Neukölln 6: The British-Portuguese Friendship Perfume
Douro ist nicht etwa wie Duro (von Nasomatto), dem Duft für harte Männer, nach dem italienischen und spanischen Wort für "hart" benannt, sondern nach einem Fluss im Norden der spanischen Halbinsel. Er heißt auf spanisch Duero und auf portugiesisch Douro und bildet auf einem Stück seines Laufes auch die Grenze zwischen beiden Staaten. Im Mittelalter markierte er für Jahrhunderte (auf fast seiner gesamten Länge) die Grenze zwischen dem islamischen Al-Andalus im Süden und den christlichen Königreichen, Asturien vor allem, im Norden.
Douro ist ein Eau de Portugal (so steht es auch auf dem Etikett), und das ist, wie mir ein Mit-Parfumo erklärt hat, eine besondere Form des Eau de Cologne mit starkem Anteil an Orangen (oder Mandarinen). Portugal von 4711 ist auch so eins, und viele englische Duftfirmen führen oder führten solche Eaux. Dass die Penhaligonen sich beim Rebranding entschieden haben, "Lords" in "Douro" umzubenennen, ist insoweit sehr passend und feinsinnig.
Denn traditionell verbindet vieles England und Portugal, so zum Beispiel die englische Waffenhilfe für Portugal gegen Napoleon und die portugiesische Waffenhilfe für England gegen Kaiser Wilhelm. Aber wahrscheinlich verbindet nichts die beiden Nationen so sehr wie der Portwein, eine Art Nationalgetränk der Engländer, das in Portugal gekellert wird und dessen Trauben ausschließlich im oberen Dourotal, der Weinbauregion Alto Douro (angeblich der ältesten konkret umgrenzten und mit Namen versehenen Weinbauregion der Welt) angebaut werden dürfen. Angeblich gehen die englischen Portweintraditionen bis aufs 14. Jahrhundert zurück, als es den Namen Portwein und auch die Weinbauregion noch gar nicht gab.
In einem anderen Sinne ist der Name (und ist auch die Bezeichnung als Eau de Portugal) vielleicht nicht ganz so passend. Denn dieser sehr schöne Duft hat nur relativ wenig mit einem orangenlastigen Kölnischwasser, also einem klassischen "EdPo" zu tun. Er steht somit ein wenig am Rande dieser Serie, aber er hat in ihr durchaus seine Berechtigung.
Douro startet - insoweit durchaus colognetypisch - mit einer feinen Zitrusmelange, in der die Mandarine gar nicht so dominant ist. Dass sie hier gleichrangig neben Limette, Zitrone und Bergamotte aufgeführt wird, ist plausibel, wir haben hier eine schöne Allgemeinzitrik im besten Sinne des Wortes, einen Blend sozusagen. Noch viel dominanter ist aus meiner Sicht aber, gerade zu Beginn, der Lavendel, sozusagen der Große Wagen am Sternenhimmel über dem Douro.
Da diese Lavendel-Hesperiden-Melange auch noch schön passend mit ein paar würzigen Noten abgeschmeckt wird, entsteht hier das Bild einer hellgrauen, fein-frischen, etwas understateten Finesse, die viel eher britisch als iberisch anmutet. Das ist eher ein Gentleman auf südlichen Reisen als ein nativer Lusitanier.
Bei fortdauernder Lavendelei wird der Duft dann als nächstes weich, fast schon schmelzend weich, blühend-blütig. Das ist nicht dandyhaft oder effeminiert, aber es hat etwas schmeichelndes und zartes, als ob der Gentleman die steife Oberlippe für eine Weile vergisst und in der Schönheit südlicher Gefilde seinen soft spot entdeckt. Der Duft wird in dieser Phase auch noch einmal orangiger, sodass ich Maiglöckchen und Neroli für diese Phase (wir sind hier etwa in Minute 30 bis 60) absolut plausibel finde.
Danach beginnt, vom Zeitablauf durchaus cologne-typisch, ein sehr hautnah noch etliche Stunden verweilender, wunderschöner, edler, fein-frischer Ausklang, den ich gar nicht mehr als zitrisch empfinde. In ihm mischt sich eine ordentliche Dosis Eichenmoos (oder Eichenmoosoxan oder was man halt heute so nimmt) mit Holz (ich hätte eher Zeder als Sandelholz vermutet) und dem aus der Kopfnote noch in die Basis sickernden Lavendel.
Zu dosieren ist Douro großzügig, wie ein Cologne, gerne auch gesplasht. Zu dezent aufgetragen, verpufft er allzu schnell und entfaltet seine Wirkung nicht.
Alles in allem: Das ist Komplexität und Raffinesse, die nur scheinbar einfach und schlicht ist, weshalb dieses Wässerchen über die Grenzen eines klassischen Kölnischwassers deutlich hinausragt. Um dies zu honorieren, war ich geneigt, 9 Punkte zu geben (was alles andere als abwegig wäre!), aber da der Duft bei aller Schönheit bei mir nicht die mit einer 9 schon verbundenen Verliebtheitsgefühle auslöst, bleibt er irgendwo bei 8,74 hängen.
Ein ganz famoser Kommentar mit viel Hintergrundinfo. Klasse, hab ich gerne gelesen! Und außerdem ist das mal ein "Cologne", dass es mir auch angetan hat. Den mag ich sehr!
Sehr inspirierter und auch verführerischer Beitrag, mit poetischen Einsprenkseln fein gewürzt. Portugiesische Parfums sind sicher überhaupt ein lohnendes Thema.?Lavendelei-Pokal mit Orangen für dich!
Ich kenne ihn zwar nicht,aber wenn Floyd ihn schon gut fand könnte ich mir vorstellen, dass er mir auch gefallen könnte. Der Kommentar war mal wieder sehr lehrreich,...sehr gut!
... Ich ergänze meine Antwort zu deinem Kommentar zum Duft „Tulpe“:
... Und es gefällt mir sehr, wenn deine Begeisterung für einen Duft durch die Zeilen klingt und auf mich überspringt.
Schmelzend-weich und so wunderliebevoll beschrieben, so mag ich Düfte und liebe ich Kommentare. Und mit Portugal kriegt man mich sowieso immer ( ich habe so dermaßen Fernweh bekommen beim Lesen). LBV-Pokal.
Leider kenne ich diesen Eau noch nicht. Da ist Maiglöckchen drin, der muss wundervoll sein.
Ich liebe solche Duft-Kommentare; wie es Dir immer wieder gelingt mit leichter Feder, neben dem Duft, auch noch einen vergnüglichen Exkurs zu den Schauplätzen die in Beziehung zur Komposition stehen, zu beschreiben.
Cheers.... ein Gläschen auf Dich, gefüllt mit einem feinen Port.
8,74 ist doch auch ein Wert, den man in der Skala von 0 - 10 als sehr gut bezeichnen kann. Der Duft liest sich sehr fein und würde mir bestimmt auch gefallen. Die Hintergrundinformationen sind wieder einmal sehr wertvoll und der Kommentar ohnehin.
Ein super schöner England-Portugiese! Hab ich auch die letzten Tage erstmals getestet und ich komme auf ähnliches Lob wie du. Sehr fundierter und lesenswerter Kommentar mit historischem Background. Wie immer!
Schön beschrieben, mit allem drum und dran! Übrigens habe ich ja beide (Douro und Lords) und meine, dass Lords sich doch dahingehend unterscheidet, dass er stärker ist und insofern rechtfertigt das hier auch einen eigenen Eintrag. Kann aber auch daran liegen, dass mein Lords schon älter ist. Noch was: Vorsicht mit diesem Zeug! Ich wurde als Geringsprüher nur einmal in meinem Leben darauf aufmerksam gemacht, dass ich überdosiert habe: bei drei Sprühern Lords! Auch Douro ist da tückisch.
Danke für diesen, duftmäßig und kulturgeschichtlich, informativen und wunderbar geschriebenen Kommentar!
Es ist immer ein Vergnügen, deine Kommentare zu lesen.
Interessant! Ich teste Douro nun seit etwa einem halben Jahr und mag ihn erst seit einigen Wochen etwas besser leiden. Zunächst hat er nämlich einen ähnlichen Eindruck hinterlassen, wie bei Dir "Eau de Rochas pour homme": gepflegte Langeweile. Mittlerweile erschließt er sich mir mehr - und mit Deinem famosen Kommentar im Hinterkopf wird er mir vielleicht noch richtig sympathisch! Grenzflusspokal!
Wieder sehr viel Kulturgeschichtliches aufgesogen. Deshalb lese ich Deine Kommentare auch so gerne. Eau de Portugal nennt man diese Colognes also. War mir auch nicht bekannt. Ich liebe ja diese nolstalgischen Flakons von Penhaligons. Soo schön! Pokal mit Schleifchen!
Ich weiß nicht, ob es am Alter meines Flakons liegt, aber ich empfinde Lords und Douro nur bis zur Basis als gleich bis ähnlich, wobei auch dort der Vorgänger wesentlich potenter wirkt. Und Lords bringt in der Basis nochmal fast harzig-animalisches.
Dennoch, oder gerade deswegen - und weil mein Flakon mittlwerweile kurz vor dem Kippen steht - werde ich den Neuen möglicherweise auch beizeiten in meiner Sammlung begrüßen.
... Und es gefällt mir sehr, wenn deine Begeisterung für einen Duft durch die Zeilen klingt und auf mich überspringt.
Ich liebe solche Duft-Kommentare; wie es Dir immer wieder gelingt mit leichter Feder, neben dem Duft, auch noch einen vergnüglichen Exkurs zu den Schauplätzen die in Beziehung zur Komposition stehen, zu beschreiben.
Cheers.... ein Gläschen auf Dich, gefüllt mit einem feinen Port.
Es ist immer ein Vergnügen, deine Kommentare zu lesen.
Dennoch, oder gerade deswegen - und weil mein Flakon mittlwerweile kurz vor dem Kippen steht - werde ich den Neuen möglicherweise auch beizeiten in meiner Sammlung begrüßen.