Machen wir uns nichts vor: GREY FLANNEL ist nicht modern. Ganz und gar nicht. Kein bisschen. Absolut null. In keinster Weise - und gerade deswegen übt er eine immense Faszination auf mich aus.
Beim ersten Sprüher überkommt mich ein seltsames Gefühl - das Gefühl von Unnahbarkeit, Humorlosigkeit, nüchternem Ernst und Vergangenheit. Galbanum - hier offensiv - ist wirklich nicht jedermanns Sache, wie man hier bestimmt schon bemerkt hat.
Jedoch direkt nach diesem fast schon schroffen Beginn öffnet sich der Duft: eine helle Klarheit von zitrischen Noten und Neroli-Klängen entfaltet sich. Wie eine dichte & tiefhängende Wolkendecke, die nach dunklen und verregneten Novembertagen plötzlich ganz unerwartet aufreisst und blauer Himmel wieder Hoffnung gibt. Mut. Lebenskraft.
Ein bisschen auch wie: verschmitzter Humor, der auf einmal inmitten einer hanseatischen Ernsthaftigkeit aufblitzt und ein gutes, freundliches Wesen zeigt. Aber auch bloß nicht zu viel: „Na, dann wollen wir mal nich’ übermütig werden, junger Mann, näch?!“ (durch die Nase lachend).
In der Herznote gelangen wir zu einer Blumigkeit, die mit süßen Damendüften absolut nichts gemein hat. Also keine netten, kleinen Blümchen, die liebreizende Enkeltöchter im deutschen Heimatfilm der Fünfziger Jahre der knuffigen Großmutter von der grünen Wiese mitbringen.
Die Narzisse ist für mich die herausragende Blüte, die in ihrer Klarheit GREY FLANNEL als blumig-trockenen Herrenduft definiert. Ebenso vermeine ich einen Hauch Hyazinthe zu verorten, die für mich immer etwas herb-metallisch duftet und dabei an Klassiker wie z.B. Chanel Cristalle erinnert.
Neben einer Spur trocken-pudriger Iris glaube ich, Salbei in homöopathischer Dosis zu erkennen. Ich habe aber gerade eine Tasse Tee mit Salbei aus Mutters Garten getrunken, vielleicht hat das dem Kraut in die Karten gespielt.
Die Basis ist üppig eichenmoosig, jedoch ohne jegliche fruchtige Süsse, die ich oft in eichenmooshaltigen Damendüften wahrnehme (und auch sehr mag). Möglich, dass eine Spur Tonkabohne die Komposition abrundet, aber genau identifizieren kann ich sie nicht.
GREY FLANNEL ist nun beim besten Willen kein harmlos-unauffälliger Mainstream-Duft, der problemlos und stromlinienförmig in die Duftlandschaft der Zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts passt. Nein, es ist ein äußerst markanter und galbanumfrischer Narzissenduft mit einer maskulin-herben Basis, geprägt von einer wahren Fülle interessanter Duftnoten und einer höchst spannenden Entwicklung. Aus der Zeit gefallen? Unbedingt! Jedoch nicht zwangsläufig im negativen Sinne.
An jungen Männer kann ich mir den nur schwerlich vorstellen; ich vermute, dass man dafür schon einen gewissen Reifegrad benötigt. Andererseits - vielleicht sollte man es gerade deshalb mal wagen? Denn aus der süßlich-frisch und nett riechenden Masse herausragen wird man damit garantiert.
Was die Tragbarkeit für Damen angeht, würden mich Erfahrungen diesbezüglich interessieren; ich konnte leider kein weibliches Wesen meiner Umgebung zum Test überreden ;)
Mit Sicherheit ist GREY FLANNEL ein Charakterduft, den man als Meilenstein der Parfumgeschichte betrachten muss und auf jeden Fall gerochen haben sollte. Parfumneulinge, traut Euch - vielleicht findet Ihr ihn (noch) furchterregend, aber ich garantiere: Ihr werdet Euch an diesen Duft erinnern.
Tragbarkeit für Damen? Ja, hier! ☝️ Ich durfte ihn dank Parfumo Xuclar kennenlernen, vielen Dank an der Stelle! Der war ganz klar Liebe auf den ersten Sniff. Superfresher Klassiker mit Stil und Charakter. Finde den absolut „damengängig“ mit all seiner Blumigkeit im Mittelteil. Toll auch für Job & Büro.
Interessante Rezension zu meinem Signatur seit über 40 - in Worten VIERZIG - Jahren und ich lache gerne und viel und gehe deswegen sicher nicht in den Keller. Warum ausgerechnet dieser mein Signatur geworden ist? Ähnlich freudlos werden hier auf Parfumü oft auch Bandit (2012) Eau de Parfum von Robert Piguet, Noir anthracite von Tom Ford, Le Sillage Blanc von Dusita, Vol de Nuit Eau de Toilette von Guerlain und der Oberkracher Opus VII von Amouage (Morillas!) empfunden- für mich alles geniale Galbanumdüfte!
Ein beeindruckender Duft. Bei mir kommt, neben dem Galbanum, die Rose prominent heraus. Für mich so ein bisschen ein angestaubte britische Herrenrose. Wunderbar altmodisch - weshalb ich ihn nicht trage ;) - aber gleichzeitig auf charmant-klare Weise kompromisslos. Die gleiche Faszination empfinde ich auch für ihn. Der bleibt im Gedächtnis.
Ganz wunderbarer Bericht, den ich nur durch Zufall entdeckt hab'... Für mich ist das auch ein Anzug-Duft, aber schon eher im Nick Cave-Sinn, jedoch mit Blume im Knopfloch... Unberechenbar irgendwie. Oft ein Zeichen für Kreativität... Und natürlich nicht easy tragbar. Ich lass man 1 windfesten hanseatischen Seebären-Pokal da!
In den 80ern galt GF als mutig und einzigartig, gerade wegen seiner (ätherischen, wie ich finde) Blumigkeit. Ich habe ihn geliebt. Heute zwar noch erkennbar, aber deutlich heruntergedimmt. Genau wie das G-Man von Gainsborough, zu dem Du mir ja schon geantwortet hast. O tempora o mores... Wir aber haben unser Duftgedächtnis, es bewahrt uns die verlorenen Schätze.
Also ich kenne ihn noch nicht, aber habe ihn nun auf die Merkliste gesetzt. Galbanum mag ich, auch in rauen Mengen. Narzisse und Hyazinthe ebenso. Was modern ist und was nicht, ist mir egal, ein Duft muss in erster Linie gefallen.
Grade im Forum einem Suchenden nach ‚ old money Duft‘ angeraten. Wenn ich deinen Kommentar lese, kann ich da alles absolut unterstreichen. Super auf den Punkt gebracht. Allerdings ist der Duft für mich trotzdem nicht tröstlich, freundlich dabei souverän- aber nicht herzlich .. Ja und keinesfalls modern. Er ist komplett unmodisch, sondern traditionell.
Entsprach das Feeling vom Gefühl her ;) beim Testen des Duftes eher gebremster Begeisterung, so glich sich das doch beim Lesen des Kommentars aus. Well done!
Bestens beschrieben! Wo passt er also hin? Zum Friedhofs-Besuch und in den allgemein (stock)konservativen Kontext. Idealerweise dann im (grauen Flanell-)Anzug, selbstredend mit Weste, Krawatte und Einstecktuch, Seitenscheitel oder die Haare schmierig nach hinten gegelt. Zum Probetragen dieses Aufzugs empfehle ich eine ausgelassene Lindyhop Veranstaltung...
Genau - Flanellanzug (vor meinem geistigen Auge aber ich b-e-i-g-e) und Seitenscheitel.
Ich fand ihn irgendwie interessant, aber ich hab keinen b-e-i-g-e-n Flanellanzug.
Ich sage dann mal was als Frau dazu: ich besitze ein kleines, schönes(!) Fläschchen voll davon. Dunkles, beeriges Veilchen. Wirklich tragen mag ich den nicht, aber im Homeoffice mal einen Spüh nehme ich schon mal gern und bleibe dann auf räumlicher Distanz zu meiner Hand.
Eine der besten Rezensionen über meinen treuen Begleiter seit Jahrzehnten.
Wenn ich noch anmerken darf, eine der Hauptnoten im mittleren Akkord ist das Veilchen, es gibt dem Duft diesen eigenständigen Charakter.
Es freut mich riesig, dass diese Dufttradition neue Liebhaber findet.
Und mit Grey kann ich auch am steifsten Jungfernstieg sicherlich lachen, um dann verbannt zu werden…
Gebührenden Pokal für diese tolle Rezension
🏆
Wie zum Lachen in den Keller gehen.... Aber so klassisch gut, dass er uns, wie du sagst, alle überleben wird. Das ist eine grandiose Rezension... Und wehe, sie fangen jetzt an zu Lachen ;)
Danke, Stulle, Du erweist diesem schönen Duft wirklich Gerechtigkeit! Ich habe und liebe ihn seit über 50 Jahren. Tragen im strengen Sinne tue ich ihn eigentlich nicht - aber unter der Sprühnebeldusche ihn einfangen und tief Luft holen, das verleiht mir tatsächlich das Gefühl von Mut, Lebenskraft und -- ja -- Humor. Ich geh jetzt mal in den Souk, damit ich endlich wieder an den Flanellbüggel komme --
Ein großer Duft der von Dir zwanglos und sehr charmant gewürdigt wurde! Etwas für den besonders männlichen Augenblick und keine Liebe auf den ersten Schnüff!
Für 1975 sicherlich gut. Für mich vor ein paar Jahren nicht so gut.
Ich war zu schwach. Der hat mich umgehauen.
Der Eau de Grey Flanelle liegt mir da mehr …. Hat ja auch nichts mit dem hier zu tun.
In meiner Anfangs-Parfumo-Zeit lernte ich ihn kennen und es kam genauso wie Du schreibst: ich erinnerte mich an ihn und wollte ihn unbedingt haben. Und heute schätze ich ihn wie nur wenige. Danke für das Aufmerksam machen. Er hat es verdient!
Hanseatische Ernsthaftigkeit? Wer hat da nach mir gerufen?? :-D
Grey Flannel finde ich großartig, weil zum einen ganz viel drin ist, das ich sehr mag und zum anderen weil er nicht so modernisch hipstermäßig daherkommt. Mit knapp Fuffzich fühle ich mich aber auch erwachsen genug für den Duft ;-)
Danke Dir für's aufmerksam machen, den muß ich mal wieder tragen.
Ich fand ihn irgendwie interessant, aber ich hab keinen b-e-i-g-e-n Flanellanzug.
Wenn ich noch anmerken darf, eine der Hauptnoten im mittleren Akkord ist das Veilchen, es gibt dem Duft diesen eigenständigen Charakter.
Es freut mich riesig, dass diese Dufttradition neue Liebhaber findet.
Und mit Grey kann ich auch am steifsten Jungfernstieg sicherlich lachen, um dann verbannt zu werden…
Gebührenden Pokal für diese tolle Rezension
🏆
in den man hineinwachsen muss (kann, darf...). :))
Ich war zu schwach. Der hat mich umgehauen.
Der Eau de Grey Flanelle liegt mir da mehr …. Hat ja auch nichts mit dem hier zu tun.
Grey Flannel finde ich großartig, weil zum einen ganz viel drin ist, das ich sehr mag und zum anderen weil er nicht so modernisch hipstermäßig daherkommt. Mit knapp Fuffzich fühle ich mich aber auch erwachsen genug für den Duft ;-)
Danke Dir für's aufmerksam machen, den muß ich mal wieder tragen.