Login

Siebenkäs
Siebenkäs’ Blog
vor 8 Jahren - 19.03.2017
34 72

Wie ich einmal viel übers Testen lernte

Diese Geschichte hatte ich schon fast vergessen, vielleicht auch verdrängt.

Ich glaube, ich habe sie noch nie jemandem erzählt. Ich denke, hier kann ich
das aber ruhig, man wird nicht über mich lachen, spotten oder schlecht denken.
Vielleicht ein ganz bisschen fremdschämen, aber das soll mich nicht stören.
Man bedenke bei alledem auch mein damaliges Alter.

Ich weiß es nicht mehr ganz genau – aber ich muss ungefähr dreizehn
gewesen sein. Jedenfalls waren wir eingeladen, bei Bekannten von meinen Eltern.
Leute, die sie wohl noch nicht sehr lange kannten, von denen sie aber wohl
etwas beeindruckt zu sein schienen. Der Mann war Arzt. Ich hatte meine Mutter
sagen hören „Er hat ja jetzt sein eigenes Sanatorium, in Österreich.“ In einem Tonfall,
der so leicht dahingesagt klingen sollte. Aber es war derselbe Sound, in dem sie
Sachen sagte wie „Die Prinzessin Margret hat ja jetzt wohl einen reichen Ami.“
Entsprechend waren wir alle unauffällig gut angezogen, dunkler Anzug, langes
Kleid, meine Schwester im Schottenkaro-Rock und ich trug einen dunkelblauen
Blazer mit Phantasie-Wappen. Es war ja eine Abendeinladung.
Wir fuhren aus der Stadt hinaus und ein wenig übers Land, bis in eine
nette, saubere Kleinstadt, genau gesagt ins Neubaugebiet dieses Städtchens.

Das Haus sah aus, wie man sich sowas vorstellt. Eine 60er Jahre-Villa,
ein kleines bisschen pompös, aber vor allem gutbürgerlich-gesättigt,
wie aus einem Degenhardt-Song, wie sie damals bisweilen im Radio liefen.
(Ich denke an sowas wie „Sonntags in der kleinen Stadt“ mit Zeilen wie
„Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, ihre Männer unterfassend“,
über die Sonntagspaare beim Spaziergang. Oder die schöne Zeile
„Speckmond im Antennenwald“)

Die Hausherrin machte uns auf, wirklich freundlich, richtig herzlich, allerdings
spießig wie eine Astronauten-Gattin (heutige Sichtweise).
Wir wurden in ein großes Wohnzimmer geführt, mit sehr langem Topfpflanzen-
fenster, offenem Kamin und gediegener Essecke. Überall Möbel in der edelsten
Variante des Gelsenkirchener Barock. An den Wänden Stiche, Urkunden,
ein großes Stilleben mit Trauben und allerlei Wildbret darauf. (komplett anders
als bei uns zu Hause, wo alles sehr modern, puristisch und vergleichsweise
leer war, aber diesen Gegensatz zu den meisten anderen Leuten war
ich gewohnt) Der Hausherr strahlte etwas Unangenehm-Autoritäres aus,
er zerquetschte mir beim Begrüßen fast die Hand. Grauer Schnauzer,
sehr dicke goldene Uhr, Krawatte mit vielen kleinen Hunden drauf.

Einige Zeit Geplauder am Kamin, meine Schwester und ich bekamen
„Florida Boy“. Dann hieß es „Zu Tisch bitte“.
Und mir fiel ein, dass ich ja schnell noch mal aufs Klo wollte. Nicht, weil ich
musste, sondern weil ich es liebte, bei fremden Leuten ein bisschen
rumzulaufen, ins Bad zu gehen und vielleicht auch etwas herum
zu schnuppern. Ich gebe es zu – ich öffnete auch gern mal Schränkchen
und schaute nach Düften. Heute natürlich nicht mehr… (hüstl…)

Allgemeines Verständnis der Gastgeber, der Weg wird schnell erklärt und
ich lande auch glücklich im richtigen Bad statt im Gästeklo. Bestens.
Schön groß, ein Marmortisch mit zwei Becken und auf dem Sims zu meiner
Freude auch ein paar Parfumflaschen, meistens ganz kleine, mehr als Zierrat
hingestellt, aber auch zwei oder drei größere.
Die Testleidenschaft war bereits fest angelegt bei mir, also gab es hier
nicht viel zu überlegen. Ich griff mir ein rechteckiges Fläschchen, das mir
recht männlich aussah. „Knize“ las ich darauf „(also „Knitze“ damals für mich).
Behände geöffnet – und klickeradums – lag die Flasche auch schon auf dem
Waschtisch, glatt aus der Hand gerutscht. Zum Glück noch heil. Aber einiges
war raus gelaufen, denn die Pulle hatte eine ordentlich große Öffnung.
Instinktiv wischte ich die kostbare Flüssigkeit mit den Händen vom
Waschbeckenrand und schmierte sie mir kurzerhand ins Gesicht, einige Male.
Dann stellte ich fest, das ganz schön was fehlte in der „Knitze“-Pulle. Ungut.
Vielleicht konnte ich ja ein bisschen was nachfüllen aus einem der anderen
Fläschlein? Eines fiel mir ins Auge - mit so etwas wie einer Glas-Blume auf
dem Deckel, unten war eine Art Sockel dran. Erst viel später habe ich in
diesem Forum (wo sonst?) entdeckt, worum es sich handelte – es war
wohl Parure von Guerlain, heute ziemlich rar.
Also Deckel ab – darunter war ein Spühkopf –na ja, das muss doch gehen –
also, schön reinsprühen in die Knitze-Flasche.
Es ging allerdings nicht soo gut, erst mal gelangte mehr auf die Hand als
in die Flasche, dann bekam ich den Bogen aber raus und sprühte etliche Male,
bis ich meinte, es wäre genug. Die mit Parfum benäßte Hand wischte ich mir
dann ebenfalls im Gesicht und am Hals ab, mittlerweile roch es auch etwas
eigentümlich um mich, ich musste das einfach etwas verbessern.

Jetzt aber zügig zurück an den Esstisch, ich wollte ja nicht unangenehm
auffallen.
Natürlich war mir nicht klar, dass ich jetzt ein gutes Exempel war, um jemandem
die Frage zu beantworten: Was ist eigentlich Sillage?
Ich setzte mich also eilig an meinen Platz, gerade wurde Suppe aufgegeben
(„Markklösschen“) Ich bemerkte nun doch um mich herum eine schöne
Parfum-Aura. Und dann traf mich als Erstes der Blick meiner Mutter –
eine Mischung aus Ungläubigkeit und Entsetzen, gleichzeitig auch etwas
wie Panik. Im nach hinein logisch, denn was hätte man hier machen können?
Gar nichts, absolut nichts, außer irgendwie aussitzen.
Die Gastgeber unterhielten sich auf einmal auffallend laut mit meinem Vater,
sie vesuchten wohl zu vermeiden, zu mir hinüber zu schauen.
Trotzdem trafen mich zwischendurch völlig seltsame Blicke, am ehesten
als „entgeistert“ zu umschreiben. Und meine Schwester, ein Jahr jünger
als ich, musste einfach lachen. Sie wurde von meiner Mutter in die Seite
gestoßen, unauffällig, aber ich habe es deutlich gemerkt. Zwischendurch
fing sie immer wieder an, versuchte es zu unterdrücken und fing wieder an.
Na ja, irgendwie ging der Abend rum, wie genau liegt im Dunkeln
meiner Erinnerung, vielleicht ist das auch gut so. Gesprochen wurde jedenfalls
soweit ich weiß, nicht über meinen beherzten Test. Eine gewisse gut-bürgerliche
Nonchalance mag das letztlich verhindert haben.
Was lernen wir daraus? Sicher nicht viel. Ich habe zumindest etwas über die
schiere Kraft von Parfum gelernt. Und trotz der Peinlichkeit dieses kleinen
Abenteuers war meine Testleidenschaft vollends geweckt. Und die hält
bis heute unvermittelt an. Natürlich nicht in fremden Bädern.
Und zum Testen gehört immer auch ein klein wenig Mut. Jedenfalls,
wenn man es richtig macht. Ich rede nicht von Papierstreifen. Auch nicht
von Handgelenken. Die kann man auch mal als Testfläche nutzen,
aber nur als Vor-Test. Ernstes Testen heißt Hals einsprühen. Für mich
jedenfalls, denn nur die Dauerpräsenz sagt wirklich etwas aus. Jedenfalls,
wenn es um einen kauf-oder nicht-Test geht. Sechs Sprühstöße
Fahrenheit Parfum und dann gleich in ein Meeting – das sind die kleinen
Abenteuer, die man (genauer gesagt ich) dann (z.B.) mal bestehen muss.
Denn wirklich viel gelernt habe ich nicht seit dem Test-Abenteuer in der
Arztvilla. Ein wenig Leichtsinn habe ich mir halt doch bewahrt,
man könnt’s auch Nichtsnutzigkeit nennen.
Und noch ein kleiner Tipp: Seid nicht abergläubisch. Das bringt Pech.

PS. …übrigens bisschen süß, das Fahrenheit-Parfum.

34 Antworten
HappySunnyHappySunny vor 5 Jahren
Sooo witzig - ja, WAS genau ist eigentlich Sillage??? Das dürfen meine Mitmenschen auch manchmal mit mir in Erfahrung bringen - ob sie wollen oder nicht. Denn ich bin mit dir da völlig konform - der wahre Test ist auf dem Hals & Dekollete ;o)))
Empathie-Pokal!
Edda32Edda32 vor 6 Jahren
1
Du bist der Erfinder des Unisexduftes. Gratuliere!
ElysaShadesElysaShades vor 8 Jahren
1
Auweh! Aber ich muss mich der Frage anschließen ob ihr bei diesen Bekannten jemals wieder eingeladen wurdet.
Hathor20Hathor20 vor 8 Jahren
1
Eine herrliche Geschichte. Konnte ich mir lebhaft vorstellen. Lesen hat Spaß gemacht. Pokal.
AlliageAlliage vor 8 Jahren
Ich bekomm das Grinsen nicht mehr aus meinen Backen ... tolle witzige Geschichte. Hätte mir auch passieren könne, aber die Bekannten meiner Eltern hatten keine interessanten Düfte rumstehen.
Sag schon, wurdet ihr noch mal eingeladen?
RBMERBME vor 8 Jahren
Wie schön! Die Atmosphäre der siebziger Jahre, in denen ich meine Kindheit zubrachte, lebt auf. Genauso waren sie, die Abende, an denen man mit den Eltern eingeladen war! Ich kam mal schimpfe, als ich die Trockenhaube (so ein Teil mit dem rumlaufen konnte, wie aus dem Loriot-Sketch) als Astronauten-Verklediung missbraucht habe und nachher ein Loch drin war.
BlauemausBlauemaus vor 8 Jahren
Das sind die kleinen Geschichten des Lebens, die einem den Montag retten. *gggg*
PhalarisPhalaris vor 8 Jahren
Super Geschichte - und nein, über den neugierigen Knaben wird niemand spotten, denn selbst vom biologischen Alter her Erwachsene kennen den Drang und die nachfolgenden Schuldgefühle; siehe https://www.parfumo.de/Parfums/Xerjoff/Shooting_Stars_Collection_Kobe/Kommentare/29146
TerraTerra vor 8 Jahren
Lustige Geschichte toll erzählt. Und das alles auch noch ins Gesicht geschmiert :O
ShamisShamis vor 8 Jahren
Toll, danke fürs mutige Mitteilen:))) Von Fremdschämen bei mir keine Spur, nur schmunzeln und lachen :-D
SeeroseSeerose vor 8 Jahren
Mit Parfüm wäre mir das vielleicht nicht passiert (wo ich in dem Alter hinkam, waren keine tollen Düfte, nur sowas wie 4711 und Tabac, bäh), außer ich hätte den Flakon toll gefunden und mal den Pumpsprayer ausprobiert. Ansonsten war ich sehr experimentierfreudig, wie Esther schreibt: "Technisch interessiert". Och, ich habe das schon als Vorschulkind einiges kaputt gekriegt bei fremden Leuten, peinlich das. Ich amüsiere mich über Deine Geschichte nur halb, halb leide noch mit Dir.
Esther19Esther19 vor 8 Jahren
Schnurrig erzählt - und du bist ein Frühstarter gewesen. Die Szenerie stelle ich mir bildlich vor, auch
die schweigende Nachsicht! - Dem Kinde sei`s verziehen. - Mein Brüderchen hat zuhause einen schweren Duft von der Frisiertoilette verschüttet, sprich ergossen. Ich rieche noch den Orientalen - hielt wochenlang- und sehe meine Mutter die "Bettumrandungen" schrubben. Was dem Missetäter passierte, ist mir leider nicht erinnerlich. Er war aber eher "technisch" als olfaktorisch interessiert.
GlobomanniGlobomanni vor 8 Jahren
Köstlich - Schmunzelpokal
KovexKovex vor 8 Jahren
Hat Spaß gemacht zu lesen:)
PreciousPrecious vor 8 Jahren
Sehr amüsant u. spannend geschrieben. Man kann sich alles genau vorstellen. Toll, dass du uns diese nette Geschichte erzählt hast. Applaus.
M3000M3000 vor 8 Jahren
Diese Geschichte hat es verdient, endlich erzählt worden zu sein. Wunderbar!
PlutoPluto vor 8 Jahren
Ich habe die ganze Lesezeit gegrinst wie ein Honigkuchenpferd..
JumiJumi vor 8 Jahren
Hab mich köstlich amüsiert :) Wart ihr eigentlich irgendwann zum zweiten Mal überhaupt eingeladen gewesen in diesem Haus? :) Waren wir doch als Kinder alle (fast) gleich, oder? Mir geht es wie Turandot - ich würde zu gern wissen wie die Fahne geduftet hat, die du hinter dir gezogen hast! Werde bei Gelegenheit mal ausprobieren ;) Ich gebe zu, ich schnuppere (nicht sprühe!) immer noch gerne an fremden Parfums herum, aber nur wenn sie offen im Bad herumstehen :)
ExUserExUser vor 8 Jahren
*gggg* ist mir als Kind auch passiert. Wenn ich meine Tante besuchte musste ich immer gleich mal gaaaanz dringend ins Bad u. schüffelte mich dort genüsslich durch ein Bataillon von Avon Parfüms.
Und was das "ernste testen" betrifft..... ich bin da ganz bei Dir. Ordentlich einsprühen u. hinein in den täglichen Wahnsinn, nur so zeigt sich ob das Zeug was taugt ;-)
Sweetsmell75Sweetsmell75 vor 8 Jahren
Ich musste herzlich lachen :) ... danke für deine Geschichte :)
AzaharAzahar vor 8 Jahren
Ah, ok, mein Freund Wikipedia sagt "Knische", ham wer wieder was gelernt.
AzaharAzahar vor 8 Jahren
:-D Das macht außer Dir natürlich niemand (ladida...).
Aber mal eine ganz erst gemeinte Frage am Rande: "Knize" ist ja eine österreichische Firma. Das mit dem "Knitze" ist also keine so abwegige Idee, ich hätte jetzt auf "Kneise" getippt, oder wird das tatsächlich "Neis" ausgesprochen?
EtamherEtamher vor 8 Jahren
wie lustig !!! zum glück sind mir ähnliche geschichten nur im eltern-badezimmer passiert. habe übrigens letztens hier irgendwo gelesen, daß einige auch als erwachsene in fremden badeschränken wenigstens nachschauen...(was mich ein wenig verwunderte).
Louis1Louis1 vor 8 Jahren
Nicht abergläubisch wegen 13 Sprühstößen?
SonnenfeeSonnenfee vor 8 Jahren
Herrliche Geschichte! Erinnert mich an meine Testanfangszeit - glücklicherweise fiel mir nichts hin ;))
reni379reni379 vor 8 Jahren
Hat mir Spaß gemacht, deinen Blog zu lesen. Und es ging mir oftmals ähnlich, dass ich an Parfumflakons in fremden Badezimmern um einen Test nicht drumherum kam.. Heute kann ich mich zum Glück etwas beherrschen :D
BrautkleidBrautkleid vor 8 Jahren
Da war es wahrscheinlich ganz gut, dass Du damals nichts über die Preise von diesen Parfums wusstest, sonst hättest Du vermutlich vor lauter schlechtem Gewissen an dem Abend gar nichts essen können. ;)
LilienfeldLilienfeld vor 8 Jahren
Wunderbar, ich lache Tränen :D
Thadl68Thadl68 vor 8 Jahren
Herrlich!!! Ab jetzt lauf ich den Rest des Sonntags schmunzelnd durch die Gegend. Ausgerechnet mit Parure zu strecken ist sensationell komisch... :-D Ich mag deine Geschichte ganz arg.
CosmicLoveCosmicLove vor 8 Jahren
Ein Horrorszenario im Bad, das mich an Deiner Stelle gestreßt hätte.
(So gut vorstellbar .. ). Ich mag's dezent und feinsinnig und so kleine Bildchen im Kopf zaubern wie zB "Blazer mit Phantasie-Wappen". Das gilt ebenfalls für die Sillage... :D
Danke für's offenbaren. Sehr unterhaltsam !
TurandotTurandot vor 8 Jahren
Und nun will ich doch mal testen, wie sich ein Tropfen Knize mit einem Tropfen Parure gemischt auf der Haut macht. Das sind mir die kostbaren Tropfen wert ;)
FluxitFluxit vor 8 Jahren
Eine kleine, fast surreale Zeitreise. Gerne gelesen!
ElbchenElbchen vor 8 Jahren
hach. Ich hätte ja zu gerne gewusst, was die biedere Dame des Hauses zu dem Mischmasch gesagt hat dass sie beim sprühen erwartete! Nein, wir lachen nicht. Und schlecht denken schon gar nicht. Kinderneugierde ist eigentlich etwas wunderbares und sieh, heute spielen Düfte immer noch eine Rolle in deinem Leben! Also eine wunderbare Geschichte voller Leben! :)
TIA1971TIA1971 vor 8 Jahren
Ja solche Erlebnisse kenne ich auch noch, aber zerdeppert habe ich nix...wohl nur ordentlich Sillage hinter mir hergezogen und mich gewundert über merkwürdige Blicke ;-D

Weitere Artikel von Siebenkäs