
Puderperle
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Puderperle
Top Rezension
44
Die Umsatzverweigerin
„Naiiiin! Hat sie nicht gesagt!“
„Doch hat sie.“
„Naiiiiiiin!“
„Doch.“
Frau von Blanc schien das Entsetzen ins Gesicht geschrieben zu sein. Sie rang um Luft, während sie ihren Kragen lockerte. Was hatte ihr die Mitarbeiterin gerade erzählt?…
Wie der Name schon hergab, trug Frau von Blanc nur weiß. Hin und wieder wurde sie für die elegante Mutter eines berühmten Parfuminfluencers gehalten. Jeremy? Nein, empörte sie sich, ihre Söhne hießen Aurelius-Konstantin und Valerius-Timotheus. Ab und an wurde sie mit einer Ärztin verwechselt, was ihr wiederum schmeichelte. Wohlwollend wies die dann darauf hin, dass sie „nur“ so etwas wie eine Parfumdoktorin sei. Das Stetoskop hing in ihrem Büro, ein neckiges Geschenk der Kollegen von der letzten Weihnachtsfeier. Und weiß trug sie außerdem, weil sie die Farbe ihrer Seele widerspiegelte. Dachte sie zumindest.
So konnte die heilige Frau von Blanc nicht fassen, was ihr da zugetragen wurde. Romina, die neue Angestellte ihrer edlen Nischenparfumerie soll eine kaufwillige Kundin in die naheliegende Drogerie geschickt haben. Dort würde sie den gleichen Duft für „n Appel und n Ei“ bekommen. Die Verpackung sei ja schließlich egal. So marschierte die Kundin schnurstracks aus der Nischenparfumerie. Wozu dann das sechzehnfache bezahlen?
Aber bevor sie das junge Ding zusammenstauchte, wollte sie sich selbst davon überzeugen. Intrigen zwischen Mitarbeiterinnen waren schließlich nicht ungewöhnlich. So warf sie sich eine unauffällig graue Jacke über und streckte ihre Rhabarberohren durch die aufgebaute Flakonpyramide, um das nächste Beratungsgespräch belauschen zu können. Freundlich war die Kleine, keine Frage. Begeisterungsfähig auch. Allerdings schien sie das Geschäftsmodell nicht wirklich verstanden zu haben.
„Den Sweet Oriental von Montale mögen Sie? Ja, Mandeln sind super, gä?…“
Es erforderte höchste Konzentration, der Konversation zu folgen und trotzdem nicht aufzufallen. Die Wortfetzen, die sie mitbekam reichten ihr aber schon.
„Ja ne da gehn Se erstmal zur Drogerie und schaun ma nach dem Tesori Byzantium. Der klingt zwar wie ne Krankheit, riecht aber genau so. Und ist billiger.“
Die Kundin drehte sich auf dem Absatz um in Richtung Ausgang.
So! Frau von Blanc zog sich in ihr Büro zurück und rief auf hiesigem Polizeirevier an, die regelmäßig wegen Ladendieben Besuche abstatteten. Aufgeregt schilderte sie ihr Problem. „Eddy“ fragte sie, „ist das eine Straftat?“ „Hm nee die hat ja nüscht jekloot“, schmatze der Polizist, der sich gerade seinem Leberkäsebrötchen gewidmet hatte. „Kannst du sie nicht trotzdem mitnehmen?“ flehte sie. Aber Eddy kam nicht, er hatte ja keine Zeit.
Da sie ja keine richtige Ärztin war, konnte sie nicht einfach Diagnosen verteilen, wie es ihr beliebte. Diese..diese Umsatzverweigerin!
Sodann rief sie säuselnd Frau Bartuschak, die Filialleiterin der Drogierie an. „Heute ist Ihr Glückstag meine Liebe, denn ich habe eine Idee für das Geschäft Ihres Lebens…“
Nach Feierabend bat Frau von Blanc die Mitarbeiter zur Besprechung. Sie fragte nach den Verkaufszahlen und wie so generell der Tag verlief. Mit gespitzten Lippen tat sie ahnungslos. Die Zahlen der anderen konnten sich sehen lassen. Nur Romina hatte wieder eine 0 auf dem Blatt stehen. Sie schien den Ernst der Lage nicht zu erkennen und malte noch zu allem Überfluss die 0 bunt aus.
Um Beherrschung ringend, fragte Frau von Blanc nach dem Montale Duft, wie der denn so ankäme. Romina konnte hierzu viel berichten. Sehr gut käme der an. Ihre Augen leuchteten, als sie erwähnte, in der Drogerie den Tesori entdeckt zu haben, der ja genauso riecht und nicht so teuer sei. „Billig in der Tat“, zischte die Chefin durch die Zähne, bevor sie die Neuigkeit verkündete. Romina würde sich sicher freuen, in der Drogerie aushelfen zu dürfen, wo ihr Herzensduft stehe. Sie sei schließlich noch jung und könne sich bücken ohne „Rücken“ zu bekommen. Zum Tausch würde ihre Parfumerie eine erfahrene Verkäuferin erhalten, in der Hoffnung dass beide von dem Deal profitieren würden. Und so war es auch.
Frau Bartuschak war glücklicher denn je, sie kamen mit dem Bestellen von Byzantium nicht mehr nach. Damen jeden Alters stürmten die untersten Regale, nahmen jeweils gleich 5 Flakons mit. Romina quasselte was das Zeug hielt und verkaufte zu dem Duft hübsche Glasflakons, da die Original Flasche nicht wirklich etwas hermachte. Dazu nahmen Kunden die passenden Weichspüler, Duschgels, Mandeln, weiches Klopapier mit Wolkenmuster, feuchte Tücher, Klobürsten usw mit. Niemand wusste so genau, wie Romina auf Klobürsten kam, aber das war schließlich auch egal, solange alle glücklich waren.
Frau von Blanc ließ sich auf den Vorschlag der Tauschverkäuferin ein, den nicht wirklich hübscheren Montale Flakon auf die Spitze der Pyramide zu stellen. Sie setzte einen extra glitzernden Stern obendrauf, sodass er unter dem Strahler herrlich funkelte. Dazu stellte sie ein Schild auf „Bei Mandelallergie von Ärzten empfohlen“. So wurde auch er zum Verkaufsschlager.
Aber wie riecht denn der Byzantium nun?
Lässt man sich von der doch sehr günstigen Aluminiumdose, die an ein Deodorant vom Schlecker erinnert, nicht abschrecken, wird man positiv überrascht. Sehr positiv. Direkt im opening kommt eine süß, mandelig, vanillige Wolke entgegen. Irgendwie essbar. Gleichzeitig auch pudrig. Dann mischt sich der Duft von Baby Feuchttüchern mit ein. Klingt komisch, aber passt tatsächlich gut zusammen. Hygienisch-cremig-frisch-kuschelig, fluffig, süß und angenehm. Zimt bemerke ich nicht, einzelne Noten auch nicht. Insgesamt ist er harmonisch und hält bemerkenswert lange ca. 6 Std. für den Preis. Oft wurde ich auf ihn angesprochen, die Sillage wird als angenehm cremig empfunden. Täglich könnte ich ihn nicht tragen, die Süße wird manchmal zu viel. Veränderungen finden für meine Nase im Duftverlauf nicht statt. Eine gewisse Synthetik kann ich ihm nicht absprechen. Aber das stört bei dem gesamten Dufterlebnis nicht weiter.
Zugegeben hat er eine Ähnlichkeit zum Montale. Letzterer zeichnet sich natürlich durch Qualität aus. Er ist satter, vanilliger, edler und hat eine starke Sillage, sowie wirklich gute Haltbarkeit von mehr als 9-10 Stunden auf meiner Haut und Kleidung. Ein Sprühstoß reicht vollkommen.
Frage ich Romina nach ihrer Meinung, würde sie mir sagen, dass Byzantium teurer riecht als er ist. Aber mit dem Haufen gesparten Geld könne ich locker noch einen Rohrreiniger, eine Grillzange und eine Rolle Backpapier- ach was vier Rollen mitnehmen. Selig gehe ich aus der Drogerie und frage mich erst zuhause, während ich in meiner Mandelduftwolke sitze, was ich mit dem Rest eigentlich wollte.
„Doch hat sie.“
„Naiiiiiiin!“
„Doch.“
Frau von Blanc schien das Entsetzen ins Gesicht geschrieben zu sein. Sie rang um Luft, während sie ihren Kragen lockerte. Was hatte ihr die Mitarbeiterin gerade erzählt?…
Wie der Name schon hergab, trug Frau von Blanc nur weiß. Hin und wieder wurde sie für die elegante Mutter eines berühmten Parfuminfluencers gehalten. Jeremy? Nein, empörte sie sich, ihre Söhne hießen Aurelius-Konstantin und Valerius-Timotheus. Ab und an wurde sie mit einer Ärztin verwechselt, was ihr wiederum schmeichelte. Wohlwollend wies die dann darauf hin, dass sie „nur“ so etwas wie eine Parfumdoktorin sei. Das Stetoskop hing in ihrem Büro, ein neckiges Geschenk der Kollegen von der letzten Weihnachtsfeier. Und weiß trug sie außerdem, weil sie die Farbe ihrer Seele widerspiegelte. Dachte sie zumindest.
So konnte die heilige Frau von Blanc nicht fassen, was ihr da zugetragen wurde. Romina, die neue Angestellte ihrer edlen Nischenparfumerie soll eine kaufwillige Kundin in die naheliegende Drogerie geschickt haben. Dort würde sie den gleichen Duft für „n Appel und n Ei“ bekommen. Die Verpackung sei ja schließlich egal. So marschierte die Kundin schnurstracks aus der Nischenparfumerie. Wozu dann das sechzehnfache bezahlen?
Aber bevor sie das junge Ding zusammenstauchte, wollte sie sich selbst davon überzeugen. Intrigen zwischen Mitarbeiterinnen waren schließlich nicht ungewöhnlich. So warf sie sich eine unauffällig graue Jacke über und streckte ihre Rhabarberohren durch die aufgebaute Flakonpyramide, um das nächste Beratungsgespräch belauschen zu können. Freundlich war die Kleine, keine Frage. Begeisterungsfähig auch. Allerdings schien sie das Geschäftsmodell nicht wirklich verstanden zu haben.
„Den Sweet Oriental von Montale mögen Sie? Ja, Mandeln sind super, gä?…“
Es erforderte höchste Konzentration, der Konversation zu folgen und trotzdem nicht aufzufallen. Die Wortfetzen, die sie mitbekam reichten ihr aber schon.
„Ja ne da gehn Se erstmal zur Drogerie und schaun ma nach dem Tesori Byzantium. Der klingt zwar wie ne Krankheit, riecht aber genau so. Und ist billiger.“
Die Kundin drehte sich auf dem Absatz um in Richtung Ausgang.
So! Frau von Blanc zog sich in ihr Büro zurück und rief auf hiesigem Polizeirevier an, die regelmäßig wegen Ladendieben Besuche abstatteten. Aufgeregt schilderte sie ihr Problem. „Eddy“ fragte sie, „ist das eine Straftat?“ „Hm nee die hat ja nüscht jekloot“, schmatze der Polizist, der sich gerade seinem Leberkäsebrötchen gewidmet hatte. „Kannst du sie nicht trotzdem mitnehmen?“ flehte sie. Aber Eddy kam nicht, er hatte ja keine Zeit.
Da sie ja keine richtige Ärztin war, konnte sie nicht einfach Diagnosen verteilen, wie es ihr beliebte. Diese..diese Umsatzverweigerin!
Sodann rief sie säuselnd Frau Bartuschak, die Filialleiterin der Drogierie an. „Heute ist Ihr Glückstag meine Liebe, denn ich habe eine Idee für das Geschäft Ihres Lebens…“
Nach Feierabend bat Frau von Blanc die Mitarbeiter zur Besprechung. Sie fragte nach den Verkaufszahlen und wie so generell der Tag verlief. Mit gespitzten Lippen tat sie ahnungslos. Die Zahlen der anderen konnten sich sehen lassen. Nur Romina hatte wieder eine 0 auf dem Blatt stehen. Sie schien den Ernst der Lage nicht zu erkennen und malte noch zu allem Überfluss die 0 bunt aus.
Um Beherrschung ringend, fragte Frau von Blanc nach dem Montale Duft, wie der denn so ankäme. Romina konnte hierzu viel berichten. Sehr gut käme der an. Ihre Augen leuchteten, als sie erwähnte, in der Drogerie den Tesori entdeckt zu haben, der ja genauso riecht und nicht so teuer sei. „Billig in der Tat“, zischte die Chefin durch die Zähne, bevor sie die Neuigkeit verkündete. Romina würde sich sicher freuen, in der Drogerie aushelfen zu dürfen, wo ihr Herzensduft stehe. Sie sei schließlich noch jung und könne sich bücken ohne „Rücken“ zu bekommen. Zum Tausch würde ihre Parfumerie eine erfahrene Verkäuferin erhalten, in der Hoffnung dass beide von dem Deal profitieren würden. Und so war es auch.
Frau Bartuschak war glücklicher denn je, sie kamen mit dem Bestellen von Byzantium nicht mehr nach. Damen jeden Alters stürmten die untersten Regale, nahmen jeweils gleich 5 Flakons mit. Romina quasselte was das Zeug hielt und verkaufte zu dem Duft hübsche Glasflakons, da die Original Flasche nicht wirklich etwas hermachte. Dazu nahmen Kunden die passenden Weichspüler, Duschgels, Mandeln, weiches Klopapier mit Wolkenmuster, feuchte Tücher, Klobürsten usw mit. Niemand wusste so genau, wie Romina auf Klobürsten kam, aber das war schließlich auch egal, solange alle glücklich waren.
Frau von Blanc ließ sich auf den Vorschlag der Tauschverkäuferin ein, den nicht wirklich hübscheren Montale Flakon auf die Spitze der Pyramide zu stellen. Sie setzte einen extra glitzernden Stern obendrauf, sodass er unter dem Strahler herrlich funkelte. Dazu stellte sie ein Schild auf „Bei Mandelallergie von Ärzten empfohlen“. So wurde auch er zum Verkaufsschlager.
Aber wie riecht denn der Byzantium nun?
Lässt man sich von der doch sehr günstigen Aluminiumdose, die an ein Deodorant vom Schlecker erinnert, nicht abschrecken, wird man positiv überrascht. Sehr positiv. Direkt im opening kommt eine süß, mandelig, vanillige Wolke entgegen. Irgendwie essbar. Gleichzeitig auch pudrig. Dann mischt sich der Duft von Baby Feuchttüchern mit ein. Klingt komisch, aber passt tatsächlich gut zusammen. Hygienisch-cremig-frisch-kuschelig, fluffig, süß und angenehm. Zimt bemerke ich nicht, einzelne Noten auch nicht. Insgesamt ist er harmonisch und hält bemerkenswert lange ca. 6 Std. für den Preis. Oft wurde ich auf ihn angesprochen, die Sillage wird als angenehm cremig empfunden. Täglich könnte ich ihn nicht tragen, die Süße wird manchmal zu viel. Veränderungen finden für meine Nase im Duftverlauf nicht statt. Eine gewisse Synthetik kann ich ihm nicht absprechen. Aber das stört bei dem gesamten Dufterlebnis nicht weiter.
Zugegeben hat er eine Ähnlichkeit zum Montale. Letzterer zeichnet sich natürlich durch Qualität aus. Er ist satter, vanilliger, edler und hat eine starke Sillage, sowie wirklich gute Haltbarkeit von mehr als 9-10 Stunden auf meiner Haut und Kleidung. Ein Sprühstoß reicht vollkommen.
Frage ich Romina nach ihrer Meinung, würde sie mir sagen, dass Byzantium teurer riecht als er ist. Aber mit dem Haufen gesparten Geld könne ich locker noch einen Rohrreiniger, eine Grillzange und eine Rolle Backpapier- ach was vier Rollen mitnehmen. Selig gehe ich aus der Drogerie und frage mich erst zuhause, während ich in meiner Mandelduftwolke sitze, was ich mit dem Rest eigentlich wollte.
Aktualisiert am 28.12.2024 - 11:09 Uhr
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