Le Bain (Eau de Parfum) von Joop!

Le Bain 1988 Eau de Parfum

Helena1411
11.09.2019 - 14:53 Uhr
36
Top Rezension
7.5Duft 9Haltbarkeit 9Sillage 6Flakon

Zwei Seelen wohnen, ach‘ in meiner Brust

...die eine will sich von der anderen trennen.“

Schon Goethes Faust hatte dieses Dilemma, welches sich freilich auf andere Bereiche erstreckte. Ihm ging es um die wahre, tiefere Erkenntnis aller Dinge, die sich durch die von ihm studierten, vielfältigen Wissenschaften dennoch nicht ergründen ließen.
Aber immerhin, um nicht weiter abzuschweifen, auch ein Dilemma.

Ähnlich meines Gefühls beim Aufsprühen von Joop! Le Bain. Erworben habe ich es durch einen zufälligen Umstand für ein äußerst kleines Entgelt, zudem wollte ich diesen Klassiker selber testen, zumal die Duftpyramide versprach, mir bzw. meiner Nase zuzusagen.

Mit dem ersten Sprüher jedoch begann die Metamorphose, die aus einer hochgewachsenen Blondine den verwirrten, verzweifelten Dr. Faust werden ließ.
Es schlug mir eine allumfassende, vollkommen um sich greifende Wolke aus Aldehyden sowie Vanille und Tonkabohne entgegen. Fast schon schien es, als sei ich unter einer regelrechten Dunstglocke eingeschlossen.
Und ein Teil von mir wich erschrocken zurück (bzw. versuchte dieses Manöver, welches jedoch ob der Tatsache dieser Duftfesseln nicht gelingen mochte). Zu viel, hallte es echogleich in mir wider, viel zu viel! Sollten nicht anfänglich zitrische Noten eine gewisse Frische versprechen, um dann von blumig-rosigen mit warmen holzigen Untertönen besetzten Duftnoten gefolgt zu werden? Und war nicht vorgesehen, erst dann im weiteren Verlauf einen vanilligen Ton einzunehmen? Gepaart mit Tonka? Natürlich alles laut Pyramide.
Aber nein, mir schlägt direkt von Anfang an ein Vanille-Tonka-Overload entgegen, laut, brüllend, mehrstimmig sozusagen. Fast scheint es mir als sängen Vanille und Tonka einen Kanon, mit allen Chören Deutschlands zusammen. Du lieber Himmel! Eine langsam einsetzende Taubheit, nicht der Ohren, sondern der Nase macht sich breit, jedoch bei weitem nicht so erfolgreich, wie erhofft, denn ich rieche sie immer noch, die Le Bain-Wolke, sehr sogar, trotz eines Sprühers am Unterarm, dieser bedeckt durch einen Pullover. Okay, mit Lochmuster, es gibt also Duft-Fluchtmöglichkeiten. Aber dennoch.
Und dieser eine Teil von mir will es abwaschen, sich gegen die langsam aufsteigende Übelkeit wehren, die sich aufgrund der Heftigkeit der Duftglocke einstellt. Und ich kann mich dem Duft nicht entziehen, denn er verharrt hartnäckig auf meiner Haut, in meiner Nase, überall um mich herum. Und zwar lange. Sehr lange.

Der andere Teil von mir jedoch wird schlagartig und zeitgleich hellhörig. Innere Bilder ziehen vorbei: Das erste Mal mit Freundinnen, ohne Aufpasser, abends in die Stadt, die Augenlider aufgrund der Lidschattenmassen, die farblich einer Gelbstirnamazone (keine Amazone in dem Sinne, sondern eine Papageienart) in nichts nachstanden, schlafzimmergleich gesenkt; die ersten coolen Pumpjeans mit Neonstreifen, welche jeden Verkehrserzieher und Schülerlotsen stolz machen würden, lässig ausführend; das erste Mal in der Teenager-Disko der hiesigen, überfüllten Tanzschule zum 90ies Eurodance die Hüften wiegend, obwohl Füße stampfend besser zur Musik gepasst hätte; und immer eingeduftet mit einem Parfum, dass ein erstes Gefühl von erwachender Weiblichkeit, von noch verborgener, aber aufkeimender Verführung weckte und zeitgleich aber auch ein Gefühl von Geborgenheit und Schutz bot. Ein Parfum für die langsam knospende Frau und zur gleichen Zeit für das im Körper dieser jungen Frau noch steckende Mädchen.
Diese retrospektiven Assoziationen von Le Bain wirken auf meinen anderen Teil überaus positiv, leicht wehmütig und bereiten ein angenehmes Wohlsein, sodass ich mich in dem Duft wiegen möchte.

Und somit schlagen zwei Seelen, ach‘ in meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen. Wobei...eigentlich wollen sich beide nicht voneinander trennen, denn ohne den anderen schlüge der eine Teil den Duft in die Flucht, schickte ihn in die Verbannung. Und ohne den einen badete der andere Teil in der Erinnerung schwelgend in diesem Duft, erschlüge das Umfeld mit der Duftgewalt von Le Bain.
Beide Teile zusammen jedoch finden das richtige Mittelmaß und geben Le Bain seine Berechtigung, ohne eine absolute Vollmacht zu erteilen.
Eine duftgewaltig-wohlriechend-erstickend-überwältigend-übelkeitserregend-tonkagetränkt-vanilleweiche Parfum-Retrospektive.
24 Antworten
SiebenkäsSiebenkäs vor 6 Jahren
Ganz toller, unterhaltsamer und erhellender Kommentar- so vielschichtig und kontrovers können manche Düfte tatsächlich sein, allerdings wird dieser Aspekt fast nie beleuchtet.
FvSpeeFvSpee vor 6 Jahren
Gotthilf-Fischer-Pokal!
MisterEMisterE vor 6 Jahren
Ja hier ist die Gratwanderung zwischen angenehm beduftet und frischer Luft erforderlich schon sehr schmal
MeggiMeggi vor 6 Jahren
Eine Kollegin trägt - ich glaube, "einfach so".
BlauemausBlauemaus vor 6 Jahren
Ja, das ist ein richtiger 90er-Jahre-Dampfer. Ohne Rücksicht auf Verluste... *gg* Aber wenn er Dir prinzipiell gefällt, teste mal den neuen YR Cuir de Nuit. Das ist Le Bain in sehr gezähmter Form. Mir gehts da nämlich ähnlich wie Dir und der YR ist da eine schöne, tragbare Alternative
LilauLilau vor 6 Jahren
Ich danke auch ans Erinnern an frühere Zeiten, ich trug Le Bain wirklich gerne. Muss aber zugeben, ich weiß nicht, ob das jetzt auch noch so wäre. ;-)
MoniEMoniE vor 6 Jahren
Klasse Kommentar - genau so waren meine Begegnungen mit ihm auch immer :-) . Schon früher immer Hassliebe. In neuerer Zeit hab ich ihn nicht mehr getestet, weil ich mich noch sehr gut daran erinnere, dass mir der Auftakt immer eins auf die zwölf gegeben hat. Ich glaube, ich sprüh ihn nun doch mal wieder, wenn ich in der Parfumerie bin - um der vergangenen Zeiten willen. Duftreisen in die Vergangenheit können schon schön sein :-)!
PistazieneisPistazieneis vor 6 Jahren
Ja, speziell bei diesem Kracher macht die Dosis das Gift, sehr gut von dir beschrieben.
ChanelliChanelli vor 6 Jahren
Ich gebe offen zu: dem bin ich nicht gewachsen. In mir stellen sich alle Stacheln auf wenn ich ihn rieche. Top beschrieben!
Can777Can777 vor 6 Jahren
Ich hatte den Duft erst vor kurzem einer sehr lieben,alten Dame geschenkt,die mir mal erzählt das sie diesen Duft sehr,sehr geliebt hatte. Er macht schöne Erinnerungen und ist im wahrsten Sinne immer noch überwältigend schön. Ich mag ihn sehr! Seelen-Pokal!
Melisse2Melisse2 vor 6 Jahren
Da ist wohl eine 80er Jahre Wuchtbrumme bisher an mir vorbeigegangen. Werde ich auch bei nächster Gelegenheit testen, vorsichtshalber auf Papier.
MetalfanMetalfan vor 6 Jahren
Ambivalente Düfte gibt es ja einige aber dieser geht anscheinend in Richtung Schizophrenie - sehr interessant! Ich glaube den zu kennen, sollte den aber noch mal beschnuppern. Ich steh auf (manche) Duft-Psychos :-D.
GelisGelis vor 6 Jahren
... also die Duftpyramide würde mir Zusagen, aber... ich weiß nicht.
AndrulaAndrula vor 6 Jahren
1
" Wer sich behaglich mitzuteilen weiß, den wird des Volkes Laune nicht erbittern . " Genau das trifft auf Deinen Kommentar zu :D
Mir geht´s mit Le Bain ähnlich , aber weggeben mag ich ihn auch nicht .
RenataRenata vor 6 Jahren
Ich kenne den Duft nicht, aber nach Deinem Kommentar glaube ich, ich möchte ihn gar nicht kennenlernen, er scheint total heftig zu sein..........
SeeroseSeerose vor 6 Jahren
1
Ich finde den gut, eben ein süßer Orientale. Gar nicht hammermäßig. Ein Vorreiter und viel preiswerter als entsprechende neuere Düfte, die dem sehr ähnlich sind: "Dolcelisir" von L'Erbolario, Marly "Oajan", "Eau Extreme 1" AlzD etwa.
FlaconesseFlaconesse vor 6 Jahren
Viele wissen gar nicht, dass noch weit mehr Redewendungen dem lieben Faust entstammen als "der Pudels Kern" und die "Gretchenfrage", absolut lesenswert: Faust, sowie Dein Kommentar! Und ja, Le Bain ist zweifelsohne einer der grandiosen Dufthammer der 80er Jahre. Meine Mutter trug ihn damals gerne zum Ausgehen, gepaart mit Pudelkrönchen und Overknee-Stiefeln aus Wildleder und nun, manchmal trage ich ihn, um in heimeligen Erinnerungen zu schwelgen. Danke Mama :) (Kommentar folgt hoffentlich...)
PaloneraPalonera vor 6 Jahren
Jaja, so ist das mit den olfaktorischen Janusköpfen. Da hilft nur Sprühen oder besser Tupfen mit viel, viel, viel Bedacht.
YataganYatagan vor 6 Jahren
Ich fand den damals sehr fein.
Edda32Edda32 vor 6 Jahren
Nein! Helena! Nein! Nein! Nein! Nein! Es gilt zu fragen "Wie hast du's mit dem Joop! LeBain?"
Fuer mich Duft gewordenes Grauen.
SchatzSucherSchatzSucher vor 6 Jahren
Ich kenne den Duft ja überhaupt noch gar nicht, muß ich zu meiner Schande gestehen. In meinem Umfeld trägt/trug den niemand. Aber mit deiner anschaulichen janusköpfigen Beschreibung hast Du mich doch neugierig gemacht. Notiz für mich selbst: Beim nächsten Besuch im D Le Bain testen!
GschpusiGschpusi vor 6 Jahren
Geht mir bei dem genauso.... Eigentlich mag ich ihn. Frueher schon. Aber bei dem ist echt weniger mehr.
DerDefconDerDefcon vor 6 Jahren
Joop kann also nicht nur mit dem roten Klassiker für olfaktorisches Gebrülle sorgen. Interessant ;)
Camey5000Camey5000 vor 6 Jahren
Hier gilt die Doppeldeutigkeit: "mit der Faust auf's Auge". Gruß C.