Noble Néroli Grand Neroli Comptoir Cologne
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Top Rezension
Neukölln 20: Es muss nicht immer Single Malt sein
In der vergangenen Woche habe ich nach längerer Pause mal wieder eine Kaskade von Dufteinkäufen getätigt. Die Düfte trudeln gerade nach und nach per Post ein. Insgesamt war es ein recht billiges Vergnügen, denn fast alles waren Proben und Abfüllungen, hier im Souk oder im kommerziellen Probenhandel. Zwei echte Neu-Flakonkäufe waren allerdings auch dabei, und die beiden Düfte haben vier Dinge gemeinsam: Sie sind sehr schön, sie kommen aus Frankreich, sie kosten nur um die 10 Euro pro 100-ml-Flakon und es sind Neroli-Düfte.
Ich hab mich selbst gefragt, warum ich mir gleichzeitig zwei Neroli-Parfüms kaufe. Ein Grund war sicher, dass sie beide als (vermeintlich) "schwer bis unmöglich zu bekommen" seit Jahren auf meiner Wunschliste standen wie das Gegenteil von Ladenhütern, sodass der endliche Kauf auch etwas von Bereinigung und Befreiung hatte. Im Lockdown räumen ja viele gerne auf. Ein anderer Grund ist vermutlich, dass Neroli so etwas ist wie die Schokolade unter den Duftnoten, ein todsicherer Stimmungsaufheller, und das kann man dieser Tage ja brauchen. Ich bin versucht, an dieser Stelle eine Pandemieschleife zu drehen, aber ich verkneife es mir.
Der andere von den zwei Düften ist Neroli Intense von Jeanne en Provence, kein Cologne, sondern ein fast duftölhaftes Zeug, das mit der wunderbare Fittleworth, den ich in letzter Zeit hier unglaublich vermisse, mal schmackhaft gemacht hatte. Ich hab es jetzt plötzlich bei Notino entdeckt und zack, gekauft.
Und dann also dieser hier, Noble Néroli von Comptoir Cologne. Soweit ich weiß, wird er offline nur in Frankreich in den dortigen Monoprix-Läden (eine Art französischer Woolworth oder MäcGeiz) vertrieben, aber einfach mal mit dem Zug nach Chalons oder Arles zu fahren, ist derzeit ja in etwa so leicht möglich wie 1915. Und online über die Internetseite des zugehörigen kleinen Konzerns, Onivo Cosmetics, einer aus meiner Sicht sehr sympathischen französischen Firma mit Körperpflegeprodukten und eben auch einigen Düften, alle im Billigsegment. Ich wunderte mich immer, dass die eine Internetseite haben, wo sie ihre Düfte vorstellen, man sie aber dann nicht kaufen kann. Erst letzte Woche entdeckte ich, dass ich drei Jahre lang den Button "E-Shop" übersehen hatte.
Ok, normalerweise bin ich zwar blöd in IT-Dingen, aber eigentlich nie saublöd, in diesem Fall war es halt mal anders. Der Kauf war dann äußerst schnell und unproblematisch, die Ware in fünf Tagen in Berlin, und obwohl mein Einkauf lächerlich klein war, haben sie noch eine fette Zugabe dazugepackt, was ich schon fast rührend fand.
So kann ich diesen Duft heute in meine Sammlung einreihen, und den Kommentar, den ich vor zweieinhalb Jahren verfasst hatte, möchte ich heute in einem Akt des Textrecycling als runde Nummer Zwanzig in die Serie 'Neukölln' einreihen. Denn ich finde, es ist ein großartiges Cologne und ihm gebührt ein Ehrenplatz in dieser Serie.
Diejenigen, die Duft und Kommentar nicht kennen, sind herzlich eingeladen, weiterzulesen. Die anderen, denen schon die Überschrift bekannt vorkam (also meist die ganz hartgesottenen Abonnenten, die ich auch nach Jahren noch immer nicht in die Flucht geschlagen habe), dürfen aussteigen, denn wie man den Duft kaufen kann, hab ich jetzt gesagt, und den Teil nach den drei Sternchen kennen sie schon.
* * *
Es gibt eine Menge von Gründen, warum ich eher nicht erwartet hatte, dass dieser Duft mir gefällt: Bisher eher neutrale Rezensionen hier; der von mir zuvor getestete "Mandarine Sanguine" aus demselben Hause war nur mittelmäßig; momentane Neroli-Müdigkeit bei mir, nachdem ich ein paar weniger schöne Neroli-Düfte gerochen hab und eine gewisse Skepsis gegenüber diesem Billiglabel, dessen Name "Comptoir Cologne", wie ich vermute, hart am Plagiat zur Erfolgsmarke "Atelier Cologne" schrammt.
Und dennoch, nach mehrfachem Testen und Einbeziehen des Näschens an meiner Seite: Das ist ein wirklich feiner, überaus angenehmer, alltagstauglicher und doch absolut nicht trivialer, handwerklich mehr als korrekt, nämlich ausgesprochen rund und wertig gemachter Duft.
Der Auftakt ist bei mir keine einseitig nervige Neroli-Nummer, auch durchaus nicht bitter, nicht sauer, nicht aggressiv, sondern mutet als sehr, sehr frische, sommerliche, klare, satt strahlende, vollkommen ausgewogene - nicht zu hell-ätherische, nicht zu dunkel-blutorangige - Mischung aus Zitronen-, Mandarinen-, Petitgrain- und Neroliaromen an. "Noble Neroli" ist an dieser Stelle kräftig und leuchtend und überhaupt nicht cremig. Beim zweiten Testen meine ich in dieser Frische fast so etwas wie marine, genauer salzige Noten zu riechen, die die Frische schön unterstützen.
Nach etwa einer Stunde hat der Duft sich ins etwas blütenartigere, ganz leicht cremige, etwas weichere und femininere gedreht, ohne die sommerliche Frische einzubüßen.
Es folgt ein langer Ausklang, der hautnah bis sechs Stunden und länger sich zieht, in dem ich statt des erwarteten holzig-weichen Abgangs (Moschus!) zu meiner erfreuten Verwunderung (auch bei mehrfachem Testen) wieder frischere, jetzt ganz, ganz klar grüne Noten rieche, die für mich irgendwo zwischen Gras, Minze und grünen Limetten changieren. Da ist eine leichte Süße spürbar, aber zugleich etwas prickelndes, perlendes, lustiges, wie man es eher in der Kopf- als in der Basisnote eines Parfüms erwarten würde.
Als ich zu meiner Schulzeit (das ist über 30 Jahre her) mein erstes Buch über Whisky las, war dort im Wesentlichen von Blends die Rede (bei Weinen würde man Cuvées dazu sagen), Mischungen verschiedener Malts mit neutralen Grains (quasi Industriealkohol) - so werden die klassichen großen Scotch-Marken hergestellt. Ganz am Ende, ein oder zwei Seiten lang, war dann noch die Rede davon, dass es einige schräge Vögel gebe, irgendwo auf der Welt, die Malts auch pur tränken, so etwas habe aber einen Marktanteil von vielleicht einem Prozent. Heute gilt man schon fast als Penner, wenn man so etwas wie "Johnny Walker" trinkt, will man stattdessen ein Kenner sein, muss es natürlich ein Single Malt sein, am besten einer aus einer winzigen Distille, die niemand sonst kennt.
Vielleicht wird es mal Zeit, wieder eine Lanze für die Kunst zu brechen, auf quasi industriellem Niveau, d.h. in größeren Mengen, zu erschwinglichen Preisen, mit leicht erhältlichen Rohzutaten wirklich gute Whiskys (oder Weine, oder Düfte) zu komponieren, die handwerklich höchsten Ansprüchen genügen und die so schön sind, dass man sie wirklich gerne genießt. Dieser äußerst preiswerte Duft, der nie chemisch, synthetisch oder billig wirkt, und der auf mich auch absolut nicht langweilig oder trivial wirkt, der im Gegenteil sogar seine Überraschungsmomente bereit hält, gehört für mich in diese Kategorie!
Ich hab mich selbst gefragt, warum ich mir gleichzeitig zwei Neroli-Parfüms kaufe. Ein Grund war sicher, dass sie beide als (vermeintlich) "schwer bis unmöglich zu bekommen" seit Jahren auf meiner Wunschliste standen wie das Gegenteil von Ladenhütern, sodass der endliche Kauf auch etwas von Bereinigung und Befreiung hatte. Im Lockdown räumen ja viele gerne auf. Ein anderer Grund ist vermutlich, dass Neroli so etwas ist wie die Schokolade unter den Duftnoten, ein todsicherer Stimmungsaufheller, und das kann man dieser Tage ja brauchen. Ich bin versucht, an dieser Stelle eine Pandemieschleife zu drehen, aber ich verkneife es mir.
Der andere von den zwei Düften ist Neroli Intense von Jeanne en Provence, kein Cologne, sondern ein fast duftölhaftes Zeug, das mit der wunderbare Fittleworth, den ich in letzter Zeit hier unglaublich vermisse, mal schmackhaft gemacht hatte. Ich hab es jetzt plötzlich bei Notino entdeckt und zack, gekauft.
Und dann also dieser hier, Noble Néroli von Comptoir Cologne. Soweit ich weiß, wird er offline nur in Frankreich in den dortigen Monoprix-Läden (eine Art französischer Woolworth oder MäcGeiz) vertrieben, aber einfach mal mit dem Zug nach Chalons oder Arles zu fahren, ist derzeit ja in etwa so leicht möglich wie 1915. Und online über die Internetseite des zugehörigen kleinen Konzerns, Onivo Cosmetics, einer aus meiner Sicht sehr sympathischen französischen Firma mit Körperpflegeprodukten und eben auch einigen Düften, alle im Billigsegment. Ich wunderte mich immer, dass die eine Internetseite haben, wo sie ihre Düfte vorstellen, man sie aber dann nicht kaufen kann. Erst letzte Woche entdeckte ich, dass ich drei Jahre lang den Button "E-Shop" übersehen hatte.
Ok, normalerweise bin ich zwar blöd in IT-Dingen, aber eigentlich nie saublöd, in diesem Fall war es halt mal anders. Der Kauf war dann äußerst schnell und unproblematisch, die Ware in fünf Tagen in Berlin, und obwohl mein Einkauf lächerlich klein war, haben sie noch eine fette Zugabe dazugepackt, was ich schon fast rührend fand.
So kann ich diesen Duft heute in meine Sammlung einreihen, und den Kommentar, den ich vor zweieinhalb Jahren verfasst hatte, möchte ich heute in einem Akt des Textrecycling als runde Nummer Zwanzig in die Serie 'Neukölln' einreihen. Denn ich finde, es ist ein großartiges Cologne und ihm gebührt ein Ehrenplatz in dieser Serie.
Diejenigen, die Duft und Kommentar nicht kennen, sind herzlich eingeladen, weiterzulesen. Die anderen, denen schon die Überschrift bekannt vorkam (also meist die ganz hartgesottenen Abonnenten, die ich auch nach Jahren noch immer nicht in die Flucht geschlagen habe), dürfen aussteigen, denn wie man den Duft kaufen kann, hab ich jetzt gesagt, und den Teil nach den drei Sternchen kennen sie schon.
* * *
Es gibt eine Menge von Gründen, warum ich eher nicht erwartet hatte, dass dieser Duft mir gefällt: Bisher eher neutrale Rezensionen hier; der von mir zuvor getestete "Mandarine Sanguine" aus demselben Hause war nur mittelmäßig; momentane Neroli-Müdigkeit bei mir, nachdem ich ein paar weniger schöne Neroli-Düfte gerochen hab und eine gewisse Skepsis gegenüber diesem Billiglabel, dessen Name "Comptoir Cologne", wie ich vermute, hart am Plagiat zur Erfolgsmarke "Atelier Cologne" schrammt.
Und dennoch, nach mehrfachem Testen und Einbeziehen des Näschens an meiner Seite: Das ist ein wirklich feiner, überaus angenehmer, alltagstauglicher und doch absolut nicht trivialer, handwerklich mehr als korrekt, nämlich ausgesprochen rund und wertig gemachter Duft.
Der Auftakt ist bei mir keine einseitig nervige Neroli-Nummer, auch durchaus nicht bitter, nicht sauer, nicht aggressiv, sondern mutet als sehr, sehr frische, sommerliche, klare, satt strahlende, vollkommen ausgewogene - nicht zu hell-ätherische, nicht zu dunkel-blutorangige - Mischung aus Zitronen-, Mandarinen-, Petitgrain- und Neroliaromen an. "Noble Neroli" ist an dieser Stelle kräftig und leuchtend und überhaupt nicht cremig. Beim zweiten Testen meine ich in dieser Frische fast so etwas wie marine, genauer salzige Noten zu riechen, die die Frische schön unterstützen.
Nach etwa einer Stunde hat der Duft sich ins etwas blütenartigere, ganz leicht cremige, etwas weichere und femininere gedreht, ohne die sommerliche Frische einzubüßen.
Es folgt ein langer Ausklang, der hautnah bis sechs Stunden und länger sich zieht, in dem ich statt des erwarteten holzig-weichen Abgangs (Moschus!) zu meiner erfreuten Verwunderung (auch bei mehrfachem Testen) wieder frischere, jetzt ganz, ganz klar grüne Noten rieche, die für mich irgendwo zwischen Gras, Minze und grünen Limetten changieren. Da ist eine leichte Süße spürbar, aber zugleich etwas prickelndes, perlendes, lustiges, wie man es eher in der Kopf- als in der Basisnote eines Parfüms erwarten würde.
Als ich zu meiner Schulzeit (das ist über 30 Jahre her) mein erstes Buch über Whisky las, war dort im Wesentlichen von Blends die Rede (bei Weinen würde man Cuvées dazu sagen), Mischungen verschiedener Malts mit neutralen Grains (quasi Industriealkohol) - so werden die klassichen großen Scotch-Marken hergestellt. Ganz am Ende, ein oder zwei Seiten lang, war dann noch die Rede davon, dass es einige schräge Vögel gebe, irgendwo auf der Welt, die Malts auch pur tränken, so etwas habe aber einen Marktanteil von vielleicht einem Prozent. Heute gilt man schon fast als Penner, wenn man so etwas wie "Johnny Walker" trinkt, will man stattdessen ein Kenner sein, muss es natürlich ein Single Malt sein, am besten einer aus einer winzigen Distille, die niemand sonst kennt.
Vielleicht wird es mal Zeit, wieder eine Lanze für die Kunst zu brechen, auf quasi industriellem Niveau, d.h. in größeren Mengen, zu erschwinglichen Preisen, mit leicht erhältlichen Rohzutaten wirklich gute Whiskys (oder Weine, oder Düfte) zu komponieren, die handwerklich höchsten Ansprüchen genügen und die so schön sind, dass man sie wirklich gerne genießt. Dieser äußerst preiswerte Duft, der nie chemisch, synthetisch oder billig wirkt, und der auf mich auch absolut nicht langweilig oder trivial wirkt, der im Gegenteil sogar seine Überraschungsmomente bereit hält, gehört für mich in diese Kategorie!
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Neroli-Pokal!
Und unter Gin-Liebhabern sind die Debatten und Destillerien, irgendwo im Nirgendwo auch ein Thema. Letztendlich ist es doch immer eine gute Sache, wenn Preis und Leistung in einem angemessenen Verhältnis stehen.
Es scheint ja ein sehr entspanntes Cologne zu sein, manchmal sind es auch die einfachen Dinge im Leben, die zufrieden stimmen.
Bei den Neroli-Düften bevorzuge ich Deinen zweiten, den Neroli Intense von Jeanne en Provence. Den habe ich mir auch "geholt"!
Unaufgeregt und frisch - manchmal passt das doch ganz gut.
Bei Neroli gebe ich Dir recht: so gut wie Schokolade für die Seele, aber besser für die Figur!
Vielen Dank für Deine Gedanken, auch für das Auslassen!
Deinen Kommentar habe ich mit größtem Vernügen (wieder) gelesen.
Die Propaganda für wohlfeile Qualitäts- und Spitzendüfte gehört zu den nobelsten Schreibanlässen hier, find ich auch!