Also mal ganz ehrlich – ist es wirklich so wichtig, ob
Figuren, die einem irgendwie am Herzen liegen,
real rum laufen oder nur ausgedacht sind?
Ich glaube eher nicht.
Erst neulich saß ich mal wieder in meinem Lieblingscafé,
dem Bohème. (Ich weiß, Lockdown etc., aber das Cafè
befindet sich an einem relativ sicheren, virenfreien Ort,
nämlich in meiner Phantasie.)
Schon beim Reinkommen hatte ich bemerkt, dass heute
irgendwas Komisches in der Luft lag. Nein, es war nicht
Eau de L’Occitan, von dem ich mir grad bei einem
Freund ein paar tüchtige Sprüherchen aufgedonnert
hatte, nein, es war auch nicht der Rauch (im Bohème
darf man ja wieder rauchen, seit es diese neuen
Zigaretten gibt, die erwiesenermaßen sehr gesund sind.)
Es war eher etwas wie eine Art elektrischer Spannung,
die im Raum hing wie feiner Nebel.
Voll war es, ungewöhnlich voll für kurz vor Mitternacht.
Aber genau mein Lieblingstisch, der leicht erhöht am
hinteren Fenster neben dem weißen Kachelofen lag,
war frei.
Ich bestellte mir einen Cappucino und Tomatensaft,
lehnte mich zurück und begann, mich zu entspannen.
„Tomatensaft is‘ aus“, sagte die hübsche Bedienung,
„…Absinth trinkste ja sonst auch!“ Sprach’s und stellte
mir ein Glas des grünlichen Getränks neben meine
Tasse.
Nun ja.
Ein feiner Hauch des Eau de L’Occitan stieg mir in die
Nase. Ich lehnte mich entspannt zurück und fühlte
einen angenehmen Anflug von Melancholie. Kennt ihr
diese softe Art von Wehmut, die einen so angenehm
tragen kann? Vielleicht ist Melancholie ja nur die kleine
Schwester der Entspannung.
Oder ich bin einfach nur zu gefühlsduselig.
Mit einem Mal zog es leicht, die Tür öffnete sich weit
und herein kam eine hagere Gestalt, die wahrlich
seltsam gekleidet war. Was im „Bohème“ schon was
heißen will. Der Mann – um einen solchen handelte
es sich - trug einen grauen Umhang, der mit einer
violetten Spange über der Brust verschlossen war,
darunter leuchtete ein blass orange-farbener Anzug
hervor. Der weite Umhang war mit Sternen aus einer
Art Seide übersät, die in blau und grün changierten.
Zielstrebig durchquerte er den Raum und kam direkt
zu mir an den Tisch.
„Hier ist noch Platz, das passt…“, sprach er mit etwas
schnurrender, leicht heiserer Stimme. Und schon saß er
neben mir.
„Ähm, guten Abend…“, sagte ich.
„Danke, es geht so…“, erwiderte er. „Was magst du an
diesem Wässerchen von L’Occitan am meisten?“
„Ich… also – am ehesten…“
„Den Lavendel, weil er so weich und fast cremig und
irgendwie eher un-lavendelig daher kommt…?“
„Genau!“
„Das rührt daher, dass der Parfümör seine eigene
Vorstellung von Lavendel umsetzen konnte, was eher
selten ist. Er setzte dafür behutsam ein wenig Pfeffer
und andere Gewürze ein, vielleicht auch Strohblume.
Ist das alles, was dir dran gefällt?“
„Nein, nicht nur, da ist noch was Spezielles…“
„Erzähl’s mir ruhig. Alles, auch vom Milchtopf...“
„Also gut… Als ich ihn das erste Mal roch, war da bald
diese Holznote. Ich meine, die ist natürlich immer da,
so eine gewisse warme, holzige, leicht rauchig-süße
und saubere Aura, nicht auffällig, aber harmonisch
und so anschmiegsam selbstverständlich. Mit dem
besonderen Lavendel gibt das eine leichte Barber-
shop-Aura, da fallen mir Begriffe ein wie Vintage-
Hipness oder provencalische Sommerfrische. Nur -
beim ersten Mal war da noch etwas anderes… so
eine Art Flashback…“
„Berichte mir davon genauer…“
„Es war plötzlich genau der Geruch wieder da, den
ich aus meiner Kindheit kenne… Wenn meine Oma
den Ofen in der Küche anmachte. Trockene, gut
gelagerte Holzscheiter, die gerade heiß werden,
sie duften noch nach frischem Holz, aber auch schon
nach zartem Rauch, dabei auch nach frisch brennendem
Zeitungspapier… Und sogar nach dem Topf mit Milch,
der auf dem Ofen dampft, die Milch brennt vielleicht
ein bisschen an…“
„Und diesen Akkord suchst du jetzt…“
„Ja, doch, schon… Aber er will sich irgendwie nicht
mehr so recht einstellen… kann man nix machen…“
Das letzte murmelte ich eigentlich mehr in meinen
Absinth.
„Jetzt pass mal auf. So ein Parföng mit all seinen
kuriosen Ingredenzien kann vielleicht zu 50, wenn’s
hoch kommt zu 70 Prozent das auslösen, was du als
Duft vernimmst. Den Rest machst du selbst, allein mit
deiner Vorstellung.“
Seine Augen funkelten ein wenig, als er das sagte.
„Ja, gut, kann schon sein…“, sagte ich. So richtig
wusste ich nicht, worauf er hinaus wollte.
„Nur das du darüber keine Kontrolle hast. Denn genau
genommen machst du es nicht, sondern es macht
es mir dir. Und genau deshalb sind solche wunderbaren
Akkorde nicht jedesmal wahrnehmbar, sondern nur
manchmal. Oder nur sehr selten.“
Ich nickte, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob ich
ihn wirklich verstanden hatte.
„Du musst lernen, Wille und Vorstellung voneinander
abzukoppeln. Wie beim Reiten – die Zügel ganz locker
lassen und nur anziehen, wenn es nötig ist. Gute
Parfümöre können das, denn das braucht man für ein
richtig gutes Elixir. Genau so braucht man‘s in der Musik
als Kompositör, wo’s auch um Akkorde geht, wie auch
in der Malerei, vielleicht auch in der Architektur und
überhaupt allenthalben…“
Allmählich schien aus seinen Worten so etwas wie ein
greifbarer Sinn zu entstehen – nur dass ich ihn noch
nicht recht greifen konnte.
„Wichtig ist nur, dass der Akkord in dir drin ist – du
weißt ja, was schon der Meister gesagt hat – nur der
kann die Sonne sehen, dessen Auge sonnenhaft ist.
Das gilt freilich auch für die Nase…“
Mit einem Mal war wieder ein kühler Hauch im Raum,
die Türe stand auf und hereinkam eine sonderbare
Dame. Sie trug einen Trenchcoat und ein verwegenes
Pepita-Hütchen. Selbstsicher wirkte sie, dabei ziemlich
elegant und eher resolut. Zügigen Schrittes kam sie
an unseren Tisch.
„Mein Lieber, du kommst jetzt, und zwar sofort…“,
sagte sie mit einer festen Stimme, die mir irgendwie
bekannt vor kam. „Du weißt, wir sind bei Geheimrat
Schlüter zum Parfumraten verabredet!“
Mein Tischgast zögerte nicht lang, sondern erhob
sich sogleich. Er nickte mir zu und zwinkerte.
„Schönen Abend noch, wir sehen uns sicher bald mal
wieder…“
Als sie ein paar Schritte Richtung Ausgang gegangen
waren, drehte er sich noch mal nach mir um.
„Schöne Grüße auch noch von Anselm!“
„Komm jetzt, Nelson!“ Sie zupfte ihn an seinem
Umhang in Richtung Tür.
Und schon waren die beiden komplett verschwunden,
fast so, als ob sie nie dagewesen wären.
Und dann fiel mir ein, an wen sie mich erinnerte.
Konnte das sein? War das vielleicht Richies Tante?
Allzu lang blieb ich auch nicht mehr. Ich schnupperte
noch mal kurz an meinem Handgelenk, in der
Hoffnung die Omaofen-Milchtopfnote zu erwischen.
Hach – da – nein… vielleicht… doch nicht…
Ich nahm mir vor, daran zu arbeiten.
Für heute war ich aber einfach zu müde dazu.
Mit einem ganz leichten Taumeln begab ich mich
zum Ausgang und stapfte hinaus in den Nebel,
den wir Realität nennen.
... und anschaulich charakterisiert, dass es eine Freude ist. Und du beschreibst dieses interessante Phänomen, dass man einen Duft immer wieder anders bzw. unterschiedlich akzentuiert wahrnimmt und meistens nie mehr so komplex wie bei allerersten Mal. Und dass diese Wandelbarkeit ein Qualitätmerkmal ist - durch die Kompositionskunst des Parfumeurs. Ein großes Lesevergnügen! Ein phatastischer Kommi!
Lass locker, dann vernimmst du auch wieder die Omaofen-Milchtipfnote ;) Ein wunderbares, philosophisches Kleinod ("Der Nebel, den wir Realität nennen" solltest du dir patentieren lassen!), das du in deiner wunderbar nonchalant-literarischen und phantasievoll-humorvollen, die Gedanken öffnenden Art erzählst. Immer mit einer leicht melancholisch-hoffnungsvollen und wundervoll humanistischen Grundhaltung. Und der Duft ist dabei so wunderbar beiläufig, aber konzentriert, detailliert, nachspürend...
Deine Kommentare entführen immer wieder in eine Welt hinter dem Nebel...ja, ich liebe sie, und auch die softe Art von Wehmut.
Ein wunderbarer Kommentar :-).
Grandios! Die Hintergurndmusik ist für mich Sympathy for the Devil (der kündigt sich doch auch durch einen Luftzug an, oder?). Und so ganz nebenbei hast Du auch noch den Duft treffend beschrieben, ich bin inspiriert!
Es ist immer wieder spannend zu lesen, welches deiner Alter Egos du in den Geschichten jeweils herauslässt! Diesmal den Hüter der Weisheit, nicht übel. Schöne Duftworte, die mir helfen, mich und meine Nase besser zu verstehen....den rezensierten Duft natürlich auch. Bist und bleibst halt unser Großmeister der Sprache! Zur Unterstützung gibt es für dich den Bohème-Ehrengast-Pokal mit Tomatensaft und Absinth..:-)
Vielen Dank, daß ich Dich in Deinem Café begleiten durfte! Auf den Milchtopf könnte ich sogar verzichten, auf den Ofen aber nie - ich habe gerade keine Lust auf Realität und bleibe noch etwas sitzen, falls Du erlaubst...
Der Nebel, den wir Realität nennen. Das ist mein Satz der Woche.
Wenn wir das Reich der Phantasie nicht hätten, wäre die Welt noch viel nebliger. Du verstehst es meisterhaft, Düften ein Gesicht zu verleihen und sie mit wunderbaren Erzählungen zu umhüllen.
Dieser Duft ist mir leider entgangen, bis vor einiger Zeit hatte ich es nicht auf dem Schirm, daß es bei L'Occitane auch Düfte gibt.
Man könnte das böse Wort Einbildung verwenden, aber gerade beim Parfüm und dessen Geruch sind die Worte Vorstellung und Phantasie gemeinsam mit den Erinnerungen die bessere Wahl um einen Duft zu erleben. Genau so wie Du dies in Deinen Gedanken zu und in diesem kreativen Kommentar getan hast. Ein duftiges Traumerlebnis!
meine Güte, Du hast mich gerade sowas von geflasht, und der letzte Satz war die Kirsche auf dieser Sahnetorte. Für einen Herrenduft hat O de Lo von mir auch fast die Höchstnote bekommen.
Die Welt als Wille und Vorstellung ... Schopenhauer für Parfumos ... Nette Idee. Hab deine Story sehr gern gelesen. Über Anselm und Nelson müsste ich noch nachdenken. Da hab ich vermutlich eine Bildungslücke. Aber nicht so wichtig ...
Was für ein wundervolles Träumchen, gerade absurd genug, um wahr sein zu können. Die Dame war übrigens ich. Magisches Theater, Eintritt nicht für jeden.
Du hast die Besonderheit des l'Occitan von l'Occitane ;) wunderbar eingefangen. Ich denke auch, er kann die Gefühle wecken, die man schon erlebt hat. Großer Kommi.
Fantastischer Kommentar zu einem offenbar ganz tollen Duft mit einigen Lieblingsnoten!
Rück mal die Adresse von dit Boheme-Café raus, da kommen bestimmt einige hier gern zum Stammtisch zusammen...
Skurril Gestalteter Pokal ganz voll mit 50% feinster Duftanalytik und 50% köstlichster Phantasie.
Den liebe ich über alles. Und er ist gekippt. Und die neuen Flakons sind nicht so schön wie die alten. Was soll ich tun. Trotzdem kaufen? Wunderschöner Kommentar. Was soll ich tun...
Oooh! Größtes Siebenkäskino. Warum will ich nur immer gleich kaufen, was du hier kommentierst? Egal, ich ziehe mir jetzt den Umhang gerade (den grauen, den mit der Spange) und fliege in die nächste Phantasie-Parfümerie. Prosit!
Stelle dir den Pokal hin und beginne dann 'Nebel, den wir Realität nennen' auf ein Küchenhandtuch zu sticken.
Ein wunderbarer Kommentar :-).
Wenn wir das Reich der Phantasie nicht hätten, wäre die Welt noch viel nebliger. Du verstehst es meisterhaft, Düften ein Gesicht zu verleihen und sie mit wunderbaren Erzählungen zu umhüllen.
Dieser Duft ist mir leider entgangen, bis vor einiger Zeit hatte ich es nicht auf dem Schirm, daß es bei L'Occitane auch Düfte gibt.
Bitte sag beim nächsten Besuch Bescheid, ich würde gerne mitkommen!
Rück mal die Adresse von dit Boheme-Café raus, da kommen bestimmt einige hier gern zum Stammtisch zusammen...
Skurril Gestalteter Pokal ganz voll mit 50% feinster Duftanalytik und 50% köstlichster Phantasie.