Natürlich würde er mit ihr nicht tanzen.
Sie stand ein wenig abseits des Trubels und hatte den Blick ins Licht der tiefstehenden Sonne gerichtet, obwohl sie lediglich seine entschwindende Silhouette erkennen konnte. Flirrend wie Goldstaub taumelten winzige Insekten im Licht. Er musste sie auf seinem Weg durch das hohe Gras der Wiese aufgescheucht haben, während auf dem Tanzplatz noch fröhliche Musik ertönte und sich die Mädchen in ihren weißen Kleidern kichernd im Kreise drehten.
Auch ihr Kleid war leuchtend weiß und die zarten Blüten in dem Sträußchen in ihrer Hand mit genauso viel Sorgfalt gepflückt wie die der anderen. Außerdem hatte nur sie sich ein Band ins braune Haar geflochten, das so rot wie ihre Lippen war – und doch würde sie nun immer das Mädchen bleiben, dessen grölender Vater auf dem Einspänner den Tanz gestört hatte, auch wenn sie ihn ganz selbstverständlich vor den anderen verteidigt hatte.
Natürlich hatte er mit ihr nicht getanzt.
Dass der Saum ihres Kleides sich vom Moos und der nassen Erde am Rande der Wiese grünlich-feucht verfärbt hatte, würde sie erst am nächsten Morgen bemerken. Und sie sah im Gegenlicht auch nicht, dass er sich noch einmal umdrehte.
Lag da ein ganz leichter Ausdruck des Vorwurfs in ihrem ernsten Blick?
Im Sonnenlicht schimmerte ihr von warm-braunem Haar umkränztes Gesicht beinahe wie Perlmutt, während die anderen weißen Gestalten bereits wieder selbstvergessen über den grünen Platz wirbelten und keinen Gedanken mehr an den fremden Tänzer zu verschwenden schienen. Mit dieser einen Ausnahme.
Es versetzte ihm einen kleinen Stich, wie er sie da so stehen sah, abseits von den anderen in ihrem dünnen weißen Kleid, voll Sanftmut und Bescheidenheit und doch … verletzt? Er wünschte, er hätte sie nicht im Trubel übersehen, hätte sie verlegen errötend zum Tanz gebeten, mit ihr gesprochen, nach ihrem Namen gefragt. Das nagende Gefühl, dass er sich dumm verhalten hatte, ließ sich nicht mehr abschütteln, doch daran konnte er nun nichts ändern. Er wandte sich zur geschotterten Landstraße um und ging raschen Schrittes weiter.
***
„A mere vessel of emotion untinctured by experience.“ So beschreibt Thomas Hardy seine junge Protagonistin zu Beginn seines Romans „Tess of the d’Urbervilles“, der, 1891 erschienen, nur drei Jahre jünger ist als Hasu-no-Hana. Ob der Duft „frei von jeglicher Erfahrung“ ist, möchte ich nicht beurteilen, aber ein „Gefäß, das nichts als Gefühle enthält“ ist er für mich auf jeden Fall.
Um ein Grundgerüst aus Bitterorange und Iris über einer Basis aus Amber, Patchouli und Eichenmoos, das man wenige Jahrzehnte nach dem Erscheinen wohl als Chypre mit orientalischem Twist bezeichnet hätte, schillert der Duft perlmuttartig in allen hellen Facetten, die Farben annehmen können, bevor sie aufhören, Farben zu sein und weiß werden. Iris tritt hier kaum pudrig in Erscheinung, sondern so samtig wie die Blüten der Iris Florentina, die genauso weiß-perlmutt-hellblau schimmern wie der Duft. Da sind noch andere florale Noten, die ich nicht benennen kann, eine rührend altmodische Gartennelke (nicht gelistet – war ja klar, dass meine Nase wieder macht, was sie will) und zitrische Noten, die sich wie feinster Goldstaub auf die zarten Blütenblätter legen. Im Verlauf behält der Duft seine filigrane Zartheit und Helligkeit, wird aber durch die (eingebildete) Gartennelke würziger, nimmt eine unterschwellig fruchtige Note an (vielleicht von Ylang-Ylang?), um schließlich von hellen Hölzern, eher grünlichem Patchouli und sanft rauchigem Vetiver umrahmt und von Unmengen Eichenmoos zärtlich abgefedert zu werden.
Wie wegweisend muss dieser Duft, der heute so nostalgisch wirkt, zu seiner Zeit gewesen sein! Oder war er ihr gar voraus? So wie Thomas Hardys Roman?
So richtig möchte ich mich mit dem Gedanken gar nicht aufhalten, nicht herumphilosophieren, was Hasu-no-Hana für andere sein oder gewesen sein könnte, sondern einfach nur die herzzerreißende Schönheit dieses Duftes genießen. Neben der majestätischen Wucht und Perfektion ihrer Schwestern Phũl-Nãnã und Shem-el-Nessim aus Grossmiths Classic Collection mag Hasu-no-Hana fast ein bisschen unscheinbar wirken. Es ist kein Duft, der das Bedürfnis hat, sich in den Vordergrund zu drängen, und doch bringt er in mir eine Saite zum Klingen, welche die anderen, ehrfürchtig, aber distanziert bewunderten Schönheiten nicht zu berühren vermochten.
Hasu-no-Hanas helle Leichtigkeit erscheint mir so unschuldig wie die junge Tess Durbeyfield, die noch nicht ahnt, mit welch traurigem Schicksal die Zukunft ihre Schönheit und ihr zartes, loyales Wesen bestrafen wird. Und doch schwingt von Anfang an eine sehnsuchtsvolle Melancholie mit. Fast wie in jener Szene ganz zu Beginn des Romans, die ich immer wieder lese, in der Tess Durbeyfield und Angel Clare sich um Haaresbreite nicht begegnen und in der dieses bitter-süße Was-Wäre-Wenn mitschwingt.
Vielen Dank für das Pröbchen, lieber Floyd. Da hast du mal wieder was losgetreten ;-)
Wunderschöne Rezension! Jetzt muss ich direkt eine Bildungslücke schließen ;-)
Der Duft begegnet mir gerade zauberhaft, ebenso wie Phūl Nãnã. Holen mich natürlich gerade ab in meiner frisch für Klassiker erblühenden Leidenschaft. Bei Hasu-no-Hana bin ich noch etwas ambivalent und muss noch genauer hinschnuppern, ob mir die Iris nicht zu viel wird - ansonsten sind diese Düfte in ihrer Schönheit schon echte Wunschlistenkandidaten.
Was für ein wunderbarer Text! Und das ein Duft nach so vielen Dufttests noch eine 10 en eh locken kann, macht mich unglaublich neugierig. Danke, meine Liebe!
Gut, dass Du dich dieses Duftes angenommen hast, denn Grossmith ist ja generell eine Marke, die sich noch um seriöse Qualität bemüht und Nische Nische sein lässt (auch wenn sie deshalb nicht weniger elitär wären). Auch dieser gehört in die Kategorie sorgfältig komponierter Traditionsdüfte - und da gibt es sogar noch bessere!
Wie immer ist die Lektüre deines Textes ein großes Vergnügen für einen Liebhaber von Geschichten und Duftgeschichte...
Den Duft kannt ich noch gar nicht :-) .
Wunderwunderschön, so wie der Duft. Ich würde gern noch farbiger zum Ausdruck bringen wie schön ich deine feinfühligen Texte immer finde aber am allerliebsten möchte ich einfach nochmal von vorn lesen (und heute Abend die Bücherkiste durchsuchen, im Bestfall ist Tess nämlich hier, im schlechtesten 600 km entfernt in einer Kiste)
Auf jeden Fall ein Ja zum Duft (denke ich zumindest, klingt überall so gut), im Duft mag ich Klassik gar sehr. Dafür ein Nein zu Tess und Co., nicht meine Klassik, aber in dem Fall hier gerne gelesen...
Mit großer Freude gelesen. Tess of the d’Urbervilles wohnt übrigens bei mir im Garten. Die gleichnamige Rose von David Austin musste aufgrund des Namens vor ein paar Jahren einziehen.
In Deinen Texten kann man sich verlieren. Ich bin Dir gerne auf den Spuren dieses duftenden Meisterwerks gefolgt. Ich empfinde ihn auch als einen hellen, strahlenden und facettenreichen Duft, in den ich mich sofort verliebt habe.
Ein großartiger Duft, rund, edel, schön. Mochte ich sofort. Leider preislich nicht unbedingt günstig.🥲 Deine Geschichte berührend. Du tauchst sicher selbst liebend gerne in gute Geschichten ein. Genauso schaffst du es, uns mit in deine zu nehmen...schön.
In deine Geschichte konnte ich direkt abtauchen, und schon wieder so wundervolle Worte zu diesem Duft. Wenn er nicht schon auf der Merkliste wäre, spätestens jetzt wäre er darauf angekommen.
Schwer fällt es, aus dieser Traumwelt zu erwachen. Wie gut, dass es diese Tür gibt und man schnell zurück ist, in den Wiesen, im Abendlicht. Ein Duft, den ich zu gern einmal testen möchte.
Wenn ich 'Perlmutt' im Zusammenhang mit Düften lese, bin ich schon hin und weg! Ich suche ja immer nach einem perlmuttartigen Parfum - das wäre mein Ideal. Bis jetzt habe ich nur Annäherungen gefunden, sogar bei Irisdüften...
Ansonsten wieder eine wunderbar poetische, feinfühlige, bittersüße Rezension!
Ein toller Roman, den du da anschneidest. Bin eh auf der Suche nach Urlaubsliteratur für Pfingsten. Somit gibt's bei dir wenigstens die Fortsetzung.
Du beschreibst den Duft wundervoll und fundiert. Diese Gefühle weckt er tatsächlich, die du beschreibst. Und mit der Gartennelke hast du sicher recht. Das kommt hin!
Ich bin sehr beeindruckt, vor allem, wie du die Gefühle wahrnimmst und ausdrückst. Ein leiser tiefer Schmerz, herzzerreißend im wahrsten Sinne.
Tess kenne ich noch nicht. Scheint ein großer Roman zu sein
Wenn ich solche literarischen Gefühlsstürme mit dem Versenden einer Phiole auslösen kann, dann hat nicht nur der Pafumeur vieles richtig gemacht... und natürlich hätte ich das Mädchen zum Tanz aufgefordert, wäre ihr ungeschickt auf den Füßen rumgetrampelt, sodass sie sich gewünscht hätte, ich wäre auf der Landstraße verschwunden ;-)
FrauKirsche, Spatzl und Du auch noch. Hmmm. Testen will ich den jetzt auf jeden Fall. Auch wenn ich mir fast sicher bin, dass der mich vermutlich kalt lassen wird. Aber was soll's. Die Neugier ist geweckt.
Den mochte ich auch. Hätte ich Deine Tess-Assoziation vorher gekannt, hätte ich ihn vielleicht noch spannender gefunden. So war er für mich ein schönes, herbes Chypre, mit dem ich aber jemand anderem eine größere Freude machen konnte. Manche Schicksale wiederholen sich eben heute nicht mehr. - Was unsere florale Einbildungskraft angeht, schwingen wir hier wieder einmal gleich: An Gartennelke kann ich mich auch erinnern.
Wunderschöne Rezension! Der Duft klingt bezaubernd, wenn er dich an Tess erinnert, muss ich unbedingt testen. Angel konnte ich nicht leiden. Hätten sie sich zu dem Zeitpunkt begegnet, hätte er sie auch nicht lieben können, sondern nur seine Vorstellung von ihr. Ein Gefäß für seine Projektionen.
Ist von den drei Flaggschiffen der Marke mein liebster Duft.
Hatte aber auch durch den japanischen Namen am meisten Interesse daran, wobei er am Ende natürlich nicht ganz so japanisch war unbedingt, wie zunächst in meiner Vorstellung.
Vielleicht wird er dieses Jahr bei mir auch noch einziehen.
Zudem erinnerst du mich mit deinem Bezug daran, dass Tess noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegt und dieses Jahr dann noch gelesen werden will.
Also, wir haben sie so weit! ☻️ Jetzt muss ein genauer Plan her...
P.S. Wäre dann hinterher noch für einen Roadtrip durch ganz DEU zu den Parfumofreunden, um sie neidisch schnuppern zu lassen...
Oh, da beschreibst Du einen Duft, der mein Herz berührt wie kaum ein anderer. Ich habe vor vielen Jahren einen allerletzten Tropfen in einem fast schon ausgelutschten Testerle von einem lieben Parfumo bekommen, die Flüssigkeit schon so zäh, daß sie wahrscheinlich kaum mehr durchs Röhrchen geht. Ein beherzter Druck würde das Testerle vermutlich bis aufs Ende leeren und das wäre es dann mit dem süßen Stechen im Herzen, wenn ich dran rieche. So manchmal, wenn ich etwas sentimental aufgelegt bin, dann tippel ich so lange auf dem Drücker herum, bis am Sprühloch ein Hauch von Feuchtigkeit austritt, den ich aufs Handgelenk streiche. Oh, jaaa, so schön. Ein Duft wie die Musik von Prokofjev.
Ganz toll! Applaus für diese tolle Rezension und die für mich absolut passende Referenz zu Hardy und Tess! Ja, so ist er. Und jetzt weiß ich schon, was als nächste Lektüre mal wieder dran ist...
Und ich mag alle drei Schwestern sehr.
Der Duft begegnet mir gerade zauberhaft, ebenso wie Phūl Nãnã. Holen mich natürlich gerade ab in meiner frisch für Klassiker erblühenden Leidenschaft. Bei Hasu-no-Hana bin ich noch etwas ambivalent und muss noch genauer hinschnuppern, ob mir die Iris nicht zu viel wird - ansonsten sind diese Düfte in ihrer Schönheit schon echte Wunschlistenkandidaten.
Ein Klassiker.
Die Blüten hier schaffen ein sehr schönes Bild.
Den Duft kannt ich noch gar nicht :-) .
aber das Haus ist schon toll 😃
Ansonsten wieder eine wunderbar poetische, feinfühlige, bittersüße Rezension!
Du beschreibst den Duft wundervoll und fundiert. Diese Gefühle weckt er tatsächlich, die du beschreibst. Und mit der Gartennelke hast du sicher recht. Das kommt hin!
Tess kenne ich noch nicht. Scheint ein großer Roman zu sein
🏆
Hinreißend.
Hatte aber auch durch den japanischen Namen am meisten Interesse daran, wobei er am Ende natürlich nicht ganz so japanisch war unbedingt, wie zunächst in meiner Vorstellung.
Vielleicht wird er dieses Jahr bei mir auch noch einziehen.
Zudem erinnerst du mich mit deinem Bezug daran, dass Tess noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegt und dieses Jahr dann noch gelesen werden will.
Fahr das Auto vor... wir sind bereit;-)
P.S. Wäre dann hinterher noch für einen Roadtrip durch ganz DEU zu den Parfumofreunden, um sie neidisch schnuppern zu lassen...
Und ich mag alle drei Schwestern sehr.