Marokkanische Wüstenluft habe ich bereits geatmet, formal jedenfalls. Jedoch war ein Tages-Ausflug nach Marrakesch in einem Bus voller Marine-Soldaten auf Landgang nach fast zweiwöchiger Seefahrt nicht der rechte Moment für naturnahe Kontemplation. Die quirlige Stadt selbst ließ ebenfalls keine beschauliche Stimmung aufkommen, zumindest nicht für eine Gruppe mitteleuropäischer Touristen mit - um es nett zu formulieren - im Durchschnitt ziemlich mäßigem Bildungs-Hunger und Naturerlebnis-Durst. (Oberbootsmann Martin B. vor der Hinfahrt: „Und wenn Sie was ganz, ganz Tolles sehen – dann lassen Sie mich schlafen.“)
Kaum hilfreich zudem, dass just Ronald Reagan vor Ort war. Obwohl schon seit mehr als zwei Jahren nicht mehr US-Präsident, hatte er nicht nur Ehefrau, Plastik-Grinsen, und Dauer-Winken mitgebracht, sondern natürlich auch eine enorme Entourage einschließlich der üblichen Sicherheitsvorkehrungen und straßensäumenden Menschenaufläufe.
Mein zweiter Landgang tags darauf, diesmal direkt vom Liegeplatz in Agadir aus, verlief exakt so besinnlich, wie es ohne viel Phantasie zu erwarten ist, wenn man in von Kopf bis Fuß reinweiß-leuchtender Marine-Sommer-Ausgeh-Uniform allein in einer maghrebinischen Hafenstadt unterwegs ist.
Da probiere ich es besser mal mit der „Morgenstimmung” von Edward Grieg aus der Musik zum Schauspiel „Peer Gynt”. Eine wundervoll-lyrische Weise, welche in diversen Anwürfen durch Popmusik-Branche und Werbe-Industrie ihre Un-Verhunzbarkeit trefflich unter Beweis gestellt hat. Das Stück handelt eigentlich von der Wüste; allerdings wird es angesichts der Herkunft des Komponisten intuitiv gern an einen norwegischen Fjord verortet (wohin es – nebenbei bemerkt – genauso gut passen würde). Das geht mir bis heute nicht anders. Wieder nix.
Und nun, nach Augen und Ohren, ein dritter Wüstenstimmungs-Versuch für die Nase.
Die Bitterorange liefert eine überraschend intensive Säure, die rund zwei Stunden spürbar ist. Der gelegentlich genannte Gummi-Geruch wie von Autoreifen entsteht lediglich bei stärkerer Dosierung. Ansonsten: Herb-warme Würze und balsamisches Harz, alles noch mild, süß, aber stets an der Grenze zum Bitteren, beinahe Glühenden; ab und zu ein wenig darüber hinaus.
Das war es für mich. Ich vermag mich dem Duft nicht weiter analytisch zu nähern. Schritt für Schritt und Tag für Tag nimmt er mich umwehend-umarmend mehr für sich ein mit seinem Wechselspiel aus schmeichelnden und fordernd-hitzigen Seiten. Ein Gedanke an abendlich-warme Wüstenluft ist mühelos evoziert und nimmt mir jede Lust am Auseinanderklambüsern. Mir fällt auch keine untermalende Geschichte dazu ein. Der Duft ist schlichtweg Stimmung pur, wie ein Gedicht ohne Worte.
An Versuchen habe ich es nicht fehlen lassen. Die Abfüllung war nahezu komplett geleert, bevor diese paar dürren Zeilen zum eigentlichen Duft-Erlebnis herausgebraten sind.
Es hilft nichts: Einfach selbst ausprobieren!
Nachtrag - vierter Anlauf: Ein paar Wochen nach meinen ADM-Probier-Tagen wurde eben jenes zufällig meine Komplett-Blindtest-Premiere. MisterE schickte mir eine großzügig bemessene Probe, bewusst als Rätsel gehalten in der Annahme, ich würde den Duft nicht kennen. Und so habe ich mich dann tatsächlich benommen: Zu meiner Beschämung habe ich ihn nicht nur nicht erkannt, ich habe zudem teils ordentlich abweichende Dinge notiert. Und zu allem Überfluss fand ich ihn weniger gut. Ich hatte mir allerdings – eine etwas lahme Entschuldigung – diesmal lediglich einen Tag Zeit genommen.
Obschon peinlich, schreibe ich das nun auf, denn es hat mir persönlich erstmals in voller Drastik vor Augen geführt, was Kenntnis von Namen, womöglich Geschichte und (angeblichen) Noten bewirken kann. Es verdeutlicht außerdem, welch‘ mannigfache Wahrnehmungen sogar durch bloß eine Person das Werk zulässt und ist somit Hinweis, dass es erarbeitet sein will. Derlei ist gewiss eine weitere klare Test-Empfehlung wert.
3 Anläufe brauchte ich, wollte das Pröbchen schon abgeben. Auf einmal total geflasht, voller Bilder, wow ist der toll! Nix für täglich, der braucht bestimmte Stimmungen, dann ist er ein Abenteuer! Der könnte zu einem Gedicht inspirieren!
Ich liebe ihn. Heiß und innig und bis ans Ende aller Zeiten. An meinem Mann. Ob auch an mir selbst - das muß noch herausgefunden werden. Den Tauer-Düften konnte ich mich bisher jedenfalls noch nie entziehen, keinem einzigen.
Top-Kommi.SandPokal! Ich habe Abfüllung, aber mir erschließt er sich nicht. Lagerfeuer mit Lagerfeuer und schöner Vetiver-Ambra-Basis. Ende :( Kein Duft den ich tragen möchte. Mit Timbuktu (ähnliche Thematik) kann ich mehr anfangen/ist tragbarer
Hatte mir eine Probe von AlzD organisiert und war so gespannt...Ja,er ist schön,aber nach 2 Stunden so langweilig, fast nervig in seiner Einseitigkeit.Habe es nach 3 Versuchen verschenkt u.jemanden sehr glücklich damit gemacht.
Mir geht's wie Yatagan - habe noch nicht den Schalter gefunden, der mir die Erleuchtung bringt. Die staubige Wüstenluft lässt mich lediglich Hüsteln :-(
Das Ergebnis des Blindtestes hat die Vielschichtigkeit und Wandlungsfähigkeit dieses Duftes offenbart. Auch mir hat, einmal, zweimal, dreimal, viermal nicht ausgereicht.
Toller Kommentar! Find den total faszinierend...aber mehr als auf dem Handrücken möchte ich ihn nicht tragen..um das rauszufinden musste ich erst 20ml verballern;-)!
Ich assoziiere null Wüsten- oder Landschaftsszenarien mit dem Duft, sondern eher staubige Dielenböden, alte Bibliothek... Seine Eleganz und Ruhe finde ich ganz wunderbar, auch wenn ich ihn selbst nicht unbedingt tragen möchte.
Ob ich ihn inzwischen begriffen habe?
Ich vermag es nicht zu sagen.