L'Interdit (2018) (Eau de Parfum) von Givenchy

L'Interdit 2018 Eau de Parfum

Version von 2018
FvSpee
23.01.2021 - 09:15 Uhr
42
Top Rezension
8.5Duft 7Haltbarkeit 8Sillage 6Flakon

Mach mir den Oswald! - Tu ich aber nicht!

Dieses Parfum schreit nach einem kulturkritischen Verriss mit dem Tenor "Untergang des Abendlandes". Man hört es förmlich betteln: "Mach mir den Oswald Spengler!".

Was lässt sich nicht alles dafür anführen! Die Postulation eines Verbotes, wo nur Kommerz ist. Der Umstand, dass die (gewiss sehr sympathische) Rooney Mara auch dann keine Audrey Hepburn ist, wenn man sie in Gothic-Klamotten steckt, Metropolis-mäßig visagiert und (passend dazu) in einer malerischen Pariser Metro-Station auf die Sitzbank stellt (ich nehme an, sie ist hochgeklettert weil sie sehr damenhaft Angst vor den Mäusen hat, die sich da unten ja tummeln). Das an eine umgekehrte Virusverbreitung erinnernde exponentielle Schrumpfen der Intervalle zwischen der jeweiligen Lancierung des nächsten Interdikt-Duftes (der mit dem vorigen meist überhaupt nichts zu tun hat): 1957, 1993, 2002, 2007, 2018.

Indes: Tut mir leid, die Peitsche bleibt eingepackt.

Erstens ist das Genre "Verriss" zu diesem Duft von Gold schon unübertrefflich abgehandelt. Da lässt sich nichts mehr aufsetzen.

Zweitens und wichtiger: Mir gefällt der Duft. Sehr sogar. Mein begeisterter Kommentar von vor einigen Monaten zum Intense-Flanker erweist sich nach dem Test dieses Duftes hier, der (sehr ähnlichen) Basisversion zur jüngeren und schwärzeren Schwester aus dem Jahr 2020, als valide. Er war nicht Ausdruck eines geschmacklichen Augenblicksversagens, sondern höchstens als der einer gefestigten Devianz.

L'Interdit ist für mich ein bestechend klar und schnörkellos komponierter und strukturierter, wunderschöner moderner Blumenduft, von matter Optik, dicht und fest gewebter Textur, intensiver Präsenz und einer Tönung im orange-lachs-sepia-braun-Spektrum. Die weiße Farbe des Kartons führt in die Irre, die Farbe der Flüssigkeit spielt etwas zu sehr ins roséfarbene, um meinem Dufteindruck zu entsprechen.

Diesem olfaktorischen Haupfeld vorgelagert nehme ich (nur einige fünf oder zehn Minuten) eine hellere, ganz leicht fruchtig-zitrischere (aber nicht im Sinne einer vordergründigen Colognefrische oder gar kristallinen Härte, es bleibt auch hier cremig und sämig matt) und auch etwas süße Hinführung war.

[Übrigens vermag ich auch in dieser - durchaus nur kurzen und mit dem Hauptkörper des Dufts sehr kunstreich verbundenen - Phase keine Spur von aufdringlicher, klebriger oder kaugummibilliger Süßlichkeit wahrzunehmen; im Gesamtduft schon gar nicht. Und ich bin durchaus jemand, der auf zuviel Zucker in Damendüften eher sauer reagiert.]

Gegen Ende läuft der Duft dann in eine zum floralen Zentrum kongeniale sanfte lehmig-kakaoig schnurrende Basis aus, die ich als äußerst sinnlich (fast möchte ich sagen: an der Grenze zum Pornografischen) empfinde.

Eine beim ersten Testen noch wahrgenommene Störnote zeigte sich später bei mir dann nicht mehr, offenbar ein Steinchen des Anstoßes, das sich dann im Riechzentrum glattgeschliffen hat.

Insgesamt für mich ein moderner und dennoch klassischer Duft: Die Schrifttype passt sehr gut, der unentschlossen stilfrei-irgendwierunde Flakon mit dem Sprühkopf im Format eines Stormtrooper-Helms nicht, da wäre mehr Bauhaus besser gewesen.

Sehr feminin, sehr sexy, eher für den Abend als für den Arbeitstag (oder die Uni, ich denke, der Duft spricht auch ein jüngeres Publikum an) und eher für den Herbst als für den Frühling.

Macht dann 8,5 Punkte (mit einem Zucken des Zeigers Richtung 9). Die Intense-Version von 2020 habe ich als dichter, dunkler und etwas kunstvoller und raffinierter in Erinnerung.

Und Oswald ist ein alter Griesgram, und das Abendland trotz allem noch immer alive and kicking.
29 Antworten
TablaTabla vor 3 Jahren
Ich danke Dir sehr für diesen sehr freundlichen Kommentar. Du beschreibst diesen Duft exakt wie auch ich ihn wahrnehme.
FvSpeeFvSpee vor 3 Jahren
Aber immer gerne !
SalanderSalander vor 5 Jahren
Ich kenne weder das Original noch den schicken Schwarzen, somit konnte ich L'Interdit recht unvoreingenommen testen. Ich bete die Urversionen aber auch grundsätzlich nicht an. (In einer Dokumentation habe ich einmal verfolgen können, wie schwer es ist, alte Formel wieder zu beleben. Viele natürliche Rohstoffe sind schlicht und einfach verboten). Und bei mir reift ein toller Duft auch zu einer immer attraktiveren Basis heran. Deinen Kommentar habe gerne und mit großen Interesse gelesen.
RunaRuna vor 5 Jahren
Warum tut es dir leid, wenn du die Peitsche (hier zu recht!!!) eingepackt lässt? ... Oder machst du das, was gerne, mit der Peitsche??? :)) :P ... Sehr schöner, schon doppelt gelesener Kommentar, und es freut mich, das auch „dieses Verbotene“ dir gefällt. Ich persönlich mache ja insgesamt auch schon gar keinen Hehl mehr draus, das Givenchy meine Marke ist! ;)
Edda32Edda32 vor 5 Jahren
Wenn er so ähnlich ist wie der Schwarze, dann kann ich den Ausbrecher verstehen. Immerhin als Zwilling angegeben, aber nicht gut vorstellbar, anhand der Pyramiden. Vom Schwarzen ist mir aber letztens doch noch schlecht geworden. So eine schwere, selbstzufriedene Sattheit, wie ein aus Pulvern gezaubertes Dessert am all-you-can-eat-Buffet. Der hier vielleicht leichter? Ich mag Ausbrecher und Ausnahmen. Man ist Mensch darin. Und ich bin kurz davor den Libre intense als Signatur anzugeben......;)
FvSpeeFvSpee vor 5 Jahren
@Sniffsniff, Gold, Ttfortwo: Wenn drei meiner Lieblingsmitparfumas mir hier nacheinander, wie auf Verabredung, ein Abdriften vom rechten Weg bescheinigen, trifft mich das natürlich wie drei Schläge in den Magen nacheinander. Allerdings: Obwohl nicht protestantisch: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Und ich verweise auf Vache Cras Votum weiter unten, ich bin also nicht alleine. Ich verspreche aber, auch den Damenklassikern gewogen zu bleiben. Schließlich trage (!) ich Vol de Nuit und Sminta!
TtfortwoTtfortwo vor 5 Jahren
1
Du siehst mich abgrundtief erschüttert... Ich fand die aktuelle Ausgabe dieses Klassikers nämlich, oh je, wie nenn' ich's nur... sagen wir es daher mal: Nicht ganz mein Ding und war himmelfroh, als es sich dann doch irgendwann auf natürlichem Wege von meiner Haut verduftet hatte. Die Wege des limbischen Systems sind wahrlich untergründlich. Schöner Kommentar dennoch.
GoldGold vor 5 Jahren
Tja, irgendwie erstaunst Du mich immer wieder. Meine Meinung zu diesem Düftchen habe ich ja schon niedergeschrieben. Aber jetzt, wo ich weiß, dass Du Cinnabar schlechter findest als dieses Zeug hier, werde ich in Zukunft gewisse "Damendüfte", die mir manchmal so in die Hände fallen, an Dich weiterleiten. Du bist nämlich viel, viel netter und verträglicher als ich! Es lebe die Vielfalt.
SniffsniffSniffsniff vor 5 Jahren
Für mich ist das wirklich eine der schlimmsten Zumutungen, die man in Duftwarenhandlungen gegen harte Devisen erstehen kann. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Test und den folgenden ruinierten Nachmittag. Der Unaussprechliche ging nervtechnisch direkt in die Vollen. Ich wollte ihn loswerden, scheiterte, bekam Kopfschmerzen, wurde von quietschsüßen Hubba-Bubba-Blasen verfolgt, schrubbte erneut, hatte Visionen von aufgespritzen Lippen und Taschenarmen. Mein Ambrox-Endgegner. Mortal Combat.
MonsieurTestMonsieurTest vor 5 Jahren
3
Hmm, ja, so lange solche Texte geschrieben werden, muss man keine Oswald-Pokale spenglern! Ich steh ja auf Gormand-Texte - und hey:
Gegen Ende läuft dein Text dann in eine zum floralen Zentrum kongeniale sanfte lehmig-kakaoig schnurrende Conclusio aus, die ich als äußerst sinnlich (fast möchte ich sagen: an der Grenze zum Pornografischen) empfinde.
Schnurr und *wegrenn*
SiebenkäsSiebenkäs vor 5 Jahren
Höchst kompetente und wie stets vergnüglich zu lesende Damenduft-Betrachtung und Feinschilderung. Heute mal für dich einen Sepia-Reisepokal ( trägt nicht auf, so dass man ihn unterwegs stets dabei haben kann)
PinkdawnPinkdawn vor 5 Jahren
4
Wegen der blumig-süßen Neuauflage eines alten Dufts bzw. des subjektiven Gefallens oder Nichtgefallens daran wird das Abendland sicher nicht gleich untergehen. Ich kenne den Duft nicht, aber blumig-süß spricht mich allgemein bei Parfums nicht so an.
ShakingShaking vor 5 Jahren
....ich sah auch schon das Ende kommen wie Oswald Spengler...aber die "Verrissküste" gekonnt umschifft und sogar Amerika entdeckt, nicht schlecht!
Nur merke: Wer Oswald Spengler zitiert, hat Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes" meist nicht gelesen...über 1400 Seiten geschrubbel mit mal mehr mal weniger völkisch-nationalen Theorien, ist schon harter Tobak!
Can777Can777 vor 5 Jahren
1
So kann sich das Blatt noch wenden. Und reizvoll klingt das hier allemal!
OtherwiseOtherwise vor 5 Jahren
1
Ob man nun der von Spengler postulierten These eines natürlichen Alterungsprozesses (und letzlichem Untergang) von Kulturen folgen mag oder nicht - was die Entwicklung der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen 'technischen' Kunstformen wie Film und Parfum angeht, sieht und riecht auch der Optimist in mir einen Niedergang. Zumindest scheint mir deren goldenes Zeitalter passé. Ach ja: Madame Mara ist selbst als 'an american in Paris' für die Gegend um die Porte des Lilas reichlich overdressed.
AugustoAugusto vor 5 Jahren
Wow, Du überraschst einen immer wieder... ;)
ParfümleinParfümlein vor 5 Jahren
Da schau mal einer an! Deine Groupies hier versammelt. Ich gestehe: Ich HABE mir den Schwarzen gekauft, weil Du den so gut fandest. Den hier kann ich jetzt nicht auch noch nehmen. Zum Glück ist der Schwarze raffinierter.
SchatzSucherSchatzSucher vor 5 Jahren
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Bei mir blieb nach Test und Abwägen zu guter Letzt ein "mittelmäßig" für den Duft übrig. L'Interdit 2018 bot mir zu wenig Raffinesse und zu viel vordergründige Süße. Damit tue ich mich zusehends schwer. Für den Kommentar gebe ich aber gern ein "großartig"!
MCPSMCPS vor 5 Jahren
Oh la la... wollte schon länger den schwarzen von 2020 probieren, der in diesem Fall auch. Oder bin ich zu alt dafür?
CravacheCravache vor 5 Jahren
Ich sehe, in der Homeoffice-Klausur entdecken auch Jesuiten, was Jahrhunderte zuvor Luther/Zwingli/etc. nicht mehr unterdrücken konnten! Der Duft gefällt mir übrigens auch.
RenataRenata vor 5 Jahren
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Schöne, detaillierte Beschreibung und kakaoig-schnurrende Basis hört sich schön an, aber ich denke, der ist zu süß für mich.......
FloydFloyd vor 5 Jahren
Also für mich bleiben solche Düfte ja Schreckgespenster ;-)
PonticusPonticus vor 5 Jahren
Dein leichtfüßig erscheinendes Spiel mit Wort und Sprache begeistert mich immer wieder auf's Neue. Selbst die verwegensten Abstecher in andere Gefilde erscheinen als Notwendigkeit und geben dem ertklassigen Kommentar mehr als ein Hauch von prosaischer Poesie!
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 5 Jahren
Ja, Rooney Mara ist keine Audrey Hepburn, aber nett anzuschauen, in jedem Fall netter als der stormtrooperbehelmte Flakon. Spricht mich dufttechnisch nicht an ist aber sehr gut geschrieben! Ich google jetzt noch ein paar Begriffe...
FriesinFriesin vor 5 Jahren
Solange es so fantastische Kommentare gibt,steht ein Untergang nicht zu befürchten.
Großartig geschrieben,Duft auf ML.,Danke.
P.S R.Mara hat Psychologie studiert,die stellt sich der Angst ;)
SalvaSalva vor 5 Jahren
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Liest sich nach einem feinen Duft. Schöner detaillierter Kommentar!
Melisse2Melisse2 vor 5 Jahren
Gut, dass Du nicht den Oswald machst, wer weiß, wo uns das hin führen würde.
Zum Duft kann ich nichts sagen, ich kenne ihn nicht.
MarieposaMarieposa vor 5 Jahren
Ich hätte ja nicht damit gerechnet, mal einen Text zu lesen, in dem Oswald Spengler UND Stormtrooper vorkommen. Schon allein dafür gibt es einen Coolness-Pokal - und den Duft werde ich wohl auch testen müssen ;)
PollitaPollita vor 5 Jahren
Der gefiel mir jetzt gar nicht. Dafür find ich ja den Fierce ganz nett. Ein Hoch auf die Parfumo-Vielfalt!