
Meggi
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Gigli-Süße
Als Enrico Caruso im August 1921 an einer verschleppten Rippenfellentzündung starb, hinterließ er im Ensemble der New Yorker Metropolitan Opera eine klaffende Lücke. Salopp gesagt waren zwei Personen nötig, um das Erbe des Tenors anzutreten, der in der Fachwelt als auf seinem Gebiet unübertroffen gilt und – als wohl einziger Sänger überhaupt – unter Laien sprichwörtlich wurde. Die beiden Kollegen, die sich Carusos Repertoire an der MET im Wesentlichen teilten, waren Giovanni Martinelli und Beniamino Gigli.
Gigli war eine zwiespältige Gestalt. Er konnte, so Jürgen Kesting, „singen wie ein Seraph und sich dem Publikum anschmeicheln wie eine Künstler-Kurtisane.“ Privat wird er als skrupellos geschildert, ganz zu schweigen von einer offenen Nähe zum italienischen Faschismus. Andererseits berichtete MET-Kollege Lauritz Melchior, Gigli sei „sowas von lustig und sowas von nett“ gewesen. Wie auch immer, heute geht es um eine Eigenheit seines Gesang. Aber dazu später. Fangen wir erst einmal an mit dem Duft:
Die Kopfnoten sind eher ein Köpfchen. Einen nennenswerten Beitrag liefert allenfalls der Pfeffer und selbst das lediglich untermalend. Zitrisches vermag ich kaum zu erkennen, abgesehen von einer besser spürbaren Beigabe meinetwegen entsprechenden Blattes. Das wenige darf sich dann allerdings gern mit dem Titel „Bergamotte“ schmücken.
Doch im Grunde geht es sofort zur Sache: Opoponax. Und Labdanum. Auf dem Papierstreifen kommt das harzige O (und damit ein frappierender Verwandtschafts-Eindruck zu Interlude Man) noch viel schneller, deutlicher und nachhaltiger durch als auf der Haut. Dort ziert sich eterno demgegenüber eine Weile. Seltsamerweise wird nämlich anscheinend zunächst gewissermaßen die Basis aufgebaut, es riecht stichig-holzig-harzig, vielleicht sogar bereits ein bisschen ledrig. Nagarmotha habe ich leider nie pur gerochen, ob es für die Portion Finsternis zuständig ist?
Besagte Ähnlichkeit zu Interlude Man zeigt sich mithin im Einsatz vor allem mit etwas Abstand. Direkt auf der Haut überwiegt das Bittere. Ich mag das alles sehr gerne, schätze ja auch den „Spalter“ Interlude Man.
Bedauerlicherweise gibt eine florale-Vanille-Note nach rund zwei Stunden eine Idee zu viel an Süße in den Duft. Ich lande wieder bei Herrn Gigli: Sein Anliegen war einzig, das Publikum emotional zu verführen. Richard Aldrich kritisierte seinerzeit an Giglis Opern-Auftritten „die ständige Neigung, nur für das Auditorium zu singen und dabei nie auf…diejenigen [also die Mit-Darsteller] zu achten, an die er sich zu wenden hätte.“ Er versah mit vorrückendem Alter seinen Vortrag zunehmend mit artifizieller Expressivität, etwa den berüchtigten Schluchzern in der Arie des Canio („Lache, Bajazzo!“) aus Ruggero Leoncavallos Einakter „Pagliacci“. Den durchaus wirkungsvollen Schluchzer hatte Caruso eingeführt, freilich mehr Contenance bewahrt.
Das Heliotrop ist für mich gleichsam ein Gigli-Schluchzer: Ein Zacken zu viel an Süße mittendrin, das geht auf Kosten des Profils. Ohnehin scheint sich mir eterno sozusagen ein wenig zu verlieren – ein womöglich strikt subjektives Empfinden. Am Nachmittag rieche ich eine vanillige Amber-Note. Ein Schlückchen Säure im Hintergrund, fast fruchtig kommt sie mir vor, keine Ahnung, was das ist. Riecht wie getrocknete Feige und streift gar das Dunkel-Rosenhafte. Das (je nach Sichtweise) charaktervolle oder anstrengende Opoponax ist zum Mit-Spieler geworden.
Dagegen ist meinetwegen tatsächlich Kiefernharz gesetzt. Wenn Leder beteiligt ist, könnte eine winzige bittere Birkenteer-Spur gemeint sein. Sicher bin ich mir dessen nicht. Ich grübele vielmehr sogar, ob das Leder nicht in Wahrheit eine ölige Rose ist. Dann ergäbe der spontane Rosen-aber-irgendwie-doch-nicht-Gedanke von oben Sinn - trotzdem hielte ich derlei an dieser Stelle für unglücklich platziert.
Fazit: Ungeachtet aller Nörgeleien mag ich eterno leiden, schließlich sind solche Düfte grundsätzlich exakt mein Ding. Ich ziehe bloß den geradlinigeren Interlude Man vor. Andere werden das Gegenteil sagen, weil ihnen eterno runder und milder und nicht zuletzt auf lange Sicht abwechslungsreicher erscheint. Genau wie der Stil Giglis selbstredend Geschmackssache ist, denn singen konnte der Mann – keine Frage.
Gigli war eine zwiespältige Gestalt. Er konnte, so Jürgen Kesting, „singen wie ein Seraph und sich dem Publikum anschmeicheln wie eine Künstler-Kurtisane.“ Privat wird er als skrupellos geschildert, ganz zu schweigen von einer offenen Nähe zum italienischen Faschismus. Andererseits berichtete MET-Kollege Lauritz Melchior, Gigli sei „sowas von lustig und sowas von nett“ gewesen. Wie auch immer, heute geht es um eine Eigenheit seines Gesang. Aber dazu später. Fangen wir erst einmal an mit dem Duft:
Die Kopfnoten sind eher ein Köpfchen. Einen nennenswerten Beitrag liefert allenfalls der Pfeffer und selbst das lediglich untermalend. Zitrisches vermag ich kaum zu erkennen, abgesehen von einer besser spürbaren Beigabe meinetwegen entsprechenden Blattes. Das wenige darf sich dann allerdings gern mit dem Titel „Bergamotte“ schmücken.
Doch im Grunde geht es sofort zur Sache: Opoponax. Und Labdanum. Auf dem Papierstreifen kommt das harzige O (und damit ein frappierender Verwandtschafts-Eindruck zu Interlude Man) noch viel schneller, deutlicher und nachhaltiger durch als auf der Haut. Dort ziert sich eterno demgegenüber eine Weile. Seltsamerweise wird nämlich anscheinend zunächst gewissermaßen die Basis aufgebaut, es riecht stichig-holzig-harzig, vielleicht sogar bereits ein bisschen ledrig. Nagarmotha habe ich leider nie pur gerochen, ob es für die Portion Finsternis zuständig ist?
Besagte Ähnlichkeit zu Interlude Man zeigt sich mithin im Einsatz vor allem mit etwas Abstand. Direkt auf der Haut überwiegt das Bittere. Ich mag das alles sehr gerne, schätze ja auch den „Spalter“ Interlude Man.
Bedauerlicherweise gibt eine florale-Vanille-Note nach rund zwei Stunden eine Idee zu viel an Süße in den Duft. Ich lande wieder bei Herrn Gigli: Sein Anliegen war einzig, das Publikum emotional zu verführen. Richard Aldrich kritisierte seinerzeit an Giglis Opern-Auftritten „die ständige Neigung, nur für das Auditorium zu singen und dabei nie auf…diejenigen [also die Mit-Darsteller] zu achten, an die er sich zu wenden hätte.“ Er versah mit vorrückendem Alter seinen Vortrag zunehmend mit artifizieller Expressivität, etwa den berüchtigten Schluchzern in der Arie des Canio („Lache, Bajazzo!“) aus Ruggero Leoncavallos Einakter „Pagliacci“. Den durchaus wirkungsvollen Schluchzer hatte Caruso eingeführt, freilich mehr Contenance bewahrt.
Das Heliotrop ist für mich gleichsam ein Gigli-Schluchzer: Ein Zacken zu viel an Süße mittendrin, das geht auf Kosten des Profils. Ohnehin scheint sich mir eterno sozusagen ein wenig zu verlieren – ein womöglich strikt subjektives Empfinden. Am Nachmittag rieche ich eine vanillige Amber-Note. Ein Schlückchen Säure im Hintergrund, fast fruchtig kommt sie mir vor, keine Ahnung, was das ist. Riecht wie getrocknete Feige und streift gar das Dunkel-Rosenhafte. Das (je nach Sichtweise) charaktervolle oder anstrengende Opoponax ist zum Mit-Spieler geworden.
Dagegen ist meinetwegen tatsächlich Kiefernharz gesetzt. Wenn Leder beteiligt ist, könnte eine winzige bittere Birkenteer-Spur gemeint sein. Sicher bin ich mir dessen nicht. Ich grübele vielmehr sogar, ob das Leder nicht in Wahrheit eine ölige Rose ist. Dann ergäbe der spontane Rosen-aber-irgendwie-doch-nicht-Gedanke von oben Sinn - trotzdem hielte ich derlei an dieser Stelle für unglücklich platziert.
Fazit: Ungeachtet aller Nörgeleien mag ich eterno leiden, schließlich sind solche Düfte grundsätzlich exakt mein Ding. Ich ziehe bloß den geradlinigeren Interlude Man vor. Andere werden das Gegenteil sagen, weil ihnen eterno runder und milder und nicht zuletzt auf lange Sicht abwechslungsreicher erscheint. Genau wie der Stil Giglis selbstredend Geschmackssache ist, denn singen konnte der Mann – keine Frage.
18 Antworten



Kopfnote
schwarzer Pfeffer
Bergamotte
Zitronatzitronenblatt
Herznote
Heliotrop
Labdanum
Opoponax
Weihrauch
Basisnote
Cypriol
Kiefernharz
Leder
Sandelholz








Danny264
Yatagan
Ergoproxy
Schalkerin
Vinyldates

































