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Top Rezension
Mach mir den Oswald! - Tu ich aber nicht!
Dieses Parfum schreit nach einem kulturkritischen Verriss mit dem Tenor "Untergang des Abendlandes". Man hört es förmlich betteln: "Mach mir den Oswald Spengler!".
Was lässt sich nicht alles dafür anführen! Die Postulation eines Verbotes, wo nur Kommerz ist. Der Umstand, dass die (gewiss sehr sympathische) Rooney Mara auch dann keine Audrey Hepburn ist, wenn man sie in Gothic-Klamotten steckt, Metropolis-mäßig visagiert und (passend dazu) in einer malerischen Pariser Metro-Station auf die Sitzbank stellt (ich nehme an, sie ist hochgeklettert weil sie sehr damenhaft Angst vor den Mäusen hat, die sich da unten ja tummeln). Das an eine umgekehrte Virusverbreitung erinnernde exponentielle Schrumpfen der Intervalle zwischen der jeweiligen Lancierung des nächsten Interdikt-Duftes (der mit dem vorigen meist überhaupt nichts zu tun hat): 1957, 1993, 2002, 2007, 2018.
Indes: Tut mir leid, die Peitsche bleibt eingepackt.
Erstens ist das Genre "Verriss" zu diesem Duft von Gold schon unübertrefflich abgehandelt. Da lässt sich nichts mehr aufsetzen.
Zweitens und wichtiger: Mir gefällt der Duft. Sehr sogar. Mein begeisterter Kommentar von vor einigen Monaten zum Intense-Flanker erweist sich nach dem Test dieses Duftes hier, der (sehr ähnlichen) Basisversion zur jüngeren und schwärzeren Schwester aus dem Jahr 2020, als valide. Er war nicht Ausdruck eines geschmacklichen Augenblicksversagens, sondern höchstens als der einer gefestigten Devianz.
L'Interdit ist für mich ein bestechend klar und schnörkellos komponierter und strukturierter, wunderschöner moderner Blumenduft, von matter Optik, dicht und fest gewebter Textur, intensiver Präsenz und einer Tönung im orange-lachs-sepia-braun-Spektrum. Die weiße Farbe des Kartons führt in die Irre, die Farbe der Flüssigkeit spielt etwas zu sehr ins roséfarbene, um meinem Dufteindruck zu entsprechen.
Diesem olfaktorischen Haupfeld vorgelagert nehme ich (nur einige fünf oder zehn Minuten) eine hellere, ganz leicht fruchtig-zitrischere (aber nicht im Sinne einer vordergründigen Colognefrische oder gar kristallinen Härte, es bleibt auch hier cremig und sämig matt) und auch etwas süße Hinführung war.
[Übrigens vermag ich auch in dieser - durchaus nur kurzen und mit dem Hauptkörper des Dufts sehr kunstreich verbundenen - Phase keine Spur von aufdringlicher, klebriger oder kaugummibilliger Süßlichkeit wahrzunehmen; im Gesamtduft schon gar nicht. Und ich bin durchaus jemand, der auf zuviel Zucker in Damendüften eher sauer reagiert.]
Gegen Ende läuft der Duft dann in eine zum floralen Zentrum kongeniale sanfte lehmig-kakaoig schnurrende Basis aus, die ich als äußerst sinnlich (fast möchte ich sagen: an der Grenze zum Pornografischen) empfinde.
Eine beim ersten Testen noch wahrgenommene Störnote zeigte sich später bei mir dann nicht mehr, offenbar ein Steinchen des Anstoßes, das sich dann im Riechzentrum glattgeschliffen hat.
Insgesamt für mich ein moderner und dennoch klassischer Duft: Die Schrifttype passt sehr gut, der unentschlossen stilfrei-irgendwierunde Flakon mit dem Sprühkopf im Format eines Stormtrooper-Helms nicht, da wäre mehr Bauhaus besser gewesen.
Sehr feminin, sehr sexy, eher für den Abend als für den Arbeitstag (oder die Uni, ich denke, der Duft spricht auch ein jüngeres Publikum an) und eher für den Herbst als für den Frühling.
Macht dann 8,5 Punkte (mit einem Zucken des Zeigers Richtung 9). Die Intense-Version von 2020 habe ich als dichter, dunkler und etwas kunstvoller und raffinierter in Erinnerung.
Und Oswald ist ein alter Griesgram, und das Abendland trotz allem noch immer alive and kicking.
Was lässt sich nicht alles dafür anführen! Die Postulation eines Verbotes, wo nur Kommerz ist. Der Umstand, dass die (gewiss sehr sympathische) Rooney Mara auch dann keine Audrey Hepburn ist, wenn man sie in Gothic-Klamotten steckt, Metropolis-mäßig visagiert und (passend dazu) in einer malerischen Pariser Metro-Station auf die Sitzbank stellt (ich nehme an, sie ist hochgeklettert weil sie sehr damenhaft Angst vor den Mäusen hat, die sich da unten ja tummeln). Das an eine umgekehrte Virusverbreitung erinnernde exponentielle Schrumpfen der Intervalle zwischen der jeweiligen Lancierung des nächsten Interdikt-Duftes (der mit dem vorigen meist überhaupt nichts zu tun hat): 1957, 1993, 2002, 2007, 2018.
Indes: Tut mir leid, die Peitsche bleibt eingepackt.
Erstens ist das Genre "Verriss" zu diesem Duft von Gold schon unübertrefflich abgehandelt. Da lässt sich nichts mehr aufsetzen.
Zweitens und wichtiger: Mir gefällt der Duft. Sehr sogar. Mein begeisterter Kommentar von vor einigen Monaten zum Intense-Flanker erweist sich nach dem Test dieses Duftes hier, der (sehr ähnlichen) Basisversion zur jüngeren und schwärzeren Schwester aus dem Jahr 2020, als valide. Er war nicht Ausdruck eines geschmacklichen Augenblicksversagens, sondern höchstens als der einer gefestigten Devianz.
L'Interdit ist für mich ein bestechend klar und schnörkellos komponierter und strukturierter, wunderschöner moderner Blumenduft, von matter Optik, dicht und fest gewebter Textur, intensiver Präsenz und einer Tönung im orange-lachs-sepia-braun-Spektrum. Die weiße Farbe des Kartons führt in die Irre, die Farbe der Flüssigkeit spielt etwas zu sehr ins roséfarbene, um meinem Dufteindruck zu entsprechen.
Diesem olfaktorischen Haupfeld vorgelagert nehme ich (nur einige fünf oder zehn Minuten) eine hellere, ganz leicht fruchtig-zitrischere (aber nicht im Sinne einer vordergründigen Colognefrische oder gar kristallinen Härte, es bleibt auch hier cremig und sämig matt) und auch etwas süße Hinführung war.
[Übrigens vermag ich auch in dieser - durchaus nur kurzen und mit dem Hauptkörper des Dufts sehr kunstreich verbundenen - Phase keine Spur von aufdringlicher, klebriger oder kaugummibilliger Süßlichkeit wahrzunehmen; im Gesamtduft schon gar nicht. Und ich bin durchaus jemand, der auf zuviel Zucker in Damendüften eher sauer reagiert.]
Gegen Ende läuft der Duft dann in eine zum floralen Zentrum kongeniale sanfte lehmig-kakaoig schnurrende Basis aus, die ich als äußerst sinnlich (fast möchte ich sagen: an der Grenze zum Pornografischen) empfinde.
Eine beim ersten Testen noch wahrgenommene Störnote zeigte sich später bei mir dann nicht mehr, offenbar ein Steinchen des Anstoßes, das sich dann im Riechzentrum glattgeschliffen hat.
Insgesamt für mich ein moderner und dennoch klassischer Duft: Die Schrifttype passt sehr gut, der unentschlossen stilfrei-irgendwierunde Flakon mit dem Sprühkopf im Format eines Stormtrooper-Helms nicht, da wäre mehr Bauhaus besser gewesen.
Sehr feminin, sehr sexy, eher für den Abend als für den Arbeitstag (oder die Uni, ich denke, der Duft spricht auch ein jüngeres Publikum an) und eher für den Herbst als für den Frühling.
Macht dann 8,5 Punkte (mit einem Zucken des Zeigers Richtung 9). Die Intense-Version von 2020 habe ich als dichter, dunkler und etwas kunstvoller und raffinierter in Erinnerung.
Und Oswald ist ein alter Griesgram, und das Abendland trotz allem noch immer alive and kicking.
29 Antworten


Gegen Ende läuft dein Text dann in eine zum floralen Zentrum kongeniale sanfte lehmig-kakaoig schnurrende Conclusio aus, die ich als äußerst sinnlich (fast möchte ich sagen: an der Grenze zum Pornografischen) empfinde.
Schnurr und *wegrenn*
Nur merke: Wer Oswald Spengler zitiert, hat Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" meist nicht gelesen...über 1400 Seiten geschrubbel mit mal mehr mal weniger völkisch-nationalen Theorien, ist schon harter Tobak!
Großartig geschrieben,Duft auf ML.,Danke.
P.S R.Mara hat Psychologie studiert,die stellt sich der Angst ;)
Zum Duft kann ich nichts sagen, ich kenne ihn nicht.