Noble Néroli / Grand Neroli von Comptoir Cologne

Noble Néroli
Grand Neroli

FvSpee
03.02.2021 - 16:30 Uhr
39
Top Rezension
8.5Duft 7Haltbarkeit 6Sillage 7Flakon 10Preis

Neukölln 20: Es muss nicht immer Single Malt sein

In der vergangenen Woche habe ich nach längerer Pause mal wieder eine Kaskade von Dufteinkäufen getätigt. Die Düfte trudeln gerade nach und nach per Post ein. Insgesamt war es ein recht billiges Vergnügen, denn fast alles waren Proben und Abfüllungen, hier im Souk oder im kommerziellen Probenhandel. Zwei echte Neu-Flakonkäufe waren allerdings auch dabei, und die beiden Düfte haben vier Dinge gemeinsam: Sie sind sehr schön, sie kommen aus Frankreich, sie kosten nur um die 10 Euro pro 100-ml-Flakon und es sind Neroli-Düfte.

Ich hab mich selbst gefragt, warum ich mir gleichzeitig zwei Neroli-Parfüms kaufe. Ein Grund war sicher, dass sie beide als (vermeintlich) "schwer bis unmöglich zu bekommen" seit Jahren auf meiner Wunschliste standen wie das Gegenteil von Ladenhütern, sodass der endliche Kauf auch etwas von Bereinigung und Befreiung hatte. Im Lockdown räumen ja viele gerne auf. Ein anderer Grund ist vermutlich, dass Neroli so etwas ist wie die Schokolade unter den Duftnoten, ein todsicherer Stimmungsaufheller, und das kann man dieser Tage ja brauchen. Ich bin versucht, an dieser Stelle eine Pandemieschleife zu drehen, aber ich verkneife es mir.

Der andere von den zwei Düften ist Neroli Intense von Jeanne en Provence, kein Cologne, sondern ein fast duftölhaftes Zeug, das mit der wunderbare Fittleworth, den ich in letzter Zeit hier unglaublich vermisse, mal schmackhaft gemacht hatte. Ich hab es jetzt plötzlich bei Notino entdeckt und zack, gekauft.

Und dann also dieser hier, Noble Néroli von Comptoir Cologne. Soweit ich weiß, wird er offline nur in Frankreich in den dortigen Monoprix-Läden (eine Art französischer Woolworth oder MäcGeiz) vertrieben, aber einfach mal mit dem Zug nach Chalons oder Arles zu fahren, ist derzeit ja in etwa so leicht möglich wie 1915. Und online über die Internetseite des zugehörigen kleinen Konzerns, Onivo Cosmetics, einer aus meiner Sicht sehr sympathischen französischen Firma mit Körperpflegeprodukten und eben auch einigen Düften, alle im Billigsegment. Ich wunderte mich immer, dass die eine Internetseite haben, wo sie ihre Düfte vorstellen, man sie aber dann nicht kaufen kann. Erst letzte Woche entdeckte ich, dass ich drei Jahre lang den Button "E-Shop" übersehen hatte.

Ok, normalerweise bin ich zwar blöd in IT-Dingen, aber eigentlich nie saublöd, in diesem Fall war es halt mal anders. Der Kauf war dann äußerst schnell und unproblematisch, die Ware in fünf Tagen in Berlin, und obwohl mein Einkauf lächerlich klein war, haben sie noch eine fette Zugabe dazugepackt, was ich schon fast rührend fand.

So kann ich diesen Duft heute in meine Sammlung einreihen, und den Kommentar, den ich vor zweieinhalb Jahren verfasst hatte, möchte ich heute in einem Akt des Textrecycling als runde Nummer Zwanzig in die Serie 'Neukölln' einreihen. Denn ich finde, es ist ein großartiges Cologne und ihm gebührt ein Ehrenplatz in dieser Serie.

Diejenigen, die Duft und Kommentar nicht kennen, sind herzlich eingeladen, weiterzulesen. Die anderen, denen schon die Überschrift bekannt vorkam (also meist die ganz hartgesottenen Abonnenten, die ich auch nach Jahren noch immer nicht in die Flucht geschlagen habe), dürfen aussteigen, denn wie man den Duft kaufen kann, hab ich jetzt gesagt, und den Teil nach den drei Sternchen kennen sie schon.

* * *

Es gibt eine Menge von Gründen, warum ich eher nicht erwartet hatte, dass dieser Duft mir gefällt: Bisher eher neutrale Rezensionen hier; der von mir zuvor getestete "Mandarine Sanguine" aus demselben Hause war nur mittelmäßig; momentane Neroli-Müdigkeit bei mir, nachdem ich ein paar weniger schöne Neroli-Düfte gerochen hab und eine gewisse Skepsis gegenüber diesem Billiglabel, dessen Name "Comptoir Cologne", wie ich vermute, hart am Plagiat zur Erfolgsmarke "Atelier Cologne" schrammt.

Und dennoch, nach mehrfachem Testen und Einbeziehen des Näschens an meiner Seite: Das ist ein wirklich feiner, überaus angenehmer, alltagstauglicher und doch absolut nicht trivialer, handwerklich mehr als korrekt, nämlich ausgesprochen rund und wertig gemachter Duft.

Der Auftakt ist bei mir keine einseitig nervige Neroli-Nummer, auch durchaus nicht bitter, nicht sauer, nicht aggressiv, sondern mutet als sehr, sehr frische, sommerliche, klare, satt strahlende, vollkommen ausgewogene - nicht zu hell-ätherische, nicht zu dunkel-blutorangige - Mischung aus Zitronen-, Mandarinen-, Petitgrain- und Neroliaromen an. "Noble Neroli" ist an dieser Stelle kräftig und leuchtend und überhaupt nicht cremig. Beim zweiten Testen meine ich in dieser Frische fast so etwas wie marine, genauer salzige Noten zu riechen, die die Frische schön unterstützen.

Nach etwa einer Stunde hat der Duft sich ins etwas blütenartigere, ganz leicht cremige, etwas weichere und femininere gedreht, ohne die sommerliche Frische einzubüßen.

Es folgt ein langer Ausklang, der hautnah bis sechs Stunden und länger sich zieht, in dem ich statt des erwarteten holzig-weichen Abgangs (Moschus!) zu meiner erfreuten Verwunderung (auch bei mehrfachem Testen) wieder frischere, jetzt ganz, ganz klar grüne Noten rieche, die für mich irgendwo zwischen Gras, Minze und grünen Limetten changieren. Da ist eine leichte Süße spürbar, aber zugleich etwas prickelndes, perlendes, lustiges, wie man es eher in der Kopf- als in der Basisnote eines Parfüms erwarten würde.

Als ich zu meiner Schulzeit (das ist über 30 Jahre her) mein erstes Buch über Whisky las, war dort im Wesentlichen von Blends die Rede (bei Weinen würde man Cuvées dazu sagen), Mischungen verschiedener Malts mit neutralen Grains (quasi Industriealkohol) - so werden die klassichen großen Scotch-Marken hergestellt. Ganz am Ende, ein oder zwei Seiten lang, war dann noch die Rede davon, dass es einige schräge Vögel gebe, irgendwo auf der Welt, die Malts auch pur tränken, so etwas habe aber einen Marktanteil von vielleicht einem Prozent. Heute gilt man schon fast als Penner, wenn man so etwas wie "Johnny Walker" trinkt, will man stattdessen ein Kenner sein, muss es natürlich ein Single Malt sein, am besten einer aus einer winzigen Distille, die niemand sonst kennt.

Vielleicht wird es mal Zeit, wieder eine Lanze für die Kunst zu brechen, auf quasi industriellem Niveau, d.h. in größeren Mengen, zu erschwinglichen Preisen, mit leicht erhältlichen Rohzutaten wirklich gute Whiskys (oder Weine, oder Düfte) zu komponieren, die handwerklich höchsten Ansprüchen genügen und die so schön sind, dass man sie wirklich gerne genießt. Dieser äußerst preiswerte Duft, der nie chemisch, synthetisch oder billig wirkt, und der auf mich auch absolut nicht langweilig oder trivial wirkt, der im Gegenteil sogar seine Überraschungsmomente bereit hält, gehört für mich in diese Kategorie!
31 Antworten
FittleworthFittleworth vor 3 Jahren
Sehr guter Kommentar! Danke dafür!
GandixGandix vor 4 Jahren
Würde ich diese Dame nur mögen... Aber den Kommi mag ich.
TradescantiaTradescantia vor 4 Jahren
1
Solche Düfte sollten doch des Öfteren an den Mann oder die Frau gebracht werden.
Neroli-Pokal!
Und unter Gin-Liebhabern sind die Debatten und Destillerien, irgendwo im Nirgendwo auch ein Thema. Letztendlich ist es doch immer eine gute Sache, wenn Preis und Leistung in einem angemessenen Verhältnis stehen.
Es scheint ja ein sehr entspanntes Cologne zu sein, manchmal sind es auch die einfachen Dinge im Leben, die zufrieden stimmen.
SiebenkäsSiebenkäs vor 4 Jahren
1
Und noch ein wunderbarer und aufschlussreicher Kölnbericht vom Experten, mit elegantem Schlenker in (pädagogisch wertvolle) preis-philosophische Gefilde... Passend zur Köln-Materie ein rheinischer Stimmungsaufheller-Pokal!
SalvaSalva vor 4 Jahren
Sehr schöner ausführlicher Kommentar! Neroli mag ich auch sehr gern, und den von Dir erwähnten Neroli Intense von J&P habe ich für den Sommer nach wie vor im Blick. Glückwunsch zu deinen Neuzugängen!
ParfümleinParfümlein vor 4 Jahren
Schön, schön, Deine Gedanken zur Nacht! Ich halte es exakt mit NuiWhakakore und bin auch gegen Blends. Ich glaube, zwischen Whiskys und Colognes liegt der Unterschied, dass Colognes so schnelllebig sind, dass ihre Geschichten immer dazu erfunden werden - zum Beispiel von Dir. Whiskys haben ihre eigenen Geschichten, weil sie die Zeit dazu haben, sie zu erleben; wie Weine auch. Kein Fass Whisky kann jemals dem anderen aufs Haar gleichen. Colognes mit gleichem Batch stammen hingegen aus demselben.
FloydFloyd vor 4 Jahren
Gratuliere zu diesem Befreiungsschlag. Kathartischer Nerolipokal!
Jo13579Jo13579 vor 4 Jahren
1
Neroli...Parfum...Whisky...trinken...10Euro/100ml. Ich seh nichts mehr, war das Selbstgebrannter? ;)
AugustoAugusto vor 4 Jahren
1
Neroli ist (nicht nur zur zeit) äußerst wohltuend, habe ich auch dieser Tage mal wieder festgestellt. Jetzt bin ich natürlich kurz davor, mich auf die Suche nach dem "E-Shop-Button" zu machen.
StulleStulle vor 4 Jahren
1
Die ganze Reihe war vor ca. 5 Jahren DAS Highlight bei Rossmann - leider nicht sehr lange. Kaufkandidat war für mich allerdings nur "Bois de Cèdre", der auch sehr unkompliziert und fluffig daherkam. Für fünf Euro im Abverkauf unschlagbar.
GelisGelis vor 4 Jahren
Macht mich neugierig und Neroli als Stimmungsaufhellet kann man zurzeit wirklich gut gebrauchen.
NuiWhakakoreNuiWhakakore vor 4 Jahren
Bei Neroli bin ich vorsichtig, so fand ich den Néroli Intense nicht sehr berauschend, dieser aber klingt schön! Ich bin für Single Malt und gegen Blends und für Cuvées und auch für Sortenreine Weine - da bin ich konsequent...
Can777Can777 vor 4 Jahren
1
Wie gewohnt ein klasse Kommentar von Dir. Aber bei Neroli bin ich raus. Wir werden keine Freunde Neroli und ich!..:(
FioreMarinaFioreMarina vor 4 Jahren
Wow... klingt nach Sommer und einem Duft, den ich schon wirklich sehr gerne an einem Mann riechen möchte. Zum Handwerklichen... naja: gewohnte Qualität, nichts anderes habe ich erwartet.
PollitaPollita vor 4 Jahren
2
Ich kenne Neroli & Iris von der Marke. Ein ganz feiner Duft.
ShakingShaking vor 4 Jahren
1
Auch ich bin bei Neroli auf der Hut, da vom Gemüt eher der melancholischen Fraktion zuzuordnen, sind stimmungsaufhellende Substanzen bei mir nicht so gern gesehen, sie rufen eine Art von "verkleidet sein" in mir hervor. Mag der wesentliche Blick auf das Geschehen bei vielen dadurch geschärft werden, legt sich bei mir ein Neroli Schleier vor die Augen, der die Welt oft in eine langweilige sauer-süße Frische hüllt. Mein Geist darbt dann nach komplexer Hexenkunst - Kräutern und derber Orientalistik
PinkdawnPinkdawn vor 4 Jahren
Nichts gegen ein gutes EdC. Bei Neroli bin ich aber vorsichtig, da hab ich auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Doch hier scheint es ja gelungen zu sein.
PonticusPonticus vor 4 Jahren
Mich kannst Du auch mit solchen Mätzchen wie "den Teil nach den drei Sternchen kennen sie schon" nicht vertreiben. Ich lese von Anfang bis Ende und das bei Dir mit Genuss!
Bei den Neroli-Düften bevorzuge ich Deinen zweiten, den Neroli Intense von Jeanne en Provence. Den habe ich mir auch "geholt"!
ChizzaChizza vor 4 Jahren
1
Noch immer bist du mich nicht los, Neroli mag ich ja gerne.
ChaiTeeChaiTee vor 4 Jahren
2
Ich mag auch den "Mandarine Sanguine" und den "Bois de Cedre" von dieser Marke.
Unaufgeregt und frisch - manchmal passt das doch ganz gut.
SniffsniffSniffsniff vor 4 Jahren
1
Klingt sehr gut - wenn der gemeine Hesperide natürlich bis naturnah daherkommt, kann ich eigentlich ganz gut mit ihm. Nicht im Februar, aber vielleicht von Mitte Juni bis Ende August. Und mir gefällt Dein Appell an das Einfache, Gute, Unaufgeregte, Überzeugende. Es ist irgendwie beruhigend, ab und zu Menschen zu treffen, die sich an hochwertigen Dingen zu moderaten Preisen erfreuen können, statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen, nachdem sie überteuerte Swarovskisuppe konsumiert haben.
SerenissimaSerenissima vor 4 Jahren
1
Ich mag gerade diesen Malzgeschmack nicht besonders; obwohl ich gern zugebe, dass ein feiner Single Malt zur rechten Zeit etwas Feines ist.
Bei Neroli gebe ich Dir recht: so gut wie Schokolade für die Seele, aber besser für die Figur!
Vielen Dank für Deine Gedanken, auch für das Auslassen!
TooSmell27TooSmell27 vor 4 Jahren
1
Ach nee, ich nähme Famous Grouse.
CravacheCravache vor 4 Jahren
1
Als hartgesottener Abonnent lese ich gerne wieder. Mit Vergnügen.
TooSmell27TooSmell27 vor 4 Jahren
1
Ich Dussel habe damals bei Rossmann den Blutmandarinenen und nicht Neroli genommenen. Dumm gelaufen! Wenn ich hätte, darauf einen Teacher's.
MonsieurTestMonsieurTest vor 4 Jahren
Ja, unser Neroli- und Sprachgenie Fittleworth fehlt uns. Sehr!
Deinen Kommentar habe ich mit größtem Vernügen (wieder) gelesen.
Die Propaganda für wohlfeile Qualitäts- und Spitzendüfte gehört zu den nobelsten Schreibanlässen hier, find ich auch!
FriesinFriesin vor 4 Jahren
4
Wunderbar zu lesender Kommentar,der Lust auf Sommer , gutes Handwerk und Post aus Frankreich macht.
SeeroseSeerose vor 4 Jahren
1
Eine hartgesottene Leserin Deiner Kommentare, hihi. Obwohl ich nicht mit Colognes kann und nur einen Hesperidenduft besitze. Allerdings habe, wie hier, keine Meinung zum Duft. Verstehe jedoch Deinen Jagdtrieb.
TtfortwoTtfortwo vor 4 Jahren
1
Haha, und das quietischige E-Shop-Knöppgen mit zweifelhafter Typographie, das habe ich eben nur gefunden, weil ich dank Dir wußte, da ist eines. Ich überlege gerade....ich bin mir ziemlich sicher, einen Teil der anderen Produktreihen schon bei uns in irgendeiner Drogeriekette gesehen zu haben, das Verpackungsdesign und die ebenfalls zweifelhafte Typographie springen einem ja direkt ins Auge.
SchatzSucherSchatzSucher vor 4 Jahren
1
Das liest sich wieder ganz wunderbar und Du rennst mit dieser Richtung offene Türen bei mir ein. Mir liegen diese Stimmungsaufheller auch sehr, auch wenn sie nicht dauerhaft die grau und trüb gewordene Wirklichkeit vergessen lassen. Und volle Zustimmung: Der gute Fittleworth fehlt hier sehr. Dir sei noch ein nobler Nerolipokal überreicht.
TtfortwoTtfortwo vor 4 Jahren
1
Ein Lob auf diese Art von Düften, nur vermeintlich einfach, die erst mal nichts anderes wollen, als den Träger erfreuen, erfrischen und fein und leise beduften. Handwerklich tadellos und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) überhaupt nicht eingebildet. Von mir bekommst Du einen Südfrankreichpokal!