in Badezuberform für dich!
Melisse2Melisse2 vor 4 Jahren
Wenn ich als Kind bei meiner Oma zu Besuch war, gab es auch diese Katzenwäsche in der Küche. Leider nicht mit krautigem Zitrus-Cologne, sondern mit warmem Seifenwasser in einer extra ausziehbaren Waschschüssel-Vorrichtung. Und das anschließende Abrubbeln mit einem harten Handtuch diente wahrscheinlich nicht nur der Trocknung. Sondern dem Prinzip Sandpapier, also auch noch der Reinigung.
AugustoAugusto vor 4 Jahren
Hmm, so eine Frottage klingt doch eigenltich ganz schön, jedenfalls mit dem von Dir beschriebenen Wässerchen.
PonticusPonticus vor 4 Jahren
Gegen eine Wiederbelebung der Frottage hätte ich nichts einzuwenden, natürlich besser zusätzlich und im Anschluss an eine Wasserreinigung. Diese ist sicherlich sehr belebend und birgt noch weit mehr Möglichkeiten als nur die Erfrischung oder eine gewisse Sauberkeit! Gern auch mit dem angepriesenen Colonia Classica, welches Du so exzellent im Umfeld der Badehistorie vorgestellt hast. Großartiger Kommentar!
CravacheCravache vor 4 Jahren
Ein kulturhistorisch spannender und interessanter Kommentar. Früher, als ich kein klimatisiertes Büro hatte, habe ich manchmal zur Pulle gegriffen. Äusserliche Anwendung only :)
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 4 Jahren
Spontan bin ich ganz froh, ein Badezimmer mein eigen zu nennen, auch wenn sich der Duft schön anhört! Wieder eine Lektion Cologne-Kunde mehr, danke dafür!
TtfortwoTtfortwo vor 4 Jahren
1
Ich mag ja die Wally-Flaschen und in einer Familie aufgewachsen, die jahrzehntelang mit einem selbstbebastelten Wohnmobil ohne so modernen Komfortkram wie einer Nasszelle durch die Welt kutschiert wurde, bin ich mit der Technik der Frottage bestens vertraut. Darüber hinaus habe ich während des Studiums für eine gewisse Zeit in einer Wohnung mit "halber-Treppe-Bad" gewohnt. Das geht mit Frottage. Nicht einmal schlecht.
DibellaDibella vor 4 Jahren
Ich finde es toll, was ich hier alles so lerne! Jetzt kann ich endlich die 250ml Flasche Mont St. Michel ihrer richtigen Verwendung zuführen und mich ausgiebig mit hartem Frottee abreiben. Danke für den Tipp!
ParfümleinParfümlein vor 4 Jahren
1
Wieder so eine schöne kleine Geschichte über die Geschichte. Ich empfehle - da Du ja zweifelsohne auch ein Anhänger der Annales-Schule bist - Ariès' Geschichte des privaten Lebens. Oder hattest Du das konsultiert? Frottage finde ich eine ganz herrliche Idee, und wenn es aus der Serie ein Körperöl gibt, könntest Du Dir ja als Nächstes mal die Römer mit ihren Strigilis vornehmen.
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
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Wieder einmal ein höchst informativer und lehrreicher Kommentar. Das mit der Körperpflege ist eine interessante Geschichte. Und das Cologne sollte mir eigentlich auch gefallen.
ChizzaChizza vor 4 Jahren
1
Erneut ein schöner Exkurs auf den du uns mitnimmst, das mit der Unterwäsche wechseln (täglich?) habe ich mir mal notiert....
FriesinFriesin vor 4 Jahren
Bei der ZHF eingereicht, Tantiemen eingestrichen, Dankeschön!
PollitaPollita vor 4 Jahren
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Spannende Informationen verpackt in einer perfekten Duftbeschreibung. Tja, in meinem Heimatort bleibt das Badehaus leider auch erstmal geschlossen wg. Sanierung. Aber glücklicherweise sind eigene Bäder ja heutzutage gang und gäbe. Nur Schwimmen kann ich zu Hause leider nicht.
SalvaSalva vor 4 Jahren
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Wie immer sehr aufschlussreicher und informativer Kommentar von Dir. Da gibt’s natürlich einen Pokal!
SeeroseSeerose vor 4 Jahren
Was Du über die Reinlichkeit im MA zumindest der mittleren Stände bis zum Adel schreibst kenne ich auch so. Das mit der Pest war der Grund, dass die Badehäuser verboten wurden, wobei ja die Flöhe der Ratten die Überbringer waren. Und die wurden vermutlich weniger in Badehäusern übertragen. Es wurde gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
FloydFloyd vor 4 Jahren
Wieder sehr spannend, aufschlussreich und dabei kurzweilig. Frottee-Pokal ;-)
OtherwiseOtherwise vor 4 Jahren
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ofengeheizten Moabiter Hinterhauswohnung zufroren und im Stadtbad Charlottenburg (immer noch das wohl schönste Schwimmbad der Stadt) kam man damals noch in den Genuss eines Wannenbades, das vorab für einen eingelassen wurde und in dem man sich genau eine halbe Stunde - fünf Minuten vor Ablauf der Zeit wurde unüberhörbar an die Kabinentür gehämmert - falustieren konnte. Ach ja: ein richtiges Badezimmer hatte auch nicht. Ich glaub', da taten sich Paris und Berlin nicht viel.
OtherwiseOtherwise vor 4 Jahren
Ich bin ein großer Freund praktischer, aber in Vergessenheit geratener (oder obsolet gewordener) Kulturtechniken. Hätte ich schon vor vielen Monden, als der Winter Berlin nicht wie momentan nur einige Tage, sondern meherere Wochen fest im eisigen Griff hatte, von der Cologne-Frottage gewusst, hätte ich mich sicher hin und wieder nur duftig gerubbelt, statt mich gezwungener Maßen regelmäßig in die Krumme Straße zu begeben. Der andauernde Frost sorgte dafür, dass sämtliche Leitungen in meiner
GoldGold vor 4 Jahren
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Bien-être finde ich gut... gibt es ja in ganz vielen verschiedenen Varianten im Supermarkt en France, wo wir leider momentan nicht so leicht hinkommen. Deine hier vorgestellte klassische Rubbelwasch-Flasche kenne ich nicht, aber an meine Haut lasse ich lieber Wasser und ein Duschgel meiner Wahl als dass ich mich mit einem so alkoholhaltigen Zeug ordentlich abschrubben würde...Aber die Hintergründe der Riesenpullen sind mir durch Deinen Kommentar jetzt erst richtig klar geworden!
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
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Sehr schöne Exkursion in die Vor-Badezimmer Zeit. Da kann man seine Brause doch gleich wieder ganz anders und neu erleben.
Waschcolognes allgemein und dieses im besonderen lohnen wohl auch der Wiederentdeckung.
Vintage-Pokal
Mit Iltis :)
Camey5000Camey5000 vor 4 Jahren
Dann ist das wohl eine feine Ergänzung zu Bien-Etre und Mont-St-Michel Ambre. Die auch diese Leichtigkeit haben. Feiner, erklärender Kommentar.