Bertram Olfattke fluchte leise, als er die Wohnungstür schloss und seine dicke Jacke überzog. Gelegentlich verwünschte er den aufzuglosen Altbau, der ihn in Momenten der Eile sein vorrückendes Alter besonders unerbittlich spüren ließ. Trotzdem würde er seine Perle von Dreizimmer-Wohnung im vierten Stock erst hergeben, wenn er nicht mehr kriechen konnte. Vier lange Treppen später trat er schnaufend auf die Luitpoldstraße ins nächtlich-verschneite Schöneberg hinaus. Es waren nur ein paar Schritte bis zur Eisenacher Straße, wo Schulze bereits auf ihn wartete.
Der war wohl gerade auf dem Weg nach Hause gewesen, als er alarmiert worden war, denn er saß in seinem eigenen Auto. Beim Anblick der massigen Gestalt hinter dem Steuer des Kleinwagens musste Olfattke an den gepressten Inhalt eines Einmach-Glases denken. Seufzend ließ er sich auf den Beifahrersitz sinken, hinein in eine Wolke aus Zigarettenqualm und männlichem Odeur.
Während Schulze ruckartig anfuhr, malmten seine mächtigen Kiefer vor sich hin. Olfattke fiel ein Artikel aus National Geographic ein, den er einmal gelesen hatte: Vor rund zwei Millionen Jahren waren wegen eines Klima-Wandels in Afrika die Pflanzen allmählich zäher geworden. Damals hatte „Homo“ sein Hirn angeworfen und das Kochen gelernt. „Australopithecus“ hingegen hatte sich unter konsequenter Vermeidung jeglicher Anzeichen von Intelligenz lieber monströse Kauleisten zugelegt. Genützt hatte es ihm letztlich nichts.
Beim Einbiegen in die Hohenstaufenstraße setzte Schulze ein Blaulicht aufs Dach. Wie im Film. Deshalb hatte er zur Polizei gewollt, hatte er mal erzählt, wie üblich polternd lachend. Binnen weniger Minuten bogen sie in die kurze Sentastraße ein, eine von denjenigen mit alter Nummerierung im Hufeisenstil; die Nummern 1 bis 3 lagen auf der südlichen, 4 bis 6 auf der nördlichen Hälfte. Nummer 4 war nicht abgesperrt, im Eingang stand lediglich ein Polizist, das genügte, die Handvoll Schaulustiger fernzuhalten, die sich - ungeachtet der späten Stunde - zuverlässig eingefunden hatte. Der Rettungswagen war längst wieder abgefahren. Für einen Arzt hatte es nichts mehr zu tun gegeben.
Schon beim Betreten der kleinen Wohnung bemerkte Olfattke einen Duft. Doch er schob den Gedanken daran zunächst beiseite und hörte dem uniformierten Polizisten zu, der in der Wohnung gewartet hatte: „Frau Wolff, die Nachbarin, hat sie entdeckt. Es hatte bei ihr geklopft, aber niemand war vor der Tür. Dann hat sie gesehen, dass nebenan die Wohnung offen stand. Als sich drinnen nichts rührte, ist sie reingegangen, hat Frau Paulert leblos im Wohnzimmer liegen sehen und den Notarzt gerufen. Das war um viertel vor elf. Der Arzt war um zehn vor hier und hat uns gleich alarmiert.“
Als Olfattke auf die Leiche zutrat, wurde der Duft stärker. „Verdammt, wonach riecht das? Ich kenne das“, murmelte er zu sich selbst. Die Leiche schien über und über eingesprüht.
Sie lag in seltsamer Haltung am Boden, den Oberkörper platt auf dem Rücken, am Kopf die Spuren mindestens zweier brutaler Schläge mit einem harten Gegenstand. Die Füße waren nach rechts außen gedreht, so dass die Zehen beinahe den Boden berührten, die Arme waren leicht abgespreizt. Kein sterbender Mensch hätte seine Gliedmaßen derart verdreht. Diese Position musste der Frau nach ihrem Tod beigebracht worden sein. Und anschließend hatte der Täter ausgeharrt, bis die Leichenstarre sein Werk fixierte. Damit das möglichst schnell vonstattenging, hatte er anscheinend die Heizungen auf höchste Stufe gestellt. Es mussten hier drin locker 25 Grad sein.
Der Streifenpolizist setzte seinen Bericht fort: „Frau Paulert ist eine ehemalige Krankenschwester. Sie hat sich seit fünfundzwanzig Jahren ehrenamtlich um Obdachlose gekümmert, obwohl sie inzwischen fast blind und taub war. Dafür hat sie neulich sogar den Berliner Verdienstorden bekommen, hat Frau Wolff erzählt.“
„Wie die da liegt… Das sieht aus wie auf ägyptischen Wandbildern“, meinte Schulze mit gerunzelter Stirn. Ein feinfühligerer Mensch hätte Olfattkes offensichtliches Erstaunen über diesen unerwarteten Fetzen Bildungsbürgertums völlig zutreffend für eine indirekte Beleidigung halten können. Schulze merkte natürlich nichts und ergänzte: „Wenn meine Neffen zu Besuch sind, gehen wir immer ins Ägyptische Museum.“
Ägypten - das war das fehlende Puzzleteil. „Jetzt erkenne ich den Duft. Das ist Un Jardin sur le Nil von Hermès!“, rief Olfattke.
Er war sich nun ganz sicher. Er erkannte einen Rest der Auftaktnoten: Zwar war die Grapefruit nicht mehr da, aber die Tomate war gut spürbar. Ein frischer, üppiger Pflanzenduft mit dem typischen Päonien-Stechen. Grün-wässrig, ohne labberig zu wirken. Heimliches Rückgrat des Duftes war die Karotte, die freilich selbst kaum in Erscheinung trat. Doch all ihre süßen, bitteren, saftigen, wässrigen Aspekte ließen sich wiederfinden.
Mittlerweile hatte der Duft seine schilfig-dichte, geradezu drückende Phase erreicht. Diese Tatsache verriet Olfattke, dass es ungefähr zwei Stunden her gewesen sein musste, dass er aufgesprüht worden war. Ja, kein Zweifel, noch nichts von dem darauf folgenden, floral-seifig-sauberen Part, der sich seinerseits verblüffend rasch zurückzog und nach insgesamt wenigen Stunden in einer holzigen, ein bisschen künstlichen Basis mündete. Eine Spur Rauch ließ sich vielleicht mit dem Wissen darum bestätigen. Von diesem Stadium war der Duft allerdings weit entfernt. Ungefähr zwei Stunden seit dem Aufsprühen…. Und Genaueres zum Todeszeitpunkt würde die Gerichtsmedizin ermitteln.
„Ich habe Frau Wolff schon mal gefragt, ob sie was beobachtet hat“, meldete sich der Streifenbeamte abermals zu Wort. „Sie meinte, sie hat ihre Wohnung heute nur einmal gegen vier Uhr nachmittags verlassen. Sie hat Eimer und Feudel und so aus dem Keller geholt, um unten im Eingangsbereich zu putzen. Das macht sie jeden Montag. Sonst ist die Haustür immer abgeschlossen. Ihr ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Sie ist natürlich total aufgelöst. Ich habe unsere Psychologin gerufen. Die muss gleich hier sein und kümmert sich dann um die Dame.“
Zwei Stunden später, im Bett, kam Olfattke ein beunruhigender Gedanke: Kein anderer aus dem zuständigen Kommissariat hätte den Hermès erkannt, das war sicher.
Amüsant, informativ und sehr unterhaltsam geschrieben! Wie man bei einem solchen Kommentar den "Daumen runter"-Button drücken kann, erschließt sich mir nicht.
Aber ein paar von denen"unter konsequenter Vermeidung jeglicher Anzeichen von Intelligenz "haben überlebt.Hin und wieder tauchen sie auf.Coole Idee,Fortsetzungspokal!
Ach, hast Du damals die 'John Kling'-Heftchen geschrieben? Ich freu mich schon auf die Fortsetzung! Zu dem Duft fiel mir lediglich Spüli und Stahlseife ein! (Im nächsten Teil bitte mal was mit Daumenschrauben...)
Eine geniale Idee! Und ich lerne (???) nebenbei, daß Duftentwicklung nicht notwendigerweise lebendige Haut braucht... Mal sehen, ob der Tatort heute abend Deinem Olfattke das Wasser reichen kann!
Bislang war mir nur die forensische Entomologie bekannt, sollte mit Bertram Olfattke gar die forensischen Parfümologie Fahrt aufnehmen? Einen Ehrendoktortitel-Pokal für den Parfümologen und seinen Autor!
Berlin-Sehnsuchts -Pokal!
Olfattke Pokal
Ich mag den Duft, hat so was sommerlich-chilliges ...