Dass ich mal einen Duft mit und gerade wegen des Eukalyptus derart schön finden würde, hätte ich nicht gedacht. Gestern testete ich den zum ersten Mal richtig. Als ich dann zu Hause war, ging ich tatsächlich noch mal los und kaufte den Duft, weil ich Lust auf den hatte.
Doch der Reihe nach.
Das Opening des
44 Gerrard Street ist wirklich ein großes Ereignis. Wenn ich hier GIFs verwenden wollte oder könnte, wären das wohl die großen Augen und die herauswollende Zunge des Jim Carrey aus "Die Maske", als er Cameron Diaz auf der Bühne sieht. Die Ingwer ist derart scharf, dass sie die Zitrone bereits beim Sprühen schluckt. Auf dem Teststreifen nahm ich die Zitrone vor der Ingwer wahr, bevor diese sich durchsetzte. Bei einem richtigen Auftragen an Hals und Nacken nehme ich von der Zitrone nichts mehr wahr. Die Ingwer ist bereits mit Wucht da! Sie ist scharf, riecht sehr natürlich und belebend. Wer morgens einen Aufwackkick benötigt, mag zu einem
44 Gerrard Street aus der Pulle greifen. (Ähnlich tolle Wecker aus dem Flakon sind meines Erachtens
Guerlain Homme Eau de Parfum und
Allure Homme Sport Cologne , während
Allure Homme Édition Blanche Eau de Parfum auch wunderbar zum Morgenkaffee geht, wenn man nicht einen Extrakick braucht, sondern gemütlich in den Tag starten möchte.) Zu Risiken und Nebenwirkungen...nein, nein, Risiken und Nebenwirkungen gibt es meines Erachtens keine.
Nach ca. 1- 2 Minuten kommt die Eukalyptus-Note zur Ingwer, was einige so als Bonbon-Note beschreiben. Eukalyptus-Bonbons mag ich nicht. Selbst bei Erkältung bin in der Honig-Ingwer-Typ, obwohl diese Präferenz wiederum nicht in die Welt der Düfte transferiert, denn "Naxos | XerJoff" ist nichts für mich. Nun finde ich aber die Eukalyptus-Note in
44 Gerrard Street besonders und wunderschön. Sie fügt dem Opening dieses Duftes etwas Besonderes und Eigenes hinzu, eine gewisse grüne Komponente, die sich aber das Frische-Thema wunderbar einreiht. Fand ich bisher das Opening
Terre d'Hermès Eau Givrée auf Dauer etwas zu scharf, gefällt mir hier Brennen um den Hals wirklich gut. Und das
Terre d'Hermès Eau Givrée im Laden parallel zum
44 Gerrard Street mal wieder gesprüht, wirkte er wie ein süßes, zahmes Kätzchen. Man muss also eine gewisse Schärfe mögen, wenn man sich in der Gerrard Street 44 aufhalten will.
Eine Besonderheit, die die Macher des
44 Gerrard Street wohl in die Duftkomposition hineinprogrammiert haben:
Die Sillage ist aus meiner Sicht als Freshie-Fan ein Kracher. Gestern trug ich den Duft auf einen gemütlichen Kneipenabend mit Freunden, in der Bahn wirkte meine Sillage wie Gegengift gegen die ganzen
Ombre Nomade. Die Sicherheitsleute der Öffis eskortierten tatsächlich zwei junge Männer mit
Ombre Nomade aus der Bahn, damit sie nicht meine Sillage störten. Die andere Gäste jubelten, es wurde zu Sprechchören aufgerufen, kein Menschenkind solle von nun an mehr schwere Oud-Düfte in der Bahn tragen, ein Zeitalter der frischen Düfte möge anbrechen, plötzlich spürte ich Hände an meinen Beinen, man hob ich mich in die Höhe, ich solle das neue Zeitalter anführen als P....Ich war wohl kurz eingenickt in der Bahn. Ein Hund rieb sich an meinem Bein. Ich stieg aus.
Wo war ich:
Das Drydown finde ich ebenfalls herrlich, sodass ich hin- und hergerissen bin: Obwohl kein Rosen-Fan, finde ich die Rose hier sehr sanft und gut gelungen. Jasmin und Orchidee nehme ich entweder immer wieder ganz leicht wahr, oder ich bilde es mir ein. Ohne die Duftnoten zu kennen, käme ich wohl nicht auf Orchidee. In jedem Fall wandelt der Duft sich zu einem unisex anmutenden blumigen Duft, den ich sehr schön finde.
Hier kommt die innere Zerrissenheit: Das Opening finde ich sehr schön und wünschte, diese scharfen Winde um meinen Nacken würden länger dauern. Andererseits finde ich den Duftverlauf auch sehr schön, denn die Ingwer-Eukalyptus-Note bleibt enthalten, leitet die blumigen Noten sehr schön ein und begleitet sie.
Wo ich noch Test- und Tragezeiten benötige: Der Duft dunkelt nach 3-4 Stunden ab: Moschus nehme ich wahr, Amber aber nicht. Das Kaschmirholz gibt eine sehr schöne Wärme und leichte Süße ab. Ich trage den Duft gerade und werde ein Update liefern, wenn ich die Basis-Noten ein wenig besser entschlüsselt habe. Jetzt in keiner Raucher-Kneipe unterwegs zu sein, mag helfen. Es ist das zweite richtige Tragen. Mal schauen.
Der Flakon:
Der orangefarbene Flakon, der gegen das Licht gehalten, durchsichtig ist, macht ganz schön was her. Die Farbe ist einerseits verspielt, andererseits bliebt das Thema "klassisch" und "stilvoll" des Hauses Atkinsons enthalten. Orange und Schwarz sind ohnehin Trumpf, finde ich. Die Kappe hat ein gutes Gewicht, mit dem Emblem des Hauses ist finde ich sie insgesamt sehr gut gelungen. Wie sie sich aufsetzen lässt, finde ich vom Gefühl und dem Geräusch fantastisch. Der Sprühkopf sieht billig ist, sprüht aber weltklasse. Besonders gefallen mir auch die leichten Kanten auf der Rückseite des Flakons, die nicht nur gut aussehen, sondern den Flakon gut und er Hand halten lassen. Der Flakon kommt in einem orangefarbenen Schiebekarton, der höchstens okay ist. Aber die Verpackung ist mir egal. Ich begrüße das, wenn die Hersteller die Qualität neben dem Duft in einen hochwertigen Flakon investieren. Die OVP bleibt ja ohnehin, zumindest bei mir, in der Schublade.
Die Haltbarkeit war mit 5-6 Stunden gestern völlig in Ordnung, wie gesagt in einer Raucherkneipe an einem geselligen Abend, an dem ich nicht mich groß auf den Duft konzentrieren konnte. Unter anderen Bedingungen mag sie länger wahrnehmbar sein.
Als kleinen Zusatz eine modische Empfehlung: Warum auch immer, möchte ich meinen grauen Glencheck-Anzug aus dem Kleiderschrank herausholen und zu diesem Duft tragen. Auch wenn es nicht unbedingt der graue Glencheck sein muss: Obwohl ein Freshie (zumindest im Opening) sehe ich diesen Duft an einem gut bzw. klassisch gekleideten Exemplar von Mann.
Wie hätte wohl Jim Carrey auf die Kombi aus
44 Gerrard Street und (m)einem grauen Glencheck-Anzug reagiert. Ich ahne es!