One Love Jean-Louis Scherrer 2015
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Top Rezension
„Hier stehe ich und spüre, wie der Winter aus mir herausrinnt!“
Im Frühlingsregen führt mein Weg die Straße entlang. Die Welt spiegelt sich im Asphalt, genau wie die Regenschirme der Passanten. Alle Köpfe eingezogen, aufgestellte Kragen. Ich trage den schmalen blauen Rock, den, der Eindruck macht, aber ein wenig zu eng ist, um große Schritte zuzulassen. Meine Absätze klappern leise und auch ich halte einen Schirm über meinen Kopf. Himmelblau mit Wölkchen.
Doch warum eigentlich? Was würde passieren, ließe ich den Schirm hier und jetzt auf die regennasse Straße fallen? Würden sich die zarten Tropfen nicht einfach wie ein heller Schleier auf mein Gesicht legen? Sich wie Tauperlen in meinem Haar sammeln?
Manchmal ist Regen doch nur ein Kitzeln im Gesicht. Besonders, wenn es Frühling geworden ist. Und die prächtige Magnolie, die dort am Eingang zum Park in voller Blüte steht, die würde sich wohl auch niemals von so etwas stören lassen.
Die Tüte mit den in Zeitungspapier eingeschlagenen Mimosen fällt mir aus der einen Hand, der himmelblaue Schirm aus der anderen. Der Strom der Passanten zieht unbeeindruckt an mit vorbei, doch ich recke mein Gesicht dem Himmel entgegen, dem Regen, der Luft, dem Frühling.
Die Magnolie lächelt nur wissend. „Zieh die Schuhe aus“, flüstert sie. „Schieb den Rock ein kleines bisschen nach oben. Nur so viel, dass du Anlauf nehmen kannst, und dann komm zu mir.“
Und da erinnere ich mich. „Bald bin ich so leicht, dass ich fliegen kann“, hat sie gesagt, als sie das wilde Lied des Frühlings vernahm. Genau wie ich in dieser Sekunde. Schwestern waren wir schon immer, Ronja Räubertochter und ich. Sie im Mattiswald und ich im Garten meiner Mutter, von dem ich genau weiß, dass auch dort Rumpelwichte und Graugnome hausen.
Ich streife die Schuhe ab und hebe die Mimosen auf. Schuhe und Schirm bleiben achtlos liegen, als ich loslaufe und plötzlich fliege ich in einem wachsig-pastellig-sonnengelb-grün-leuchtenden Wirbel aus Hesperidensternchen, Magnolienblüten, Mimosenpompoms, Veilchenblättern und Vetiver – genau wie Ronja einst, als sie über den Höllenschlund sprang –, um in ambrette-umschleiertem Eichenmoos mit hellen Hölzern und Iris zu landen.
***
Als mich „One Love“ heute Morgen mit einem gleißend hellgrünen Frühlingsschrei begrüßte, der einer Räubertochter würdig ist, wurde mir plötzlich klar, warum ich Chypredüfte so sehr liebe. Das Genre ist ja jetzt schon eine ganze Weile aus der Mode und steht im Ruf, unterkühlt, streng und zugeknöpft zu sein. Das hier im Forum schon sprichwörtlich gewordene Fräulein Rottenmeier innerhalb der Parfumfamilie eben, und es ist noch gar nicht lange her, dass ich mit mindestens einem Ausrufezeichen und einem Augenzwinkern unter einen Beitrag schrieb: „Ich BIN Fräulein Rottenmeier!“ Und ich gebe es ja zu, Chypredüfte strahlen tatsächlich eine erwachsene, gepflegte Aura aus. Sie sind elegant, haben eine Textur wie Wildseide und mögen aus der Distanz ein wenig kühl oder sogar unnahbar wirken. Wenn man sich als Trägerin oder Träger allerdings im Auge des Sturm befindet, sieht die Welt ganz anders aus: Die chypre-typisch bitter-grünen Noten wecken zuverlässig die Räubertochter in mir, machen, dass ich in Pfützen springen, Kirschkerne umdiewettespucken, dieses Quäntchen zu laut lachen oder einfach nur auf offener Straße singen möchte. Die balsamisch warme Labdanumnote, die im klassischen Chypre drauf achtet, dass der Duft dann am Ende doch nicht allzu frech wird, wurde in „One Love“ durch helle Hölzer und warme Ambrettesamen ersetzt. Sie machen diesen Neochypre modern und transparent – und sorgen dafür, dass auch Fräulein Rottenmeier heute mal mindestens einen Knopf zu viel an ihrer Bluse offen lässt und ihre Haare weich auf die Schultern fallen dürfen. Die Frühlingsblumen im Duft zaubern ein Lächeln ins Gesicht und Mimose verbindet all das mit zarter Cremigkeit.
Wahrscheinlich bin ich in Wirklichkeit weder Fräulein Rottenmeier noch Ronja Räubertochter, sondern irgendwas dazwischen, aber wenn ich "One Love" trage, fühle ich mich energiegeladen, ein klitzekleines bisschen auf Krawall gebürstet und wagemutig. Da bleiben doch keine Wünsche offen. Und das ganze rosa Zuckerzeug kann sich meinetwegen zum Donnerdrummel scheren!
Doch warum eigentlich? Was würde passieren, ließe ich den Schirm hier und jetzt auf die regennasse Straße fallen? Würden sich die zarten Tropfen nicht einfach wie ein heller Schleier auf mein Gesicht legen? Sich wie Tauperlen in meinem Haar sammeln?
Manchmal ist Regen doch nur ein Kitzeln im Gesicht. Besonders, wenn es Frühling geworden ist. Und die prächtige Magnolie, die dort am Eingang zum Park in voller Blüte steht, die würde sich wohl auch niemals von so etwas stören lassen.
Die Tüte mit den in Zeitungspapier eingeschlagenen Mimosen fällt mir aus der einen Hand, der himmelblaue Schirm aus der anderen. Der Strom der Passanten zieht unbeeindruckt an mit vorbei, doch ich recke mein Gesicht dem Himmel entgegen, dem Regen, der Luft, dem Frühling.
Die Magnolie lächelt nur wissend. „Zieh die Schuhe aus“, flüstert sie. „Schieb den Rock ein kleines bisschen nach oben. Nur so viel, dass du Anlauf nehmen kannst, und dann komm zu mir.“
Und da erinnere ich mich. „Bald bin ich so leicht, dass ich fliegen kann“, hat sie gesagt, als sie das wilde Lied des Frühlings vernahm. Genau wie ich in dieser Sekunde. Schwestern waren wir schon immer, Ronja Räubertochter und ich. Sie im Mattiswald und ich im Garten meiner Mutter, von dem ich genau weiß, dass auch dort Rumpelwichte und Graugnome hausen.
Ich streife die Schuhe ab und hebe die Mimosen auf. Schuhe und Schirm bleiben achtlos liegen, als ich loslaufe und plötzlich fliege ich in einem wachsig-pastellig-sonnengelb-grün-leuchtenden Wirbel aus Hesperidensternchen, Magnolienblüten, Mimosenpompoms, Veilchenblättern und Vetiver – genau wie Ronja einst, als sie über den Höllenschlund sprang –, um in ambrette-umschleiertem Eichenmoos mit hellen Hölzern und Iris zu landen.
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Als mich „One Love“ heute Morgen mit einem gleißend hellgrünen Frühlingsschrei begrüßte, der einer Räubertochter würdig ist, wurde mir plötzlich klar, warum ich Chypredüfte so sehr liebe. Das Genre ist ja jetzt schon eine ganze Weile aus der Mode und steht im Ruf, unterkühlt, streng und zugeknöpft zu sein. Das hier im Forum schon sprichwörtlich gewordene Fräulein Rottenmeier innerhalb der Parfumfamilie eben, und es ist noch gar nicht lange her, dass ich mit mindestens einem Ausrufezeichen und einem Augenzwinkern unter einen Beitrag schrieb: „Ich BIN Fräulein Rottenmeier!“ Und ich gebe es ja zu, Chypredüfte strahlen tatsächlich eine erwachsene, gepflegte Aura aus. Sie sind elegant, haben eine Textur wie Wildseide und mögen aus der Distanz ein wenig kühl oder sogar unnahbar wirken. Wenn man sich als Trägerin oder Träger allerdings im Auge des Sturm befindet, sieht die Welt ganz anders aus: Die chypre-typisch bitter-grünen Noten wecken zuverlässig die Räubertochter in mir, machen, dass ich in Pfützen springen, Kirschkerne umdiewettespucken, dieses Quäntchen zu laut lachen oder einfach nur auf offener Straße singen möchte. Die balsamisch warme Labdanumnote, die im klassischen Chypre drauf achtet, dass der Duft dann am Ende doch nicht allzu frech wird, wurde in „One Love“ durch helle Hölzer und warme Ambrettesamen ersetzt. Sie machen diesen Neochypre modern und transparent – und sorgen dafür, dass auch Fräulein Rottenmeier heute mal mindestens einen Knopf zu viel an ihrer Bluse offen lässt und ihre Haare weich auf die Schultern fallen dürfen. Die Frühlingsblumen im Duft zaubern ein Lächeln ins Gesicht und Mimose verbindet all das mit zarter Cremigkeit.
Wahrscheinlich bin ich in Wirklichkeit weder Fräulein Rottenmeier noch Ronja Räubertochter, sondern irgendwas dazwischen, aber wenn ich "One Love" trage, fühle ich mich energiegeladen, ein klitzekleines bisschen auf Krawall gebürstet und wagemutig. Da bleiben doch keine Wünsche offen. Und das ganze rosa Zuckerzeug kann sich meinetwegen zum Donnerdrummel scheren!
32 Antworten


Deiner Beschreibung nach sollt ich ihn unbedingt wieder einmal testen.
Mit Chypre-Düften geht es mir da ganz ähnlich wie dir.
Eine Abfüllung des Dufts liegt schon länger bei mir und ich denke, jetzt kommt die perfekte Zeit, um ihn zu testen :-)
(Übrigens: Frl. Rottenmeier war Deutsche, Heidi Schweizerin 🤭)
Rosa Zuckerzeug ist für mich sowieso des Teufels! Angepasst und infantil.
One Love ist ja recht zugänglich und einer der wenigen Düfte, bei denen ich mit Safran zurechtkomme. Schade daß Scherrer keine Düfte mehr vermarktet. Die waren durchweg toll.
Schöne Zeilen von Dir.
Sehr gern gelesen und nun her mit dem Früüüüüühling !
Chypredüfte können schon toll sein, mich überzeugt nicht jeder, aber wenn dann richtig. Sie schaffen bei mir dieses Gefühl, einfach alles machen und schaffen zu können :)
Deine Variante klingt himmlisch mit Magnolie und Mimose.
Und jetzt ganz laut zusammen: Juhuuu!!!
😊
Den hier kenne ich noch nicht, der Rest der Scherrer-Sippe ist in meiner Burg zu Hause;-)