Von Wildschweinen und Milchreis – oder: warum tue ich mir das an ?

Wir Parfumas/os sind schon seltsame Wesen. Völlig ergeben diesem Hobby, testen wir immer weiter was das Zeug hält, wollen immer wieder unsere Sammlungen optimieren, erreichen eher selten einen Ruhepunkt. Schon länger treibt mich dieses Thema um. Ich bin zufrieden mit meiner Sammlung, meine Neugierde auf neue Düfte hat stark nachgelassen, ich möchte eigentlich nur noch gezielt ausgesuchte Düfte testen, die Nischen beeindrucken mich nicht, ich bin meinen Duftrichtungen eher treu. Trotzdem kann ich es nicht lassen: Sobald mich Proben erreichen, werden diese aufgelistet, separiert, sortiert und nach und nach durchgetestet. Ich KANN sie einfach nicht unbeachtet liegen lassen. Warum eigentlich 🙄? Ein Stück Neugier, ein Stück Ehrgeiz, ein Stück Sucht – von allem etwas.
Gestern nun gab es wieder zwei Dufterlebnisse, die mich zu diesem Blog inspiriert haben. Ich testete
These Sinful Three - Vanilla Opi-oud – und hatte in der Tat Wildscheinassoziationen. Diese sind von einer anderen Parfuma zuvor auch schon beschrieben worden und ich fand sie so wunderbar treffend. Animalisch, nach Dung und abgestandener Luft im Raubtierhaus, ich hörte es förmlich im Hintergrund grunzen, für meine Nase wirklich gruselig. Und Stunden später in der Nacht immer noch eine Brise Wildschwein deutlich an meinem Arm wahrnehmbar. Wer um Himmels willen möchte denn so duften🤢? Und wieso habe ich diesen Duft überhaupt getestet?
Anderes Beispiel: Nach einem Test von "Shooting Stars - Cruz del Sur II | XerJoff" habe ich nach einem intensiven Mango-Ananas-Erlebnis einen Teller mit gekochtem Milchreis vor mir stehen. Ich mochte Milchreis noch nie! Und diesem hat man definitiv Geschmacks-/Geruchsverstärker und Zucker hinzufügt. Geht für mich gar nicht! Auch dieser Duft ist noch viele Stunden später auf meinem Arm deutlich wahrnehmbar. Hätte ich mal besser lassen sollen.
Nun könnte man mir raten, künftig nicht alles auf der Haut zu testen: Ich teste immer auf der Haut, außer in Parfümerien. Dort kommen schon mal Teststreifen zum Einsatz. Ich kann einen Duft erst richtig beurteilen, wenn ich ihn bei mir auf der Haut trage – alles andere ist für mich verfälscht. Oder abwaschen - wobei ich bei einigen nach Stunden noch eine völlig unerwartete Entwicklung feststellen konnte (und wirklich nur ein kleiner Teil der Haut benetzt wird).
Eigentlich möchte ich mir selbst raten, überhaupt nicht mehr so viel - vor allem nicht wahllos! - zu testen, denn: Ich suche nicht den Heiligen Gral, ich mag meine Sammlung, ich habe meine Lieblinge gefunden (schließe aber natürlich neue nicht aus 😊) , ich kenne inzwischen recht viele verschiedene Düfte und meine Neugierde ist nicht mehr so riesig, ich könnte meine Zeit sinnvoller verwenden usw. usw. Und trotzdem ….
Der wichtigste Grund ist aber: Durch das Testen habe ich oft das Gefühl, meine Sammlung kommt zu kurz. Denn natürlich trage ich beim Testen vorher keinen anderen Duft auf. Durch das Home Office ist das Testen natürlich sehr komfortabel geworden – und meine liebgewonnenen Düfte haben das Nachsehen. Zugunsten der Wildschweine und Milchreis … das ist nicht fair 😊

Danke fürs Lesen!
An die Liebhaber der oben genannten Düfte: Sie stehen stellvertretend auch für andere. Bitte nicht persönlich nehmen, es gäbe hier auch Beispiele aus dem Bereich Oud, Rauchbomben oder Gewürzkeulen 😬


MadameLegras
Ich teste außerhalb ausschließlich zuerst auf Papier und erst bei Wohlwollen auf der Haut, daheim aber immer auf der Haut. Hat schon öfters dazu geführt, daß der Gatte abends so ein bißchen abrückte, das Näschen kraus zog und etwas in der Art wie "das ist doch nicht Deine neue Duftrichtung" abbrummelte.
Am besten wirklich immer am Teststreifen und in Ermangelung eines solchen ein Taschentuch der Haut vorziehen, so kann eigentlich die olfaktorische Selbstverstümmelung leicht verhindert werden ;-)
Dein Beitrag bringt es wirklich auf den Punkt: egal wie schlimm der Duft ist, erst auf der Haut kann man ihn richtig beurteilen. Manchmal wage ich mich aber erst damit NACH dem Teststreifen. Reine Vorsichtsmaßnahme.
Dein Blogbeitrag hat mir sehr gefallen!
LG 😀
Der "Wildschweinduft" ist ja echt der Hammer...- aber mittlerweile hat eben diese ganze Independent und Artisan-Szene nix mehr mit "Wohlgerüchen" zu tun. Es geht um das Schaffen von immer neuen Dufterfahrungen, sicherlich aber auch darum, zu provozieren und zu schockieren.
Ich habe keine Lust, mehrere hundert Euro auszugeben, um danach als Kuhstall oder Dunghaufen wahrgenommen zu werden. Und ich will auch nicht "provozieren" mit meinem Parfum. Der Obdachlose auf der Straße, der nach Dreck und Schweiß stinkt, über den wird das Näschen gerümpft. An dem läuft der zahlungskräftige Hippster vorbei in die nächste Nobelparfümerie, um sich seine olfaktorische "Provocation" in der recyclingfähigen Flasche, ecologically ressourced, zu besorgen. Count me out ....
Als Parfum-Fan teste ich Alles. Man will ja informiert sein. Und nach so manchem ersten olfaktorischem Schock realisiert man dann plötzlich, wie interessant doch angebliche "schlimme" Düfte sein können. #Eau Noire und #Interlude sind nur zwei Beispiele.
Aber: Neugier und Erfahrungssucht ist in Kunstdingen schon ok; immer wieder begeistert Musikeb, Düfte, Gedichte oder Bilder kennenzulernen BILDET.
(Kaufsucht als riskante Nebenwirkung...).
Und Vanilla O-o. fand ich auch eher unangenehm.
Es bleibt aber die Neugier und die Lust auf tolle Entdeckungen.
Gerne gelesen, bisschen geschmunzelt, bei einigen Dingen finde ich mich wieder.
Aber ich teste nicht mehr direkt auf der Haut, nachdem ich einige für meine Nase ganz schlimme Kandidaten auf dem Arm hatte und nicht mehr abgewaschen bekommen habe - und man den Arm ja nicht so einfach in der Reinigung abgeben kann - nehme ich immer erst Papier und wenn das Ok riecht, kommt der Arm dran :)
Zu Wildschweinen habe ich seit meiner Kindheit eine persönliche Beziehung, die mag ich sehr! Bei der Gelegenheit frage ich, hat jemand P...Marken übrig? Die haben gerade Wildschweine aus Plüsch ;-))))
Sehr gerne gelesen, danke!!
Prinzipiell bin ich aber pro Wildschwein, der Milchreis würde mich eher schocken...
Sehr gerne gelesen =)
Das kling super spannend... gleich mal ML :D
Danke für den Hinweis. ;)
Tests auf Testtreifen o.Ä. verfälschen mMn nach den Dufteindruck zu sehr - ausserdem möchte ich ja wissen wie es an mir riecht - menschliche Haut, hat nunmal mit Papier nicht viel zu tun... :)