Un Jardin sur le Nil 2005

Un Jardin sur le Nil von Hermès
Flakondesign Fred Rawyler; Illustration: Véronique de Mareuil
Platz 98 in Unisex-Parfums
7.7 / 10 1333 Bewertungen
Un Jardin sur le Nil ist ein beliebtes Parfum von Hermès für Damen und Herren und erschien im Jahr 2005. Der Duft ist frisch-grün. Es wird noch produziert. Der Name bedeutet „Ein Garten am Nil”.
Aussprache

Duftrichtung

Frisch
Grün
Zitrus
Fruchtig
Blumig

Duftnoten

grüne Mangogrüne Mango LotusLotus BergahornBergahorn KalmusKalmus WeihrauchWeihrauch

Parfümeur

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Eingetragen von DonVanVliet, letzte Aktualisierung am 16.02.2024.

Rezensionen

83 ausführliche Duftbeschreibungen
5
Preis
9
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7
Sillage
7
Haltbarkeit
8
Duft
Pinkdawn

68 Rezensionen
Pinkdawn
Pinkdawn
Top Rezension 44  
Wie naturbelassen müssen grüne Mangos in Parfums sein?
Anfang Mai ist es noch nicht so heiß in Ägypten. Eine gute Reisezeit. Jean-Claude Ellena hat diesen Monat nicht zufällig für seinen Besuch der Kitchener Insel gewählt, wo sich einer der schönsten botanischen Gärten der Welt befindet. Das kleine Eiland wurde Lord Kitchener für seine Verdienste als Kommandant der ägyptischen Armee – insbesondere für seinen Sieg gegen die Mahdisten 1899 - geschenkt, und er begann, dort seltene exotische Pflanzen zu züchten.

In seinem 2012 veröffentlichten Tagebuch „Der geträumte Duft“ erinnert sich Ellena an eine Allee mit Mangobäumen, die gerade ihre grünen Früchte trugen. Er pflückt eine Mango und riecht an ihr. Dieser Moment wird zur Inspiration eines seiner erfolgreichsten Parfums: Un Jardin sur le Nil – der preisgekrönte und beliebteste Duft der Jardin-Serie von Hermès.
Um diesen Duft der grünen Mango baut er seine Komposition. Sie entspricht genau seiner Vorstellung eines Gartens am Nil. Bisher wusste er nur, was er nicht wollte: ein olfaktorisches Klischee der Düfte, die man in der europäischen Tradition Ägypten zuschreibt, zu bedienen. Soll heißen: orientalisch-würzig, mit viel Weihrauch usw., das es so nie wirklich gegeben hat.

Zum Glück hat Ellena die Gabe, den Duft eines Gartens am Nil nach seiner Vorstellung neu zu erfinden. Dass die grüne Mango, die jeder in diesem Parfum sofort herausriecht, tatsächlich nicht in diesem Duft vorkommt, ist typisch für Ellena. Ihm geht es nicht um naturbelassene Noten, sondern um jene Illusion, die einen Duft nicht nur plastischer, dramatischer und aussagekräftiger darstellt als jedes 100%ige Naturöl selbst gesammelter Pflanzen, sondern auch das beabsichtigte Gefühl überträgt. Genau das mag ich an Ellena und seinen Parfums. Denn auch für mich ist ein künstlerisch erhöhter, meinetwegen auch synthetischer Duft die interessantere und anspruchsvollere Variante, weil sie sozusagen die Natur interpretiert und nicht nur banal 1:1 abbildet.

Im Gegensatz zu den weniger intellektuellen 100% Bio Natur- und Ethnodüften liefert die Ellena-Kreation zusätzliche Ebenen und Anregungen. Regietheater sozusagen. Die Natur bleibt Inspiration, derer man sich (räuberisch) bedient, aber die deutlicher, verfeinerter dargestellt wird – ein Verfahren, das Kreativen aller Kunstbereiche bestens bekannt ist. Ellena beschreibt sich daher auch gern als Schriftsteller unter den Parfumeuren, dem es mehr um Kreativität als pure Komposition geht. Un Jardin sur le Nil gilt als Masterpiece des Chefparfumeurs von Hermès.

Duftnoten wie Gemüse – hier Tomatenblätter und Karottensamen – erscheinen auch heute noch ungewöhnlich. Sie waren einer der Gründe, warum ich mir diesen Duft im Sommer gekauft hab. Ich kenne bzw. besitze inzwischen einige Düfte von Ellena. Einer meiner liebsten ist Un Jardin sur le Toit, 2011 erschienen. Ich habe aber bewusst aufgehört, die beiden Gartendüfte zu vergleichen.

Un Jardin sur le Nil startet kühl und grün. Der eigenwillige Duft ist sofort präsent – mit einer leisen Schärfe, die wohl den Tomatenblättern geschuldet ist. Ich spüre Wasser in der Nähe. Der mächtige Fluss – bewachsen mit Grünpflanzen an seinen schlammigen Ufern, deren große, dunkle Blätter, grapefruitgesprenkelt vom Sonnenlicht, in der Hitze Afrikas Kühle spenden. Du könntest diesem meditativ-wechselvollen Spiel der Kontraste stundenlang zusehen.

Die Zitrusnoten am Beginn erscheinen ungewöhnlich durch den rasch einsetzenden Kontrast der Tomatenblätter und der Karottensamen. Fast fremdartig, aber anziehend.

Das behäbige Gewässer gleitet langsam dahin und versetzt dich in eine tranceartige, träumerische Stimmung. Du spürst die Stärke und Gelassenheit des Nils. Alles ist friedlich, ruhig, entspannt.

Die aquatisch angehauchte Lieblichkeit des Lotus mag etwas Wasserblumen-Dunkles einbringen, aber nichts Düsteres. Eher Geheimnisvolles, das sich nicht genau einordnen lässt. Und eine exquisite, grasiggrüne Süße.

Der Fluss, die Ufer - eine Trance, der man sich gerne hingibt. Gräser und unbekannte Pflanzen spenden Frische. Die elegante Süße hat nichts Blumiges. Eher etwas Abstraktes. Das ist wohl die grüne Mango.

Die Stärke und Gelassenheit des Nils ist in diesem Duft präsent. Die Wärme des Sommers und eine gewisse Gemächlichkeit sind ebenfalls spürbar. Gleichzeitig hat dieser Duft – vor allem anfangs – etwas Frisches, Knackiges, Grasiges.

Ich empfinde die Kühle großer Pflanzen mit schattenspendenden, dunkelgrünen Blättern.
In der Herznote gesellen sich weitere Elemente dazu, die Neues bringen, sich aber harmonisch ins Ganze einfügen: Kolbenschilf etwa, ein Hauch Orange, kaum wahrnehmbar, Hyazinthe und Pfingstrose.

Erst in der Basis treten Weihrauch, Moschus, Iris und Labdanum auf und lassen den Duft aromatisch-pudrig ausklingen wie ein langer, langer, rotgoldener Sonnenuntergang in Afrika, der einfach nur wortlos macht.

Vom angeblich enthaltenen Zimt merke ich nichts. Da zeigt sich die mächtige Platane schon deutlicher.

Der Duft ist komplex und spannt seinen Bogen vom sommerlichen Smoothie über fruchtige Noten und kühl wirkende Blumen bis hin zum sanften, entspannenden Ausklang, der immer noch würzig bleibt.

Für mich ist Un Jardin sur le Nil wie eine Reise – abwechslungsreich, in jeder Phase angenehm, einzigartig, leise und kostbar. Ein exquisiter Unisex-Daytimer für den Sommer.

Haltbarkeit und Sillage sind nicht allzu ausgeprägt. Das Parfum ist aber ein Eau de Toilette, das eben nur in diesen zarten Tönen funktioniert, sonst gäbe es sicher längst ein EdP dazu.
Ich hab diesen Duft im letzten Sommer oft getragen und führe ihn auch noch an hellen Frühherbsttagen aus, weil seine Milde mit deren Stimmung korrespondiert.
23 Antworten
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Flakon
6
Sillage
7
Haltbarkeit
4
Duft
FabianO

1003 Rezensionen
FabianO
FabianO
Top Rezension 25  
Die x-te Variante der synthetischen Ellena-Taschenspielertricks - inhaltsleere Sauberkeit, bei der nur der Name glänzt
Eher zufällig stolperte ich über eine "Nil"-Probe, jahrelang hatte ich ihn immer nur in der Damenabteilung der Parfumerien gesehen. Dass er unisex sein soll, fiel mir erst auf der Probenpackung auf.

Was soll ich sagen? Die meisten loben ihn, Catch22 zerpflückt ihn aufs Gröbste - und ich bin tatsächlich letzterem (und damit der Minderheitsmeinung) sehr stark zugeneigt.

Es geht mir wie mit mittlerweile sehr vielen Ellena-Düften: Er ist ein One-Minute-Verführer, ein Trickser und Taschenspieler erster Güte. Zur Erklärung:

In den ersten 2 Minuten fand ich "Un Jardin sur le Nil" zunächst nett. Lebendig, aufmunternd, frisch, frühlingshaft. Das ging mir damals auch bei "Déclaration", "Voyage d´Hermès" und anderen Ellenas so. In die Haarspitzen der Kopfnote integriert der alte Fuchs nämlich immer noch naturnahe, authentische Aromen, die einem ein kurzes "Aaah!" oder "Oooh!" entlocken. Der "Nil" zeigt drahtige Grapefruit, auch exotisch-frische Mango.

Und dann - pardon, ich muss es so nennen - passiert die Scheiße: Keine 5 Minuten sind rum und der "Nil" verwandelt sich in ein hautnahes, leb- und seelenloses Monsterchen aus dem Hause "Ambroxiso-e-super".

Padäng!! Genau das gleiche Aromenlevel und -spektrum wie bei "Voyage.." und "Déclaration", durchaus ellenatypisch und gar nicht mal zu verwechseln mit den ganzen Duschgel-Labor-Düften à la Boss und Davidoff. Das keineswegs. Er hat da schon seine speziellen Duftölmixturen und deren Rezeptur gut weggeschlossen.

Dennoch ist es - abermals - diese unterträglich künstlich reine, antiseptische, den Eindruck von Frische erzeugen wollende Standardaromatik, die 97 % der Zeit bar jeder Entwicklung wirkt, in der der Duft auf der Haut weilt.

Bei mir entsteht auch kein Bild vorm inneren Auge, da bin ich bei den Kritikern unten. Der lange Name täuscht, lullt einen ein. Nil, Garten - hmmm...Ägypten, Wüste, Sand, Oase, Sonnenschein, Entspannung.... Aber es will vor lauter flacher 100 %-Weißschleier-Synthetik keine Stimmung aufkommen, keine Assoziation bei so eindringlich vorgetragener Liebe zur Laborhochzeit.

Ich liebe Ellenas "Rocabar", ich schätze sein "Terre d´Hermès", ich mag sein "Ambre Narguilé". Aber das hier ist der gleiche Totalausfall wie oben genannte Düfte, die alle gleichermaßen fad und lebensfern gestrickt sind und im Grunde nur eine aufgeblasene Zelebration von künstlicher und zugleich aufdringlicher Sauberkeit und Reinlichkeit sind.
15 Antworten
8
Duft
Naaase

109 Rezensionen
Naaase
Naaase
Top Rezension 28  
Das große Grüne am "Großen Grünen"
Das große Grüne am "Großen Grünen"

»Preis' Dir, oh Nil, der herauskommt aus der Erde und herbeikommt, um Ägypten zu ernähren.
Mit verborgenem Wesen, eine Dunkelheit am Tage.
Der die Fluren bewässert.
Der die Wüste tränkt, die fern vom Wasser ist.
Der Nahrung bringt und reich an Speisen ist.
Der alles Gute schafft.
Der Kraut für die Herden schafft und jedem Gotte Schlachtopfer gibt.
Der die Speicher füllt und die Scheunen weit macht.
Der den Armen etwas gibt.
Der Bäume wachsen lässt nach jedem Wunsch und man hat keinen Mangel daran.
Man fängt an, für Dich auf der Harfe zu spielen und man singt Dir mit der Hand.
Flutet der Nil, so opfert man Dir,
mit Weihrauch, Ochsen und Rindern und Vögeln auf der Flamme,
Der Du den Menschen von seinem Vieh leben lässt und sein Vieh von der Flur.
Du grünst, Du grünst oh Nil, Du grünst."
(Hymne von dem Dichter Cheti, ca. 1900 v.Chr.)

Der Nil ist ein Strom in Afrika, der in den Bergen von Ruanda und Burundi entspringt, dann Tansania, Uganda, den Südsudan und den Sudan durchfließt, bevor er in Ägypten in das Mittelmeer mündet. Die alten Ägypter glaubten, dass der Nil dem Ozean entspringe, der die Erde umfloss, den sie wiederum "Nun" nannten. Womöglich nannten die Ägypter ihn auch deswegen "Ium" (Meer). Sie bezeichneten ihn auch als "Iteru-aa" (großer Fluß). Es gab auch einst noch die Bezeichnung: "Wadj-wer" ("Das große Grüne").
Die Länge dieses gewaltigen Nils beträgt 6.671 km und er ist somit der längste Strom Afrikas sowie der zweitlängste Fluß weltweit. Aufgrund der jährlichen Schneeschmelze im äthiopischen Hochland und den heftigen, lang anhaltenden, Regenfällen im subtropischen Afrika während der Sommermonate trat sehr häufig die jährliche Nil-Überschwemmung im Sommer ein. Dadurch wurde der Nil den Ägyptern zum Geheimnis, Glück und Schrecken zugleich. Denn: Der Nil war im Altertum der Ernährer des Landes. Sein schlammhaltiges Wasser mit seinen Beimischungen von Tonerde, Kalk, Eisenoxyden, Mineralsalzen und Kohlenstoffen bedeckte das ausgetrocknete Land für drei bis vier Monate und ermöglichte Saat und Ernte. Der schwarze Schlamm, der nach dem Verdunsten des Wassers auf dem Boden zurückblieb, gab dem alten Ägypten den Namen "Das Schwarze Land" im Gegensatz zum "Roten Land" der umgebenden Wüste.
Angebaut wurden im alten Ägypten vor allem Getreidesorten wie Weizen, Gerste und Spelz sowie Flachs. Heutzutage tritt der Nil im Hochsommer aufgrund des Assuan-Staudammes nicht mehr über seine Ufer. Der Nil war zudem (fast) die einzige Verkehrsader des Landes.
Infolge seines geheimnisvollen Wesens wurde der Nil im Altertum als Gott angesehen. Er besaß zwar keinen Tempel und keinen regelrechten Kultus wie die anderen Götter. Dennoch wurden ihm von den alten Ägypter Hymnen gesungen und Feste gefeiert, die deutlich den Dank an den Nahrungsbringer aussprachen.

Und dies beflügelte möglicherweise Jean-Claude Ellena im Jahre 2005 dazu, diesem ebenso gewaltigen wie geheimnisvollen Fluss seine eigene Hommage auszudrücken: "Un Jardin sur le Nil".
Unser Garten-Spaziergang beginnt bei einer fruchtigen Mango. Ich empfinde sie als süß und reif. Eine Frucht mit einer geheimnisvollen Exotik. Für eine erfrischende Portion Säure sorgt dann eine freche Grapefruit, die sich neben unsere Mango gemogelt hat. Doch schon kurz nach dieser Erfrischung führt uns unser Weg durch den Garten schon am Gemüsebeet vorbei: Für meine Nase ist dies ein -durchaus angenehmes- Sammelsurium von einzelnen Gemüsesorten. Ich bilde mir ein, etwas Gurke zu riechen. Eine frische Gurke, die uns hier entgegen kommt. Diese in Begleitung von etwas, das ich in Richtung Tomatensaft einordnen würde. So in etwa "Bloody Mary" ohne Wodka. Ich finde: Eine sehr interessante und gelungene Idee. Doch dann wird's blumig: Der fruchtig (Mango und Grapefruit)-gemüsige (Gurke, die in Tomatensaft schwimmt) Grundgedanke bleibt zwar erhalten. Die Noten werden jedoch heller und freundlicher: Ich rieche eine Pfingstrose. Ein stattliches und stolzes Exemplar, das nunmehr unseren Gemüsegarten sanft umweht. Doch sie bleibt nicht alleine: Der Hauch einer Hyazinthe gesellt sich dazu. Und die Beiden streifen fortan Hand in Hand fröhlich durch die prächtigen Beete.
Leicht holzig mit einer schönen Portion geheimnisvollen Weihrauch klingt dieser Duft aus. Insbesondere der Weihrauch verleiht unserem Gemüsegarten Tiefe. Wie ein sanfter Nebel, der sich am Ufer des gewaltigen Flusses abends über die Landschaft legt. Melancholisch und besonnen zugleich. Und damit geht die heiße afrikanische Sonne mit ihren wärmebringenden Strahlen über unserem Nil-Garten unter und gibt diesen der kühlen Dunkelheit der Nacht preis. Wissend, dass bereits nach einigen Stunden ein neuer Tag mit neuen wärmenden Strahlen beginnt, die das Land und seine Früchte mit neuem Leben erwecken.

Mein Fazit:
Eine sehr schöne Interpretation des selbst gesetzten Themas. Kennt man in Düften Noten von Früchten (insbesondere von Zitrusfrüchte) bereits zu Genüge, so sind die Gemüse-Noten originell.
Ein schöner Duft, der seinen Träger im Sommer zweifelsohne erfrischen wird.
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8
Flakon
5
Sillage
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Haltbarkeit
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Duft
Meggi

1019 Rezensionen
Meggi
Meggi
Sehr hilfreiche Rezension 40  
Kommissar Olfattke folgt der Duft-Spur
Erstes Kapitel – Ägyptische Eröffnung

Bertram Olfattke fluchte leise, als er die Wohnungstür schloss und seine dicke Jacke überzog. Gelegentlich verwünschte er den aufzuglosen Altbau, der ihn in Momenten der Eile sein vorrückendes Alter besonders unerbittlich spüren ließ. Trotzdem würde er seine Perle von Dreizimmer-Wohnung im vierten Stock erst hergeben, wenn er nicht mehr kriechen konnte. Vier lange Treppen später trat er schnaufend auf die Luitpoldstraße ins nächtlich-verschneite Schöneberg hinaus. Es waren nur ein paar Schritte bis zur Eisenacher Straße, wo Schulze bereits auf ihn wartete.

Der war wohl gerade auf dem Weg nach Hause gewesen, als er alarmiert worden war, denn er saß in seinem eigenen Auto. Beim Anblick der massigen Gestalt hinter dem Steuer des Kleinwagens musste Olfattke an den gepressten Inhalt eines Einmach-Glases denken. Seufzend ließ er sich auf den Beifahrersitz sinken, hinein in eine Wolke aus Zigarettenqualm und männlichem Odeur.

Während Schulze ruckartig anfuhr, malmten seine mächtigen Kiefer vor sich hin. Olfattke fiel ein Artikel aus National Geographic ein, den er einmal gelesen hatte: Vor rund zwei Millionen Jahren waren wegen eines Klima-Wandels in Afrika die Pflanzen allmählich zäher geworden. Damals hatte „Homo“ sein Hirn angeworfen und das Kochen gelernt. „Australopithecus“ hingegen hatte sich unter konsequenter Vermeidung jeglicher Anzeichen von Intelligenz lieber monströse Kauleisten zugelegt. Genützt hatte es ihm letztlich nichts.

Beim Einbiegen in die Hohenstaufenstraße setzte Schulze ein Blaulicht aufs Dach. Wie im Film. Deshalb hatte er zur Polizei gewollt, hatte er mal erzählt, wie üblich polternd lachend. Binnen weniger Minuten bogen sie in die kurze Sentastraße ein, eine von denjenigen mit alter Nummerierung im Hufeisenstil; die Nummern 1 bis 3 lagen auf der südlichen, 4 bis 6 auf der nördlichen Hälfte. Nummer 4 war nicht abgesperrt, im Eingang stand lediglich ein Polizist, das genügte, die Handvoll Schaulustiger fernzuhalten, die sich - ungeachtet der späten Stunde - zuverlässig eingefunden hatte. Der Rettungswagen war längst wieder abgefahren. Für einen Arzt hatte es nichts mehr zu tun gegeben.

Schon beim Betreten der kleinen Wohnung bemerkte Olfattke einen Duft. Doch er schob den Gedanken daran zunächst beiseite und hörte dem uniformierten Polizisten zu, der in der Wohnung gewartet hatte: „Frau Wolff, die Nachbarin, hat sie entdeckt. Es hatte bei ihr geklopft, aber niemand war vor der Tür. Dann hat sie gesehen, dass nebenan die Wohnung offen stand. Als sich drinnen nichts rührte, ist sie reingegangen, hat Frau Paulert leblos im Wohnzimmer liegen sehen und den Notarzt gerufen. Das war um viertel vor elf. Der Arzt war um zehn vor hier und hat uns gleich alarmiert.“

Als Olfattke auf die Leiche zutrat, wurde der Duft stärker. „Verdammt, wonach riecht das? Ich kenne das“, murmelte er zu sich selbst. Die Leiche schien über und über eingesprüht.

Sie lag in seltsamer Haltung am Boden, den Oberkörper platt auf dem Rücken, am Kopf die Spuren mindestens zweier brutaler Schläge mit einem harten Gegenstand. Die Füße waren nach rechts außen gedreht, so dass die Zehen beinahe den Boden berührten, die Arme waren leicht abgespreizt. Kein sterbender Mensch hätte seine Gliedmaßen derart verdreht. Diese Position musste der Frau nach ihrem Tod beigebracht worden sein. Und anschließend hatte der Täter ausgeharrt, bis die Leichenstarre sein Werk fixierte. Damit das möglichst schnell vonstattenging, hatte er anscheinend die Heizungen auf höchste Stufe gestellt. Es mussten hier drin locker 25 Grad sein.

Der Streifenpolizist setzte seinen Bericht fort: „Frau Paulert ist eine ehemalige Krankenschwester. Sie hat sich seit fünfundzwanzig Jahren ehrenamtlich um Obdachlose gekümmert, obwohl sie inzwischen fast blind und taub war. Dafür hat sie neulich sogar den Berliner Verdienstorden bekommen, hat Frau Wolff erzählt.“

„Wie die da liegt… Das sieht aus wie auf ägyptischen Wandbildern“, meinte Schulze mit gerunzelter Stirn. Ein feinfühligerer Mensch hätte Olfattkes offensichtliches Erstaunen über diesen unerwarteten Fetzen Bildungsbürgertums völlig zutreffend für eine indirekte Beleidigung halten können. Schulze merkte natürlich nichts und ergänzte: „Wenn meine Neffen zu Besuch sind, gehen wir immer ins Ägyptische Museum.“

Ägypten - das war das fehlende Puzzleteil. „Jetzt erkenne ich den Duft. Das ist Un Jardin sur le Nil von Hermès!“, rief Olfattke.

Er war sich nun ganz sicher. Er erkannte einen Rest der Auftaktnoten: Zwar war die Grapefruit nicht mehr da, aber die Tomate war gut spürbar. Ein frischer, üppiger Pflanzenduft mit dem typischen Päonien-Stechen. Grün-wässrig, ohne labberig zu wirken. Heimliches Rückgrat des Duftes war die Karotte, die freilich selbst kaum in Erscheinung trat. Doch all ihre süßen, bitteren, saftigen, wässrigen Aspekte ließen sich wiederfinden.

Mittlerweile hatte der Duft seine schilfig-dichte, geradezu drückende Phase erreicht. Diese Tatsache verriet Olfattke, dass es ungefähr zwei Stunden her gewesen sein musste, dass er aufgesprüht worden war. Ja, kein Zweifel, noch nichts von dem darauf folgenden, floral-seifig-sauberen Part, der sich seinerseits verblüffend rasch zurückzog und nach insgesamt wenigen Stunden in einer holzigen, ein bisschen künstlichen Basis mündete. Eine Spur Rauch ließ sich vielleicht mit dem Wissen darum bestätigen. Von diesem Stadium war der Duft allerdings weit entfernt. Ungefähr zwei Stunden seit dem Aufsprühen…. Und Genaueres zum Todeszeitpunkt würde die Gerichtsmedizin ermitteln.

„Ich habe Frau Wolff schon mal gefragt, ob sie was beobachtet hat“, meldete sich der Streifenbeamte abermals zu Wort. „Sie meinte, sie hat ihre Wohnung heute nur einmal gegen vier Uhr nachmittags verlassen. Sie hat Eimer und Feudel und so aus dem Keller geholt, um unten im Eingangsbereich zu putzen. Das macht sie jeden Montag. Sonst ist die Haustür immer abgeschlossen. Ihr ist nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Sie ist natürlich total aufgelöst. Ich habe unsere Psychologin gerufen. Die muss gleich hier sein und kümmert sich dann um die Dame.“

Zwei Stunden später, im Bett, kam Olfattke ein beunruhigender Gedanke: Kein anderer aus dem zuständigen Kommissariat hätte den Hermès erkannt, das war sicher.

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Die übrigen Kapitel:
2. Serge Lutens, Datura Noir
3. Guerlain, Philtre d'Amour
4. Penhaligon‘s, Blenheim Bouquet
5. Papillon Artisan Perfumes, Anubis
23 Antworten
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Haltbarkeit
7
Duft
FvSpee

323 Rezensionen
FvSpee
FvSpee
Top Rezension 29  
In der Bar zum Krokodil
Als Titel dieses Kommentars zog ich alternativ „Grün-Bunte Organik, feinst püriert, synthetisch gebunden und als dichter Nebelschleier versprüht“ in Betracht. Allerdings wäre das erstens sehr lang gewesen, zweitens hätte ich damit schon alles Wesentliche gesagt gehabt und kein Mensch hätte weitergelesen und drittens wollte ich diesen nil-bezogenen Kommentar unbedingt nutzen, um das herrliche Lied der Comedian Harmonists „In der Bar zum Krokodil (am Nil, am Nil, am Nil)“ zu erwähnen. Was kann sich im deutschen Liedgut an Wortwitz mit dem Nil-Song und anderen ähnlichen alten Chansons und Couplets messen? Wer kriegt heute noch (mit gelegentlichen Ausnahmen im Austro-Pop, etwa bei der EAV) Reime hin wie „Sittsamkeit“ auf „Schlitz ins Kleid“, „Dreivierteltakt“ auf „dreiviertelnackt“ und vor allem „Denn Theben war für Memphis / das was Lausanne für Genf is‘“ hin? (In einer Live-Aufnahme hab ich auch mal die ebenfalls charmante, obschon nicht ganz so geniale Version gehört: „Denn Theben war für Memphis / das was die Wurst für’n Senf is‘“).

Aber zurück zu unserem Duft. Ich kenne „Un Jardin sur le Nil“ (dessen „sur“ übrigens nicht „über“ bedeuten dürfte, sondern schlicht „am“, wie in „Chalons-sur-Marne“) schon seit etlichen Jahren, hatte ihn aber nie selbst getestet und kam auch nie auf die Idee, ihn zu rezensieren. Für mich war der Duft einfach ganz naiv immer „10“, denn er ist eine Art Signaturduft des Näschens an meiner Seite, und an ihr gefällt er mir perfekt. Die Neugier und dann insbesondere auch die jüngsten Verrisse hier auf Parfumo (April 2018 war kein guter Monat für den Nilgarten) haben mich dazu motiviert, den Duft auch selbst zu tragen (unisex deklariert ist er ja, obwohl ich ihn eher feminin empfinde) und mich ihm auch mal ganz bewusst schnuppernd und analysierend zu nähern.

Und da kann ich die hier jüngst geäußerte Kritik durchaus nachvollziehen, auch wenn ich die von Duftsucht ausgemachten „kokeligen“ und „modrigen“ Noten nicht finden kann und auch wenn mir FabianO’s Vergleich mit dem (aus meiner Sicht in der Tat trivialen) Voyage etwas ungerecht vorkommt. Aber gerade an Fabians Kommentar könnte ich auch vieles unterschreiben.

Ich nehme (anders als Meggi in seiner exquisiten literarischen Miniatur, die hier sehr präzise Duftphasen beschreibt) „Un Jardin sur le Nil“ als eher linearen Duft wahr. Er begegnet mir mit vielen, vielen organischen Duftnoten, vor allem (feucht-) grünen, obst-und-gemüsigen und in etwas geringerem Umfange auch floralen. Diese folgen allerdings nicht chronologisch aufeinander, sondern treten alle gleichzeitig auf, und auch das nicht in Gestalt von mehreren sozusagen miteinander ringenden Duftteppichen. Vielmehr bietet sich hier das Bild einer zu feinstem Püree verarbeiteten, fast schon auf Molekularebene homogenisierten frisch-süß-grün-leichtwürzigen Organik, die mit einer sehr kräftigen Dosis aquatischer Frischesynthetik aufgefüllt und stabilisiert wurde. Obwohl ich jetzt von selbst nie darauf gekommen wäre, diesen Duft mit „Cool Water“ zu vergleichen, wie es hier ein anderer Parfumo getan hat (sie riechen vorderhand überhaupt nicht ähnlich), dann ist insoweit doch was dran. Sozusagen Frucht-Gemüse-Blumenquirl mit Cool Water aufgegossen. Und das Ganze dann aus dem Flakon als feiner, etwas opak-milchig wirkender Nil-Nebel (gibt’s da unten Nebel? Keine Ahnung…) versprüht.

Insgesamt gibt das dann einen schwer zu greifenden, hellgrünen, mal strahlenden, mal eher weißgrün-schleierigen, und wegen der starken Homogenisierung und der deutlich zu spürenden Synthetik auch etwas eindimensional, manchmal fast schon etwas anstrengend wirkenden Dufteindruck. Gelegentlich kommt ein leicht seifiger Akzent dazu, dessen Ursprung ich nicht identifizieren kann.

Der Duft ist mitnichten raumfüllend oder gewaltsam kräftig, aber er haftet sehr nachhaltig an der Haut und ruft sich auch noch nach acht, neun, Stunden immer wieder deutlich spürbar in Erinnerung.

So gesehen und aus der Nähe betrachtet kann mich „Un Jardin sur le Nil“ nicht richtig begeistern. Sicherlich ein frischer Sommerduft, nicht unoriginell durch dieses pflanzliche Alexandria-Allerlei darin, phasenweise richtig schön wirkend, aber jedenfalls an einem Mann, oder jedenfalls an mir, nicht wirklich markant, nicht richtig ausgewogen, nicht besonders inspirierend. Nun hoffe ich nur, dass mir der Duft weiterhin an Frau von Spee gefällt und dass ich mir diesen unschuldigen Zauber nicht durch die ganze Analytik zerstört habe.

Was noch nachzutragen ist: Als ich den Nilgarten zum ersten Mal an mir ausprobierte, fiel mir sofort eine gewisse Nähe zu „Essential“ von „Lacoste“ auf. Bei Lacoste das Krokodil, bei Hermès der Nil, passt ja (konnte ich mir nicht verkneifen). Tatsächlich aber, wenn man sich die Zutatenliste anschaut, sieht man bei beiden Düften eine Frucht-Blumen-Holz-Kombi und als Gemüse (wenn das wohl auch botanisch zwei-felhaft ist, oder?) in beiden Tomate, bei Hermès als „Ranke“ und bei Lacoste als „Blätter“. Und dass (auch) im „Essential“ massig Aqua-Chemie drin ist, können wir wohl getrost voraussetzen.
13 Antworten
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206 kurze Meinungen zum Parfum
PinseltownPinseltown vor 9 Monaten
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Unter Ra´s zitrusgrün Sonne
Beobachtet Kleopatra
In ihrem tropisch Blumenkönigsgarten
Das Mangobad der Nilpferdgötter
Träumt sie von Cäsar?
45 Antworten
Danny264Danny264 vor 8 Monaten
7
Flakon
5
Sillage
7
Haltbarkeit
7
Duft
gen Süden aufm Nil cruise ich
mit einer Plastik-Luftmatratze
und Zitronen (Fruchtgehalt 1%) Limo
hin zu meinem
vegrünten Mango-Garten
73 Antworten
FlirtyFlowerFlirtyFlower vor 2 Jahren
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Flakon
6
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Duft
Wenn das Nilpferd 3x klingelt, sich in Kräutercreme kringelt & dann die Mango tot küsst, wird am Ende doch die hermetische Frische vermisst!
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PollitaPollita vor 3 Jahren
6
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8.5
Duft
Ebenso schön, wie auch der mediterrane Garten. Sanfte grüne Erfrischung für wärmere Tage. Leicht krautig, dabei jedoch nicht kratzig. Fein!
15 Antworten
BlaumeiseBlaumeise vor 7 Jahren
Nicaragua, 36 Grad. Grüne Mangos in Salz getunkt und Orangen mit spiralförmig abgehobelter Schale zum Aussaugen vom Straßenhändler. Haltbar!
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So ordnet die Community den Duft ein.
Torten Radar

Diskussionen zu Un Jardin sur le Nil

Wolkensaft in Unisex-Parfum
Vielen Dank für eure Antworten! Es handelt sich bei den Unterschieden, die ich wahrnehme, nur um Nuancen. Es sind sicher die gleichen Düfte,...
Adora in Unisex-Parfum
Ich finde den unisex, wie 75% aller Düfte, die ich kenne. Ich fand es interessant den zu testen, tragen will ihn weder ich noch meine Frau.
Pinanol in Unisex-Parfum
Pinanol:Als Neuling im Thema bin es ja gewohnt viele Einordnungen und Beschreibungen nicht nachvollziehen...

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